Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum



Rossini Opera Festival

Pesaro
11.08.2026 - 23.08.2026


Il viaggio a Reims

Dramma giocoso in einem Akt
Libretto von Luigi Balochi
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit italienischen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 50' (eine Pause)

Wiederaufnahme-Premiere im Teatro Rossini in Pesaro am 16. August 2026
(Premiere der Produktion: 13. August 2001)


Homepage

 

Rossini Opera Festival

Homepage

 

Reise ins Strandhotel

Von Thomas Molke / Fotos: © Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival)

Seit 2001 steht Rossinis letzte italienischsprachige Oper Il viaggio a Reims jedes Jahr beim Rossini Opera Festival an zwei Vormittagen in einer Inszenierung von Emilio Sagi auf dem Programm, die beim alljährlichen Festival Giovane mit jungen Sängerinnen und Sängern der Accademia Rossiniana neu erarbeitet wird, in diesem Jahr wieder unter der Leitung von Matteo Anselmi. Diese Cantata scenica, die Rossini als neuer künstlerischer Leiter des Théâtre Italien in Paris anlässlich der Krönung des französischen Königs Karl X. 1825 zur Uraufführung brachte, bietet jungen Künstlerinnen und Künstlern, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen, aufgrund der zahlreichen Rollen mit relativ gleichberechtigtem sängerischem Anspruch die Möglichkeit, einerseits Erfahrungen zu sammeln, die ihre jungen Stimmen nicht schädigen dürften, andererseits sich für künftige Engagements zu empfehlen. Bei dieser langjährigen Tradition der Nachwuchsförderung sind hier in Pesaro in den vergangenen Jahren einige Künstlerinnen und Künstler entdeckt worden, die mittlerweile auch in den großen Opernproduktionen auf der Bühne stehen. So hat beispielsweise der Tenor Maxim Mironov, der hier 2001 als Conte di Libenskof debütierte, seitdem zahlreiche große Partien unter anderem auch in Pesaro gesungen und kehrt in diesem Jahr als Néoclès in Le Siège de Corinthe zurück. Auch Vasilisa Berzhanskaya hat nach ihrem Debüt als Marchesa Melibea 2016 mittlerweile international Karriere gemacht und ist in diesem Jahr als Pamyra in Le Siège de Corinthe zu erleben. Das komplette Ensemble der diesjährigen Farsa L'occasione fa il ladro hat ebenfalls in der Akademie-Produktion in Pesaro in unterschiedlichen Partien und Jahren debütiert. Wer also eine Gelegenheit sucht, die ersten musikalischen Schritte der Stars von morgen mitzuerleben, sollte sich bei einem Besuch in Pesaro die beiden Vormittagsveranstaltungen nicht entgehen lassen, zumal die Partien in der Regel doppelt besetzt sind. In diesem Jahr treten die jungen Sängerinnen und Sänger wieder teilweise in unterschiedlichen Partien in den beiden Vorstellungen auf.

Die Inszenierung der Oper über eine illustre Reisegruppe, die im Kurhotel "Goldene Lilie" in Plombières abgestiegen ist, um von dort aus zu den Krönungsfeierlichkeiten Karls X. nach Reims zu reisen, dort aber nie ankommt, da aufgrund der großen Nachfrage kein Transportmittel zur Verfügung steht, deshalb im Hotel bleibt und dort ihr eigenes Fest veranstaltet, bleibt dabei in jedem Jahr gleich und wird nur mit neuen Interpretinnen und Interpreten umgesetzt. Emilio Sagi siedelt die Szene in einem Strandhotel an, das man auch hier in Pesaro verorten könnte. Der blaue Hintergrund kann als Meer interpretiert werden, zeigt aber auch, dass die Reise nirgendwohin führt. Während das Personal des Kurhotels in der weißen Kleidung mit den Namensschildern ein wenig an Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger erinnert und die Gäste einheitlich in weißen Bademänteln und Handtüchern auftreten, wechseln alle Figuren, wenn klar ist, dass die Reise nach Reims nicht stattfinden kann und folglich im Hotel gefeiert werden soll, die Kleidung und legen schwarze Abendgarderobe an, in der sie nach der Pause mit einer großen weißen Girlande über der Bühne ihre eigene Party feiern. Am Ende der Aufführung tritt zum feierlichen Schlussgesang Corinnas König Karl X. als Kind mit Krone höchstpersönlich auf und schreitet mit mehreren Luftballons als Szepter Hände schüttelnd durch den Zuschauerraum. Wenn er die Bühne erreicht, wird er von der feiernden Gesellschaft allerdings gar nicht wahrgenommen. So lässt er sich schließlich an der Bühnenrampe nieder, schießt ein Selfie mit dem Handy und genießt ein Sandwich mit einem Softdrink, während die anderen ihn mit Champagner feiern.

