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Der ernste Rossini
Von Thomas Molke / Fotos: Bettina Stöß Der eigentliche Rossini sei der Rossini der ernsten Opern. Mit dieser Einstellung folgt Alberto Zedda, der als führende Autorität auf dem Gebiet der Rossini-Philologie zählt, dem Urteil des ersten Rossini-Biographen, Marie-Henri Beyle, besser bekannt unter dem Namen Stendhal, der Tancredi für Rossinis beste Oper hielt und sie noch weit über den Barbiere stellte. In der Tat machte diese erste ernste Oper nach einer Reihe kürzerer lyrischer oder komischer Werke den "Schwan von Pesaro" mit einem Schlag berühmt und ließ ihn in Italien in die Riege der großen Komponisten aufsteigen. War der ernste Rossini seinen Zeitgenossen jedoch noch wesentlich präsenter als der Komponist von komischen Werken, ist es heute vor allem Alberto Zedda zu verdanken, der in der Geburtsstadt des Komponisten 1980 das Rossini Opera Festival gründete, dass vor allem die lange Zeit vergessenen ernsten Opern systematisch ausgegraben und aufgeführt werden. Bereits 1982 wurde im Rahmen diese Festivals erstmals Tancredi aufgeführt. Regie führte Pier Luigi Pizzi, der auch für die Neuinszenierung 1999 in Pesaro verantwortlich zeichnete, die nach einer Wiederaufnahme 2004 den Weg über Rom und Florenz zur Deutschen Oper Berlin gefunden hat. Dass auch Pizzis erste Tancredi-Inszenierung von Pesaro circa 12 Jahre später den Weg nach Berlin gefunden hat, damals zur Staatsoper unter den Linden, mag Zufall sein. Orbazzano (Krzysztof Szumanski, rechts) überreicht Argirio (Alexey Dolgov, links) den vermeintlichen verräterischen Brief seiner Tochter Amenaide (im Hintergrund: Chor). Die Oper spielt in Syrakus im Jahre 1005. Nach langem Bürgerkrieg schließen die Familien des Argirio und des Orbazzano Frieden, um sich miteinander gegen den gemeinsamen Feind, den Sarazenenführer Solamir, der Syrakus bedroht, zu verbünden. Um die neue Freundschaft zu besiegeln, bietet Argirio Orbazzano die Hand seiner Tochter Amenaide. Diese liebt jedoch heimlich Tancredi, den Sohn einer aus Syrakus vertriebenen Familie, dem sie heimlich einen Brief geschickt hat, in dem sie ihn um die Rückkehr nach Syrakus bittet. Um ihn allerdings nicht zu gefährden, hat sie keinen Empfängernamen im Brief angegeben. Dieser Brief wird von Orbazzano abgefangen. Er beschuldigt Amenaide des Verrats, da er glaubt, der Brief sei an Solamir gerichtet. Auch Tancredi, der heimlich nach Syrakus zurückgekehrt ist, fühlt sich von Amenaide hintergangen. Orbazzano fordert Amenaides Hinrichtung. Diese kann verhindert werden, da Tancredi bereit ist, gegen ihn anzutreten und für die Unschuld Amenaides zu kämpfen, ohne jedoch von dieser überzeugt zu sein. Tancredi tötet Orbazzano und zieht in den Kampf gegen Solamir. Finale 1. Akt: von links: Tancredi (Hadar Halévy), Orbazzano (Krzysztof Szumanski), Argirio (Alexey Dolgov), Amenaide (Patricia Ciofi) und Isaura (Clémentine Margaine) (außen: Chor und Statisterie). Für das Ende der Oper gibt es zwei verschiedene von Rossini vertonte Versionen. In der Uraufführungsfassung für Venedig kehrt Tancredi siegreich aus dem Kampf gegen Solamir zurück und erkennt, dass Amenaides Brief ihm gegolten hat, so dass die beiden glücklich vereint werden. Dieses den damaligen Konventionen der Opera seria geschuldete lieto fine wurde bereits knapp zwei Monate nach der Uraufführung für eine weitere Fassung in Ferrara abgeändert. Tancredi besiegt Solamir zwar, kehrt aber tödlich verwundet zurück, um in Amenaides Armen zu sterben, nachdem er begriffen hat, dass er der Empfänger des geheimnisvollen Briefes gewesen ist und Amenaide die Treue nicht verletzt hat. Mit diesem Ende