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Rossini Opera Festival

Pesaro
11.08.2026 - 23.08.2026


Le Siège de Corinthe

Tragédie lyrique in drei Akten
Libretto von Luigi Balocchi und Alexandre Soumet
Musik von Gioachino Rossini

In französischer Sprache mit französischen, englischen und italienischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 45' (zwei Pausen)

Premiere im Auditorium Scavolini in Pesaro am 11. August 2026
(rezensierte zweite Aufführung: 14. August 2026)


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Rossini Opera Festival

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Moderne trifft auf Antike

Von Thomas Molke / Fotos: © Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival)

Bei der diesjährigen Neuinszenierung hat sich das Rossini Opera Festival vielleicht vom Donizetti Opera Festival in Bergamo inspirieren lassen. Dort steht nämlich jedes Jahr eine Premiere von Donizetti an, die ihr 200-jähriges Jubiläum feiert. Auch Rossinis Le Siège de Corinthe gelangte vor 200 Jahren zur Uraufführung. Die Tragédie lyrique wurde in Paris mit großer Spannung erwartet, da sie das erste Werk des Pesaresen in französischer Sprache darstellte. Rossini hatte dafür seine 1820 in Neapel uraufgeführte Oper Maometto II überarbeitet. Von den ursprünglichen Figuren behielt er nur den historisch belegten osmanischen Sultan und Eroberer Mehmed II. (Mahomet II) bei, verlegte die Handlung um dessen Belagerung der venezianischen Kolonie Negroponte auf Euböa im Jahr 1470 nach Korinth und erweiterte das Stück auf drei Akte inklusive einer für die französische Oper obligatorischen Balletteinlage. Mit der Geschichte traf Rossini in Frankreich genau den Puls der Zeit, da die Eroberung der griechischen Stadt Mesolongi im April 1826 durch die Türken und der daraus resultierende Mythos über den Freiheitskampf der Griechen das Publikum sehr bewegte. So wurde Le Siège de Corinthe nicht nur in Paris ein riesengroßer Erfolg und stand in den folgenden Jahren dort über 100 Mal auf dem Spielplan. Auch die italienische Übersetzung L'assedio di Corinto konnte in Italien im Anschluss einen wesentlich größeren Erfolg verbuchen als Maometto II und hielt sich noch einige Jahre im Repertoire.

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Cléomène (Matteo Roma, Mitte) fordert das Volk von Korinth auf weiterzukämpfen (auf der linken Seite: Simón Orfila als Hiéros, auf der rechten Seite: Maxim Mironov als Néoclès).

Die Handlung basiert auf der historisch belegten Eroberung der griechischen Stadt Korinth durch die Osmanen im Jahr 1458, die in der Realität weit weniger blutig vonstatten ging als in der Oper. Hier entscheiden sich die Griechen unter ihrem Anführer Cléomène, die Stadt bis zum letzten Blutstropfen vor dem Ansturm der Osmanen zu verteidigen. Cléomène verspricht seinem Offizier Néoclès die Hand seiner Tochter Pamyra. Doch Pamyra gesteht ihrem Vater, dass sie bereits einem gewissen Almanzor ewige Treue geschworen habe, dem sie vor einiger Zeit in Athen begegnet sei. Cléomène überreicht ihr daraufhin einen Dolch und fordert sie auf, sich selbst zu töten, bevor sie in die Hand der Osmanen fällt. Kurz darauf wird er gefangen genommen. Als Pamyra den Eroberer Mahomet um Gnade für ihren Vater bittet, erkennt sie in ihm ihren Geliebten Almanzor. Cléomène fühlt sich von seiner Tochter verraten und verflucht sie. Schweren Herzens folgt sie Mahomet in sein Lager. Néoclès versucht, sie zu befreien, gerät dabei allerdings in Gefangenschaft. Pamyra rettet ihn vor der Hinrichtung, indem sie ihn als ihren Bruder ausgibt. Während Mahomet seine Hochzeit mit Pamyra vorbereitet, gelingt den Griechen ein Teilsieg, und die Osmanen müssen erneut zum Kampf ausrücken. Dabei können Pamyra und Néoclès fliehen. Sie ziehen sich in das Grabgewölbe zurück, wo sie sich nach einem weiteren Sieg der Osmanen auf den Märtyrertod vorbereiten. Pamyra versöhnt sich mit ihrem Vater und lässt sich vor dem Grab ihrer Mutter mit Néoclès vermählen. Die siegreichen Osmanen dringen in die Katakomben ein. Pamyra tritt Mahomet entgegen und erdolcht sich. In diesem Moment bricht das Gewölbe zusammen und gibt den Blick auf die brennende Stadt frei.

