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Stimmgewaltiges "Intermezzo" Von Claudia Stockmann / Fotos: © Sinfonieorchester Wuppertal (Yannick Dietrich)
Zwischen dem Rheingold und der Walküre vergeht inhaltlich ein
ähnlich langer Zeitraum wie zwischen der Walküre und Siegfried.
Zunächst muss Wotan nach dem ersten Teil der Tetralogie die Wälsungen zeugen,
die ein tragisches Schicksal erleiden. Dann wird nach dem zweiten Teil Siegfried
geboren und wächst elternlos im Wald bei dem missgünstigen Nibelungen Mime zu
einem furchtlosen jungen Mann heran, bevor der dritte Teil beginnt. Was die
Entstehung der Komposition betrifft, dauerte es ebenfalls fast 20 Jahre, bis
Wagner die Partitur zum Siegfried abgeschlossen hatte und die Oper im
Rahmen eines Zyklus zur Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele 1876
zur Uraufführung gelangte. 1857 hatte er nämlich nach dem Abschluss des zweiten
Aufzugs die Arbeit am Siegfried abgebrochen, um sich "leichter" zu
realisierenden Werken wie Tristan und Isolde sowie den Meistersingern
von Nürnberg zu widmen. Als sein größter Förderer, der bayerische König
Ludwig II. schließlich den Bau des Festspielhauses in Bayreuth zusicherte, nahm
Wagner die Arbeit an der Komposition wieder auf und hatte eigentlich die
Hoffnung, dass sein Siegfried als populärstes Ring-Stück am
ehesten ein Eigenleben führen werde. Doch der scherzohafte Ton in der Musik und
der märchenhafte Charakter mit seinen teilweise recht komischen Elementen führte
dazu, dass Cosima Wagner das Werk in ihren Tagebüchern nur als "eine Art Intermezzo"
bezeichnete, das einen starken Kontrast zu den beiden weitaus dramatischeren
Teilen Die Walküre und Götterdämmerung bildet. In der Historischen
Stadthalle in Wuppertal muss man nur einen Monat warten, bis
Siegfried zum jugendlichen furchtlosen Helden herangewachsen ist und der dritte
Teil im Rahmen der Sinfoniekonzerte unter der Leitung des scheidenden Generalmusikdirektors Patrick
Hahn präsentiert wird.
Um nicht eine rein konzertante Aufführung zu präsentieren, hat Hahn neben Fabio
Rickenmann für die Dramaturgie, Produktionsleitung und besonderen Lichteffekte
noch Amanda Haberpeuntner und Pascal Schüller ins Boot geholt, die neben dem
musikalischen Genuss die Produktion durch szenische Elemente erweitern sollen.
Wie schon in den vorangegangenen beiden Teilen wird eindrucksvoll demonstriert,
wie viel mit einem geschickten Lichtdesign "gezaubert" werden kann. Als Amboss
in Mimes Schmiede fungiert außerdem ein ausrangiertes Stück Schiene der Wuppertaler
Schwebebahn, um der Aufführung auch noch einen lokalen Bezug zu geben. Als
"Bühne" werden neben der Rampe wieder die Chorempore hinter dem Orchester, die Galerien und der
ganze Saal im Parkett für Auftritte der Sängerinnen und Sänger genutzt. Beim
Waldvogel, der von der oberen Galerie zu Siegfried "herabzwitschert", passt das
genauso gut wie bei Brünnhilde, die auf der Chorempore dort erwacht, wo ihr
Göttervater Wotan sie in der Walküre in tiefen Schlaf versetzt hat.
Wieso Erda zu Beginn des dritten Aufzugs ebenfalls in der oberen Galerie
auftritt, bleibt hingegen ein Rätsel, weil der Wanderer / Wotan sie ja
schließlich aus tiefster Erde heraufruft. Da wäre ein direkter Auftritt vor dem
Orchester passender gewesen, was den musikalischen Genuss des Abends aber
keineswegs stört.
Siegfried (Corby Welch, rechts) und Mime
(Christian Elsner, links) haben Streit.
