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Liedgut vom Barock bis zur Gegenwart
Von Thomas Molke / Foto: © Julia Wesely Die in Brünn geborene Mezzosopranistin Magdalena Kožená ist seit vielen Jahren ein gern gesehener Gast in der Philharmonie Essen in den beiden beliebten Reihen "Alte Musik bei Kerzenschein" und "Große Stimmen". Häufig erscheint die Sängerin, die ein breites Spektrum von Barockmusik bis zu zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten abdeckt, hier mit einem renommierten Barock-Ensemble. Doch für ihr neues Programm hat sie nur Azul Lima als Begleitung an der Theorbe und der Gitarre mitgebracht. Daher sind die Bühne und das Parkett der Philharmonie komplett hochgefahren, und das Publikum ist auf der Bühne und der dahinter liegenden Chorempore im Halbrund positioniert. So kommt man der Solistin nicht nur besonders nahe, sondern erlebt auch in der Reihe "Große Stimmen" einen sehr intimen und dabei intensiven Abend. Kožená hat dafür einen breiten Bogen von Barockarien bis hin zu zeitgenössischer Musik gespannt, die bei der hervorragenden Begleitung durch Azul Lima an der Theorbe musikalisch nichts vermissen lässt. Magdalena Kožená Der erste Teil vor der Pause wird mit Kompositionen von Henry Purcell eingerahmt. Den Anfang machen zwei Lieder aus unterschiedlichen Schauspielmusiken, die der als Orpheus Britannicus bezeichnete englische Komponist kreiert hat. Mit "Music for a while" gibt Kožená gewissermaßen auch das Motto des Abends vor. Das Publikum soll sich in die Musik regelrecht fallen lassen und für eine kurze Zeit alle Sorgen vergessen. Dabei wählt Kožená einen sehr sanften Einstieg, der sich durch ihren warmen Mezzosopran allmählich zu einem vollen und runden Klang erweitert. Die Arie stammt aus der Schauspielmusik zu dem Drama Oedipus, das diese zarten Klänge zur Verarbeitung der tragischen Geschichte durchaus nötig hat. Sehr lautmalerisch zeichnet sie anschließend den intensiven Kuss der Geliebten in der Arie "Sweeter than roses" aus der Schauspielmusik Pausanias. Vor der Pause präsentiert sie dann die berühmte Arie der Dido aus Purcells Oper Dido and Aeneas. Hier wählt Kožená allerdings einen Ansatz, der der sterbenden Dido nicht wirklich gerecht wird. In den hohen Tönen hätte etwas mehr Zerbrechlichkeit und Zartheit das Gefühl der verlassenen und verzweifelten Königin besser eingefangen. Dass Kožená durchaus zu zarten Tönen fähig ist, hat sie bereits vorher in John Dowlands Lied "In darkness let me dwell" bewiesen. Das lyrische Ich träumt darin davon, fernab von jeder Freude das restliche Leben in Einsamkeit und Dunkelheit zu verbringen und damit den Tod vorwegzunehmen. Koženás melancholische Interpretation geht dabei unter die Haut und korrespondiert wunderbar mit dem intensiven Spiel von Lima an der Theorbe. Als Entdeckung dürfen die beiden Lieder von Tarquinio Merula, einem Meister des italienischen Frühbarocks, bezeichnet werden, weil sie eine enorme Bandbreite aufweisen. Vor der Pause präsentiert Kožená von ihm ein christliches Wiegenlied, in dem die Mutter Maria ihr Baby in den Schlaf wiegt und bereits die Qualen, die das göttliche Kind später über sich ergehen lassen muss, in ihrem geistigen Auge vorwegnimmt. Hier entwickelt Kožená im Gesang große Dramatik. Von einem ganz anderen Duktus ist die heitere Canzonetta von Merula, mit der Kožená den offiziellen Teil des Abends beschließt. Hier kommt ein abgewiesener Liebhaber zu Wort, der am Ende die Stadt verlässt, um sich nicht weiter mit dem Rivalen messen zu müssen. Kožená schlägt dabei recht heitere Töne an. Dazwischen macht Kožená auch einige Ausflüge in die Moderne. Von Brett Dean präsentiert sie die Gertrude Fragments, die als Liederzyklus für Mezzosopran und Gitarre 2017 als Nebenprodukt seiner Oper Hamlet entstanden. Darin kommt Hamlets Mutter Gertrude in fünf Liedern zu Wort. Auch hier gelingt Kožená eine sehr intensive, zeitgenössische Interpretation. Luciano Berios 1966 komponierte "Sequenza III" für eine Frauenstimme ist sicherlich Geschmacksache. Dabei verschwimmt die Grenze zwischen Sprech- und Singstimme und fordert Kožená auch weitere Lautäußerungen wie Zähneklappern, Schnalzen, Zungentriller gegen die Oberlippe, Husten und Lachen ab, die sie allesamt großartig meistert. Für die Ohren angenehmer ist aber auf jeden Fall Barbara Strozzis Lamento "Lagrime mie", in der das Schluchzen der Interpretin lautmalerisch komponiert ist, was von Kožená bewegend umgesetzt wird. Verbunden werden die einzelnen Nummern durch Lautenmusik von Giovanni Kapsberger und Improvisationen von Azul Lima, die teilweise bruchlos in das folgende Lied übergehen. Das Publikum zeigt sich von dem kurzweiligen Abend sehr begeistert und fordert natürlich noch Zugaben ein. Hierfür hat Kožená zwei Stücke von Monteverdi mitgebracht, die man in Essen bereits vor zwölf Jahren bei ihrem Konzert genießen konnte. Den Anfang macht "Quel sguardo sdegnosetto" aus Scherzi musicali. Sehr zur Freude eines großen Teils des Publikums folgt dann noch "Si dolce è'l tormento", mit dem Kožená und Lima den Abend dann ausklingen lassen.
FAZIT Magdalena Kožená zeigt mit diesem Abend eine große Bandbreite vom Barock bis zu zeitgenössischer Musik und hat mit Azul Lima einen kongenialen Begleiter an der Theorbe. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
AusführendeMagdalena Kožená, Mezzosopran Azul Lima, Theorbe und Gitarre WerkeHenry Purcell
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