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Gespiegeltes BühnenbildVon Thomas Molke / Fotos: © Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival) In diesem Jahr stehen beim Rossini Opera Festival in Pesaro gleich zwei Wiederaufnahmen der frühen Farse an, mit denen Rossinis Karriere als junger Komponist im Theater San Moisè in Venedig begann. Im Gegensatz zu L'occasione fa il ladro in der legendären Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle aus dem Jahr 1987 ist Damiano Michielettos Produktion von La scala di seta nicht ganz so alt. Sie stammt aus dem Jahr 2009 und wurde wegen des großen Erfolgs bereits 2011 wiederaufgenommen. Bei der Uraufführung am 9. Mai 1812 konnte Rossini allerdings mit dem Stück nicht an den überwältigenden Erfolg seiner zweiten Farsa L'inganno felice anknüpfen. L'inganno felice hatte nämlich nicht nur dazu geführt, dass der damalige Impresario des San Moisè, Antonio Cera, ihn direkt für drei weitere Farse in den folgenden Jahren verpflichtete. Auch andere Häuser waren auf den jungen aufstrebenden Komponisten aufmerksam geworden und machten ihm finanziell wesentlich lukrativere Angebote. So hatte Rossini 1812 gleich fünf Kompositionsaufträge und konnte aus Zeitgründen bei der Auswahl der Libretti nicht allzu wählerisch sein. Daher ließ er seinen Librettisten Giuseppe Foppa einfach die vier Jahre vorher in Paris uraufgeführte Opéra comique L'Echelle de Soie von Pierrre Gaveaux ins Italienische übersetzen, was ihm bei zahlreichen Kritikern den Vorwurf einbrachte, das Werk nicht genügend dem italienischen Operngeschmack angepasst zu haben. Außerdem wurde das Stück als relativ fantasielose Abänderung der damals noch häufig gespielten Oper Il matrimonio segreto von Domenico Cimarosa betrachtet. Blansac (Iurii Samoilov) umwirbt Giulia (Hasmik Torosyan). Erzählt wird die Geschichte der jungen Waisen Giulia, die bei ihrem Onkel und Vormund Dormont gemeinsam mit seiner Tochter Lucilla lebt. Giulia hat heimlich ihren Geliebten Dorvil geheiratet und empfängt ihn jede Nacht in ihrer Kammer über eine seidene Leiter, die sie zu diesem Zweck aus dem Fenster herabhängen lässt. Doch ihr Onkel plant, sie mit dem vermögenden Blansac zu verheiraten, in den wiederum Lucilla verliebt ist. Giulia will Blansac mit ihrer Cousine verkuppeln und spannt Germano, den etwas einfältigen Diener ihres Onkels, als Komplizen ein. Dieser wiederum weiß nicht, dass Giulia bereits mit Dorvil verheiratet ist, und bildet sich ein, dass Giulia Gefühle für ihn habe und deshalb Blansac nicht heiraten wolle. Blansac hingegen betrachtet Giulias Ablehnung als Herausforderung und beabsichtigt sehr zum Missfallen Lucillas, Giulia jetzt erst recht zu erobern. Beim nächtlichen Rendezvous steigen dann sowohl Dorvil als auch Blansac über die seidene Leiter ein und stiften einige Verwirrungen, die zu einem Tumult führen, der dann auch noch Dormont auf den Plan ruft. Giulia gesteht, dass sie und Dorvil bereits ein Ehepaar sind, und Blansac macht das Angebot, statt Giulia Dormonts Tochter Lucilla zur Frau zu nehmen. So gibt es am Ende zwei glückliche Paare und einen völlig verwirrten Diener, der nicht begreift, was eigentlich genau passiert ist. Verwirrspiel im Spiegel: von links: Blansac (Iurii Samoilov), Germano (Paolo Bordogna), Dormont (Enrico Iviglia), Giulia (Hasmik Torosyan), Lucilla (Mara Gaudenzi) und Dorvil (Alasdair Kent) Clou der Inszenierung von Damiano Michieletto ist das ausgeklügelte Bühnenbild von Paolo Fantin, das mit einer schräg von der Bühnendecke nach hinten verlaufenden Spiegelwand Giulias komplette Wohnung mit allen Räumen zeigt. Die Türen und Wände sind nur als Grundriss auf dem Boden eingezeichnet und spiegeln sich in der Decke, so dass das Publikum genau erkennt, wer sich gerade in welchem Raum befindet. Wenn sich der Vorhang hebt, steht auf der Bühne nur das Fenster, durch das Giulia jede Nacht Dorvil über die seidene Leiter ins Haus lässt. Hinter dem Fenster ist auf dem Boden ein kleines Vordach eingezeichnet, das dann hinab in den Garten hinter dem Haus führt. Während der Ouvertüre