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Moderne trifft auf AntikeVon Thomas Molke / Fotos: © Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival)
B
Cléomène (Matteo Roma, Mitte) fordert das Volk
von Korinth auf weiterzukämpfen (auf der linken Seite: Simón Orfila als Hiéros,
auf der rechten Seite: Maxim Mironov als Néoclès).
Die Handlung basiert auf der historisch belegten Eroberung der griechischen
Stadt Korinth durch die Osmanen im Jahr 1458, die in der Realität weit weniger
blutig vonstatten ging als in der Oper. Hier entscheiden sich die Griechen unter
ihrem Anführer Cléomène, die Stadt bis zum letzten Blutstropfen vor dem Ansturm
der Osmanen zu verteidigen. Cléomène verspricht seinem Offizier Néoclès die Hand
seiner Tochter Pamyra. Doch Pamyra gesteht ihrem Vater, dass sie bereits einem
gewissen Almanzor ewige Treue geschworen habe, dem sie vor einiger Zeit in Athen
begegnet sei. Cléomène überreicht ihr daraufhin einen Dolch und fordert sie auf,
sich selbst zu töten, bevor sie in die Hand der Osmanen fällt. Kurz darauf wird
er gefangen genommen. Als Pamyra den Eroberer Mahomet um Gnade für ihren
Vater bittet, erkennt sie in ihm ihren Geliebten Almanzor. Cléomène fühlt sich
von seiner Tochter verraten und verflucht sie. Schweren Herzens folgt sie
Mahomet in sein Lager. Néoclès versucht, sie zu befreien, gerät dabei allerdings
in Gefangenschaft. Pamyra rettet ihn vor der Hinrichtung, indem sie ihn als
ihren Bruder ausgibt. Während Mahomet seine Hochzeit mit Pamyra vorbereitet,
gelingt den Griechen ein Teilsieg, und die Osmanen müssen erneut zum Kampf
ausrücken. Dabei können Pamyra und Néoclès fliehen. Sie ziehen sich in das
Grabgewölbe zurück, wo sie sich nach einem weiteren Sieg der Osmanen auf den
Märtyrertod vorbereiten. Pamyra versöhnt sich mit ihrem Vater und lässt sich vor
dem Grab ihrer Mutter mit Néoclès vermählen. Die siegreichen Osmanen dringen in
die Katakomben ein. Pamyra tritt Mahomet entgegen und erdolcht sich. In diesem
Moment bricht das Gewölbe zusammen und gibt den Blick auf die brennende Stadt
frei.
Cléomène (Matteo Roma, rechts) beschimpft seine
Tochter Pamyra (Vasilisa Berzhanskaya) als Verräterin, weil sie Mahomet (Adrian
Sâmpetrean, links) liebt.
Während die Theatergruppe La Fura dels Baus vor neun Jahren in Pesaro einen
recht fragwürdigen Regie-Ansatz gewählt und die Stadtmauern Korinths mit
riesigen Plastikflaschen dargestellt hat, bleibt das Regie-Team um Davide Livermore zwar weniger abstrakt, verwirrt dabei aber auf andere
Weise. Das Bühnenbild, für das Eleonora Peronetti, Paolo Gep Cucco und Livermore
verantwortlich zeichnen, besteht aus Gerüsten, auf denen die einzelnen Figuren
zeitweise herumklettern, antiken Fragmenten und riesigen Kästen, die zum Transport für ein
Museum dienen könnten. Kostümbildner Gianluca Falaschi lässt die Griechen in
antiken weißen Gewändern auftreten, während die Türken in ihren modernen weißen
Anzügen sehr westeuropäisch wirken. Hier fällt scheinbar die moderne westliche
Welt in die Antike ein und versucht, sich diese zu eigen zu machen. So scheinen
die Gerüste zu Restaurationszwecken zu dienen. Natürlich dürfen da die Müllberge
in Form von zahlreichen bunten Plastiksäcken ebenfalls nicht fehlen. Verdeckt
werden kann die Bühne statt eines Vorhangs auch mit einer Art Stadtmauer, auf
die in blutroten Lettern "Corinthe" geschrieben steht, was wohl Ausdruck der
kriegerischen Auseinandersetzung sein soll.
Mahomet (Adrian Sâmpetrean) sieht sich als
Sieger.
