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Ring für den scheidenden GMD Von Claudia Stockmann / Fotos: © Sinfonieorchester Wuppertal (Yannick Dietrich)
Was vor fünf Monaten mit dem Rheingold in der Historischen Stadthalle in
Wuppertal begann, kommt nun mit dem letzten Ring-Teil, der
Götterdämmerung, zu einem krönenden Abschluss. Man fragt sich, wer hier wem
eigentlich das größere Geschenk gemacht hat, der zum Ende der Spielzeit
scheidende Generalmusikdirektor Patrick Hahn mit einem Mammut-Projekt, das man
fast 40 Jahre in seiner Gänze an der Wupper nicht mehr erlebt hat, oder das
Publikum, das Hahn wie einen Superstar mit tosendem Applaus feiert. Symbolisch
überreicht Catherine Foster beim Schlussapplaus Hahn den Ring, der natürlich
nach dem Weltenbrand vom Fluch gereinigt sein dürfte. Aber nicht nur diese Geste
geht über einen rein konzertanten Zyklus hinaus. Hahn hat mit dem
Sinfonieorchester Wuppertal und einem großartigen Ensemble im Rahmen der
Sinfoniekonzerte in der Historischen Stadthalle ein Mammut-Projekt entstehen
lassen, das andernorts sicherlich bereits als halbszenisch bezeichnet würde. Dafür hat Hahn gemeinsam mit dem Dramaturgen und Produktionsleiter Fabio
Rickenmann und dem Lichtdesigner Pascal Schüller ein Konzept entwickelt, das
weit über eine rein konzertante Präsentation hinausgeht. Es wird nicht nur
größtenteils auswendig gesungen, sondern auch der ganze Saal in der Stadthalle
wird quasi bespielt.
Hinzu kommt ein ausgeklügeltes Lichtdesign in großartigen Farben, das mal die
pittoreske bemalte Decke des Saals durchflutet, mal in den Farben Blau, Rot oder
Grün Reminiszenzen an die vorherigen Ring-Teile liefert und wie diverse
Leitthemen in der Musik funktioniert. Das wird direkt im Prolog in der
Nornenszene deutlich. Wenn musikalisch Themen aus dem Rheingold
aufgenommen werden, schimmert alles in Blau, während der von Feuer umgebene
Walküre-Felsen in Rot leuchtet. Während sich die erste Norn umherblickend ihren
Weg durch den Saal zur Rampe bahnt, treten die anderen beiden Nornen auf der
linken und rechten Galerie auf, bevor sie sich alle schließlich zum Weitergeben des
Seils an der Rampe vor dem Orchester zusammenfinden. Dabei tragen sie rote Tücher, die wie
ein Seil benutzt werden und schließlich fallen gelassen werden, wenn das Seil
reißt. Deniz Uzun, die bereits als Erda im Siegfried mit
dunkel gefärbtem Mezzosopran, der fast schon in die Altlage reicht, begeisterte,
glänzt auch als erste Norn mit sauberer Diktion. Edith Grossman und Sofia Fomina
lassen gemeinsam mit Uzun diese Erzählung zum ersten musikalischen Höhepunkt der
Vorstellung avancieren.
Benjamin Bruns als Siegfried
Doch es geht direkt auf Spitzenniveau weiter im Prolog. Was man von Catherine
Foster als Brünnhilde erwarten darf, hat man schon in zahlreichen Ring-Produktionen
erleben dürfen. Benjamin Bruns hingegen debütiert in der Partie des Siegfried,
und schon direkt von Anfang an wird klar, dass dies nicht das letzte Mal sein
wird, dass er sich dieser Partie widmen wird. Immerhin steht bereits fest,
dass er im Ring an der Bayerischen Staatsoper in der kommenden Spielzeit
den Siegfried übernehmen wird. Sein Heldentenor klingt absolut frisch und
strahlend und zeichnet sich durch eine wunderbar deutliche Diktion aus. Da wird
nicht forciert, sondern in sauberen Höhen zelebriert. Es stört auch nicht
weiter, dass Bruns als einziger in der Produktion permanent mit Textbuch auftritt.
Er bleibt trotzdem ein Held, wie ihn Wagner sich stimmlich vorgestellt haben dürfte. Zu
Beginn treten er und Foster auf der Chorempore auf und nehmen feierlich dort
Platz, wo Siegfried im vorherigen Teil Brünnhilde erweckt hat. Doch es drängt
ihn nach neuen Abenteuern. Also schreitet er durch das Orchester zur Rampe, um
von Brünnhilde leidenschaftlich Abschied zu nehmen. Foster glänzt mit
strahlenden Höhen, die in dieser Passage beinahe lyrisch anmuten. Schließlich
ist sie hier noch ganz die sanft liebende Frau, was sich im weiteren Verlauf
ändern wird.
Gunther (Joachim Goltz) und Gutrune (Sofia Fomina)
(am Pult: Patrick Hahn)
Joachim Goltz übernimmt dieses Mal nicht nur wie in den vorherigen Teilen die
Partie des Alberich, sondern begeistert auch als Gunther mit kraftvollem Bariton
und großartiger Textverständlichkeit. Dabei spielt er den zunächst recht
selbstverliebten Charakter der Figur glaubhaft aus. Ain Anger wirkt mit seinem
schwarzen Bass als Gunthers Halbbruder Hagen von Anfang an undurchschaubar und
zwielichtig. Großartig manipuliert er Gunther und dessen leicht naive Schwester
Gutrune, die von Sofia Fomina mit warmem, lieblichem Sopran interpretiert wird.
