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Blood Red RosesMusical von Marc Berry und Michael Korth Nach John Gay's "Beggar's Opera" Buch und Songtexte von Michael Korth Musik von Marc Berry
Uraufführung des Theaters Aachen
Von Heike Schumacher
Fotos von Ludwig Koerfer Blutleere RosenViel Geheimnis machte Elmar Ottenthal vor der Uraufführung des jüngsten rheinischen Musical, Blood Red Roses in Aachen, um den Inhalt und die Zeit der Handlung des Stückes. Kein Wunder, erwies sich doch beides nach der Aufführung als dünn und unbestimmt. Gaunermilieu, Liebe und Mord, versinnbildlicht in der roten Rose - das war angekündigt worden. Die Handlung sollte John Gays "Beggar's Opera" entnommen sein. Doch das ist untertrieben- es ist schlicht das selbe Handlungsgerüst geblieben wie in der Beggar's Opera von 1728. Und genauso wie dort, soll der aktuelle Musikbetrieb karikiert werden. Dies ist auch in Ansätzen gelungen. War das Feindbild in der Londoner Zeit die italienische Opernwelt in ihrer Künstlichkeit, so ist es hier der private Musicalbetrieb.Das zweite Thema der Beggar's Opera, die Kritik von Korruption und Machtmißbrauch in der führenden Gesellschaft, fällt in der aktualisierten Fassung dann allerdings reichlich blaß und unpolitisch aus. Es gibt zwar einen Song mit dem Titel "Korruption", aber das Thema wird in der Handlung nicht gezeigt. Im ganzen wirkt die Handlung auf der Bühne so undurchsichtig und chaotisch, wie sie in der Zusammenfassung erscheint:
Der Gangsterboß Tony Maroni (in der Gay Fassung ist es der auch von Brecht übernommene Mr. Peachum) macht gute Geschäfte mit Captain Mc Guil (dem entspricht der in der Gay/Brecht-Fassung berühmt gewordene Maceath). Dessen Markenzeichen ist es, nach einem Mord überall blutrose Rosen zurückzulassen.( Dies gab dem Musical den Titel und ist eigene Erfindung des Musical-Autors). Mrs. Maroni als verführerische Edel-Dirne zeigt den gleichen Geschäftssinn wie ihr Mann. Gerade laufen die Geschäfte gut, da erfährt das Gaunerpaar, daß ihre Tochter Polly Mc Guil "aus Liebe" geheiratet hat - dabei hatten sie besseres mit ihrer Tochter vor, sie sollte ins bürgerliche Lager überwechseln. Maronis toben und kommen auf die Idee, Mc Guil umzubringen . Immer noch besser, eine reiche Witwe zu sein als Ehefrau des Geschäftskonkurrenten. Polly läßt sich scheinbar auf den Handel ein, warnt jedoch Mc Guil. Dieser taucht bei den Huren unter, wo er auf seine ehemalige Freundin Lucy, die Tochter des Gefängnisdirektors, trifft. Mc Guil ist aber nun ein notorischer Frauen-Verführer, und Lucy rächt sich für seine ständige Treulosigkeit , indem sie Mc Guil verrät. Er kommt ins Gefängnis und soll am Galgen enden. Hier kommt Lucy wieder zu ihm, die inzwischen ein Kind von ihm erwartet. Er weiß, daß sie ihn befreien kann und setzt seinen ganzen Charme ein. Da kommt Polly dazu und beide Frauen gehen zuerst aufeinander los, um dann in kurzer Solidarität gemeinsam zu beschließen, Mc Guil an den Galgen zu liefern. Aber Mc Guil leugnet die Heirat mit Polly und wird daraufhin von Lucy befreit. Polly weint sich bei ihrer Mutter aus und Mc Guil zieht mit der Motorrad-Gang von dannen - frei und ohne jegliche Absicht, seine Befreierin tatsächlich zu heiraten. Der Gefängnisdirektor Lockit ertränkt seinen Frust in Alkohol, Lucy schwört Rache und Mrs. Maroni zeigt noch einmal all ihre Verführungskünste. Dennoch wird Mc Guil gefangen und scheint am Galgen zu enden, da treten Theaterdichter und Produzent auf und fordern ein (falsches) Happy End- denn ein Musical verkauft sich schlecht, wenn es nicht gut endet...