nähert die Oper sich wieder mehr der literarischen Vorlage, Voltaires Tancrède von 1760, an. Da die Version mit dem lieto fine auch zu Rossinis Lebzeiten weiter aufgeführt worden ist, wurde nach der Wiederentdeckung heftig darüber diskutiert, welcher Schluss denn nun der authentischere sei. In seiner ersten Inszenierung für Pesaro 1982 hat sich Pier Luigi Pizzi sogar entschieden, beide Versionen spielen zu lassen. Nachdem Tancredi in Amenaides Armen gestorben ist, stellt sich sein Tod als Fiebertraum Amenaides heraus, und es folgt die Fassung mit dem lieto fine. In der jetzt gespielten Inszenierung bleibt Pizzi beim tragischen Ende. Tancredi haucht in Amenaides Armen sein Leben aus, und zu einem musikalisch ungewöhnlichen Opernfinale verlischt das Licht. Amenaide (Patricia Ciofi) beteuert Tancredi (Hadar Halévy) vergeblich ihre Unschuld (im Hintergrund: Isaura (Clémentine Margaine) mit Damen der Statisterie). Das Bühnenbild, für das ebenfalls Pier Luigi Pizzi verantwortlich zeichnet, zeigt einen hohen klassizistischen Palast, der mit hochragenden Säulen und Reliefs auf der Rückwand schon fast an die römische Antike erinnert. Dabei lässt sich die Rückwand nach hinten kippen, so dass ein Raum von unglaublicher Tiefe entsteht. Weitere Requisiten werden eher spärlich eingesetzt. So wird ein römischer mit Reliefs verzierter Sarkophag auf die Bühne geschoben, an dem Amenaide Tancredi nach seiner Rückkehr wiedersieht und ihm rät, die Stadt doch besser zu verlassen. Später wird dieser Sarkophag von hohen Gittern umgeben und dient Amenaide als Gefängnis vor ihrer bevorstehenden Hinrichtung. Die im Schnitt klassisch gehaltenen Kostüme von Pizzi beschränken sich größtenteils auf Schwarz und Weiß. Während Orbazzano und seine Anhänger die ganze Zeit nur Schwarz tragen, weil er zwar nicht ein richtiger Bösewicht der Oper, aber zumindest eine negativ besetzte Figur ist, die herzlos ist und keine Gnade kennt, wird Argirios schwankender Charakter durch eine Kombination der beiden Farben betont. Mal überwiegt die helle, weiße Seite, dann, wenn er sich im Bündnis mit Orbazzano sogar gegen die eigene Tochter stellt, die dunkle, schwarze Seite. Bei Amenaide steht das weiße Kleid am Anfang für ihre Unschuld, das schwarze Kleid, wenn sie Orbazzano als Braut zugeführt werden soll beziehungsweise hingerichtet werden soll, für ihre Verzweiflung und schließlich auch Trauer um den Verlust Tancredis. Nur wenigen Figuren werden auch andere Farben zugestanden. So zeigt Isaura, Amenaides Vertraute, zu Beginn in einem zarten Grünton die Hoffnung auf eine nun bessere Zeit, nachdem der Bürgerkrieg beendet ist. Doch diese Hoffnung muss sie sehr bald begraben, so dass auch sie in Schwarz auftritt. Tancredi tritt im Gegensatz zu der Schwarz-Weiß-Optik in einem roten Mantel auf. Doch als er Amenaides Treue bezweifelt, legt auch er diese Farbe ab. Nur sein Getreuer Roggiero bleibt bis zum Schluss seiner Farbe im hellen Orange treu. Tancredi (Hadar Halévy) nimmt Abschied von Argirio (Alexey Dolgov), um gegen Solamir in den Kampf zu ziehen. Isaura (Clémentine Margaine, rechts) tröstet Amenaide (Patrizia Ciofi, links daneben) (im Hintergrund: Chor). Neben diesem stimmigen Inszenierungskonzept ist auch musikalisch ein ganz großer Abend zu erleben. Altmeister Alberto Zedda führt höchstpersönlich das Orchester der Deutschen Oper Berlin mit scheinbarer Leichtigkeit durch die Partitur und bringt Rossinis vielschichtige Musik zum Blühen. Das Berliner Publikum dankt ihm mit tosendem Applaus. Doch auch der große Applaus für die erstklassigen Solisten mag ein Grund dafür sein, warum der Abend länger ist, als er im Programmheft angekündigt wird, da die