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Sphärische Klänge und ein Smartphone-Sternenhimmel
Von Stefan Schmöe / Fotos © Westdeutsche Konzertdirektion Köln Anna Lapwood sei die Taylor Swift der Orgelmusik: Diese schöne Feststellung traf die KI, die ich vor dem Konzert über die Popularität der Organistin befragte. Als die Künstlerin im Juli 2025 ein Orgelkonzert im Kölner Dom gab, standen weit über 10.000 Menschen Schlange vor den Kirchenportalen. Sie entschied sich spontan, zwei Konzerte nacheinander zu spielen. Wer dabei war (oder im Nachhinein so tun wollte), konnte später ein T-Shirt mit dem Aufdruck "I was in the Queue" kaufen (den Erlös spendete sie der von Yehudi Menuhin gegründeten Organisation "Live Music Now"). Lapwood, geboren 1995, hat ihren Kultstatus über Social-Media-Kanäle erarbeitet (bei Instagram hat sie am Konzerttag 1,8 Millionen Follower). Sie hat das Instrument über solche Wege für Menschen interessant gemacht, die sich sonst nicht so schnell ein Kirchenkonzert angehört oder an diesem Abend den Weg in die (natürlich ausverkaufte) Kölner Philharmonie gefunden hätten. Wobei das Publikum bunt gemischt ist; man sieht Menschen aller Altersstufen, darunter etliche Familien mit Kindern. Und auch Menschen, denen man dem ersten Eindruck nach nicht unbedingt unterstellt, Tik Tok als wichtigstes Kommunikationsmedium zu nutzen. Auf Anna Lapwood kann man sich quer durch die Gesellschaft einigen.
Anna Lapwood und das Philharmonia Orchestra in der dritten Symphonie von Camille Saint-Saëns
Das liegt auch an der Programmgestaltung, die regelmäßig Filmmusik in den Mittelpunkt stellt. Damit beginnt sie auch an diesem Abend, der beinahe gar nicht stattgefunden hätte. Eine knappe Stunde vor dem geplanten Konzertbeginn fiel ausgerechnet die Orgel aus, worauf wohl bereits hektische Planungen begonnen hatten, wie man ein Alternativprogramm ohne die "Königin der Instrumente" hätte bestreiten können (das Orchester hätte Tschaikowskys Fünfte im Gepäck gehabt, sicher für ausgewiesene "Lapwoodies" kein adäquater Ersatz). Gerade noch rechtzeitig konnte der zuständige Orgelbauer den Fehler beheben, sodass lediglich eine Toccata für Orgel und Orchester vom Programm gestrichen werden musste, die man schon deshalb gerne gehört hätte, weil die Komponistin Kristina Arakelyan sie für Anna Lapwood geschrieben hat. Der Abend beginnt, eine moderate Viertelstunde verspätet, mit Chevaliers de Sangreal aus dem Film The DaVinci Code, komponiert von Hans Zimmer - großformatige symphonische Musik von gravitätischer Würde und sattem Pathos, die sofort ihren Sog entfaltet. Lapwoods Arrangement für riesiges Orchester und Orgel ist hoffnungslos überinstrumentiert und klingt an vielen Stellen massig und pauschal laut. Die Anzahl der Musiker mag überwältigen (und das ist sicher die Intention); der musikalische Mehrwert ist zweifelhaft. Man hätte die Organistin gern auch einmal unbegleitet gehört. Dafür muss man bis zur Zugabe warten. Der unbestrittene Star des Abends ist Anna Lapwood natürlich dennoch. Mit unbändiger Energie betritt sie das Podium, rennt und springt dafür die Treppen hinunter, hüpft auf und ab und greift schnell zum Mikrophon. Sie ist eine gute Entertainerin, begrüßt das Publikum mit ein paar deutschen Sätzen, um dann in englischer Sprache quirlig das folgende Werk anzukündigen. Der Spieltisch steht zentral auf der Bühne (nach der Pause wird er an die Seite gerückt, im Sichtfeld ist die Organistin aber auch dann). Auch das zweite Stück des Abends stammt aus der Feder von Hans Zimmer, eine Suite aus dem Film Interstellar. Lapwood bittet das Publikum, die Smartphones zu zücken, um später auf ein Zeichen die "Taschenlampe" - das Wort sagt sie auf Deutsch - einzuschalten und so den Eindruck eines Sternenhimmels zu erzeugen. Was dann tatsächlich ganz hübsch aussieht. Die Grenzen zwischen Konzert und Show verschwimmen.