wird die komplette Wohnung mit jugendlich modernen Möbeln von Bühnenmitarbeitern aufgebaut, die mit der Spiegelwand von oben eine komplette Wohnung entstehen lassen. Die Solistinnen und Solisten achten bei ihren Gängen durch die Wohnung peinlichst genau auf die markierten Türen, so dass das Versteckspiel in den einzelnen Räumen und das Belauschen der anderen auch ohne Wände wunderbar funktioniert. Außerdem sieht man die Figuren durch den Spiegel auch, wenn sie hinter einzelnen Möbelstücken stehen. Die seidene Leiter, mit der Giulia jede Nacht Dorvil hereinlässt, besteht aus einem riesigen weißen Tuch, das sie in einem Schrank versteckt und zu einem Strick geformt aus dem Fenster herablässt. Chaos in der Einbauküche: von links: Giulia (Hasmik Torosyan), Dorvil (Alasdair Kent), Germano (Paolo Bordogna) und Blansac (Iurii Samoilov) In diesem Ambiente lässt Michieletto in einer differenzierten Personenregie die Solistinnen und Solisten regelrechte Slapstick-Einlagen vollziehen. Ein Garant für den großen Erfolg der Produktion 2009 und der Wiederaufnahme 2011 dürfte sicherlich der Buffo-Bass Paolo Bordogna gewesen sein, der auch dieses Jahr wieder in die Partie des chaotischen Dienstboten Germano schlüpft. Mit Prinz-Eisenherz-Frisur und einem kleinen Teddy als Partner stolpert er wie Jerry Lewis von einem Missgeschick ins nächste und zeigt sich immer noch sehr beweglich. So hüpft er zum Takt der Musik auf den Einbauschrank und vollbringt unter dem Tisch regelrechte Kabinettstückchen. Sein Bass verfügt aber zumindest in der besuchten Vorstellung nicht über die große Beweglichkeit, mit der er bei der damaligen Aufführung begeistert hat. In den Tiefen verfügt er über das erforderliche Volumen, klingt aber in den Höhen bisweilen etwas angestrengt und erschöpft. Das alles macht er aber mit herrlich komödiantischem Spiel wett und verdreht auch weiterhin entgegen dem Libretto und den Übertiteln ständig den Namen von Giulias Verehrer Blansac, so dass sehr deutlich wird, dass dieser Dienstbote an dem Chaos auf der Bühne nicht unbeteiligt ist. Versteckspiel im Schlafzimmer: Lucilla (Mara Gaudenzi, rechts) belauscht Giulia (Hasmik Torosyan) und Dorvil (Alasdair Kent). Auch das übrige Ensemble begeistert durch großartige Komik. Hasmik Torosyan verfügt als kokettes Mündel Giulia über einen strahlenden Sopran. Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit gelingen ihr die sauberen Koloraturen auch, wenn sie dabei Turnübungen durchführt. Ihr komödiantisches Talent spielt sie aus, wenn sie kurzerhand ihren heimlichen Gatten im Schrank versteckt oder vor seinen Augen heftig mit Blansac flirtet. Alasdair Kent gibt den eifersüchtigen Ehemann Dorvil mit tenoralem Schmelz als lässigen Schönling in Motorradkluft. In den Höhen besitzt sein Tenor große Strahlkraft. Iurii Samoilov glänzt als Blansac mit sehr virilem Bariton und legt den Heiratskandidaten als selbstverliebten Macho an, der sich mit Sonnenbrille und weit geöffnetem Hemd für unwiderstehlich hält. Ihm scheint es völlig egal zu sein, welche Frau er erobert. Nur eine Ablehnung kann sein männlicher Stolz nicht verkraften. Eine eigene Arie hat er bei der Wiederaufnahme der Produktion nicht mehr, weswegen die einaktige Farsa 2026 auch ohne Pause gespielt wird. 2009 und 2011 wurde noch die Arie "Alle voci dell'amore" eingefügt, die inhaltlich zwar genau auf Blansacs Charakter passt, allerdings nicht für den Interpreten der Uraufführung komponiert worden war.
Mara Gaudenzi gibt mit vollem Mezzosopran und recht exaltiertem Spiel Giulias
Kusine Lucilla, die zwar zunächst als spröde Jungfer zurechtgemacht ist, sich im
Duett mit Blansac
FAZIT
Die Inszenierung besitzt mit dem spielfreudigen Ensemble immer noch großen
Unterhaltungswert und zeigt, dass auch Rossinis Farse ihren Reiz haben.
Weitere Rezensionen zu dem
Rossini Opera Festival 2026 |
ProduktionsteamMusikalische LeitungIván López-Reynoso Regie Bühnenbild und Kostüme Licht
Orchestra del Solistinnen und Solisten
Dormont
Giulia
Lucilla
Dorvil
Blansac
Germano
Statist
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- Fine -