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Cléomène (Matteo Roma, rechts) beschimpft seine Tochter Pamyra (Vasilisa Berzhanskaya) als Verräterin, weil sie Mahomet (Adrian Sâmpetrean, links) liebt.

Während die Theatergruppe La Fura dels Baus vor neun Jahren in Pesaro einen recht fragwürdigen Regie-Ansatz gewählt und die Stadtmauern Korinths mit riesigen Plastikflaschen dargestellt hat, bleibt das Regie-Team um Davide Livermore zwar weniger abstrakt, verwirrt dabei aber auf andere Weise. Das Bühnenbild, für das Eleonora Peronetti, Paolo Gep Cucco und Livermore verantwortlich zeichnen, besteht aus Gerüsten, auf denen die einzelnen Figuren zeitweise herumklettern, antiken Fragmenten und riesigen Kästen, die zum Transport für ein Museum dienen könnten. Kostümbildner Gianluca Falaschi lässt die Griechen in antiken weißen Gewändern auftreten, während die Türken in ihren modernen weißen Anzügen sehr westeuropäisch wirken. Hier fällt scheinbar die moderne westliche Welt in die Antike ein und versucht, sich diese zu eigen zu machen. So scheinen die Gerüste zu Restaurationszwecken zu dienen. Natürlich dürfen da die Müllberge in Form von zahlreichen bunten Plastiksäcken ebenfalls nicht fehlen. Verdeckt werden kann die Bühne statt eines Vorhangs auch mit einer Art Stadtmauer, auf die in blutroten Lettern "Corinthe" geschrieben steht, was wohl Ausdruck der kriegerischen Auseinandersetzung sein soll.

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Mahomet (Adrian Sâmpetrean) sieht sich als Sieger.

Wie schon bei den Produktionen von Ciro in Babilonia, L'italiana in Algeri, Il turco in Italia und Elisabetta regina d'Inghilterra arbeitet Livermore mit dem Video-Designerteam D-wok zusammen, das in einem riesigen Kasten eindrucksvolle Projektionen entstehen lässt. Ein bisschen erinnert das in der Art der Übergänge an den diesjährigen KI-generierten Ring in Bayreuth, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Bilder einen Bezug zur Handlung haben und die jeweilige Stimmung des Stückes einfangen. Nur in ihrer Fülle und dem ständigen Wechsel ist das Ganze ein wenig überfrachtet, da die Einspielungen vom eigentlichen Geschehen ablenken. Acht Tänzerinnen und Tänzer gestalten nicht nur die Balletteinlage im zweiten Akt, auf die in Pesaro der Vollständigkeit halber nicht verzichtet wird, sondern untermalen auch die Ouvertüre. In antiken Gewändern laufen sie dabei über die Bühne, fallen hin und springen übereinander weg. Soll das die Panik vor dem bevorstehenden Angriff der Türken darstellen? Ein riesiger Kasten wird nach vorne geschoben und geöffnet. Aus ihm fallen Felsbrocken heraus, die vielleicht mal zu einer Statue gehört haben könnten. Eifrig heben die Tänzerinnen und Tänzer diese Brocken auf und tragen sie von der Bühne. Wollen sie damit das kulturelle Erbe vor den Belagerern schützen? Wie Touristen fallen die Türken dann in diese antiken Überreste ein und lassen es sich natürlich nicht nehmen, in allen möglichen Posen Selfies mit den Handys zu machen. Immerhin wird nicht mit Maschinengewehren gekämpft sondern, wie es sich für die Zeit der Handlung gehört, mit Schwertern.