Anna Lapwood
Der unbestrittene Star des Abends ist Anna Lapwood natürlich dennoch. Mit unbändiger Energie betritt sie das Podium, rennt und springt dafür die Treppen hinunter, hüpft auf und ab und greift schnell zum Mikrophon. Sie ist eine gute Entertainerin, begrüßt das Publikum mit ein paar deutschen Sätzen, um dann in englischer Sprache quirlig das folgende Werk anzukündigen. Der Spieltisch steht zentral auf der Bühne (nach der Pause wird er an die Seite gerückt, im Sichtfeld ist die Organistin aber auch dann). Auch das zweite Stück des Abends stammt aus der Feder von Hans Zimmer, eine Suite aus dem Film Interstellar. Lapwood bittet das Publikum, die Smartphones zu zücken, um später auf ein Zeichen die "Taschenlampe" - das Wort sagt sie auf Deutsch - einzuschalten und so den Eindruck eines Sternenhimmels zu erzeugen. Was dann tatsächlich ganz hübsch aussieht. Die Grenzen zwischen Konzert und Show verschwimmen. Cosmology von Max Richter ist ein viersätziges Werk für Orgel, Orchester und Frauenchor und hat eine Reise durchs All zum Thema. Von der minimal music hat der Komponist die Eingängigkeit von häufig wiederholten Strukturen abgelauscht, was etwas Einlullendes hat. Der Mädchenchor am Essener Dom (in der Essener Philharmonie ist das gleiche Programm ein paar Tage zuvor aufgeführt worden) steuert ätherische Vokalisen bei und mischt später ein paar sanfte Dissonanzen unter die gefällige Harmonik. Im Finale liegt der Choral Wachet auf, ruft uns die Stimme, auch als Vokalise vom Chor gesungen, schwebend über den Instrumenten, ziemlich offen, was unbestechlich klare Intonation erfordert. Die jungen Sängerinnen schlagen sich achtbar. Nach der Pause folgt der konventionelle Konzertteil: Die dritte Symphonie von Camille Saint-Saëns, die "Orgelsymphonie". Auch hier führt Lapwood in das Stück ein, singt das Hauptthema vor und kokettiert damit, dass sie die meiste Zeit damit verbringen werde, Takte zu zählen. Das Philharmonia Orchestra spielt unter der Leitung von Kerem Hasan, dem designierten Karlsruher Generalmusikdirektor, mit nach vorn drängender Energie und nervöser Spannung. Hasans straffes Dirigat lässt die Musik konzentriert und klar klingen. Die ausgezeichneten Bläser des Orchesters spielen mit großer Präzision. Lapwood bewältigt ihren Part mit großer Souveränität, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Wie bei allen Stücken kostet sie die tiefen Register aus, in denen der Orgelklang eine große Körperlichkeit besitzt. Die Zugabe ist dann ein kleines Solo-Stück von John Powell (aus dem Film Drachenzähmen leicht gemacht) in hohem Tempo, wobei man den Eindruck hat, dass Lapwood am liebsten noch eine Spur schneller spielen würde - nicht der Virtuosität, sondern ihrer kaum zu bändigenden Energie wegen. Ihr Spiel zeigt nie auch nur eine Spur von Behäbigkeit, dafür immer unbändige Freude an der Musik. Diese Unmittelbarkeit gehört auch zum Phänomen Lapwood. Dass sie einem befreundeten Paar im Publikum zur bevorstehenden Hochzeit gratuliert und die Hände zum Herz formt, ist Bestandteil der ganz eigenen Atmosphäre. Popkultur und Klassik sind sich ganz nah, nicht nur musikalisch. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
AusführendeAnna Lapwood, OrgelMädchenchor am Essener Dom Einstudierung: Steffen Schreyer Philharmonia Orchestra Leitung: Kerem Hasan WerkeHans Zimmer:Chevaliers de Sangreal aus dem Film The Da Vinci Code für Orgel und Orchester Bearbeitung: Anna Lapwood Hans Zimmer: Suite aus dem Film Interstellar für Orgel und Orchester Bearbeitung: Anna Lapwood Max Richter: Cosmology für Orgel, Orchester und Frauenchor Camille Saint-Saëns: Sinfonie Nr. 3 c-Moll op. 78 Orgelsinfonie Zugabe: John Powell: Test Drive aus dem Film How to Train Your Dragon (Drachenzähmen leicht gemacht) Bearbeitung für Orgel: Anna Lapwood
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