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Viva la Mamma(Le convenienze e le inconvenienze teatrali)Oper in zwei Akten nach einer Komödie von Antonio Sografi nach dem von Vito Frazzi eingerichteten Original für die deutsche Bühne bearbeitet von Horst Georges und Karlheinz Gutheim Neue Dialogfassung von Elmar Gehlen Musik von Gaetano Donizetti
Premiere am Aalto-Musiktheater Essen Kein Karnenval, aber (zu) viel Kostümfest
Foto 1:Primadonna (Rebecca Littig) und Ehemann (Károly Szilágyi) bedrängen den Komponisten (hier Norbert Kumpf, in der Premiere sang Almas Svilpa) Essens Antwort auf den Karneval heißt Donizetti - dessen Gelegenheitswerk "Viva la Mamma", eine (wohl immer noch zeitgemäße) Parodie auf den Opernbetrieb, soll das Publikum anläßlich der närrischen Tage belustigen. Dem Regisseur Elmar Gehlen scheint das ein wenig unheimlich gewesen zu sein, denn er vermeidet jede Anspielung auf kostümierten rheinischen Frohsinn, und platter Slapstick sind auch nicht seine Sache. Gute Voraussetzung, einen amüsanten Opernabend zu erleben, denkt man. Auf dem Theater, hier in Gestalt eines zutiefst provinziellen Ensembles, wird große Oper geprobt, doch der künstlerische Ehrgeiz der Beteiligten steht deutlich hinter den Eitelkeiten der Primadonna, der Unbeholfenheit des Tenors, der Borniertheit von Komponist und Librettist und der Geldgier des Impresarios zurück. Zu allem Überfluß bringt eine unbedeutende Sängerin, die nur ein paar Töne zum Besten zu geben hat, die Mamma mit - und die fordert mit mächtiger Baßstimme eine größere Rolle für ihre Tochter. Zuletzt singt die Mamma dann selbst mit, weil nur ihr Schmuck die Truppe vor dem finanziellen Aus bewahrt...
Foto 2:Rettung oder Katastrophe? Mamma Agata (Martin Blasius) naht In die heutige Zeit wollte Elmar Gehlen Donizettis Musik nicht versetzen (warum eigentlich nicht?) So spielt das Stück in den 20er Jahren, wenigstens laut Programmheft, aber auf der Bühne stellt sich nie ein Gefühl der 20er Jahre ein: Außer den Kostümen deutet aber auch gar nichts auf diese Zeit hin, und mit den 20ern verbindet man dann wohl doch eher Brechts und Weills Mahagonny als Donizettis Rimini. So sehen die Akteure aus, als kämen sie vom Maskenball - es ist halt doch Karneval. Und die Parodie verliert jeden historischen oder aktuellen Bezugspunkt. Ein paar hübsche Ideen hat der Regisseur schon, und auch Sinn für den richtigen Zeitpunkt einer Pointe. Was ihm fehlt, ist ein Ensemble, das dies auch umsetzen könnte. Allzu brav folgen die Sänger den Regieanweisungen, wo sie sich doch eigentlich selbst parodieren sollen. Die ironische Distanz zur Rolle fehlt fast allen - wie man es machen kann, führten die beiden laut Programmheft "unkündbaren Techniker" Holger Penno und Andreas Baronner vor - und der Regisseur persönlich als verhinderter Dirigent. Ansonsten waren die Darsteller zumindest in den Dialogen überfordert, was sicher auch an den riesigen Dimensionen des Aalto-Theaters liegen mag: Viva la Mamma gehört mit seinen bissigen Untertönen in ein kleines Theater ( das hätte man freilich auch wissen müssen, als man das Werk auf das Programm gesetzt hat). Das ein internationales Ensemble so seine Probleme mit gesprochener deutscher Komik hat, ist auch kaum überraschend zu nennen. Auf solche niedlich zu nennenden Dimensionen herabgeschraubt, hat das fast zweistündige Werk seine Längen. Dank der koloratursicheren Primadonna Rebecca Littig, ihrem stimmgewaltigen und geldgierigen Ehemann Károly Szilágyi und der volltönenden und dennoch virtuosen Mamma Martin Blasius boten die gesungenen Passagen gelungene Abwechslung. Die Essener Philharmoniker zeigten sich einmal mehr in blendender Verfassung, und der jungen schwedischen Dirigenten Patrik Ringborg zeigte viel Gespür für Donizettis Leichtigkeit, ohne in einen überdrehten "Hurra-Stil" zu verfallen (im Fußball würde man wohl von "kontrollierter Offensive" sprechen). Am Ende teilte sich das Publikum in zwei Fraktionen: Die einen waren vor Begeisterung völlig aus dem Häuschen, die anderen hielten ihren Beifall in freundlichen Grenzen. Es hat in Essen zweifelsohne schon lustigere Opernabende gegeben (in manchen zähen Szenen hatte man Zeit, sich an Broadhursts genialen "Barbier von Sevilla" zu erinnern). Man darf mutmaßen, daß es hinter den Kulissen des Aalto-Theaters mitunter komischer zugeht als in Viva la Mamma. FazitElmar Gehlen umschifft erfolgreich alle Peinlichkeiten - und verfehlt dabei die wahre Komik. |
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