Hahn macht mit dem Sinfonieorchester Wuppertal direkt vom ersten Ton an
deutlich, welch hohes Niveau hier aufgefahren wird. Das Vorspiel wird so schwarz
und düster vom Orchester angesetzt, dass man im Gegensatz zu Siegfried direkt
das Fürchten lernt. Da wird auch auf faszinierende Lichtspiele an der
pittoresken Decke des Saals verzichtet. Hier bleibt alles dunkel und kalt.
Stattdessen gibt es Lichteffekte auf der Chorempore. So erstrahlen die Pfeifen
der gewaltigen Orgel in kaltem Silber, das sich mit feuerrotem Schein an der
Rückwand abwechselt: Man meint, in der Schmiede des Nibelungen Mime zu sein,
und spürt in dem Lichtspiel seine Mühe, ein Schwert zu schmieden, mit dem
Siegfried den Drachen Fafner besiegen kann. Christian Elsner ist relativ
kurzfristig für den erkrankten Cornel Frey als Mime eingesprungen, weswegen er
vielleicht ein wenig häufiger einen Blick in das Libretto auf einem Notenpult
wirft als die übrigen Darsteller. Sein Tenor ist weniger schneidend und näselnd,
als
man es bisweilen von einem Mime-Darsteller gewohnt ist, sondern klingt durchaus etwas
härter, was den Zwerg als ernstzunehmenden und gefährlichen Gegner
charakterisiert. Dabei bleibt er der ungezügelten Kraft eines Siegfried
allerdings in jedem Moment unterlegen, was Corby Welch in der Titelpartie direkt
beim ersten Auftritt mit kraftvollem Heldentenor klarstellt. Welch hat stimmlich
das Potenzial für den ungehobelten Jüngling, der seinen Weg noch nicht gefunden
hat und gegen seinen Ziehvater heftig rebelliert.
Michael Kupfer-Radecky als Wanderer
Michael Kupfer-Radecky fügt seinen zahlreichen Wotan-Darstellungen nun auch die
Partie des Wanderers hinzu und begeistert mit klarer Diktion und dunkler
Stimmfärbung. Wie aus dem Nichts taucht er durch den Saal auf und beginnt die
Fragerunde mit Mime. Sowohl bei Kupfer-Radecky als auch bei Elsner ist in dieser
Szene die großartige Textverständlichkeit zu rühmen. Auch wenn man dieses
Frage-Quiz dramaturgisch als absolut unnötig betrachten kann, wird es
musikalisch von den beiden glanzvoll umgesetzt. Mit Lichteffekten wird versucht,
in diese Szene noch ein wenig Abwechslung zu bringen. In der anschließenden
Schmiedeszene laufen Elsner und Welch dann stimmlich zur Höchstform auf. Welch
versucht den Prozess, auch ohne Requisiten darstellerisch anzudeuten. Sein Tenor
lässt in dieser anstrengenden Szene keinerlei Schwäche erkennen, bis ein
imaginäres neu geschmiedetes Schwert Nothung schließlich erstrahlt, mit dem die
beiden von der Bühne in den Wald eilen, was vom Publikum mit frenetischem
Applaus gefeiert wird.
Siegfried (Corby Welch) versucht, mit dem
Waldvogel in Kontakt zu treten.
