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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Verkannte VaterlandsliebeVon Stefan Schmöe / Friedemann Vetter
O könnt' ich's Allen sagen,
Ein großer Hymnus auf das große, das schöne, ja das liebe (!) deutsche Vaterland damit hat sich Jacques Offenbach zwischen alle Stühle gesetzt. In Wien, wo seine Oper im Jahr 1864 uraufgeführt wurde, war die Vaterlandsliebe eines nach Frankreich emigrierten jüdischen Erfolgskomponisten dem Publikum suspekt, in Offenbachs künstlerischer Heimat Paris wollte man vom schönen deutschen Vaterland schon gar nichts wissen. Zur Uraufführung kam ohnehin nur eine verstümmelte, den miserablen Aufführungen geschuldete dreiaktige Fassung des vieraktig konzipierten Werks, das trotz einigem Erfolg schnell in Vergessenheit geriet. Im Spannungsfeld des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 und der Erbfeindschaft beider Länder blieb das Sujet auf Jahrzehnte hin unspielbar, und nach der Aussöhnung nach 1945 war das scheinbar unbekümmerte Bekenntnis zum lieben deutschen Vaterland aus anderen Gründen tabu. Gleichzeitig widerfuhr der Oper das Schicksal mancher anderer Werke Offenbachs: Die Partitur wurde verstreut, Aufführungsmaterial offenbar vernichtet oder verloren. Einige Passagen übernahm der Komponist später in die Partitur von Hoffmanns Erzählungen - insbesondere die populäre Barcarole.
Erst 2002 gab es eine (konzertante) Wiederaufführung und CD-Einspielung des mühsam rekonstruierten Werkes, und im Januar diesen Jahres hat sich fern von Deutschland das Theater im slowenischen Ljubljana (in Kooperation mit dem Theater St. Pölten) an eine szenische Realisation gewagt und da man zum ersten Mal das komplette Werk in der originalen vieraktigen Fassung spielte, darf sich die Produktion mit einigem Recht als Uraufführung bezeichnen. Vielleicht hat das schwierige Sujet die größeren deutschen Bühnen vor dem Werk zurückschrecken lassen (und natürlich birgt das erwähnte Vaterlandslied die Gefahr der Vereinnahmung durch rechtspopulistische Kreise); so kann sich das kleine Theater in Trier der deutschen Erstaufführung rühmen.
Die große, einschließlich Pause deutlich über drei Stunden lange Oper erweist sich als musikalischer Kraftakt, den das Trierer Theater achtbar, aber mit erkennbaren Grenzen meistert. Beeindruckend ist vor allem die schwer beschäftigte Jana Havranová, die sich zunächst koloraturenreich zu Tode singen muss (ähnlich wird es im Hoffmann später der Antonia ergehen), danach aber drei Akte lang als Fee wiederkehrt. Der Balanceakt zwischen Eleganz in den Koloraturen, lyrischem Melos und dem trotzdem erforderlichen dramatischen Zugriff gelingt der Sängerin sehr eindrucksvoll. Vera Wenkert als leidende Mutter hat einen recht scharfen, durchsetzungsfähigen Mezzosopran mit der erforderlichen dramatischen Kraft, wird aber recht flach in der tiefen Lage. Das sind Zugeständnisse, die man mit einem kleinen Ensemble machen muss; dass die Sängerin etliche Nummern durch mangelnde rhythmische Präzision verschleppte, ist indes ärgerlich. Mit Gor Arsenian steht in Trier ein Hau-Drauf-Tenor auf der der Bühne, der mit Kraft alles nieder singt, so lange kein Piano gefordert ist. Auch wenn die Rolle des Soldaten Franz für einen jugendlichen Heldentenor aus deutsch-romantischer Operntradition konzipiert ist, hat Offenbach viel französischen Charme einkomponiert, den Arsenian aber vollständig unterschlägt. Andreas Scheel als rauhbeiniger Hauptmann und Nico Wouterse als edler, aber allzu braver Liebhaber sind solide Bariton-Besetzungen. Generalmusikdirektor István Dénes dirigiert die Partitur ein wenighemdsärmlig; etwas mehr von Offenbachs Raffinement, mitunter auch schlicht mehr Präzision hätten es schon sein dürfen (das betrifft auch den ansonsten guten Chor). Das Trierer Orchester, mit schönem Holzbläserklang und durchwachsenem Blech, klingt in den Streichern zu dünn, zu sehr kammermusikalisch ausgehöhlt für eine große romantische Oper.
