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Es ist keineswegs so, dass Barrie Kosky nur für den Hochgeschwindigkeitsklamauk im Festspielbezirk zuständig wäre wie jetzt mit seiner Reise nach Reims. Aus der bei Rossini natürlich nichts wird, weil sie alle stranden und die Gelegenheit nutzen, im Hotel zur Gelben Lilie auf amourösen und nationalen Pfaden zu wandeln. Kosky hatte hier nicht nur im Vorjahr mit dem Vivaldi-Pasticcio Hotel Metamorphosis, sondern eben auch 2022 mit einer sehr reduzierten Inszenierung von Leoš Janaček Katja Kabanowa einen nachhaltigen Treffer gelandet. Er ist einer der Regisseure, die inhaltlich und ästhetisch so breit aufgestellt sind und dabei so gut wie nie am Publikum vorbei inszenieren, dass es kein Wunder ist, wenn in den Pausengesprächen und auch sonst vor allem auch sein Name fällt, wenn über die reguläre Nachfolge von Markus Hinterhäuser als Festspielintendant gemutmaßt wird. Bei einer Publikums- und/oder Kritikerabstimmung hätte er jedenfalls gute Chancen.
Der deutsche Baron gibt immer mal lautstark den selbsternannten Reiseleiter
Il viaggio a Reims ist eine Übernahme von den Pfingstfestspielen, bei denen Cecilia Bartoli das Zepter in der Hand hat und selbstverständlich auch auf der Bühne mitmischt, in den Spielplan der großen Sommerfestspiele. Es ist schon länger üblich, diesen Ortsbonus für das Aufpolieren des Spielplans im Sommer zu nutzen. Wenn man aktuell Saint Francoise d'Assise als das eine, tiefgründig zelebrierende Moderne-Ende der Festspiele nimmt, dann ist dieser Rossini das andere Ende. Bei dessen Geschwindigkeit, mit der er abgespult wird, können den Zuschauer auch schon mal Schwindelgefühle befallen und ihn aus der Kurve tragen. Wenn man freilich den ersten Drehtüren- und Hin-und-Her-Renn-Exzess überstanden hat und sich darauf einlässt, dass Rossini eben auch Unterhaltung wollte und konnte, dann darf man sich getrost an allen Gags erfreuen. Auch wenn sie sich wiederholen.
Endlich eine passende Kopfbedeckung für die modeverliebte Französin
Die Handlung ist leicht aufpoliert, die Bühne von Rufus Didwiszus eine komödienkompatible Hotel-Adaption. Die Kostüme von Viktoria Behr sind historisch verspielt. Die Handlung führt eine gehobene Reisegesellschaft aus aller Herren Länder Europas im Hotel "Zur Goldenen Lilie" in der französischen Provinz zusammen. Nicht ganz freiwillig, man reist zwar noch nicht mit der Deutschen Bahn, hat aber schon bei Kutschen und Pferden mit diversen Pannen zu kämpfen. In diesem Falle wollen sie nicht zur Krönung von Karl X. nach Reims, sondern die Geburtstagsgala der berühmten Mezzosopranistin La Ceci besuchen. Ähnlichkeiten mit einem aktuellen Star der Szene mit dem Namen Cecilia sind keineswegs zufällig. Auch nicht, dass jene großartige Sängerin just während der Festspiele ihren 60. Geburtstag feiert und allemal demonstriert, dass sie als Sängerin und kluge Intendantin nach wie vor ihre Frau steht. Was im Kern abläuft, ist dann eine Variante der ewigen Endloskomödie des Stückes "Menschen im Hotel".
Nachts im Hotel
Da treibt die Hausdame Maddalena (Helena Rasker) das Personal zur Arbeit an. Hotelarzt Don Prudenzio (Giovanni Romeo) kontrolliert das Frühstücksbüffet. Als Hotelbesitzerin geht es Madame Cortese (Tara Erraught) darum mit ihrem Haus gute Figur zu machen.