Bild zum Vergrößern

Madama Cortese (Kanako Tominaga, Mitte) gibt dem Personal (rechts daneben Hope Nelson als Maddalena) Anweisungen.

Die zahlreichen Partien sind wieder auf 17 Sängerinnen und Sänger verteilt, denen bei der Gestaltung der Bühnenfiguren im Rahmen des Regiekonzeptes großer Freiraum gelassen wird und die gleichzeitig die Chorpartien übernehmen. Hope Nelson tritt als Maddalena bereits während der Ouvertüre auf und muss panisch feststellen, dass die Bühne noch nicht für die Gäste vorbereitet ist. Mit großer Autorität und strengem Regiment fordert sie das übrige Personal in der Einleitung "Presto, presto" auf, für Ordnung zu sorgen. Kanako Tominaga gestaltet die Madama Cortese mit klaren Höhen und verfügt in den Parlando-Stellen und den Koloraturen über einen sehr beweglichen Sopran. Darstellerisch amüsant gelingt ihr auch die Inspizierung des Personals, die genau auf die Musik abgestimmt ist und an einer passenden Stelle Zeffirino deutlich macht, gefälligst seinen Bauch einzuziehen. Immer wieder schön anzusehen ist, wie das Personal mit Seifenblasen zu "Di vagghi raggi adorno" eine verträumt kitschige Atmosphäre schafft, während die Hausherrin dafür Sorge tragen will, dass an diesem wunderschönen Tag alles zur Zufriedenheit der Gäste abläuft.

Bild zum Vergrößern

Die Contessa di Folleville (Aziza Omarova, Mitte) feiert den geretteten Hut (von links: Modestina (Madina Abildina), Barone di Trombonok (Edoardo di Cecco), Don Prudenzio (Kairui Liu), Don Luigino (Jiahui Mo), Maddalena (Hope Nelson) und Antonio (Keisuke Onoda).

Aziza Omarova punktet im Anschluss als Contessa di Folleville mit sauber angesetzten Koloraturen in ihrer großen Arie "Partir, oh ciel! desio", in der sie ihrer Verzweiflung über den Verlust ihrer wertvollen Kleider durch ein Kutschenunglück freien Lauf lässt. Dabei legt sie die Rolle wunderbar überzeichnet an und wird von den Angestellten (Maddalena, Madina Abildina als Modestina, Kairui Liu als Don Prudenzio und Keisuke Onada als Antonio) herrlich karikiert. Kairui Liu lässt in der relativ kleinen Partie des Arztes Don Prudenzio mit fulminantem Bass aufhorchen, auch wenn seine medizinischen Kenntnisse nicht die Autorität halten, die seine Stimme verspricht. Darüber macht sich dann auch Edoardo di Cecco als Barone di Trombonok lustig, der nicht nur mit profundem Bariton überzeugt, sondern auch großartiges Buffo-Talent beweist und sich damit sicherlich für eine größere Partie in einem der folgenden Jahre empfiehlt. Besucherinnen und Besuchern aus Bad Wildbad ist er sicherlich auch noch als Stipendiat der Akademie BelCanto 2025 in Erinnerung.

Bild zum Vergrößern

Zur Beruhigung der Gemüter erst einmal eine Massage: von links: Madama Cortese (Kanako Tominaga), Barone di Trombonok (Edoardo di Cecco), Don Profondo (Davor Nekjak), Don Alvaro (Taiyo Abe), Marchesa Melibea (Martina Myskohlid) und Conte di Libenskof (Enrico Basso)