Ist die musikalische Interpretation mit Einschränkungen akzeptabel, so ist die szenische Realisation schlichtweg misslungen. Das betrifft jenseits jeglicher Interpretation zunächst die unsägliche Ausstattung von Karin Fritz, die den Etat der Maskenbildnerei auf Jahre hin verbraucht haben dürfte und mit einer ans Absurde grenzenden Lust am Theaterblut manchen so sicher nicht gewollten Lacher provoziert. Und so schön der Gedanke auch ist, einen Riss, der durch Welt, Vaterland oder auch nur durch die Seele geht, bildlich auf der Bühne zu zeigen wenn man dann keinen Platz mehr für Solisten, Chor und Statisten hat und diese mühsam hin und her schieben muss, dann ist diese Idee nicht praktikabel. An solchen handwerklichen Schwächen krankt die Aufführung an allen Ecken und Enden. Eine Vergewaltigung auf offener Bühne in voller Grausamkeit zu zeigen ist eine Sache, über die man unter Umständen diskutieren kann; dieses aber im Rhythmus der Koloraturen, die die Sängerin dabei zu singen hat, ablaufen zu lassen ist ebenso peinlich wie albern und konterkariert jeglichen Interpretationsansatz.
Regisseur Bruno Berger-Gorski möchte die Gewalt, die in der Oper offen zu Tage tritt, überdeutlich zeigen. Da wird die junge Armgard im 16. Jahrhundert von marodierenden Soldaten zum Tode gequält, wobei ihre Jugendliebe Franz, der sich unter den Soldaten befindet, unbeteiligt zusieht, weil er gerade unter Gedächtnisschwund leidet. Zu allem Überfluss entpuppt sich der Anführer der Soldaten zu schlechter Letzt noch als Armgards verschollener Vater. Bis hierhin folgt Berger-Gorski in etwa dem Libretto und lässt Armgard blutrünstig auf der Bühne vergewaltigen, was zu einigen Tumulten im Publikum führt. Leider passiert so etwas auch heute noch, will der Regisseur uns sagen, und daher tragen die Soldaten die Uniformen von Söldnern, die sich zwischen Bosnien, dem Kongo und dem Sudan umtreiben. Recht hat er ja, und im Libretto wird die Vergewaltigung auch unverhohlen angedeutet, und trotzdem macht es sich Berger-Gorski zu leicht, indem er das Spektakuläre voyeuristisch vorzeigt. Wenn man die Rheinnixen wiederbelebt, dann doch eher der Musik wegen, und die zeichnet ein gänzlich anderes Bild. Der dumpfen Brutalität der Soldaten wird die einschmeichelnde Melodie von Armgards Vaterlandslied entgegengestellt, das von nun an als Erinnerungsmotiv die Oper durchziehen wird. Musikalisch wird hier der säbelrasselnde Nationalismus der Entstehungszeit durch die Kunst überwunden: Offenbach lässt die Sängerin eben nicht veristisch an den Folterungen sterben, sondern sich zu Tode singen. Berger-Gorski aber inszeniert nur den Text, ohne im Geringsten auf die Musik zu hören.
Die Akte zwei bis vier haben in Trier nichts mehr mit dem Libretto von Charles Nuitter (in Trier wird die für die Wiener Aufführung 1864 von Alfred von Wolzogen ins Deutsche übertragene Fassung gespielt) zu tun. Berger-Gorski lässt die (zugegebenermaßen völlig wirre) Handlung als Vision der durch die Kriegsereignisse traumatisierten Mutter ablaufen und macht es sich damit denkbar leicht: Weil im Traum alles möglich ist, kommt es aufs Detail nicht mehr an. Was eigentlich auf der Bühne genau passiert, ist nicht nachzuvollziehen. Je wirrer, desto besser, scheint es, denn dadurch werden die Traumata schön sichtbar. Nach dem spektakulären (auch spektakulär schlechten) ersten Akt plätschert die Inszenierung langsam dahin, und im bläulichen Schummerlicht treiben Feen im kitschigen Schleier und Soldaten mit blutigen Wunden ihr Unwesen. An und zu laufen Armgard und ihre Sandkastenliebe Franz als Kinderpaar über die Bühne, und immer wieder hält Mutter Hedwig die tote Armgard im Stile einer Pietá im Arm Bilder aus der inszenatorischen Mottenkiste. Eine Auseinandersetzung mit dem Werk findet nicht mehr statt. Für eine deutsche Erstaufführung einer lange verschollenen Oper von erheblichem musikalischen Wert ist das viel zu wenig.
Keine Rehabilitation für die Rheinnixen - dazu ist die Inszenierung zu weit vom Werk entfernt. Immerhin lässt sich musikalisch erahnen, welches Potential in dieser Oper steckt, die aber weiterhin auf eine (deutsche Erst-) Aufführung, die dem Stück wirklich gerecht wird und an der man Stärken und Schwächen abwägen könnte, wartet. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Ausstattung
Video
Dramaturgie
Chor
Solisten* Besetzung der rezensierten AufführungArmgard Evelyn Czesla / * Jana Havranová
Franz Waldung
Gottfried
Hedwig
Conrad von Wenckheim
Bauer / Soldat
Soldat
Eine Fee
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- Fine -