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Reise ins StrandhotelVon Thomas Molke / Fotos: © Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival)
Seit 2001 steht Rossinis letzte italienischsprachige Oper Il
viaggio a Reims jedes Jahr beim Rossini Opera Festival an zwei
Vormittagen in einer Inszenierung von Emilio Sagi auf dem Programm, die beim alljährlichen Festival Giovane mit jungen
Sängerinnen und Sängern der Accademia Rossiniana neu erarbeitet wird,
in diesem Jahr wieder unter der Leitung von Matteo Anselmi. Diese Cantata
scenica, die Rossini als neuer künstlerischer Leiter des Théâtre Italien in
Paris anlässlich der Krönung des französischen Königs Karl X. 1825 zur
Uraufführung brachte, bietet jungen Künstlerinnen und Künstlern, die noch am Anfang ihrer Karriere
stehen, aufgrund der zahlreichen Rollen mit relativ gleichberechtigtem
sängerischem Anspruch die Möglichkeit, einerseits Erfahrungen zu sammeln, die
ihre jungen Stimmen nicht schädigen dürften, andererseits sich für künftige Engagements zu empfehlen. Bei
dieser langjährigen Tradition der Nachwuchsförderung sind hier in Pesaro in den
vergangenen Jahren einige Künstlerinnen und Künstler entdeckt worden, die mittlerweile auch in den
großen Opernproduktionen auf der Bühne stehen. So hat beispielsweise
der Tenor Maxim Mironov, der hier 2001 als Conte di Libenskof debütierte, seitdem
zahlreiche große Partien unter anderem auch in Pesaro gesungen und kehrt in diesem Jahr als
Néoclès in Le Siège de Corinthe zurück. Auch Vasilisa Berzhanskaya
hat nach ihrem Debüt als Marchesa Melibea 2016 mittlerweile international
Karriere gemacht und ist in diesem Jahr als Pamyra in Le Siège de Corinthe zu erleben.
Das komplette Ensemble der diesjährigen Farsa L'occasione fa il ladro hat
ebenfalls in der Akademie-Produktion in Pesaro in unterschiedlichen Partien und
Jahren debütiert. Wer also eine Gelegenheit sucht, die ersten musikalischen Schritte
der Stars von morgen mitzuerleben, sollte sich bei einem Besuch in Pesaro die
beiden Vormittagsveranstaltungen nicht entgehen lassen, zumal die Partien in der
Regel doppelt besetzt sind.
Die Inszenierung der Oper über eine illustre Reisegruppe, die im Kurhotel "Goldene Lilie" in Plombières abgestiegen ist, um von dort aus zu den Krönungsfeierlichkeiten Karls
X. nach Reims zu reisen, dort aber nie ankommt, da aufgrund der großen Nachfrage
kein Transportmittel zur Verfügung steht, deshalb im Hotel bleibt und dort
ihr eigenes Fest veranstaltet, bleibt dabei in jedem Jahr gleich und wird nur
mit neuen Interpretinnen und Interpreten umgesetzt. Emilio Sagi siedelt die Szene
in einem Strandhotel an, das man auch hier in Pesaro verorten könnte. Der blaue Hintergrund
kann als Meer interpretiert werden, zeigt aber auch, dass die Reise nirgendwohin
führt. Während das
Personal des Kurhotels in der weißen Kleidung mit den Namensschildern ein
wenig an
Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger erinnert und die Gäste einheitlich in weißen Bademänteln und
Handtüchern auftreten, wechseln alle Figuren, wenn klar ist, dass die Reise nach
Reims nicht stattfinden kann und folglich im Hotel gefeiert werden soll, die
Kleidung und legen schwarze Abendgarderobe an, in der sie nach der Pause mit
einer großen weißen Girlande über der Bühne ihre eigene Party feiern.
