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Das Leuchten der Stille
Von Stefan Schmöe
Mitunter meint man, es müssten Himmelsglöckchen sein, die leis' aus dem Jenseits herüberläuten. Arcadi Volodos bringt in Franz Schuberts G-Dur-Sonate, entstanden 1826 zwei Jahre vor dem Tod des Komponisten, immer wieder die Diskantlage zum Leuchten. Er beschwört eine eigene Klangwelt herauf, hell und licht, oft im delikaten Piano oder Pianissimo. Und er grenzt diese Sphäre klanglich ab gegen die dunklen, geerdeten, eben "irdischen" Farben. Dass es in dieser eigentümlichen Sonate (die Schuberts Verleger vorsorglich als "Fantasie" bezeichnete) um höhere Dinge geht, macht er bereits im ersten Akkord deutlich. Den hält er viel länger, als in den Noten steht, und nach der kurzen Sechzehntelbewegung, die wie ein Atemholen wirkt, spielt er die Wiederholung dieses Akkords gleich noch einmal genauso lang. Damit wird der Zwölf-Achtel-Takt, kaum hat er eingesetzt, sofort aus dem Gleichgewicht gebracht, als werde die reale Zeit angehalten: Ein tönendes Portal zu einer anderen Dimension. Bei Volodos klingt das, wie viele unkonventionelle Momente an diesem Abend, nicht manieriert, sondern organisch und durchdacht.
Arcadi Volodos (Foto © Marek Korczak)
Die vermeintliche Leichtigkeit, die verspielte Eleganz, die scheinbare Naivität dieser Komposition: Alles das bringt Volodos bestechend auf den Punkt. Die Musik erhält im ersten Satz ein improvisatorisch freies Moment, als wolle sie das alte Sonatensatzschema und die motivische Arbeit im nächsten Moment hinter sich lassen. Im zweiten Satz scheint es, als summe da jemand aus der Erinnerung eine seltsame Melodie vor sich hin. Das energisch und federnd, aber nicht zu rustikal interpretierte Menuett umrahmt das Trio, in dem die besagten Himmelsglöckchen tönen dürfen (die man aber schon im ersten Satz immer wieder vernehmen kann). Die Nonchalance, mit der Schubert sich im Finalsatz aus dieser Welt hinausspielt und die Konventionen eines ordentlichen Sonatenschlusses andeutet, um sie dann zu ignorieren, trifft Volodos ganz ausgezeichnet. Man bleibt staunend zurück nach diesem luftig-leichten und doch so bedeutungsvollen Wunderwerk.
Arcadi Volodos (Foto © Marek Korczak)
Der zweite Teil ist Frédéric Chopin gewidmet, zunächst mit drei Mazurken klanglich eng an Schubert anknüpfend. Auch hier findet Volodos einen Ausgleich zwischen dem kraftvoll tänzerischen und dem lyrischen Element. Der Pianist erzählt in jedem der drei Stücke eine kleine Geschichte, und es sind wieder die lichten, zarten Wendungen, auf denen das eigentliche Gewicht liegt. Beim hochromantischen, verträumten cis-Moll-Prelude Op. 45 allerdings wäre ein wenig mehr Strenge angebracht, hier läuft der Interpret Gefahr, sich vor lauter Poesie in Sentimentalität zu verlieren.
Arcadi Volodos (Foto © Lukas Beck)
Eine andere Welt betritt Volodos mit Chopins b-Moll-Sonate, die er ausgesprochen düster angeht. Zerrissene Klangflächen bestimmen den Charakter der Interpretation. Die späten Werke Liszts scheinen nah, auch Skrjabin - Chopins Musik wirkt ungemein modern. Im lyrischen Mittelteil des Trauermarsches, bei dem er die Melodie kinderliedhaft schlicht spielt und wieder den Schubert-Klang, die Glöckchen, heraufbeschwört, setzt Volodos einen denkbar starken Kontrast. Die innere Logik seiner Interpretation hält die Gegensätze zusammen, und wenn im Finale die Welt ins Chaos stürzt, dann klingt das nicht überzogen, sondern folgerichtig.
Ein liedhaft schlichtes Prélude des russischen Komponisten Anatoly Lyadov (1855 - 1914) als erste Zugabe wirkt nach dem Vorangegangenen recht introvertiert, aber mit Variationen über das Chanson bohème "Les tringles des sistres tintaient" aus dem zweiten Akt von Bizets Carmen von Vladimir Horowitz zieht Volodos alle pianistischen Register, Virtuosität eingeschlossen. Er steigert das Bravourstück in atemraubender Weise in einer sich immer stärker verdichtenden Spirale zu einem grotesken danse macabre. Die kurze dritte Zugabe - ein Satz aus der Musica Callada des spanischen Komponisten Frederic Mompou (1893 - 1987) - ist dann wieder von einer choralhaften Einfachheit, die das Konzert unweigerlich für beendet erklärt. Ein großer Abend, der zu den absoluten Höhepunkten des Klavier-Festivals zählt.
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Klavier-Festival Ruhr 2026 Anneliese Brost Musikforum Ruhr 13. Juli 2026 AusführendeArcadi Volodos, KlavierProgrammFranz Schubert:Sonate Nr. 18 G-Dur D 894 Frederic Chopin: Mazurka h-Moll Op. 33 Nr. 4 Mazurka e-Moll Op. 41 Nr. 2 Mazurka f-Moll Op. 63 Nr. 2 Prélude cis-Moll Op. 45 Sonate Nr. 2 b-Moll Op. 35 Zugaben: Anatoly Lyadov: Prélude in d-Moll, Op. 40 Nr. 3 Vladimir Horowitz: Variationen über ein Thema aus Bizets Oper Carmen Frederic Mompou: Lento aus Musica Callada Klavierfestival Ruhr 2026 - unsere Rezensionen im Überblick
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