Sängerdarsteller nach zahlreichen Arien und Duetten wegen der großen Begeisterung im Publikum nicht sofort im Handlungsverlauf fortfahren können. Dies gilt im Übrigen nicht nur für die Hauptpartien. Heidi Stober lässt mit glockenklarem Sopran als Tancredis treuer Freund Roggiero in ihrer Arie im zweiten Akt "Torni alfin ridente" aufhorchen, wenn sie auf einen glücklichen Ausgang des Kampfes zwischen Tancredi und Solamir hofft. Auch Clémentine Margaine erhält als Amenaides Vertraute Isaura mit ihrer Arie "Tu che i miseri conforti", in der sie das bevorstehende Schicksal ihrer Freundin Amenaide beklagt, mit wohl-timbriertem Mezzo und sauber geführten Bögen Bravorufe aus dem Publikum. Krzysztof Szumanski überzeugt als unsympathischer Orbazzano mit kernigem Bass ebenso wie der von William Spaulding präzise einstudierte Herrenchor der Deutschen Oper Berlin, der sich sicher durch die schnellen Rossini-Läufe bewegt. An die drei Hauptpartien stellt Rossinis Werk extrem hohe Anforderungen, die von den Solisten mit Bravour bewältigt werden. Alexey Dolgov meistert die recht hoch angelegte Partie des Argirio mit auch in den Spitzentönen strahlendem Tenor, der sich auch in den Koloraturen beweglich zeigt. Schon in seiner Auftrittsarie "Se amistà verace e pura", in der er mit dem ehemaligen Feind Orbazzano Frieden schließt, zeigt Dolgov sich höhensicher, ohne zu forcieren. Hadar Halévy stattet die Titelpartie mit einem samtig weichen Mezzo aus und weiß, mit eindringlichem Spiel zu überzeugen. Schon in ihrer berühmten Auftrittsarie "Di tanti palpiti", in der sie voller Freude ihre Rückkehr in die Heimat Syrakus besingt und die von Richard Wagner im "Schneiderlied" des dritten Aufzuges der Meistersinger von Nürnberg aufgegriffen wurde, zeigt Halévy, mit welcher Wärme sie den innig liebenden Tancredi auszustatten vermag. Auch seine innere Zerrissenheit zwischen Liebe zu Amenaide und Verzweiflung über deren vermeintliche Untreue versteht Halévy szenisch und stimmlich hervorragend umzusetzen. Wenn sie in ihrer finalen Kavatine leise ihr Leben aushaucht, rührt ihr Gesang regelrecht zu Tränen. Mit Patrizia Ciofi wird ihr eine Amenaide zur Seite gestellt, die die Partie nicht nur schon in Pesaro 2004 in dieser Inszenierung interpretiert hat, sondern in der Ausgestaltung der Rolle den Zuhörer vor Begeisterung die Luft anhalten lässt. Zwei Höhepunkte ihres Rollenportraits sind ihre Auftrittsarie "Come dolce all'alma mia", in der sie mit beweglichen Koloraturen und grandiosen Verzierungen ihre Liebe zu Tancredi besingt und davon träumt, ihn bald wiederzusehen, und ihr Gebet "Di mia vita infelice", in der sie mit unglaublichen Bögen und dramatischen Ausbrüchen ihrer Hoffnung Ausdruck gibt, dass Tancredi wenigstens nach ihrem Tod an ihre Unschuld glaubt. So ist an diesem Abend an der Deutschen Oper Berlin zwar eine Inszenierung zu erleben, die seit ihrer ersten Aufführung 1999 schon etwas in die Jahre gekommen ist, aber nichts von ihrem Glanz und ihrer Faszination eingebüßt hat und mit dem richtigen Ensemble auch heute noch wahre Begeisterungsstürme hervorrufen kann. FAZIT In dieser Spielzeit ist diese musikalische Perle des Belcanto leider nicht mehr zu erleben. Es bleibt zu hoffen, dass die Inszenierung in die nächste Spielzeit übernommen wird. Die Inszenierung ist übrigens auch als Mitschnitt einer Aufführung in Florenz aus dem Jahr 2005 als DVD mit Daniela Barcellona in der Titelpartie bei TDK erhältlich. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung, Bühne, Kostüme Co-Regie Spielleitung
Chöre
Solisten*rezensierte Aufführung
Argirio
Tancredi
Orbazzano
Amenaide
Isaura
Roggiero
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