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Tristan und IsoldeHandlung in drei AktenText und Musik von Richard Wagner
Premiere im Theater Duisburg Von Stefan Schmöe / Fotos von Eduard Straub Skandal: Isolde ist ein Mann!Keine Liebe unter dem roten SternEine Gruppe von Matrosen soll hingerichtet werden. Der befehlshabende Offizier läßt ein Segeltuch über die Todeskandidaten ausbreiten. Doch als er den Befehl zum Schießen gibt, verweigern die Schützen den Gehorsam: Mit dem Ausruf "Brüder" erklingt zum ersten Mal der "Tristan"-Akkord, das Vorspiel beginnt. Im Angesicht des Todes ist "Tristan und Isolde" die Vision vom Leben, von der Revolution, von der Verbrüderung der Herrschenden und Unterdrückten. So radikal ist der "Tristan" lange nicht mehr inszeniert worden. Die oben beschriebene pantomimische Szene ist eine Nachstellung aus Eisensteins Jahrhundertfilm "Panzerkreuzer Potemkin", und Regisseur Werner Schroeter knüpft weiter daran an. So leuchtet der rote Stern an der Brüstung zum zweiten Rang über der Aufführung, und vom mittelalterlichen Liebesdrama bleibt fast gar nichts übrig. Isolde ist ein junger Matrose, der seinen Tod erwartet, Brangäne offenbar der wachhabende Offizier, Tristan das Symbol für den Schützen, der eben nicht schießt. Marke als Kommandant des Schiffes ist da beinahe noch konventionell behandelt. Die "Nacht der Liebe" ist der Moment des Schulterschluß', Handschlag zwischen einfachem Matrosen und seinem Henker. Das Duisburger Publikum reagierte mit heftigen Protesten, und in der Tat muß sich Schroeter die Frage gefallen lassen, was er bei seinem Publikum voraussetzen darf: Die Verlagerung auf eine völlig andere Ebene (wozu der Zuschauer auch den "Panzerkreuzer Potemkin" kennen sollte) ist ein kaum noch nachzuvollziehendes Gedankenexperiment, daß Mißverständnisse geradezu provoziert. Zudem stehen sich die Titanen Eisenstein und Wagner gegenseitig im Weg, und Schroeters Konstruktion gerät mehrfach in Schlingerkurs. Markes großer Monolog im zweiten Akt wird schlichtweg überflüssig, und mit dem Text darf man es nie so genau nehmen (aber den versteht man ohnehin kaum). Im Schlußbild hat sich Matrose Isolde offenbar mit dem eigenen Tod arrangiert und eilt einer brennenden Treppe entgegen: Hier siegt der Kitsch, der nebenbei gleich noch Brünnhildes "Götterdämmerungs"-Freitod zitiert. Und dennoch bleibt diese Aufführung nachhaltig in Erinnerung, denn bei aller Kritik gewinnt Schroeter dem Werk zumindest phasenweise eine Sichtweise ab, die es in sich hat. Die Todessymbolik drängt sich in den Vordergrund, und Sterben wird hier nicht romantisch verklärt. Das Werk gewinnt in dieser Hinsicht ungemein an Verbindlichkeit: Der Liebestod ist (trotz oder gerade wegen der damit verbundenen Apotheose) eine Brutalität ohnegleichen. Die Musik erhält dadurch einiges von ihrem visionären Gehalt zurück, das im Repertoirebetrieb sonst häufig verloren geht. Auch in der genauen, aber unaufdringlichen Personenführung liegt eine Stärke der Produktion. Schroeter zeichnet dabei eindringlich die Spannungsbögen der Musik nach. Der Zuschauer, der in der Premiere lautstark den "armen Wagner" bedauerte, liegt jedenfalls daneben, denn Schroeter nimmt Wagner ernster, als manche konventionelle Inszenierung dies tut. Unerhörtes tat sich nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Orchestergraben auf: Zoltan Pésko dirigierte mit einer schlichtweg unglaublichen Transparenz. In moderaten Lautstärken (das Duisburger haus ist ausgesprochen anfällig für überlaute Blechbläser) ließ er den Sängern Zeit und Ruhe, ihre Passsagen auszusingen - was vor allem die grandiose Linda Watson als Isolde zu nutzen wußte. So klangschön wie Frau Watson bei ihrem Rollendebut(!) singen jedenfalls ihre großen Kolleginnen Waltraud Meier und Gabriele Schnaut die Isolde nicht. Linda Watson legt die Isolde sehr lyrisch an, und gelegentlich schwingt da sogar ein wenig belcanto mit, aber die Sängerin kann in den hochdramatischen Stellen auch zulegen. Natürlich kann man die Partie dramatischer anlegen (und das hätte sich ein teil des Publikums auch gewünscht, denn Frau Watson wurde - mir unverständlich - lautstark ausgebuht, ebenso Dirigent Zoltán Peskó), aber im Zusammenspiel mit Peskó entstand eine ganz andere, aber sehr schlüssige musikalische Interpretation. Buhs gab es auch für Renée Morloc als Brangäne, die ihre Partie nicht nur szenisch, sondern auch musikalisch als "Hosenrolle" gestaltete - um den Preis, daß bei "knabenhafter" Stimmfärbung mancher Ton daneben ging. Johann Tilli (Marke) und Bodo Brinkmann (Kurwenal) waren solide in ihren Rollen. Problematisch dagegen die Besetzung des Tristan mit Raimo Sirkiä. Von Kraft und Volumen her stand er die Partie gut durch, und vermochte in den Fieberphantasien des dritten Aktes manche Glanzlichter zu setzen, aber in der mittleren und tiefen Lage ist die Stimme einfach zu heiser. Daran wiederum hatte das Publikum nichts auszusetzen, denn Sirkiä erhielt einhelligen Beifall. FAZIT Die Männergesellschaft unter dem Symbol der Sowjetmacht bietet zwar keine rundum schlüssige, aber zumindest stellenweise sehr eindringliche Inszenierung, in der vor allem schön gesungen wird, wenn auch nicht so laut wie in früheren Wagner-Aufführungen in Duisburg.
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Musikalische Leitung Zoltán Peskó
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Choreinstudierung
König Marke
Isolde
Kurwenal
Melot
Brangäne
Ein Hirt
Ein Steuermann
Ein junger Seemann
Die Duisburger Symphoniker
Erschießung auf dem "Panzerkreuzer Potemkin": Offizier Brangäne (Renée Morloc)gibt vergeblich den Schießbefehl
Innenleben des Panzerkreuzers: Isolde (Linda Watson) am Boden, Die Offiziere obenauf
Unerwartete Männerfreundschaft: Isolde (Linda Watson) sitzt, Brangäne (Renée Morloc) liegt
Schattenspiele: Tristan (Raimo Sirkiä) und Isolde (Linda Watson) |