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Ein Hymnus auf die Schöpfung
Von Stefan Schmöe / Fotos von Monika Rittershaus Sind das tatsächlich mehrere Hörner, acht an der Zahl, die man am Beginn dieser Symphonie hört? Die exzellente Horn-Gruppe der Berliner Philharmoniker spielt mit einer derart perfekten Homogenität, dass man meint, da ertöne ein einziges, ins Riesenhafte vergrößerte Instrument. Bei aller Entschiedenheit im Ausdruck klingt das marschartige Thema nicht martialisch, sondern beinahe weich, wie eine alles überwältigende und doch sanfte Naturgewalt. Und die nachfolgenden Trompetenfanfaren schlagen zwar präzise wie Blitze in diese Welt ein, aber nicht zerstörerisch. Die Symphonie erzähle eine Schöpfungsgeschichte, schreibt Susanne Stähr in der Werkeinführung im Programmheft. So, wie die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin die Schöpfung vor dem Ohr entstehen lassen, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr hinaus.
Yannick Nézet-Séguin
Nicht nur im Tutti glänzen die Hörner, auch Solo-Hornist Stefan Dohr verbringt mit unfassbar zartem Ansatz und weichem, gleichzeitig kraftvollem Ton Wunderdinge. Ebenso Posaunist Olaf Ott, und wenn der gegen Ende des ersten Satzes mit überragender Phrasierung ganz vorsichtig Zweifel anmeldet an der Vollkommenheit, dann nehmen sich die kecken Flöten und Oboen erschrocken zurück. Nézet-Séguin, der immer den großen romantischen Zusammenhang im Sinn hat und sich auch bei sorgfältiger Durchgestaltung nie in Details verliert, lässt das Orchester immer wieder wundersame Geschichten erzählen und stellt gleichzeitig die Architektur dieses monumentalen Werks heraus. Das Riesenorchester klingt durchweg transparent, die Lautstärken der Instrumentengruppen sind genau abgestimmt. Der Orchesterklang ist geschärft, aber auch wenn Mahler ein Instrument plötzlich im Forte oder Fortissimo herausplatzen lässt, klingt das pointiert und kraftvoll, dabei nie unangenehm scharf.
Joyce DiDonato
Den Beginn des zweiten Satzes spielt die Oboe näselnd wie eine Schalmei und interpretiert die Satzbezeichnung "Tempo di Menuetto. Sehr mäßig" betont behäbig - eine kurze, trugvolle Schäferidylle, auf deren Grundlage die Musik schnell umso mehr Fahrt aufnehmen kann. Das Posthorn-Solo im dritten Satz spielt Guillaume Jehl von irgendwo weit oben mit betörender Schönheit. Berückender kann Sehnsucht nach dem idealen Zustand, nach dem Aufgehen in der Natur, kaum klingen. Aber natürlich gibt es auch die großen Ausbrüche im Tutti-Fortissimo, die bei aller Kraft nicht lärmend klingen. Das Orchester laut werden zu lassen, ist das eine; aber Nézet-Séguin hat viel Gespür dafür, wie der Spannungsbogen danach hochgehalten werden kann. Über die Gipfel hinweg geht die Musik weiter.
Ensemble
Mahler hat den langen ersten Satz der Symphonie als "Erste Abteilung", die weiteren fünf Sätze als "Zweite Abteilung" bezeichnet. Nach der notwendigen Pause nach dem ersten Satz - es spricht für die Ausstrahlung des Dirigenten, dass er nach den furiosen Schlusstakten Applaus unterbinden kann - lässt er die folgenden Sätze möglichst nahtlos ineinander übergehen. Joyce DiDonato sitzt von Beginn an einigermaßen unauffällig im Orchester und singt die ersten Takte des Altsolos "O Mensch" im vierten Satz im Sitzen - ein Überraschungscoup anstelle des großen Auftritts. Mit ihrem geheimnisvoll eingedunkelten Mezzosopran gibt sie dem Gedicht aus Nietzsches Also sprach Zarathustra eine berückende mysteriöse Aura. Auch der Knabenchor erhebt sich erst im letzten Moment mit dem ersten Ton. Die Knaben des Staats- und Domchors Berlin (Einstudierung: Kai-Uwe Jirka) singen ihr naiv-freches "Bim bam" nicht zu vordergründig und korrespondieren ausgezeichnet mit dem hell leuchtenden Klang der Damen des Rundfunkchors Berlin (Einstudierung: Simon Halsey) und der Solistin. Das "Armer Kinder Bettlerlied" aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn bekommt, ohne den Volksliedton zu verletzen, angemessenes Gewicht. Während man innerlich noch lächelt über dieses keineswegs leichtgewichtige, aber auch humorvolle Intermezzo, beginnen die Streicher attacca den Finalsatz, unendlich zart und fein in den ersten Violinen. Nézet-Séguin hebt die Mittelstimmen hervor, wodurch ein im Klang sensibel ausgelotetes kontrapunktisches Gebilde entsteht. Eine schier unendliche Melodie, deren langer Spannungsbogen nicht abreißt und in den hymnischen Schluss ausläuft. Das konzentrierte Publikum hielt nach dem Schlusston den Moment der Stille ein, den der Dirigent einforderte - um dann eine durch und durch großartige Aufführung umso enthusiastischer zu feiern. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Ausführende
Mezzosopran
Posthornsolo
WerkeGustav Mahler:Symphonie Nr. 3 d-Moll
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