Wie schon bei den Produktionen von Ciro in Babilonia, L'italiana in
Algeri, Il turco in Italia und Elisabetta regina d'Inghilterra
arbeitet Livermore mit dem Video-Designerteam D-wok zusammen, das in einem
riesigen Kasten eindrucksvolle Projektionen entstehen lässt. Ein bisschen erinnert das
in der Art der Übergänge an den diesjährigen KI-generierten Ring in
Bayreuth, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Bilder einen
Bezug zur Handlung haben und die jeweilige Stimmung des Stückes einfangen. Nur
in ihrer Fülle und dem ständigen Wechsel ist das Ganze ein wenig überfrachtet,
da die Einspielungen vom eigentlichen Geschehen ablenken. Acht Tänzerinnen und
Tänzer gestalten nicht nur die Balletteinlage im zweiten Akt, auf die in Pesaro
der Vollständigkeit halber nicht verzichtet wird, sondern untermalen auch die
Ouvertüre.
Balletteinlage als innerer Konflikt Pamyras (Vasilisa
Berzhanskaya, im Hintergrund)
Pamyra (Vasilisa Berzhanskaya, Mitte) hat sich
für ihr Volk und gegen Mahomet (Adrian Sâmpetrean, oben) entschieden (auf der
linken Seite: Giuseppe de Luca als Omar und Anna-Doris Capitelli als Ismène, auf
der rechten Seite: Maxim Mironov als Néoclès).
Adrian Sâmpetrean verleiht dem osmanischen Eroberer Mahomet mit kraftvollem Bass
die erforderliche Autorität und begeistert vor allem in seiner Auftrittskavatine,
in der er sich als sicherer Sieger über das belagerte Korinth präsentiert, auch
wenn er optisch dabei in seinem weißen Anzug ein bisschen zu glatt poliert
wirkt. Dass Duett mit Berzhanskaya im zweiten Akt, in der er ihre Sorgen zu
zerstreuen versucht, zeigt ihn von einer anderen Seite. Hier bewegt er durch
eine innige, warme Stimmführung. Maxim Mironov meistert die anspruchsvolle
Partie des Néoclès nach kleinen Startschwierigkeiten im ersten Akt bravourös und
lässt vor allem bei seiner großen Arie im dritten Akt seinen strahlenden Tenor
höhensicher und weich strömen. Auch im Zusammenspiel mit Berzhanskaya macht er
deutlich, dass er ein passender Gatte für Pamyra wäre. Matteo Roma stattet die
Partie des unbeugsamen Vaters Cléomène mit kräftigem Tenor aus, der im Ansatz
ein wenig härter klingt als der Tenor von Mironov und damit mehr Autorität
ausstrahlt. Die beiden Terzette mit Berzhanskaya und Mironov im ersten und
dritten Akt stellen weitere musikalische Glanzpunkte des Abends dar. Simón
Orlifa gibt mit gewaltigem dunklem Bass einen unerbittlichen Oberpriester Hiéros,
der vor allem mit seiner großen Prophezeiung im dritten Akt bewegt, auch wenn es
inhaltlich erschreckend ist, mit welcher mitreißenden Musik Rossini ihn das Volk
zu einem kollektiven Selbstmord aufrufen lässt. Auch die kleineren Partien sind
mit Giuseppe de Luca als Omar, Anna-Doris Capitelli als Ismène und Tianxuefei
Sun als Adraste gut besetzt, so dass es für alle Beteiligten verdienten Applaus
gibt.
FAZIT
Musikalisch wird nachvollziehbar, wieso das Werk in Paris 1826 einen großen
Erfolg gehabt hat. Das Regie-Konzept erschließt sich nicht vollständig, stört
aber nicht so sehr wie die Produktion von 2017.
Weitere Rezensionen zu dem
Rossini Opera Festival 2026 |
ProduktionsteamMusikalische LeitungCarlo Rizzi Regie und Bühnenbild Regieassistenz Bühnenbild Kostüme Videodesign Choreographie Licht Chorleitung
Orchestra del
Solistinnen und Solisten
Mahomet II
Cléomène
Pamyra
Néoclès
Hiéros
Adraste
Omar Ismène Tänzerinnen und Tänzer
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- Fine -