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Balletteinlage als innerer Konflikt Pamyras (Vasilisa Berzhanskaya, im Hintergrund)

Die Balletteinlage im zweiten Akt versucht Livermore ins Geschehen der Handlung einzubeziehen. Hier handelt es sich um keine bloße Untermalung der bevorstehenden Hochzeitsfeierlichkeiten zwischen Pamyra und Mahomet, sondern um den Ausdruck von Pamyras innerem Kampf zwischen ihrer Liebe zu dem Eroberer und ihrem Pflichtgefühl ihrer Heimat gegenüber. Deswegen ist Pamyra auch während der Balletteinlage auf der Bühne und beobachtet den Tanz. Eine Tänzerin soll wohl Pamyra darstellen, die deren Zerrissenheit mit modernem Bewegungsvokabular umsetzt. Ob die beiden männlichen Tänzer Mahomet und Néoclès darstellen sollen, die beide um Pamyra buhlen, kann nur gemutmaßt werden. Eine weitere Tänzerin mit einem Schleier vor dem Gesicht verkörpert wohl Pamyras verstorbene Mutter, die ihr auch in anderen Szenen des Stückes erscheint. Was allerdings die Dopplung Pamyras im Terzett des ersten Aktes soll, erschließt sich nicht. Pamyra sitzt zunächst mit ihrem Double mit dem Rücken zum Publikum auf einer Chaiselongue, die in dem Kasten mit den Videoprojektionen steht, während Néoclès ihren Vater Cléomène um die Hand seiner Tochter bittet. Als sie ihrem Vater mitteilt, dass ihr Herz einem anderen gehört, ergreift Cléomène den Arm des Doubles und hält ihn bei dem musikalisch bewegenden Terzett zwischen Néoclès, Cléomène und Pamyra fest, während Pamyra sich frei auf der Bühne bewegt.

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Pamyra (Vasilisa Berzhanskaya, Mitte) hat sich für ihr Volk und gegen Mahomet (Adrian Sâmpetrean, oben) entschieden (auf der linken Seite: Giuseppe de Luca als Omar und Anna-Doris Capitelli als Ismène, auf der rechten Seite: Maxim Mironov als Néoclès).

Aber über diese Unstimmigkeiten sieht man bei der Pracht der Musik gerne hinweg. Hier hört man einen sehr "reifen" und dramatischen Rossini, der von Carlo Rizzi mit dem Orchestra del Teatro Comunale di Bologna packend umgesetzt wird. Auch der Coro del Teatro Ventidio Basso unter der Leitung von Pasquale Veleno leistet an diesem Abend Gewaltiges und wechselt zwischen türkischen Eroberern und Volk von Korinth. Dabei punktet der Chor mit intensivem Spiel und fulminantem Klang in den Massenszenen. Star des Abends ist Vasilisa Berzhanskaya als Pamyra, für die Rossini die beste Musik der ganzen Oper komponiert hat. Schon im Terzett im ersten Akt begeistert sie mit dramatischem Sopran und kraftvoll ausgesungenen Höhen, wenn sie ihrem Vater zu verstehen gibt, dass sie Néoclès nicht heiraten kann, weil ihr Herz einem anderen gehört. Im zweiten Akt steht sie dann ganz im Zentrum und löst mit der Arie "Ô patrie infortunée!", in der sie das Schicksal ihrer Heimat beklagt, im Publikum großen Jubel aus. Dabei legt sie die Koloraturen sehr flexibel und beweglich an, so dass ihre Interpretation unter die Haut geht. Auch darstellerisch gestaltet sie während der Balletteinlage Pamyras Gefühle sehr bewegend. Im Finale des zweiten Aktes kommt es dann zu einem regelrechten Showdown, wenn sie sich schützend vor Néoclès stellt und ihn als ihren Bruder ausgibt. Auch ihr Gebet im dritten Akt mit dem Frauenchor geht in Berzhanskayas Interpretation unter die Haut, bevor sie sich heroisch das Leben vor der Videoprojektion nimmt, die anschließend in blutrote Farben getaucht wird.