Nach langer Zeit kehrt nun dies alte Libretto in neuem Gewand nach Aachen zurück - wurde doch die Beggar's Opera in deutscher Übertragung 1931 in Köln und Aachen zum ersten Mal präsentiert. Nur: Der Zusammenklang von altem Libretto und moderner Form und Musik ist nicht gelungen. Die Liebes- und Ehe-Problematik, die zunächst in den Vordergrund gestellt wird, wirkt auf den modernen Zuhörer lächerlich, wenn sie von frechen rockigen Girls als Moral verlangt wird. Geblieben sind skizzenhafte Milieustudien, die in ihrer Problematik reichlich antiquiert wirkten. Der Gangsterboß, der es nicht verkraftet, daß seine Tochter Polly den falschen und dann noch aus Liebe heiratet - zu dem passen die Musik und die Verhältnisse der heutigen Zeit nun gar nicht. Zudem ist es ohne ein genaues Studium des Programmheftes nicht möglich, der Handlung zu folgen. Vielleicht ist dies aber auch nicht nötig, denn die Handlungsweisen sind trotz der guten Vorlage dünn motiviert und fast zufällig aneinandergereiht. Man sollte wohl die "Handlung" überhaupt hier nicht so ernst nehmen, so wie auch die Songtexte. Im Gemisch aus Deutsch und Englisch kommt es zwar manchmal zu Plattheiten, aber es überwiegt doch die durchaus beabsichtigte Komik. Wunderbar z.B. das Duett der beiden betrogenen Frauen, die wie Katzen aufeinander losgehen und doch im selben Refrain münden:"Verraten zerrissen, gelinkt und beschissen, mißbraucht und wie Dreck in die Gosse geschmissen, von Judasküssen zermürbt und zerbissen gewissenlos einfach zwei Herzen zerrissen, wir bringen dir dein letztes Abendmahl....dein Tod beglückt Mc Guil.", dazwischen Mc Guil mit dem zynischen "Ladies o Ladies, wo liegt das Problem." Der Lichtblick dieses Musicals aber ist die Musik: Der "beat" fegt durch den Saal, es reißt eine fast vom Stuhl und man möchte gleich Platz haben zum mittanzen. Keine allgefällige, seichte Musical-Soße, sondern gut gemachte, flotte Collage wird geboten. Man mag der Komposition vorwerfen, es sei eine Aneinanderreihung unterschiedlicher Stilarten, aber gerade der Mix bringt hier den Kick. Alles schon mal gehört - aber eben gut zusammengebunden. Die Palette reicht von Klassikzitaten mit Cembaloklang, a-capella-Gesang a là King- Singers bis hin zu allen Spielarten der Rock-, Pop-, Jazzmusik - sogar Funk und Hip-Hop finden ihren Platz. Jede Stilart wird vom live präsenten Orchester präzise geboten, so daß sich zusammen mit den Einspielungen vom Band ein rundes Bild ergibt. Zu laut ist allerdings bei manchen Sängern die Bühnenverstärkung, da klirrt es schon öfter mal in den Ohren. Der Lärmpegel liegt beim gesamten Musical über dem Gewohnten einer musikalischen Darbietung, sie hat eben mehr Disco-Format und scheint für einen größeren Raum als für das Aachener Theater gedacht zu sein. Dazu pyrotechnische Effekte, vor deren Folgen der Theaterbesucher an der Garderobe gewarnt wird - es knallt immer mal gerne aus allen Ecken. Die Frage bleibt: braucht ein gutes Musical eine Story oder geht es, so wie hier, eben auch ohne? Fetzig mitreißend ist die Musik auf jeden Fall. Platz für dramatische Verwicklungen ist da anscheinend nicht vorhanden. Ein Musical für Rock gewohnte Zuhörer, die auch die Zitate musikalisch wie optisch zu goutieren wissen. Was die Ausstattung anbetrifft, gibt sich das Programmheft rätselhaft: "nach Wolfgang Buchner" heißt es dort - eine weitere Erwähnung seiner Arbeit findet sich nicht. Dabei zeigt die Bühne viel Originelles: vor dem grauschwarzen Hintergrund mit angedeuteten Eisenträgern und Backsteinmauern (Man fühlt sich an die Hinterhausatmosphäre aus West Side Story erinnert) werden als Kontraste farbige Neonröhren gesetzt. Gläserne Tränen illustrieren die Verzweiflung Pollys, ein Boxring setzt den geschäftlichen Konkurrenzkampf ins Bild. Für die intimeren Szenen wird eine zweite Laufsteg-Bühne in halber Höhe herabgelassen, während auf der Hauptbühne die Tanzgruppe agiert. Das EUREGIO-Tanzforum unter der Leitung des renommierten Choreographen Jochen Ulrich lieferte in