Der zweite Aufzug beginnt dann bereits vor dem eigentlichen Stück. Joachim Goltz
durchwandert als Alberich die Chorempore. Er befindet sich folglich schon vor
dem eigentlichen Anfang des Aufzuges vor Fafners Höhle und bewacht sie. Als der
Wanderer auftritt, kommt Alberich durch das Orchester nach vorne, weil er
fürchtet, Wotan werde sich nicht an die von ihm selbst aufgestellten Gesetze
halten. Goltz und Kupfer-Radecky liefern sich hier mit dunklem Bariton einen
großartigen Schlagabtausch. Kurt Rydl tritt als Fafner hier nicht auf, sondern
singt verstärkt aus dem Off mit großem Hall, was dem gewaltigen Riesenwurm noch
mehr Ausdruck verleiht. Wie bei Alberichs Verwandlung im Rheingold wird
durch Lichteffekte auf der Orgel eine Fratze erzeugt, die den Kopf des
Riesenwurms andeutet. Beim anschließenden Waldweben verteilt sich ein grüner
Lichtteppich, der zunächst nur die Chorempore angestrahlt hat, über die Decke
des Saals und lässt in ein wunderbares Idyll eintauchen. Hier hört Siegfried zum
ersten Mal den Waldvogel, den er mit einer aus einem Rohr geschnitzten Flöte zu
imitieren versucht. Als Rohr dient ein Blasinstrument, das er vom Dirigentenpult
holt. Mit großartiger Komik sucht er den Kontakt zum Waldvogel, wobei das
Englischhorn im Orchester wirklich sein Bestes gibt, keinen Ton sauber
zu treffen, so dass Siegfried schließlich nur das Horn bleibt. Ein Hornist tritt
in der Chorempore auf und lässt mit sauberem Klang sein Instrument erschallen,
was schließlich den Drachen Fafner anlockt.
Auf einen Kampf wird verzichtet. Durch das Drachenblut kann Siegfried aber
anschließend die Sprache des Waldvogels verstehen. Hier hat man in Wuppertal
eine fragwürdige Entscheidung getroffen und die Partie des Waldvogels mit einem
Knabensopran von der Chorakademie Dortmund besetzt. Cornelius Park verfügt über
einen jugendlich frischen und für sein Alter sehr kraftvollen Sopran, der für
einen der drei Knaben in der Zauberflöte sicherlich grandios wäre. Bei
den schnellen Läufen des Waldvogels ist er allerdings ein wenig überfordert und
bleibt in der Diktion ein wenig undeutlich. Dennoch begeistert er mit keckem
Spiel und zeigt sich sehr willensstark, wenn er Siegfried den Weg zum
Walkürenfelsen weisen will und Siegfried immer wieder der Meinung ist, in eine
andere Richtung laufen zu müssen.
Brünnhilde (Stéphanie Müther) erwacht.
Der dritte Aufzug beginnt dann mit einem weiteren musikalischen Höhepunkt, der
Szene zwischen Erda und dem Wanderer. Deniz Uzun verfügt über einen satten
Mezzosopran, der in der fortschreitenden Auseinandersetzung mit Kupfer-Radecky
immer mehr an Schärfe gewinnt. Kupfer-Radecky macht mit hartem Bariton deutlich,
dass sich der Wanderer nicht von Erda kritisieren lässt und weist sie barsch in
ihre Schranken. Das alles wird vom kämpferischen Klang des Sinfonieorchesters
großartig untermalt. Während es Wotan gelingt, Erda wieder in die Tiefe zu
verbannen, ist er bei seinem Enkel weniger erfolgreich. So muss er schließlich
frustriert abtreten, während sich Siegfried den Weg zur schlafenden Brünnhilde
bahnt. Welch verfügt auch nach knappen fünf Stunden immer noch über enorme
stimmliche Reserven in den Spitzentönen. Nur bei den leiseren Tönen wirkt seine
Stimme stellenweise angestrengt. Stéphanie Müther erwacht dann als Brünnhilde
mit strahlendem Sopran und vollen Höhen aus ihrem jahrelangen Schlaf. Glücklich
wandelt sie durch das Orchester zur Rampe, um sich dort mit Siegfried einen
musikalisch großartigen Schlagabtausch zu liefern, bis die beiden sich endlich
bei "leuchtender Liebe" und "lachendem Tod" glücklich in den Armen liegen. Da
bricht dann auch das Publikum wie nach den beiden vorherigen Auszügen in
großen Jubel aus.
FAZIT |
Produktionsteam
Musikalische Leitung und Lichtdesign Dramaturgie, Produktionsleitung und
Lichtdesign
Sinfonieorchester Wuppertal Solistinnen und SolistenSiegfried Mime Wanderer / Wotan Brünnhilde Alberich Fafner Erda Waldvogel
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- Fine -