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Barocke Hits in Folge Von Thomas Molke Während in Karlsruhe gerade die Internationalen Händel-Festspiele stattfinden, wird auch in der Philharmonie Essen der berühmte Hallenser Komponist gefeiert. Auf dem Programm steht hier eine konzertante Aufführung von Giulio Cesare in Egitto im Rahmen der beiden Reihen "Große Stimmen" und "Alte Musik bei Kerzenschein" vor nahezu ausverkauftem Haus. Das Werk zählt zu seinen erfolgreichsten Opern, mit der Händel in London eine Sonderstellung erlangte, die ihn weit über das übrige Opernschaffen der Zeit hob, was nicht zuletzt der Besetzung bei der Uraufführung am 20. Februar 1724 im King's Theatre am Londoner Haymarket mit Senesino in der Titelpartie und Francesca Cuzzoni als Cleopatra zu verdanken war. Auch heute gehört das Stück noch zu den am meisten gespielten Händel-Opern auf internationalen Bühnen, was vor allem an den zahlreichen ausgearbeiteten musikalischen Nummern liegt, die einen außerordentlichen Einfallsreichtum aufweisen und von einem für die damalige Zeit sehr aufwändig besetzten Orchester getragen wird. So stand das Werk auch in der Philharmonie Essen zuletzt vor acht Spielzeiten auf dem Programm. Die Oper handelt von der berühmten Liebesgeschichte zwischen Gaius Julius Caesar (Giulio Cesare) und der ägyptischen Königin Kleopatra (Cleopatra) am Ende des römischen Bürgerkriegs. Cesare hat seinen Gegner Pompeo besiegt und ist diesem nach Ägypten gefolgt. Tolomeo, der dort mit seiner Schwester Cleopatra um die Königskrone streitet, sucht in Cesare einen Verbündeten, indem er ihm das abgeschlagene Haupt Pompeos als Geschenk überreicht. Doch dieses Geschenk zeigt nicht die erhoffte Wirkung. Des Weiteren ist Cesare den Reizen Cleopatras zugetan, so dass Tolomeo einen Anschlag auf den römischen Feldherrn verübt und anschließend seine Schwester Cleopatra einsperren lässt. Doch Cesare rettet sich durch einen Sprung ins Meer, entkommt den Fluten und fügt Tolomeos Truppen eine entscheidende Niederlage zu. Tolomeo selbst wird von Pompeos Sohn Sesto aus Rache für den Mord an seinem Vater getötet. Cornelia, Pompeos Witwe, und Cleopatra werden aus der Gefangenschaft befreit. Cleopatra und Cesare schwören sich ewige Liebe. Dafür darf sie als tributpflichtige Königin von Roms Gnaden den ägyptischen Thron besteigen. Musikalisch begleitet wird der Abend von dem 2012 gegründeten Ensemble Il Pomo d'Oro, das sich auf Opern und Instrumentalwerke aus dem Barock und der Klassik spezialisiert hat und sich durch einen sehr luziden Klang auszeichnet. Die musikalische Leitung übernimmt Francesco Corti, der seit 2019 erster Gastdirigent des Ensembles ist. Da auf einen Chor bei der konzertanten Aufführung verzichtet wird, übernehmen die Solistinnen und Solisten am Anfang und Ende der Oper die beiden Chorpassagen, in denen jeweils Giulio Cesare gerühmt wird, mit fulminantem Klang. Beim Eingangschor reiht sich Jakub Józef Orliński, der in der Titelpartie des Cesare zu erleben ist, nicht in den Chorgesang ein, sondern zelebriert stattdessen nahezu szenisch Cesares folgenden triumphalen Auftritt. Dabei erweist er sich in zahlreichen Momenten als librettounabhängig und trägt die Partie in großen Teilen auswendig vor. Optisch nimmt man ihm dem strahlenden Herrscher in jedem Moment ab. Wenn er sich im dritten Akt aus den Fluten des Meeres gerettet hat, tritt er mit hochgekrempelten Hemdsärmeln ohne Sakko auf und vermittelt einen sehr zupackenden Eindruck. Auch musikalisch lässt Orliński keine Wünsche offen. Mit halsbrecherischen Koloraturen schleudert er in der großen Arie "Empio, dirò, tu sei, togliti" direkt zu Beginn des ersten Aktes Tolomeo seine ganze Verachtung entgegen, als dieser ihm den abgeschlagenen Kopf des Pompeo als Geschenk präsentiert, und changiert mit beweglichem Countertenor gekonnt zwischen Kopf- und Bruststimme. Eine sehr weiche Seite zeigt er dann, wenn er von Cleopatras vermeintlicher Dienerin Lydia umgarnt wird. Ein weiterer musikalischer Glanzpunkt stellt die Gleichnisarie "Va tacito e nascosto" im ersten Akt dar, wenn Cesare seinen Plan, gegen Tolomeo vorzugehen, mit einem Jäger vergleicht, der die Beute geschickt in die Falle lockt. Hier tritt Orliński in einen großartigen Dialog mit dem Hornisten, der