Auch wenn es dramaturgisch absolut undurchsichtig bleibt, wieso Gunther und
Gutrune nicht mitbekommen sollen, dass Siegfried von Brünnhilde kommt, die er
durch Gutrunes Trank vollkommen vergisst, wird auch diese Szene musikalisch
großartig umgesetzt. Wenn Siegfried dann in Gestalt Gunthers Brünnhilde erobert,
tritt Gunther auf der Chorempore auf, während Bruns von der Galerie singt. Dabei
legt er seinen Tenor in diesem Teil deutlich dunkler an, so dass er fast schon baritonal klingt, was die Täuschung auch musikalisch nachvollziehbarer macht.
Brünnhilde (Catherine Foster, rechts) und
Waltraute (Karen Cargill, links)
Zuvor hat Foster allerdings noch eine großartige Szene mit Karen Cargill als
Waltraute. Cargill schleicht durch den Saal zu ihrer Schwester, und zunächst
gibt es ein freudiges Wiedersehen zwischen den beiden, was Foster und Cargill
sehr glaubhaft zelebrieren. Mit absolut klarer Diktion präsentiert Cargill dann
die Erzählung der Waltraute, die Brünnhilde dazu bewegen soll, den Ring an die
Rheintöchter zu geben. Doch noch will Brünnhilde nichts davon wissen, und so
kommt es zum Streit zwischen den beiden, so dass Waltraute schließlich
unverrichteter Dinge von dannen ziehen muss.
Hagen (Ain Anger)
Zu Beginn des zweiten Aufzugs hat Goltz dann einen großartigen Auftritt als
Alberich, der seinem Sohn Hagen im Traum erscheint. Anger sitzt als Hagen
schlafend auf einem Stuhl an der Rampe, während sich Alberich auf der Chorempore
heranschleicht, aber in einer gewissen Entfernung bleibt, um die
Traumerscheinung deutlich zu machen. Anger scheint im Gespräch mit seinem Vater
gegen seine eigenen Dämonen zu kämpfen, während Goltz seinen Sohn nur für seine
eigenen Zwecke benutzen will. Musikalisch und darstellerisch geht die Szene
zwischen Goltz und Anger unter die Haut, bis Anger sich schließlich befreit und
seinem Vater klar macht, dass er seine eigenen Ziele verfolgen wird. Da helfen
auch Alberichs letzte Worte "Sei treu!" nichts mehr. Der Herrenchor der
Wuppertaler Bühnen wird in der folgenden Szene von der Kartäuserkantorei Köln
unterstützt und begeistert wie auch später im dritten Aufzug durch fulminanten
Klang und große Textverständlichkeit. Foster vollzieht dann im zweiten Aufzug
einen Wandel zu einer rasenden Furie. Hat es zunächst noch komische Züge, wenn
sie Gunther in seine Schranken weist, lässt das Terzett zwischen Foster, Anger
und Goltz, in dem Brünnhilde, Hagen und Gunther Siegfrieds Tod beschließen,
einen regelrechten Schauer über den Rücken laufen. Foster durchlebt als
Brünnhilde die Szene mit jeder Faser ihres Körpers und glänzt durch harte Höhen.
Anger hat mit schwarzem Bass noch das Gefühl, als Hagen die Zügel in der Hand zu
halten, während Goltz als Gunther allmählich unsicher wird, ob wirklich für sein
Recht gestritten wird.
"Starke Scheite schichtet mir dort": Brünnhilde
(Catherine Foster
Juliana Zara, Edith Grossman und Marta Herman kennt man als Rheintöchter schon aus dem Rheingold. Auch in der
Götterdämmerung überzeugen sie durch homogenen Klang und nahezu
einlullenden Gesang. Doch ihr Charme verfängt nicht bei Siegfried. In der folgenden
Waldvogelerzählung glänzt Bruns durch helle Höhen, die absolut unangestrengt
klingen, bis die Erinnerung dann zurückkommt und Hagen Siegfried hinterrücks
ersticht. "Siegfrieds Tod" ist dann ein absolutes Glanzstück des
Sinfonieorchesters Wuppertal, das Hahn mit dramatischer Wucht durch die Passage
führt. Es kommt zum anschließenden Showdown, bei dem Hagen Gunther tötet und
Gutrune am Leichnam ihres Gatten zusammenbricht, bevor Brünnhilde erscheint und
dem Treiben Einhalt gebietet. Mit großer Variation präsentiert Foster den
Schlussgesang Brünnhildes und changiert zwischen zarten Tönen und dramatischen
Höhen. Beim Weltenbrand zieht Hahn mit dem Orchester noch einmal alle Register,
was durch zahlreiche Lichteffekte im Saal und an der Decke unterstützt wird.
Hagen versucht von der Galerie noch den in den Fluten untergehenden Ring zu
erhaschen, doch die Rheintöchter ziehen ihn von der Galerie. So mündet alles in
der Hoffnung auf eine bessere Welt, die mit den emotionalen Klängen des
Orchesters zu Tränen rührt. Die Begeisterung des Publikums entlädt sich in
tosendem Applaus.
FAZIT |
Produktionsteam
Musikalische Leitung und Lichtdesign Dramaturgie, Produktionsleitung und
Lichtdesign
Einstudierung Opernchor
Einstudierung Kartäuserkantorei
Sinfonieorchester Wuppertal Opernchor der Kartäuserkantorei Köln Solistinnen und SolistenBrünnhilde Siegfried Hagen Gunther / Alberich Gutrune / Dritte Norn Waltraute Erste Norn Zweite Norn / Wellgunde Woglinde Floßhilde
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- Fine -