Manche Stücke und Regisseure passen einfach zusammen. Im Falle des Gesamtkunstwerkers Romeo Castellucci und Olivier Messiaens einzigem großen Stück für das Musiktheater Saint François d'Assise sogar so gut, dass Castellucci seine Verehrung für den Komponisten ausdrücklich mit der Einblendung "Je t'aime, Olivier, immense artiste!" bekundet. Wobei der Italiener mit seiner persönlichen Meinung auch mit Blick auf den Rauswurf von Festspielintendant Markus Hinterhäuser nicht hinterm Berg hält und im Programmheft mit verblüffender Offenheit seinem Dank für dessen Programmentscheidung für diese Produktion anfügt, dass Hinterhäuser "Opfer der Arroganz einer kleinkarierten Politik, welche der Kultur die Flügel stutzen will" geworden sei.
Dass die Salzburger Festspiele diese musikalisch leicht verdauliche Belcanto-Oper unter Leitung von Antonello Manacorda auf In dieser Beifall bedachten Produktion kommt auch der Ort, die Felsenreitschule, als ein Drittes im Bunde dazu. Dieser Saal mit den in Stein gehauenen Arkaden und seiner archaischen Raumwirkung hat sich akustisch schon oft als ein "Haus für die Moderne" bewährt. Die von Maxime Pascal mit äußerster Präzision geleiteten Wiener Philharmoniker füllen nicht nur volle Breite des Grabens. Der wird links und rechts mit den Podesten für die Schlagwerkgruppen noch verlängert, was dem besonderen Raumklang zugutekommt. Man kann genießen, was hier an Farben aufscheint, und staunen über das exotische Raffinement des Vogelstimmenexperten Messiaen, der die Musik zwischen zwitschernder Natur, einem breit dahinfließenden Leidens- und Erlösungsparlando und dem Streben nach himmlischen Tönen oszillieren lässt.
Wenn ein Engel zu Besuch kommt, steht die Welt Kopf,
Die Aufführungsgeschichte des 1983 in Paris uraufgeführten Dreiakters in acht Tableaus ist zwar überschaubar, aber für ein so ausuferndes Werk der Moderne doch beachtlich. Udo Zimmermann hat es mit mehr (in Leipzig) oder weniger (in Berlin) Erfolg zweimal auf die Bühne gebracht. Bei seinem Intendantenkollegen Gerard Mortier gehört es zum "Pflichtprogramm", egal ob er gerade die Salzburger Festspiele, die RuhrTriennale, die Pariser Oper oder jetzt die in Madrid leitet. Auch Kent Nagano hat mit seiner legendären Salzburger Aufführungsserie einen bleibenden Eindruck hinterlassen und zur Etablierung des Werkes beigetragen und es auch halbszenisch in der Elbphilharmonie aufgeführt. Nikolaus Bachler hat seine Münchner Bilanz mit einem Saint François aufpoliert.
Auch wenn er schon der puren Länge (in Salzburg werden es durch zwei lange Pausen mehr als sechs Brutto-Stunden!), des Orchester- und vor allem Choraufwands wegen eine ziemliche Herausforderung ist, nicht zuletzt für die Zuschauer. Für Festspiele wie Salzburg, wo die Inszenierung von Peter Sellars aus dem Jahre 1992 im Jahr 1998 sogar erneut aufgenommen wurde, passt auch eine Wiederbefragung nach über zwei Jahrzehnten.
Dunkle Mächte greifen nach Franziskus
Castellucci hat einige Erfahrung mit religiös grundierten Musiktheater-Exerzitien. Sein Brüssler Parsifal 2011 war dabei noch ein szenischer Volltreffer. Bei seiner Matthäuspassion in den Hamburger Deichtorhallen dagegen dominierte eine Bildästhetik, die sich auf Assoziatives beschränkte und nur mit Erklärung zu verstehen war.
In Salzburg ist der Einstieg in die Geschichte des Heiligen stumm und fast banal. Doch was aussieht wie der Besuch einer Galerie entpuppt sich als der Abschied von Franziskus von seinen Eltern und der Eintritt ins Kloster. Philippe Sly zieht sich dazu nackt aus und legt ein Gewand an, das bis zum Ende einiges mitzumachen hat. Denn viele Episoden werden nicht nur im getragenen Parlando gesungen, sondern auch durch exzessive Körperlichkeit beglaubigt, bei der Sly noch mehr überzeugt als mit seinem Gesang.
Aus eine Anlage in der Höhe geht zu Beginn ein feiner Regen in die Tiefe, der in der Salzburger Hochsommerhitze zumindest die Illusion von Kühlung mit sich bringt. Das wird aber durch das Backen von Broten in zwei großen Öfen wieder kompensiert. Was die Mönche an ihren Töpferscheiben an Gefäßen drehen, tritt der seltsame Besucher mit dem vergoldeten Fuß und der vergoldeten Hand, der ganz grundsätzliche Fragen an die Mönchen stellt, wieder ein. Was ist schon vergängliches Menschenwerk gegen die großen Fragen nach der Wahrheit und dem Glauben.
Franziskus unterwegs
Zum Füllen der Bühne braucht Castellucci ansonsten keinen Kulissenzauber, wenn man einmal von der kopfstehenden Großstadt absieht. Da sie auf ein Riesentuch gedruckt ist, ist klar, dass sie irgendwann heruntergerissen wird. Besonderen Effekt macht es, wenn unzählige Vögel vom Himmel fallen, denen Franziskus ja angeblich predigte. Hier überleben sie das (oder den Klimawandel?) nicht. Die künstlichen Piepmätze zappeln zum Teil sogar noch, wenn sie schon am Boden liegen. Auch ein leibhaftiger Wolfshund, ein weiblicher Pfau und eine kleine Schafherde haben ihren Auftritt. Choreografin Yasmine Hugonnet hält ansonsten ein halbes Dutzend Engel und ein weiteres Halbdutzend Brüder auf Trab. Berührend ist der Auftritt des Aussätzigen. Dem körperlich ausgemergelten alten Mann, der ihn spielt, leiht der in Engelsweiss gekleidete Sean Panikkar seine Stimme. Lauranne Oliva darf als Engel engelsgleich singen. Dass die Engel bluten, wenn ihnen die Flügel abgerissen werden, gehört zu Erkenntnissen, die man neben vielen Fragen aus dieser Vorstellung mitnehmen kann. Und den Eindruck von einer eigenen Wahrheit von Musik.
FAZIT
Die szenische Neubefragung von Oliver Messiaens Opus zum Heiligen Fanz von Assisi durch Romeo Castellucci ist mehr Gesamtkunstwerk als herkömmliche Oper und nimmt im aktuellen Festspielsommer eine Sonderstellung ein.
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