Aachen seine erste Arbeit als Tanzgruppe der drei Theater Heerlen, Aachen und Brüssel. Die Gruppe war perfekt und fast dauernd präsent auf der Bühne. Von der Konzeption her war die Tanzgruppe stets Spiegelbild der Handlung der Einzelpersonen und sollte so zur Verdeutlichung des Inhaltes beitragen. Daß die Tanzgruppe damit wenig eigenes Profil zeigen konnte, liegt in der Konzentration auf die Sänger begründet. Und in diesen Partien hörte man durchweg nur Gutes. In jeder Rolle brillante Stimmen, die zusätzlich auch schauspielerisch sehr gut auftraten. Herausragend, frech, gesanglich auch als Bandleader vorstellbar, brillierte Rafi Weinstock als Mr. Maroni. Er vereinte schauspielerisches Können, Jonglieren, Tanz, Akrobatik mit einer hier angemessenen rockigen Stimme. Was sich allerdings Autor und Regisseur bei der Besetzung der Mrs. Maroni mit einem Mann gedacht haben, bleibt im Dunklen. Ausdrücklich verwahrt man sich dagegen, Transvestie bieten zu wollen oder mit dem doppelgeschlechtlichen Element zu spielen. Martin Moss soll eine Frau sein - nicht etwa die alternde Gangstergattin vom Typ einer Mutter Courage, sondern eine attraktive, berauschend schöne Diva, die all ihre Verführungskünste einsetzt. Daß dies bis zum Striptease mit (zugegebenermaßen gut gemachtem) Silikon-Busen geht, ist eigentlich unnötig und trägt nichts zur Logik des Stückes bei. Lächerlich wirkt diese Besetzung besonders in den Mutter-Tochterszenen , zumal die baritonale Lage nicht zur Figur paßt. Dieser Kunstgriff trägt weder als Vefremdungseffekt noch als Gag etwas zum Gesamtkonzept bei. Der sonst so agile Martin Moss wird darauf reduziert, seine enganliegenden Diva-Gewänder vorzuführen. Mit Annika Bruhns hatte Elmar Ottenthal eine ideale Besetzung für die freche Lucy gefunden: im knappen Leder-Mini rockte sie über die Bühne, präzise und locker zugleich. Beste Szene war ihr haßvoller Schrei nach Rache - der Song "revenge" riß die Zuschauer zu Beifallsstürmen hin. Diana Böge hatte mit der naiv-träumerischen Polly die nicht ganz so publikumswirksame Rolle. Zumal die Musik in den elegischen Partien einen leichten Hang zum Kitsch hatte. Dennoch schaffte sie es, die Lücken des Librettos mit Emotionen zu füllen und war ebenso unangefochten gut in ihrer stimmlichen Bühnenpräsenz. Andreas Joost als Mc Guil war einfach fabelhaft. Ein wunderbare Stimme, die der Bühnenverstärkung gar nicht bedurft hätte, gepaart mit schauspielerichem Können - ein Schwerenöter, der glaubhaft seine Rolle verkörperte. Keinesfalls gereichte es ihm zum Nachteil, daß er eigentlich aus dem klassischen Fach kommt - im Gegenteil, er hatte auch im Musical die nötige Perfektion in den anderen Künsten. Mark Coles als Lockit paßte sich in derselben stimmlichen Güte nahtlos in das Ensemble ein. In den Nebenrollen sorgte Ching Hui Huang als kommentierendes Türlütütü für nette kleine Gags, wenn sie in chinesischem Anzug sprichwörtliche Bonmots verbreitet. Ätherisch durchschwebt der Chor als die feine Gesellschaft das Musical. In dezentes Silber gekleidet scheinen sie betagt und sind doch so spritzig frisch wie immer, was Gesang und Spiel angeht. Insgesamt eine Truppe, die durch Kooperation, bestes Singen und grandiose Bühnenpräsenz beeindruckte und die großes Musical-Format besitzt.
Mitreißende Ensembleleistung, Musik zum "abrocken" bei leider dünner Story - ein musikalisch fetziges Sommermusical, das seinen Platz eher in der Disco hat als im Musical-(Stadt-)Theater.
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Inszenierung Elmar Ottenthal
Choreographie
Musikalische Leitung
Ausstattung
Choreinstudierung
Ton
Beleuchtung
BesetzungTony MaroniRafi Weinstock
Mrs. Victoria Maroni
Polly Maroni
Lockit, Gefängnisdirektor
Mc Guil, Captain der Gang
Filz/Dichter
Produzent/Bote/Ripper/Ringrichter
Türlütütü
Tom, ein Junge
Anwalt
Motorrad-Gang
Norbert Hoven, Frank Alberding, Alexander Paulat, Norbert Rütten
Opernchor des Theaters Aachen Sinfonie Orchester Aachen
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