Absolut humorvoll geht es weiter mit Martina Myskohlid als Marchesa Melibea, Enrico Basso und Taiyo Abe, die als russischer Conte di Libenskof bzw. heißblütiger Spanier Don Alvaro um die Gunst der schönen Polin buhlen. Myskohlid setzt auf große Komik, wenn sie immer heimlich nach ihrem versteckten Flachmann greift, und legt die Partie der Marchesa mit dunkel gefärbtem, sehr beweglichem Mezzosopran und kraftvollen Tiefen an. Durch ihren ständigen Flirt mit Abe als Don Alvaro bringt sie ihren Geliebten Libenskof bewusst zur Weißglut. Basso verfügt als Libenskof über einen klaren Tenor, der in den Spitzentönen zu Beginn ein wenig zu kämpfen hat. Darstellerisch nimmt man ihm den eifersüchtigen Russen in jedem Moment ab. Abe provoziert den Rivalen bewusst mit virilem Bariton und machohaftem Spiel, das auf die Marchesa eine faszinierende Anziehungskraft zu haben scheint. Da haben di Cecco und Davor Nekjak als Trombonok und Don Profondo gemeinsam mit Tominaga als Madama Cortese einiges zu tun, um die beiden Streithähne an einem Kampf zu hindern. Das große Sextett avanciert zu einem weiteren musikalischen Höhepunkt der Aufführung, bei dem sie sich von Angestellten des Hotels pflegen lassen. Auch hier punktet di Cecco, wenn sein Pfleger es ihm offensichtlich nicht recht machen kann.

Die friedvolle Kavatine "Arpa gentil che fida" der Corinna bringt dann endgültig Ruhe in die leicht aufgeheizte Situation. An dieser Stelle klärt sich auch die Frage, wieso die Preisträgerin des Internationalen Belcanto-Preises 2025 in Bad Wildbad, Martina Saviano, 2026 dort nicht zu erleben war. Sie hat an der Accademia Rossiniana in Pesaro teilgenommen und die Partie der Corinna einstudiert. Mit weichem Sopran und klaren Höhen legt sie die Arie zum betörenden Klang der Harfe aus der der Bühne gegenüber liegenden Loge im ersten Rang an. Bei derart zarten und sanften Tönen verwundert es nicht, dass sich der englische Lord Sidney unsterblich in Corinna verliebt hat. William Meinert bringt als Lord Sidney mit voluminösem Bass und herrlich samtigen Tiefen in seiner großen Arie "Invan strappar dal core" seine unerfüllte Liebe zum Ausdruck. Flankiert wird er dabei von Tominaga, Nelson, Abildina und Hana Ilcic, die als Chor mit roten ausgeschnittenen Papierherzen und einem Porträt Corinnas auf einem weiteren großen weißen Herzen im Takt der Musik die Szene karikieren. Zuvor lenkt Tominaga als Madama Cortese genau abgestimmt auf das betörende Flötenspiel aus dem Orchester die Aufmerksamkeit des Lords auf Corinnas Bildnis.

Doch die Improvisationskünstlerin Corinna fasziniert auch andere Männer, so auch den französischen Cavalier Belfiore, der eigentlich mit der Contessa di Folleville liiert ist. In einem Duett versucht er, sie mit allen Mitteln der Kunst zu erobern. Yukang Zheng setzt den selbsverliebten Cavalier mit machohaftem Gehabe und wunderbarem Spielwitz in Szene und präsentiert sich dabei auch sportlich in Höchstform. Sein Tenor versprüht in den Höhen einen wunderbaren Schmelz, der hervorragend zu seinem Balzgehabe passt. Für die gute Corinna ist das alles ein bisschen zu viel. Sie fühlt sich eher zu dem stets in sich gekehrten und melancholischen Lord Sidney hingezogen und lässt den aufdringlichen Cavalier abblitzen. Im Anschluss folgt die Arie Don Profondos, "Io! Medaglie incomparabili", in der er die Wertgegenstände für die Reise auflistet und dabei die einzelnen Gäste entsprechend ihrer nationalen Eigenheiten karikiert. Hier begeistert Nekjak mit großartigem Spielwitz in den Parodien und punktet mit beweglichem Buffo-Bass, der dem hohen Tempo des Parlando-Tons absolut gewachsen ist. Während er sich hier über die Macken der anderen Gäste lustig macht, gestaltet er den Antiquitätensammler Don Profondo aber ebenfalls etwas skurril. Im folgenden großen Finale zu 14 Stimmen, in dem die Gäste nach ihrem anfänglichen Schock darüber, dass die Reise nicht stattfinden kann, beschließen, im Hotel zu bleiben und am nächsten Tag zur Contessa nach Paris aufzubrechen, begeistert das komplette Ensemble mit wuchtigem, homogenem Klang und schafft es, in enormem Tempo auf der Bühne die Garderobe zu wechseln.

