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Die Vögel
Ein lyrisch-phantastisches Spiel in zwei Aufzügen
nach Aristophanes
Dichtung und Musik von Walter Braunfels

Premiere an den Bühnen der Stadt Köln/Opernhaus
am 27. November 1998

Von Stefan Schmöe / Fotos von Klaus Lefebvre



Verzaubernde Gesänge der Nachtigall

Foto: Köln / Die Vögel

In den 20er Jahren gehörten die "Vögel" des Kölner Komponisten Walter Braunfels (1882 - 1954) zum festen Repertoire deutscher Opernbühnen. Als die Nazis Braunfels, von 1925 - 33 (Gründungs-) Rektor der Kölner Musikhochschule, aus allen Ämtern entliessen, wurde die Oper vergessen. Zwar wurde Braunfels 1948 wieder zum Präsidenten der Hochschule ernannt, die Zeit der "Vögel" jedoch war vorbei - vielleicht liegt es daran, daß die allzu naive und märchenhafte Handlung nach den Greueln des 3.Reiches nicht mehr zeitgemäß war (was freilich auch gegen manches gängigere Werk des Repertoires eingebracht werden könnte). Die Kölner Oper betreibt in gewisser Hinsicht eine späte Widergutmachung, wenn sie heute die "Vögel" auf den Spielplan setzt.



Foto: Köln / Die Vögel

Die Herren Hoffegut und Ratefreund entsagen der menschlichen Gesellschaft und suchen ihr Glück bei den Vögeln. Während Hoffegut eine träumerische Romanze mit der Nachtigall erlebt, überredet der machthungrige Ratefreund seine neuen gefiederten Freunde zum Krieg gegen die Götter - der mit der Zerstörung des Vogelreiches endet. Braunfels hat den Text in Anlehnung an die gleichnamige Komödie des Aristophanes selbst geschrieben, und aus heutiger Sicht ist der geradliniege Verlauf mit seiner recht platten moralischen Botschaft sicher eine Spur zu einfältig. Aus Sicht des Komponisten liefert das Szenario die Vorlage für eine sehr lyrische Musik, und hier liegt die Stärke der Komposition: Verklärung der Natur durch puren Wohlklang, in Köln insbesondere durch die Nachtigall, berückend schön gesungen von Iride Martinez, und das von Bruno Weil umsichtig geführte Gürzenich-Orchester realisiert.



Foto: Köln / Die Vögel

Gerade das Schöne bedarf gelegentlich einiger akzentuierender Kontraste des weniger schönen, das wußte Richard Strauss, ebenfalls märchenhaften Stoffen zugeneigt, sehr genau, und da liegen die Schwächen des Braunfels'schen Werkes: Wo Strauss, etwa in der Frau ohne Schatten, durch kontrastierende Elemente alles überfließende bändigt und gliedert, verschwimmen in den Vögeln die Konturen. Die Musik läuft, insbesondere in den ersten beiden Akten, Gefahr, zu einem allzu gefällig anzuhörenden Klangteppich auszuarten. Trotzdem ist die Oper sicher eine Bereicherung des Repertoires, auch kleineren Häusern anzuempfehlen.



Foto: Köln / Die Vögel

Regisseur David Mouchtar-Samorai ist glücklicherweise nicht der Versuchung erlegen, die Fabel vordergründig zu aktualisieren. Auf der durchaus märchenhaften (aber konkreten Naturalismus durch ein angemessenes Maß an Abstraktion vermeidenden) Bühne (Bühnenbild: Heinz Hauser) entwickelt er ein zunächst märchenhaft anmutendes Spiel. Zwei Begrenzungsstäbe, in ihrer Ausrichtung dem Bühnengeschehen entgegengestellt wie Fremdkörper, deuten die Bedrohung der noch heilen bereits Welt an, und der schwarze Rahmen, der die Bühne umgibt, ist zur Hälfte mit einer Skala umgeben: Die Vogelwelt ist für Mouchtar-Samorai der Gegenpol zu unserer ordnenden, vermessenden Welt.



Foto: Köln / Die Vögel

Später, wenn die Vögel zum Krieg rüsten, haben sie ihre Vogelkleidung abgelegt und tragen das, was der Manager als "buisiness-Kleidung" bezeichnen würde, und statt fröhlichem Flattern agieren sie hektisch in gespenstischer Weise mit Laptops. Von oben hängt überdimensionales Millimeterpapier herunter. Nach dem Sturm, der dem Vogelaufstand ein Ende bereitet, liegen riesige Vogelkadaver herum, wie nach einer Ölkatastrophe. Dennoch bleibt die Inszenierung auf einer metaphorischen Ebene: Die Parabel wird in unsere Zeit übertragen, behält aber ihr Rätsel. Mouchtar-Samorai bezieht Stellung, aber er schreibt dem Zuschauer keine Deutung vor.



Foto: Köln / Die Vögel

Das riesige Sängerensemble der Kölner Oper setzt das sängerisch wie schauspielerisch exzellent um; allein die Herren Ratefreund und Hoffegut sind mit Peter Weber und Alexander Fedin etwas zu leicht besetzt. Der Beifall deutete an, daß die Vögel auch heute zum Publikumserfolg taugen können.



FAZIT:

Gelungene Wiederbelebung eines fast vergessenen Werkes mit starker Inszenierung und wunderbarer Nachtigall.

Logo: Bühnen der Stadt Köln

Musikalische Leitung
Bruno Weil

Inszenierung
David Mouchtar-Samorai

Bühne
Heinz Hauser

Kostüme
Anna Eiermann

Licht
Hartmut Litzinger, Manfred Voss

Dramaturgie
Barbara Maria Zollner

Chor
Albert Limbach


Solisten

Nachtigall
Iride Martinez

Hoffegut
Alexander Fedin

Ratefreund
Peter Weber

Wiedehopf
Andrzej Dobber

Prometheus
Andrew Collins

Adler
Ulrich Hielscher

Zaunschlüpfer
Mariola Mainka

Rabe
Georg Henckel


u.v.a.



Opernchor der Bühnen
der Stadt Köln

Gürzenich-Orchester
Kölner Philharmoniker




Weitere Aufführungen

November '98: 30. (19.30 Uhr)
Dezember '98: 6. (16 Uhr), 11., 15.,
18., 20, 22., 28.

Änderungen vorbehalten.





Foto: Köln / Die Vögel

Vogelwelten



Foto: Köln / Die Vögel

Die Romanze mit der Nachtigall
(Iride Martinez) bringt
Hoffegut (Alexander Fedin)
ungeahnte Naturerlebnisse



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