Adrian Sâmpetrean verleiht dem osmanischen Eroberer Mahomet mit kraftvollem Bass die erforderliche Autorität und begeistert vor allem in seiner Auftrittskavatine, in der er sich als sicherer Sieger über das belagerte Korinth präsentiert, auch wenn er optisch dabei in seinem weißen Anzug ein bisschen zu glatt poliert wirkt. Dass Duett mit Berzhanskaya im zweiten Akt, in der er ihre Sorgen zu zerstreuen versucht, zeigt ihn von einer anderen Seite. Hier bewegt er durch eine innige, warme Stimmführung. Maxim Mironov meistert die anspruchsvolle Partie des Néoclès nach kleinen Startschwierigkeiten im ersten Akt bravourös und lässt vor allem bei seiner großen Arie im dritten Akt seinen strahlenden Tenor höhensicher und weich strömen. Auch im Zusammenspiel mit Berzhanskaya macht er deutlich, dass er ein passender Gatte für Pamyra wäre. Matteo Roma stattet die Partie des unbeugsamen Vaters Cléomène mit kräftigem Tenor aus, der im Ansatz ein wenig härter klingt als der Tenor von Mironov und damit mehr Autorität ausstrahlt. Die beiden Terzette mit Berzhanskaya und Mironov im ersten und dritten Akt stellen weitere musikalische Glanzpunkte des Abends dar. Simón Orlifa gibt mit gewaltigem dunklem Bass einen unerbittlichen Oberpriester Hiéros, der vor allem mit seiner großen Prophezeiung im dritten Akt bewegt, auch wenn es inhaltlich erschreckend ist, mit welcher mitreißenden Musik Rossini ihn das Volk zu einem kollektiven Selbstmord aufrufen lässt. Auch die kleineren Partien sind mit Giuseppe de Luca als Omar, Anna-Doris Capitelli als Ismène und Tianxuefei Sun als Adraste gut besetzt, so dass es für alle Beteiligten verdienten Applaus gibt.

FAZIT

Musikalisch wird nachvollziehbar, wieso das Werk in Paris 1826 einen großen Erfolg gehabt hat. Das Regie-Konzept erschließt sich nicht vollständig, stört aber nicht so sehr wie die Produktion von 2017.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Carlo Rizzi

Regie und Bühnenbild
Davide Livermore

Regieassistenz
Sax Nicosia

Bühnenbild
Eleonora Peronetti
Paolo Gep Cucco

Kostüme
Gianluca Falaschi

Videodesign
D-wok

Choreographie
Erika Rombaldoni

Licht
Nicolas Bovey

Chorleitung
Pasquale Veleno



Coro del Teatro Ventidio Basso

Orchestra del
Teatro Comunale di Bologna

 

Solistinnen und Solisten

Mahomet II
Adrian Sâmpetrean

Cléomène
Matteo Roma

Pamyra
Vasilisa Berzhanskaya

Néoclès
Maxim Mironov

Hiéros
Simón Orfila

Adraste
Tianxuefei Sun

Omar
Giuseppe de Luca

Ismène
Anna-Doris Capitelli

Tänzerinnen und Tänzer
Sara Barbieri
Kevin Bhoyroo
Sofia Cagnetti
Sara Catellani
Lucia Cinquegrana
Arianna Lenti
Selene Scarpolini
Alessandro Trazzera

 


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