Am
Ende der Aufführung tritt zum feierlichen Schlussgesang Corinnas König Karl X. als
Kind mit Krone höchstpersönlich auf und schreitet mit mehreren Luftballons als Szepter
Hände schüttelnd durch den Zuschauerraum. Wenn er die Bühne erreicht,
wird er von der feiernden Gesellschaft allerdings gar nicht wahrgenommen. So
lässt er sich schließlich an der Bühnenrampe nieder, schießt ein
Selfie mit dem Handy und genießt ein Sandwich mit einem Softdrink, während die anderen ihn mit Champagner
feiern.
Madama Cortese (Kanako Tominaga, Mitte) gibt dem
Personal (rechts daneben Hope Nelson als Maddalena) Anweisungen.
Die zahlreichen Partien sind wieder auf 17 Sängerinnen und Sänger verteilt, denen bei der Gestaltung der Bühnenfiguren im Rahmen des
Regiekonzeptes großer Freiraum gelassen wird und die gleichzeitig die
Chorpartien übernehmen. Hope Nelson tritt als Maddalena bereits während der
Ouvertüre auf und muss panisch feststellen, dass die Bühne noch nicht für die
Gäste vorbereitet ist. Mit großer Autorität und strengem Regiment
fordert sie das übrige Personal in der Einleitung "Presto,
presto" auf, für Ordnung zu sorgen. Kanako Tominaga
gestaltet die Madama Cortese mit klaren Höhen und verfügt in den
Parlando-Stellen und den Koloraturen über einen sehr beweglichen Sopran.
Darstellerisch amüsant gelingt ihr auch die Inspizierung des Personals, die
genau auf die Musik abgestimmt ist und an einer passenden Stelle Zeffirino
deutlich macht, gefälligst seinen Bauch einzuziehen. Immer wieder schön anzusehen ist, wie das Personal mit
Seifenblasen zu "Di vagghi raggi adorno" eine verträumt kitschige
Atmosphäre schafft, während die Hausherrin dafür Sorge tragen will, dass an
diesem wunderschönen Tag alles zur Zufriedenheit der Gäste abläuft.
Die Contessa di Folleville (Aziza Omarova, Mitte)
feiert den geretteten Hut (von links: Modestina (Madina Abildina), Barone di
Trombonok (Edoardo di Cecco), Don Prudenzio (Kairui Liu), Don Luigino (Jiahui
Mo), Maddalena (Hope Nelson) und Antonio (Keisuke Onoda).
Aziza Omarova punktet im Anschluss als Contessa di Folleville mit sauber angesetzten
Koloraturen in ihrer großen Arie "Partir, oh ciel! desio", in der sie ihrer Verzweiflung über den Verlust ihrer wertvollen Kleider
durch ein Kutschenunglück freien Lauf lässt. Dabei legt sie die Rolle
wunderbar überzeichnet an und wird von den Angestellten (Maddalena, Madina
Abildina als Modestina, Kairui Liu als Don Prudenzio und Keisuke Onada als
Antonio) herrlich karikiert. Kairui Liu lässt in der relativ kleinen Partie des
Arztes Don Prudenzio mit fulminantem Bass aufhorchen, auch wenn seine
medizinischen Kenntnisse nicht die Autorität halten, die seine Stimme
verspricht. Darüber macht sich dann auch Edoardo di Cecco als Barone di
Trombonok lustig, der nicht nur mit profundem Bariton überzeugt, sondern auch
großartiges Buffo-Talent beweist und sich damit sicherlich für eine größere
Partie in einem der folgenden Jahre empfiehlt. Besucherinnen und Besuchern aus
Bad Wildbad ist er sicherlich auch noch als Stipendiat der Akademie BelCanto
2025 in Erinnerung.
Zur Beruhigung der Gemüter erst einmal eine
Massage: von links: Madama Cortese (Kanako Tominaga), Barone di Trombonok
(Edoardo di Cecco), Don Profondo (Davor Nekjak), Don Alvaro (Taiyo Abe),
Marchesa Melibea (Martina Myskohlid) und Conte di Libenskof (Enrico Basso)
Absolut humorvoll geht es weiter mit Martina Myskohlid als Marchesa
Melibea, Enrico Basso und Taiyo Abe, die als russischer Conte di
Libenskof bzw. heißblütiger Spanier Don Alvaro um die Gunst der schönen Polin
buhlen. Myskohlid setzt auf große Komik, wenn sie immer heimlich nach ihrem
versteckten Flachmann greift, und legt die Partie der Marchesa
mit dunkel gefärbtem, sehr beweglichem Mezzosopran und kraftvollen Tiefen an.
