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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Die HochzeitOpernfragment von Richard Wagner
und
Die TrauungOper in drei Aktennach dem Schauspiel von Witold Gombrowicz Musik von Volker David Kirchner (Uraufführung am 31.3.75 in Wiesbaden)
Premiere am Theater Hagen
Absurde TräumereienIm Winter 1832/33 komponierte Richard Wagner die ersten Nummern einer Oper mit dem Titel "Die Hochzeit", doch als seiner Schwester das Werk nicht recht gefallen wollte, nahm die Arbeit ein schnelles Ende. Im wesentlichen besteht das Fragment aus einem Septett, das durchaus als Talentprobe Wagners von Interesse ist. Da jedoch nicht mehr als eine Viertelstunde Musik herausgekommen ist, machen szenische Aufführungen wahrlich wenig Sinn. Das hat auch Peter P. Pachl, Dramaturg am Hagener Theater, erkannt; damit zufrieden gegeben hat er sich jedoch nicht. Jetzt hat er in eigener Regie das Fragment in Verbindung mit Volker David Kirchners "Die Trauung" von 1974 herausgebracht - eine auf den ersten Blick aberwitzige Idee.Im Prinzip läßt Pachl zunächst die Hochzeit, dann (ohne Übergang) die Trauung spielen, und doch gelingt es ihm, auf merkwürdige Weise beide Werke parallel nebeneinander her laufen zu lassen. In der "Hochzeit" ist der Ritter Kadolt zum Zeichen der Versöhnung auf der Hochzeit von Ada, Tochter eines früheren Todfeindes von Kadolts Sippe, geladen und verliebt sich in die Braut. Er versucht, in ihr Turmzimmer zu klettern, doch sie stürzt ihn in die Tiefe (um später an seinem Sarg tot zusammenzubrechen). Die Komposition endet bei der ersten Begegnung zwischen Kadolt und Ada, die sich bei Pachl vor neogotischem Prospekt mit aus Puppen bestehendem Chor abspielt. Aus dem starren Arrangement heraus scheint Kadolt eine Vision zu haben; der Prospekt fährt hoch, und die "Trauung" beginnt: Ein surrealer Albtraum. Ein Soldat träumt, er käme aus dem Krieg in seine Heimat und sieht das Elternhaus als Kneipe, seine Verlobte als Magd. In grotesker Verzerrung macht er seinen Vater zum König, stürzt ihn dann aber und wird selbst zum Tyrannen, und kann seine eigene Trauung doch nicht vollziehen. Im Bühnenbild von Hank Irwin Kittel spielt sich dieses Geschehen auf einem schräggestellten Podest ab, das offenbar nur über Leitern zu erreichen ist - wohl ein Verweis auf das Erklettern des Turmes in der "Trauung". Eine riesige Christusstatue liegt auf diesem Podest und dient als Bühne skurriler Aktionen. Die Braut der "Trauung", die in den Angstträumen des Soldaten untreu ist, korrespondiert mit der Ada aus der "Hochzeit", und aus der Verbindung von Männerphantasien des 19. und 20. Jahrhunderts bezieht die ungewöhnliche Konstellation ihren Reiz. In Pachls Konstruktion wird die "Hochzeit" deutlich aufgewertet:In einer starren Gesellschaftsordnung (die durch die noch sehr konventionellen Chöre abgesteckt wird) deutet sich das Drama des Einzelnen, der gegen die Ordnung verstößt, an - verdeutlicht durch den (Alp-)Traum der "Trauung". Damit weist das Fragment auf ein Formmodell hin, dessen sich Wagner ausgiebig (in "Tristan und Isolde" gipfelnd) bedient hat. In diesem Kontext macht die Aufführung Sinn, der über eine museale Funktion hinausgeht. Umgekehrt wird die "Trauung" in einen bürgerlichen Rahmen (verdeutlicht durch das Opernfragment des 