West Side Story
Nach einer Idee von Jerome Robbins
Buch von Arthur Laurents
Gesangstexte von Stephen Sondheim
Deutsches Buch u. Gesangstexte von Marcel Prawy
Musik von Leonard Bernstein
Premiere an der Oper Bonn
am 21. Dezember 1997
rezensierte Aufführung: 28. Januar 1998
Von Heike Schumacher
Autowracks und 50er Jahre-Ambiente
Die West Side Story wurde für die Oper Bonn zur Erfolgsstory. Siegfried Schoenbohm schuf eine gelungene Mischung von zeitgetreuer Inszenierung und behutsamer Annäherung an Gangs und Sprache der Jugendlichen von heute. Mag auch mancher Jugendliche die Sprache als aufgesetzt empfunden haben, so transportierte es doch als Grundstimmung das Gefühl, sich in den Straßen einer x-beliebigen Großstadt von heute zu befinden. Amerika wurde mit Coca-Cola Schriftzügen und dem unvermeidlichen Feuertreppen-Hinterhaus zwar zitiert, aber die Story blieb nicht der New Yorker Skyline verhaftet.
Die Inszenierung gab sich schwungvoll und hatte seine Stärken vor allem in den großen Tanzszenen der Gangs. Hier hatte man den Eindruck, sich in einem guten Musikvideo zu befinden. Akrobatik und Hipp-Hopp wurden gekonnt gezeigt und die Schauspieler und Tänzer zeigten Action mit jedem Muskel ihres Körpers. In Tanz und Bewegung wirkte alles „echt“, nicht aufgesetzt und präzise choreographiert. Der eigens für die Produktion zusammengestellten Truppe war kein Stadttheater Mief anzumerken.
Die Textgestaltung der Aufführung war etwas gewöhnungsbedürftig - Dialoge wurden in Deutsch gesprochen, die Songs teilweise in deutsch begonnen, wenn dies für das Verständnis der Handlung wichtig war, dann wurde aber ins Englische gesprungen und diese Mischung wirkte teilweise etwas eigenartig. Vielleicht hätte man sich vor allem in den Songs auf rein englische Texte verständigen sollen.
Das Bühnenbild ermöglichte ein temporeiche Szenenfolge ohne Löcher. Doc’s Imbiß war ein fahrender Wohnwagen im 50er Jahre Ambiente. Die Innenszenen im Brautmodengeschäft fanden alle auf einer dreigeschossigen fahrbaren Plattform mit Hinterhaus-Treppe statt. Die aus dem Film bekannte Szenerie wurde gut zitiert, auch der Drahtzaun im Hintergrund fehlte nicht - hier trennte er das Orchester von den Akteuren ab. Wenn die Szene auf der Straße spielte, wurden zwei verschrottete Autos aus der Versenkung geholt und gekonnt in die Choreographie einbezogen.
Durch die Mischung von heutigen Kostümen (besonders gelungen die Gruppe der Jets) , heutiger Sprache und Requisiten (Skateboard, Inline-Skater, Baseball, Kunstrad- alles was bei den Jugendlichen zur Ausstattung gehört) und traditionellem 50er Jahre Ambiente im Bühnenbild bekam die Inszenierung etwas Zeitloses. Dazu trug auch bei, daß die Liebesszenen hinter den Bandenkrieg in den Hintergrund gedrängt wurden - das machte die heute schon etwas musikalisch angestaubt wirkenden Szenen erträglich. Das Drama um Jugendliche und Erwachsene wurde in den Mittelpunkt gestellt, dabei besonders die Bandenkultur, Bandenehre und die Gründe für die Jugendlichen, darin Mitglied zu sein, gezeigt. Aktueller geht es nicht - und das machte teilweise die Beklemmung aus , die von den Szenen ausging. Hier brauchten keine Skinheads gegen Türken anzutreten, man verstand auch so, was gemeint war.
Alle Darsteller waren entsprechend ihren Fähigkeiten ausgewählt worden. Beeindruckend in szenische Präsenz, Tanztechnik und schauspielerischer Leistung waren beide „Bandenchefs“: Daniel Costello als Riff und Nicola Carofiglio als Bernardo. Bei den Frauen überzeugte besonders Tracy Plester als Anita. Axel Mendrok als Tony konnte seine sängerischen und schauspielerischen Fähigkeiten voll ausspielen, Gabriela Herrera als Maria war ihm da stimmtechnisch nicht immer gewachsen, ansonsten waren sie ein schönes Paar, deren Liebesgeschichte die Zuschauer anrührte. Herausragend aus der Gruppe der Jets auch Marny Bergerhoff als Anybodys, die das „girlie“, das Mitglied der Jungengruppe werden will, völlig stimmig verkörperte. Die gesamte Truppe stellte die jugendlichen Gangmitglieder lebensecht und ohne falsche Jugendlichkeit dar.
Das Orchester der Beethovenhalle zeigte, daß es auch das Musical-Fach exzellent beherrscht, obwohl die Musiker keinen direkten Kontakt zu den Sängern hatten.
FAZIT:
Ein originalgetreuer Bernstein mit einer tänzerischen Spitzentruppe.