Durch ihren ständigen Flirt mit Abe als Don Alvaro bringt sie ihren Geliebten
Libenskof bewusst zur Weißglut. Basso verfügt als Libenskof über einen
klaren
Tenor, der in den Spitzentönen zu Beginn ein wenig zu kämpfen hat.
Darstellerisch nimmt man ihm den eifersüchtigen Russen in jedem Moment ab.
Abe
provoziert den Rivalen bewusst mit virilem Bariton und machohaftem Spiel, das
auf die Marchesa eine faszinierende Anziehungskraft zu haben scheint. Da haben
di Cecco und Davor Nekjak als Trombonok und Don Profondo gemeinsam mit Tominaga als Madama
Cortese einiges zu tun, um die beiden Streithähne an einem Kampf zu
hindern. Das große Sextett avanciert zu einem weiteren musikalischen Höhepunkt
der Aufführung, bei dem sie sich von Angestellten des Hotels pflegen
lassen. Auch hier punktet di Cecco, wenn sein Pfleger es ihm offensichtlich nicht recht machen kann.
Die friedvolle Kavatine "Arpa gentil che fida" der
Corinna bringt dann endgültig Ruhe in die leicht aufgeheizte Situation. An
dieser Stelle klärt sich auch die Frage, wieso die Preisträgerin
des Internationalen Belcanto-Preises 2025 in Bad Wildbad, Martina Saviano, 2026 dort nicht zu erleben war. Sie hat an der Accademia Rossiniana in Pesaro
teilgenommen und die Partie der Corinna einstudiert. Mit weichem Sopran und
klaren Höhen legt sie die Arie zum betörenden Klang der Harfe aus der der Bühne gegenüber liegenden Loge im ersten Rang an. Bei derart zarten und
sanften Tönen verwundert es nicht, dass sich der englische Lord Sidney
unsterblich in Corinna verliebt hat. William Meinert bringt als Lord
Sidney mit voluminösem Bass und herrlich samtigen Tiefen in seiner großen Arie "Invan
strappar dal core" seine unerfüllte Liebe zum Ausdruck. Flankiert wird er dabei
von Tominaga, Nelson, Abildina und Hana Ilcic, die als Chor mit roten ausgeschnittenen Papierherzen und einem Porträt
Corinnas auf einem weiteren großen weißen Herzen im Takt der Musik die Szene
karikieren. Zuvor lenkt Tominaga als Madama Cortese genau abgestimmt auf das
betörende Flötenspiel aus dem Orchester die Aufmerksamkeit des Lords auf
Corinnas Bildnis.
Doch die Improvisationskünstlerin Corinna fasziniert auch andere Männer, so auch
den französischen Cavalier Belfiore, der eigentlich mit der Contessa di Folleville
liiert ist. In einem Duett versucht er, sie mit allen Mitteln der Kunst zu
erobern. Yukang Zheng setzt den selbsverliebten Cavalier mit
machohaftem Gehabe und wunderbarem Spielwitz in Szene und präsentiert sich dabei
auch sportlich in Höchstform. Sein Tenor versprüht in den Höhen einen
wunderbaren Schmelz, der hervorragend zu seinem Balzgehabe passt. Für die gute
Corinna ist das alles ein bisschen zu viel. Sie fühlt sich eher zu dem stets in
sich gekehrten und melancholischen Lord Sidney hingezogen und lässt den
aufdringlichen Cavalier abblitzen. Im Anschluss folgt die Arie
Don Profondos, "Io! Medaglie incomparabili", in der er die Wertgegenstände für
die Reise auflistet und dabei die einzelnen Gäste entsprechend ihrer nationalen
Eigenheiten karikiert. Hier begeistert Nekjak mit großartigem Spielwitz in den
Parodien und punktet mit beweglichem Buffo-Bass, der
dem hohen Tempo des Parlando-Tons absolut gewachsen ist. Während er sich hier
über die Macken der anderen Gäste lustig macht, gestaltet er den
Antiquitätensammler Don Profondo aber ebenfalls etwas skurril. Im folgenden großen Finale zu 14 Stimmen, in dem die Gäste nach
ihrem anfänglichen Schock darüber, dass die Reise nicht stattfinden kann, beschließen, im Hotel zu bleiben und am nächsten Tag zur Contessa
nach Paris aufzubrechen, begeistert das komplette Ensemble mit wuchtigem,
homogenem Klang und schafft es, in enormem Tempo auf der Bühne die
Garderobe zu wechseln.
Alle feiern Karl X., ohne zu bemerken, dass er
schon anwesend ist (Edoardo Maria D'Angelo vorne an der Rampe) (von links:
Modestina (Madina Abildina), Zefirino und Delia (Dongjae Son und Hana Ilcic),
Don Alvaro (Taiyo Abe), Corinna (Martina Saviano), Don Profondo und Madama
Cortese (Davor Nekjak und Kanako Tominaga), Cavalier Belfiore und Contessa di
Folleville (Yukang Zheng und Aziza Omarova), Conte die Libenskof und Marchesa
Melibea (Enrico Basso und Martina Myskohlid), Lord Sidney (William Meinert),
Antonio und Maddalena (Keisuke Onoda und Hope Nelson)
Nach der Pause folgt dann noch das große Versöhnungs-Duett zwischen Melibea und
Libenskof, in dem sich die beiden nach anfänglichen heftigen Streitereien
schließlich doch noch gegenseitig ihre Liebe gestehen, auch wenn
man Zweifel daran hegen darf, dass diese Harmonie von langer Dauer sein wird.
Denn schon bei den anschließenden Feierlichkeiten flirtet Melibea erneut heftig mit Don
Alvaro, so dass die Gäste immer wieder Handgreiflichkeiten zwischen Libenskof und dem
Spanier verhindern müssen. Doch dies sind nicht die einzigen
Eifersuchtsszenen nach der Pause. Auch der Cavalier Belfiore muss von der
Contessa immer wieder in seine Schranken verwiesen werden. Interessant ist für deutsche Ohren, dass
Rossini im Rahmen der traditionellen Melodien, die die einzelnen Gäste bei der
Feier am Ende des Stückes auf ihre Heimat anstimmen, mit der Verwendung der
Kaiserhymne, die Haydn Ende des 18. Jahrhundert komponierte, bereits die
Melodie der deutschen Nationalhymne vorweggenommen hat. Di Cecco gestaltet als
Trombonok diese kurze "Hymne" mit kräftigem Bariton, wobei die anderen als Chor
in die Wiederholung stimmgewaltig mit einstimmen. Auch die übrigen Sängerinnen
und Sänger überzeugen mit ihren Melodien aus der Heimat. Saviano bewegt dann zum Abschluss noch einmal
mit einer sauber intonierten Hymne auf Karl X., König von Frankreich. Das
Orchester Sinfonica G. Rossini wird von Sieva Borzak mit sicherer
Hand und Liebe zum Detail durch die Partitur geführt, so dass es am Ende großen
und verdienten Beifall für alle Beteiligten gibt.
FAZIT
Weitere Rezensionen zu dem
Rossini Opera Festival 2026 |
ProduktionsteamMusikalische LeitungSieva Borzak Regie und Bühne Einstudierung der Wiederaufnahme Kostüme Licht
Filarmonica Gioachino Rossini Fortepiano Flöte Solistinnen und Solisten*Premierenbesetzung
Corinna
Marchesa Melibea
Contessa di Folleville
Madama Cortese
Cavalier Belfiore
Conte di Libenskof
Lord Sidney Don Profondo Barone di Trombonok Don Alvaro Don Prudenzio Don Luigino Delia Maddalena Modestina Zefirino / Gelsomino Antonio Carlo X. (stumme Rolle)
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