19.Jahrhunderts) gestellt, der den surrealen Traum als gescheiterten Ausbruchsversuch aus gesellschaftlichen Zwängen deutlich werden läßt. Die Schwierigkeit der Inszenierung liegt darin, daß dieser bürgerliche Rahmen das Geschehen der "Trauung" verharmlost, indem er den Krieg (der "Held" ist schließlich Soldat) ausblendet und die politische Dimension auf eine metaphorische Ebene reduziert. Die Krönung und Absetzung des Vaters, die eigene Tyrannei bleiben Ausdruck der Hilflosigkeit, die aus der psychologisierenden Sicht mehr witzig und skurril als bedrohlich wirken. Bei Kirchner und in der Vorlage Gombrowicz' gibt es diese witzigen und skurrilen Elemente natürlich auch, aber sie stehen im Kontrast zu einer äußerst bedrohlichen Grundsituation. Die aber fällt bei Pachl weg, und manche Szene wird dadurch schlicht albern und belanglos. Die stärksten Momente des Abends sind die, in denen der ausgezeichnete Werner Hahn (Kadolt / Soldat Henrik) die Aufmerksamkeit ganz auf sich konzentrieren kann. Allzu viel Aktionismus auf der Bühne ist eher nervend, zumal das Bühnenbild die Akteure zu recht umständlichen Bewegungsabläufen nötigt. Die Ausstattung leidet an einem Übermaß an Symbolik, die unnötig ablenkt, wo das ohnehin symbolüberfrachtete Libretto eine klare Linie erfordert. Das ist nett anzuschaun: Ein bißchen provokant, ein bißchen überdreht, aber eigentlich überflüssig. Die Inszenierung schafft Verwirrung, wo sie klärend und ordnend eingreifen sollte. So wird Kirchner, trotz guter Ansätze, letztendlich unter Wert verkauft. Das Debut von Hagens neuem Generalmusikdirektor, Georg Fritzsch, war wenig verheißungsvoll. Die "Hochzeit" spielte das Orchester derart rustikal, als wolle man tönende Argumente gegen die Konzeption des Regisseurs und die Kopplung der Stücke vorbringen. Selbst verhältnismäßig anspruchslose Streicherfiguren wurden zum Ärgernis. Auch der Chor hatte sich für diese Viertelstunde offenbar eine Auszeit genommen. Die "Trauung" ist wohl sorgfältiger geprobt worden, dennoch gab es etliche unpräzise Einsätze. Gemessen an Leistungen wie zum Abschluß der vorigen Saison bei Don Carlos war diese Leistung arg enttäuschend. So hinterläßt die Produktion disparate Eindrücke - einem interessanten Konzept stehen manche Unzulänglichkeiten in der Umsetzung im Wege. Das Publikum ertrug's mit Fassung, und die Zahl derer, die frühzeitig gingen, hielt sich in Grenzen. Der Beifall freilich auch.
Bunt und allegorisch, aber letztendlich harmlos geht es zu in den Hagener Alpträumen.
Im Alptraum geht es mitunter barock zu: Henrik (Werner Hahn) und Ensemble |
Musikalische Leitung Georg Fritzsch
Inszenierung
Ausstattung
Choreinstudierung
SolistenDie Hochzeit
Hadmar, ein König
Ada, dessen Tochter
Arindal, deren Gatte
Kadolt
Admund, Kadolts Vertrauter
Harald, Hadmars Ritter
Lora, Adas Vertraute
Ignaz, Vater und König
Katharina, Mutter und Königin
Henrik, Soldat
Wladzio, Henriks Freund
Mania, Dienstmagd
Säufer
Kanzler
Die sechs Säufer und
Das PHILHARMONISCHE
Weitere Aufführungen
Weitere Termine liegen uns nicht vor.
Die Frau bleibt unerreichbar: Mania (Sybille Schedwill) in der "Trauung"
Henrik (Werner Hahn, m.) träumt, daß der Mutter (Edeltraud Kwiatkowski) Brathähnchenschenkel aus der Kopfbedeckung wachsen
Mal Henrik, mal Kadolt: Werner Hahn hat Probleme mit den Frauen, hier Ada (Peggy Steiner) |