Bild zum Vergrößern

Alle feiern Karl X., ohne zu bemerken, dass er schon anwesend ist (Edoardo Maria D'Angelo vorne an der Rampe) (von links: Modestina (Madina Abildina), Zefirino und Delia (Dongjae Son und Hana Ilcic), Don Alvaro (Taiyo Abe), Corinna (Martina Saviano), Don Profondo und Madama Cortese (Davor Nekjak und Kanako Tominaga), Cavalier Belfiore und Contessa di Folleville (Yukang Zheng und Aziza Omarova), Conte die Libenskof und Marchesa Melibea (Enrico Basso und Martina Myskohlid), Lord Sidney (William Meinert), Antonio und Maddalena (Keisuke Onoda und Hope Nelson)

Nach der Pause folgt dann noch das große Versöhnungs-Duett zwischen Melibea und Libenskof, in dem sich die beiden nach anfänglichen heftigen Streitereien schließlich doch noch gegenseitig ihre Liebe gestehen, auch wenn man Zweifel daran hegen darf, dass diese Harmonie von langer Dauer sein wird. Denn schon bei den anschließenden Feierlichkeiten flirtet Melibea erneut heftig mit Don Alvaro, so dass die Gäste immer wieder Handgreiflichkeiten zwischen Libenskof und dem Spanier verhindern müssen. Doch dies sind nicht die einzigen Eifersuchtsszenen nach der Pause. Auch der Cavalier Belfiore muss von der Contessa immer wieder in seine Schranken verwiesen werden. Interessant ist für deutsche Ohren, dass Rossini im Rahmen der traditionellen Melodien, die die einzelnen Gäste bei der Feier am Ende des Stückes auf ihre Heimat anstimmen, mit der Verwendung der Kaiserhymne, die Haydn Ende des 18. Jahrhundert komponierte, bereits die Melodie der deutschen Nationalhymne vorweggenommen hat. Di Cecco gestaltet als Trombonok diese kurze "Hymne" mit kräftigem Bariton, wobei die anderen als Chor in die Wiederholung stimmgewaltig mit einstimmen. Auch die übrigen Sängerinnen und Sänger überzeugen mit ihren Melodien aus der Heimat. Saviano bewegt dann zum Abschluss noch einmal mit einer sauber intonierten Hymne auf Karl X., König von Frankreich. Das Orchester Sinfonica G. Rossini wird von Sieva Borzak mit sicherer Hand und Liebe zum Detail durch die Partitur geführt, so dass es am Ende großen und verdienten Beifall für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Auch wenn diese Inszenierung jedes Jahr gleich ist, machen die ständig wechselnden Nachwuchskünstlerinnen und Nachwuchskünstler diese Veranstaltung immer wieder zu einem neuen sehens- und hörenswerten Erlebnis.

Weitere Rezensionen zu dem Rossini Opera Festival 2026



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Sieva Borzak

Regie und Bühne
Emilio Sagi

Einstudierung der Wiederaufnahme
Matteo Anselmi

Kostüme
Pepa Ojanguren

Licht
Fabio Rossi

 

Filarmonica Gioachino Rossini

Fortepiano
Rubén Sánchez-Vieco

Flöte
Christina Flenghi


Solistinnen und Solisten

*Premierenbesetzung

Corinna
*Martina Saviano /
Momoko Toyama

Marchesa Melibea
*Martina Myskohlid /
Hope Nelson

Contessa di Folleville
Aziza Omarova

Madama Cortese
*Kanako Tominaga /
Hana Ilcic

Cavalier Belfiore
*Yukang Zheng /
Jiahui Mo

Conte di Libenskof
*Enrico Basso /
Dongjae Son

Lord Sidney
William Meinert

Don Profondo
*Davor Nekjak /
Davide Sodini

Barone di Trombonok
*Edoardo di Cecco /
Yurii Strakhov

Don Alvaro
*Taiyo Abe /
Keisuke Onoda

Don Prudenzio
Kairui Liu

Don Luigino
*Jiahui Mo /
Yukang Zheng

Delia
*Hana Ilcic /
Kanako Tominaga

Maddalena
*Hope Nelson /
Martina Myskohlid

Modestina
Madina Albidina

Zefirino / Gelsomino
*Dongjae Son /
Enrico Basso

Antonio
*Keisuke Onoda /
Taiyo Abe

Carlo X. (stumme Rolle)
Edoardo Maria D'Angelo

 


Zur Homepage vom
Rossini Opera Festival




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum

© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -