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Gustav Mahler: 8. Symphonie
Berliner Philharmoniker, Leitung: Kirill Petrenko


16. und 17. Januar 2026, Philharmonie Berlin
(rezensierte Aufführung: 17. Januar 2026)
Großes musikalisches Welttheater

Von Stefan Schmöe / Fotos von Monika Rittershaus

Es ist ein kämpferischer Geist, den Gustav Mahler respektive Dirigent Kirill Petrenko im ersten Teil dieser monumentalen achten Symphonie beschwören. Der creator spiritus, der Schöpfergeist, den Mahler mit einem Hymnus aus dem frühen 9. Jahrhundert anruft, trifft auf eine unbefriedete Welt: Den Durchführungsteil mit der Doppelfuge "Accende lumen sensibus, infunde amorem cordibus" ("Entzünde deine Leuchte unseren Sinnen, ströme deine Liebe in unsere Herzen") dirigiert Petrenko gefährlich scharf konturiert. Man hört in den schneidenden Einsätzen der Blechbläser weniger die Erleuchtung als die Unbedingtheit des Ringens darum. Und die Bedrohung: "Den Feind wirf zu Boden" ("Hostem repellas longius"). Bei allen martialischen Klängen, die Petrenko mit den brillanten Berliner Philharmonikern und den exzellenten Chören (Berliner Rundfunkchor, Bachchor Salzburg, Knaben des Staats- und Domchors Berlin) unerbittlich entfesselt, behält die Musik ihre pulsierende Energie.

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Ensemble

Petrenko lotet mit Mahler die Extreme aus, das mehrfache Fortissimo ebenso wie den fast tonlosen Beginn des zweiten Teils. Aber er überdehnt den Klang nicht, der in der Philharmonie körperlich erfahrbar wird, und balanciert auch im dichtesten Tutti die Instrumentengruppen und Chöre sorgsam aus. Er gibt der Musik die Wucht, die sie braucht. Schließlich wollte Mahler hier die ganze Welt, ach was: das ganze Universum zum Klingen bringen. Aber Petrenko will nicht überrumpeln. Genial gelingen die präzise abgestuften Einleitungstakte, die auf das Wort "spiritus" hin- und gleichzeitig die orchestrale Entwicklung einleiten. Der Dirigent versteht sich als Architekt der großen Form, der mit außerordentlicher Disziplin den ausufernden, zum Zerbröseln neigenden zweiten Teil des Werkes bändigt und durch die motivischen Verschränkungen immer wieder deutlich macht: Der creator spiritus ist allgegenwärtig. Am Eindrucksvollsten vielleicht manifestiert er sich in den letzten Takten des ersten Teils in einer dem Publikum den Atem raubenden Aufwärtsbewegung. Angesichts der plötzlich neuen Klangfarbe wie der sich verdichtenden Energie dieses Moments (nicht der - moderaten - Lautstärke wegen) glaubt man, im nächsten Moment müsse das Dach der Philharmonie davonfliegen.

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v.l.n.r.: Golda Schultz, Sopran, Jacquelyn Wagner, Sopran, Beth Taylor, Alt, Fleur Barron, Mezzosopran, Kirill Petrenko, Dirigent

In denkbar großem Kontrast dazu steht der entmaterialisierte Chorklang am Beginn des zweiten Teils, eine Vertonung der Schlussszene von Goethes Faust II. Die Szenerie ("Bergschluchten, Wald, Fels, Einöde. Heilige Anachoreten, gebirgauf verteilt, gelagert zwischen Klüften") wie die Sprachbilder ("Löwen, die schleichen stumm, / freundlich um uns herum, / Ehren geweihten Ort, / Heiligen Liebeshort") wirken, aus dem Kontext gerissen, aus heutiger Sicht ein wenig, nun ja, komisch. Petrenko lässt den Chor fast körperlos im Staccato singen, wodurch die semantische Bedeutung der Wörter hinter deren Geräuschhaftigkeit zurücktritt. So wird die Unmöglichkeit, das Unbeschreibliche in Worte zu fassen, zum eigentlichen Gegenstand. Mahler wirkt plötzlich unglaublich modern. In diesem faszinierend interpretierten Stammeln des Menschen im Kontrast zum vorangegangenen überaus vitalen Hymnus offenbart sich die gewaltige Spannbreite der Komposition.

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v.l.n.r.: Benjamin Bruns, Tenor, Gihoon Kim, Bariton, Le Bu, Bass

An vielen Stellen lässt Petrenko im faszinierenden Spiel mit Klangfarben den bewusst naiven Tonfall der Wunderhorn-Symphonien Mahlers anklingen, also der Ersten bis Vierten, in denen der Komponist Liedvertonungen nach der Sammlung Des Knaben Wunderhorn einbaut oder zitiert. So lässt sich die Symphonie auch als Resümee des eigenen (Künstler-)Lebens lesen - aus unserer Perspektive mit der Vorahnung der Katastrophen des Jahres 1907 (Tod der Tochter Maria Anna, Diagnose der Herzkrankheit, Aufgabe des Amtes als Wiener Operndirektor). Aber mit diesem gut hörbaren Rückgriff auf den frühen, in einzelnen Phrasen immer wieder "volkstümlich" (oder besser: "musikantisch") komponierenden Mahler ordnet Petrenko auch den Text Goethes in eine durchaus theatralische Sphäre ein, die den Faust mehr beim Bild als beim Wort nimmt. Die Symphonie wird zum schillernden Welttheater.

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Mater gloriosa auf der Orgelempore: Jasmin Delfs

Da dürfen auch die ausgezeichneten Solisten ein paar opernhafte Momente einbringen, insbesondere die Herren. Der junge Bass Le Bu, von dem man sicher noch viel hören wird, imponiert mit elegant geführter Riesenstimme als Pater profundus wie auch Gihoon Kim mit großformatigem, draufgängerischem Bariton als Pater ecstaticus. Benjamin Bruns singt mit hellem, durchsetzungsfähigem Tenor einen feurigen Doktor Marianus. Golda Schulz besticht mit der lyrischen Eleganz ihres Soprans, Jacquelyn Wagner mit der faszinierenden Intensität der Spitzentöne im Piano, Fleur Barron mit dem geheimnisvoll dunklen Timbre ihres Mezzosoprans und Beth Taylor mit sattem Alt. Aber bei aller Individualität bilden sie ein homogenes Ensemble - wie im Terzett der Frauenstimmen und im Zusammenklang mit dem Chor. Jasmin Delfs singt die kurze Partie der Mater gloriosa mit knabenhaftem Sopran eindrucksvoll von der Orgelempore aus.

Petrenko und das rund 350 Personen starke Ensemble können den Spannungsbogen vom ersten bis zum letzten Ton halten. Im Schlusschor mit dem Aufstieg vom mystischen Urgrund bis zum rauschhaften, aber nicht lärmenden Jubel konzentriert Mahler noch einmal die Elemente seiner Symphonie auf kleinem Raum, was den allumfassenden Anspruch des Werkes bestechend deutlich macht (und in dieser Aufführung die Variabilität der ausgezeichneten Chöre und des Orchesters zeigt). Schade, dass ein übereifriger Enthusiast das erste "Bravo" noch in den verklingenden Schlussakkord hinein brüllen musste und damit verfrüht die Spannung löste. Die bewegende Aufführung hätte einen Moment des Nachhallens verdient gehabt.




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Ausführende

Sopran (Magna peccatrix)
Jacquelyn Wagner

Sopran (Una poenitentium)
Golda Schultz

Sopran (Mater gloriosa)
Jasmin Delfs

Alt (Mulier Samaritana)
Beth Taylor

Mezzosopran (Maria Aegyptiaca)
Fleur Barron

Tenor (Doctor Marianus)
Benjamin Bruns

Bariton (Pater ecstaticus))
Gihoon Kim

Bass (Pater profundus)
Le Bu

Rundfunkchor Berlin
(Einstudierung: Gijs Leenaars)

Bachchor Salzburg
(Einstudierung: Michael Schneider)

Knaben des Staats- und Domchors Berlin
(Einstudierung: Kai-Uwe Jirka, Kelley Sundin-Donig)

Berliner Philharmoniker

Leitung: Kirill Petrenko


Werke

Gustav Mahler:
Symphonie Nr. 8 Es-Dur



Weitere Informationen:


Berliner Philharmoniker



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