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Kunstvolksmusik mit Streichquartettvon Stefan Schmöe / Fotos © Volker Beushausen, Ruhrtriennale 2026
Was ist das Geheimnis der bulgarischen Stimmen? Der Klang ist scharf und direkt und erinnert an einen Dudelsack. Der Ton, kraftvoll mit der Bruststimme erzeugt, setzt fast ohne Einschwingphase sofort ein und reißt ebenso plötzlich wieder ab. Er steht ohne Vibrato unbeweglich und blockhaft im Raum und besitzt bohrende Intensität. Die Intonation ist perfekt, man hört kein Suchen nach der Tonhöhe, kein Angleichen - ein Akkord, perfekt intoniert, erklingt unmittelbar mit dem Einsetzen in voller Kraft und Energie. Es gibt kaum einmal eine Phrasierung durch ansteigende oder abfallende Lautstärke; die Gestaltung setzt vielmehr blockhaft verschiedene Elemente nebeneinander. Auch rhythmisch vertrackte Motive werden mit stupender Sicherheit gesungen, atemberaubend in der Selbstverständlichkeit auch im Gegeneinander verschiedener Stimmen.
Das Ensemble Le Mystère des Voix Bulgares betrat in den 1960er-Jahren eher ungeplant den westeuropäischen Kulturraum. 1952 als Frauenchor des staatlichen bulgarischen Rundfunks gegründet und damit beauftragt, für den jungen kommunistischen Staat aus traditionellen Volksliedern in kunstvollen, mehrstimmigen Arrangements ein neues Bild der bulgarischen Musikkultur zu entwickeln, wurde das Ensemble von dem Schweizer Musikethnologen Marcel Cellier entdeckt und im schweizerischen Radio präsentiert. Der französische Name bezeichnete dabei zunächst gar nicht für den Chor selbst, sondern stand für das Klangphänomen. 1975 veröffentlichte Cellier alte Aufnahmen auf einer LP und machte so diese eigentümliche Musik dem Plattenmarkt zugänglich. Den großen Durchbruch und kommerziellen Erfolg brachten die 1980er-Jahre, als ein britisches Label zwei Platten veröffentlichte - da standen die bulgarischen Frauen plötzlich für einen neuen Weltmusik-Stil mit Berührungspunkten zur Independent-Szene und wurden Teil der Pop-Kultur. Le Mystère des Voix Bulgares entwickelte sich zur unverwechselbaren Marke mit Kultstatus und verkaufte sich blendend.
Die anfangs beschriebenen Qualitäten erlebt man in den besten Momenten auch bei diesem Konzert in der Gebläsehalle, einem Nebengebäude der Bochumer Jahrhunderthalle. Dann hat die Musik überwältigende Wirkung und eine Präsenz, der man sich nicht entziehen kann. Eine authentische Wiedergabe traditioneller bulgarischer Folklore ist und war nie das eigentliche Ziel; die Chorsätze sind artifizielle Bearbeitungen oder Neukompositionen, die eine Vorstellung von Volkstümlichkeit vermitteln, die es in dieser Form nicht gegeben hat. Damit ist das Konzert inhaltlich spannungsreich verbunden mit Marina Abramovićs spektakulärer Performance Balkan Erotic Epic, die gerade in der Kraftzentrale in Duisburg, auch eine alte Industriehalle, angelaufen ist und eine eigene Kunst-Erzählung vom Balkan vorstellt. Schade, dass beim Konzert des Chores kein Wort zum Inhalt der Kompositionen fällt, was zum Verständnis notwendig wäre. Mehr als die Titel und den Komponisten oder Arrangeur findet man auf dem Besetzungszettel nicht. In "Sama Li Si" etwa geht es, das ergibt die nachträgliche Recherche, um die Ernte wie um die Liebe: Hätte der junge Mann von der Zuneigung des Mädchens gewusst, dann hätte er ihr bei der Landarbeit symbolisch mit Zweigen Schatten gespendet. So in etwa läuft die kleine dramatische Szene ab. Ohne dieses Wissen geht bei allem klanglichen Reiz doch einiges verloren.
Die meisten Arrangements und Kompositionen stammen von Georgi Andreev (*1969), der das Ensemble an diesem Abend auch umsichtig dirigiert. Er stellt dem Chor (seit einigen Jahren schon) ein Streichquartett an die Seite. Der spezifische harte A-cappella-Chorklang mischt sich mit einem weichen Sound der Streicher, die zart und delikat spielen, was das Quarto Quartet mit subtiler Linienführung gut umsetzt. So treffen zwei musikalische Welten aufeinander. Ein Crossover, das man als Fortentwicklung des Stils betrachten kann - oder als Rückschritt: Die unverwechselbare Geradlinigkeit und Härte der Voix Bulgares wird in dieser Konstellation domestiziert und in den (west-)europäischen Kontext eingebettet. Über die Wirkung kann man geteilter Meinung sein. Die Publikumsreaktionen in Bochum mit großem Jubel für die archaisch und spröde anmutenden Nummern im alten Stil und eher freundlichem Applaus für das Streichquartett und die davon geprägten Stücke zeigten eher an, dass viele das charakteristische "Geheimnis" der Stimmen hier schwinden sehen.
Andreevs Kompositionen für Streichquartett ohne vokale Begleitung klingen gefällig, ein wenig folkloristisch, ein bisschen modern (ohne groß zu irritieren), sind raffiniert genug, um nicht in belanglose Wohlfühlmusik zu zerfallen, drängen aufgrund der dem ersten Eindruck nach soliden Qualität aber auch nicht unbedingt nach der großen Konzertbühne. Zwischendurch tritt Andreev virtuos als Solist in Erscheinung - an der Gadulka, einer kleinen Streichfidel. Musikalisch entwickelt sich zwischen dem Instrument und dem Streichquartett ein Wettstreit, der an klassische Instrumentalkonzerte erinnert.
Sicher ist Le Mystère des Voix Bulgares immer schon ein Kunstprodukt gewesen, das eine landestypische Folklore für das Publikum erfindet, und ebenso sicher darf man hinterfragen, ob das klischeehafte Bild von einer bäuerlich geprägten bulgarischen Kultur nicht dringend überarbeitungsbedürftig ist. Den Schritt in eine musikalische Moderne, die mit den spezifischen stimmlichen Eigenarten zeitgenössische Musik jenseits der Folklore erschafft, geht der Chor allerdings auch nicht. Mit dem Konzept "Voice & Strings" befindet sich das Ensemble irgendwo zwischen allen Stühlen.
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MitwirkendeLe Mystère des Voix Bulgares:Mirela Asenova Ruslana Asparuhova Elena Bojkova Dafinka Damyanova Tsonka Dimitrova Diyana Dimitrova-Galabova Evelina Hristova Gergana Kostadinova Elichka Krastanova Evguenia Miloucheva Polina Paunova Lyubomira Pavlova Violeta Petrova Eftimova Violeta Spasova Daniela Stoichkova Tsvetelina Velyovska Silviya Vladimirova Elizabet Yaneva Sofia Yaneva Quarto Quartet: Ivan Penchev (Violine) Svetlana Stancheva (Violine) Tatyana Todorova (Viola) Dimitar Tenchev (Cello) Leitung: Georgi Andreev weitere Berichte von der Ruhrtriennale 2024 - 2026 Homepage der Ruhrtriennale Die Ruhrtriennale in unserem Archiv |
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