Vor allem in Sachen Hutmode gelingt das vor allem der französischen Gräfin Folleville (Mélissa Petit) mit einer XXXL-Hutkreation, die sie per Post erreicht und die ausgepackt der Hingucker schlechthin ist. Bei einer zwischenzeitlichen Ohnmacht bewähren sich der lautstarke deutsche Baron Trombonok (Misha Kiria) und der Hausarzt als Helfer. Zur Zwangsgemeinschaft im Hotel gehören der italienische Antiquitäten-Enthusiast Don Profondo (Florian Sempey), der Spanier Don Alvaro (Peter Kellner), der russische Graf Libenskof (Dmitry Korchak), der englische Lord Sidney (Ildebrando D'Arcangelo), der französische Chevalier Belfiore (Edgardo Rocha) - allesamt sind vor allem mit sich selbst und ihren amourösen Ambitionen beschäftigt. Die werden durch die polnische Marquise Melibea (Marina Viotti), auf die es der Spanier und der Russe abgesehen haben und die berühmten römischen Improvisationskünstlerin Corinna (Cecilia Bartoli) angeheizt bzw. gedämpft.
Am Ende kommt La Cecilia aus der Torte
Die Hiobsbotschaft, dass keine Pferde und Kutschen aufzutreiben sind, um rechtzeitig zur Gala nach Reims zu kommen, wird durch die Nachricht wieder ausgeglichen, dass La Ceci in Paris mit ihren Verehrern nachfeiern wird. Man tröstet sich bis dahin mit einem opulenten Festmahl, das zu einem Höhepunkt des Abends gerät, weil hier jeder der Gäste seine Herkunft mit einem Toast im nationalen Stil ins rechte Licht zu setzten versucht. Klar, dass in der Riesentorte, die als Clou aufgefahren wird, jemand entspringt und die Musik hochleben lässt! Corinna? La Ceci? Wer weiß - auf jeden Fall Cecilia Bartoli.
Rossini selbst war sein aufwändiges Schmankerl aus dem Jahre 1825 selbst nicht so ganz geheuer. Das Libretto ist nicht gerade ein Muster dramaturgischer Perfektion. Es ist eher Vorwand für eine musikalische Bühnengaudi, für deren Realisierung einem schon Barrie Kosky einfällt. Und der bewährt sich als ein Meister von Tempo und Komödie. Gianluca Capuano und sein Orchester Musiciens du Prince-Monaco sind dafür die richtigen Partner, geschmeidig, spritzig, opulent!
FAZIT
All jene, die Rossinis perlendes, musikalisches Aufschäumen mögen und sich an einem gut durchchoreographierten Komödientempo erfreuen können, kommen hier voll auf ihre Kosten.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Gianluca Capuano
Inszenierung
Barrie Kosky
Bühne
Rufus Didwiszus
Kostüme
Victoria Behr
Licht
Franck Evin
Chor
Stefano Visconti
Dramaturgie
Christian Arseni
Chœur de l'Opéra de Monte-Carlo
Les Musiciens du Prince - Monaco
Solisten
Corinna
Cecilia Bartoli
Marchesa Melibea
Marina Viotti
Contessa di Folleville
Mélissa Petit
Madama Cortese
Tara Erraught
Cavalier Belfiore
Edgardo Rocha
Conte di Libenskof
Dmitry Korchak
Lord Sidney
Ildebrando D'Arcangelo
Don Profondo
Florian Sempey
Barone di Trombonok
Misha Kiria
Don Alvaro
Peter Kellner
Don Prudenzio
Giovanni Romeo
Maddalena
Helena Rasker
Zefirino
Rodolphe Briand
Antonio
Rafał Pawnuk
Modestina
Federica Spatola
Delia
Galia Bakalov
Don Luigino
Salvatore Taiello
Tänzerin
Fanny De Ponti
Tänzer
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