für diese Szene an die Rampe vor das Orchester tritt. Auch im zweiten Akt kann Orliński stimmlich glänzen und punktet durch variable Stimmführung, wenn er sich erst sanft von Cleopatras Reizen einlullen lässt und anschließen mit beweglichen Koloraturen große Dramatik versprüht, als er plötzlich von Feinden umstellt ist. Nach seiner Rettung im dritten Akt begeistert er mit einem bewegend interpretierten und weich angesetzten "Quel torrente, che cade dal monte", bevor er im großen Schluss-Duett mit Cleopatra beim "Bella" noch einmal vollen vokalen Glanz verströmen lässt. Sabine Devieilhe verfügt als ägyptische Königin Cleopatra über einen sehr weichen Koloratursopran, der in den Höhen enorme Beweglichkeit sitzt. Auch ihr gelingt es stimmlich, die Vielschichtigkeit der Figur differenziert herauszuarbeiten. Sehr verführerisch lässt sie als vermeintliche Dienerin Lydia mit weich angesetzten Tönen Cesares Herz höher schlagen. Besonders betörend gelingt ihr Zusammenspiel mit der Sologeige, die das pittoreske Vogelgezwitscher im zweiten Akt aufnimmt und lautmalerisch das Bild einer friedlichen Idylle zeichnet, das schließlich jäh von Tolomeo und seinen Truppen gestört wird. Nahezu zerbrechlich klingt ihr Sopran dann in der großen Arie "Se pietà di me non senti" am Ende des zweiten Aktes, wenn sie glaubt, dass Cesare in den Fluten umgekommen ist, was von der Traversflöte bewegend untermalt wird. Große Tragik vermittelt sie dann im dritten Akt beim "Piangerò", wenn sie von Tolomeo gefangen genommen worden ist und sämtliche Hoffnung verloren hat. Nach ihrer Rettung wirken die folgenden Koloraturen allerdings ein bisschen zu zart. Hier hätte man sich für den triumphierenden Jubel mehr Glanz gewünscht. Auch im Schluss-Duett mit Orliński fällt sie stimmlich ein wenig ab. Während Devieilhe bei ihrer Interpretation auf das Libretto fokussiert ist, trägt Beth Taylor die Partie der Cornelia nahezu frei vor und begeistert durch große Intensität. Besonders in den Rezitativen wird deutlich, wie viel Hass und Verzweiflung in dieser Witwe steckt, die ertragen muss, dass der abgeschlagene Kopf ihres Mannes Cesare als Trophäe überreicht wird und dass der Verantwortliche Tolomeo sowie sein Diener Achilla sie es obendrein wagen, ihr leidenschaftlich Avancen zu machen. Brüsk setzt sie sich zur Wehr und ist bereit, bis zum Äußersten zu gehen, was Taylor mit dunklem, vollem Mezzosopran zum Ausdruck bringt. Rebecca Leggett verfügt als Sesto über einen jugendlich frischen Mezzosopran, der in den Arien durch kämpferische Koloraturen begeistert. Ein weiterer musikalischer Höhepunkt ist natürlich das große Duett der beiden am Ende des ersten Aktes "Son nata a lagrimar", wenn Sesto in den Kerker geführt wird und beide die Hoffnung auf Rache verloren haben. Hier bewegen Taylors und Leggetts Interpretation zutiefst. Yuriy Mynenko arbeitet den psychopathischen Charakter des Tolomeo und dessen Launenhaftigkeit mit kraftvoll angesetzten Koloraturen und fließendem Wechsel zwischen Kopf- und Bruststimme wunderbar heraus. Dabei macht er auch darstellerisch deutlich, dass man ihn als Gegner nicht unterschätzten sollte. Auch die kleineren Partien sind gut besetzt. Alex Rosen verfügt über einen dunklen Bass, der in den Läufen große Beweglichkeit besitzt. Wunderbar spielt er die Zurückweisungen Tolomeos aus, die schließlich dazu führen, dass er sterbend seinen Anführer verrät und sich doch noch auf die Seite Cesares schlägt. Auch die Arie von Cleopatras Diener Nireno wird nicht gestrichen. Rémy Brès-Feuillet überzeugt mit weichen Bögen und warmer Stimmführung. Marco Saccardin rundet als Curio das großartige Ensemble mit sicherem Bariton überzeugend ab, so dass es nach jedem Akt frenetischen Jubel und nach nahezu jeder Arie Szenenapplaus gibt, was kein Wunder ist, da in diesem Stück eine barocke Glanznummer die nächste jagt.
FAZIT Auch in einer konzertanten Aufführung wird deutlich, welches Potenzial in Händels Oper steckt und wieso das Werk relativ häufig auf den Spielplänen steht. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
ProduktionsteamMusikalische Leitung und Cembalo Il Pomo d'Oro Solistinnen und Solisten
Giulio Cesare
Cleopatra
Tolomeo
Cornelia
Sesto
Achilla
Curio
Nireno
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