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Klavier-Festival Ruhr 2026

Schwelm, LEO-Theater im Ibach-Haus
21. Mai 2026


Matthias Kirschnereit



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Klavier-Festival Ruhr

Romantik ohne Kontrollverlust

Von Stefan Schmöe / Fotos von Caroline Klumpp / Klavier-Festival Ruhr

Bis 2007 wurden im westfälischen Schwelm Klaviere und Flügel gebaut. 1794 wurde das Familienunternehmen Ibach im Dörfchen Beyenburg an der Wupper gegründet und später in die benachbarte Industriestadt Barmen verlegt (beide gingen in der 1929 gegründeten Stadt Wuppertal auf). Das Unternehmen wuchs zu einem der größten und prominentesten Klavierbauer in Preußen. Flügel Nummer 7000 ging an Richard Wagner, der daran den Parsifal komponierte. Heute kündet - neben manchem Instrument, das sicher immer noch seinen Dienst erfüllt - das Fabrikgebäude an der Bahnstrecke zischen Köln, Wuppertal, Hagen und Dortmund von der großen Tradition. Einen Vortragsraum mit allzu niedriger Decke hat man bewahrt (natürlich mit einem Ibach-Flügel, es soll der letzte in Schwelm produzierte sein). Ein privates Boulevardtheater ist eingezogen und bespielt den Ort. Und mit finanzieller Unterstützung der örtlichen Unternehmen gastiert auch das Klavier-Festival Ruhr regelmäßig hier.

An diesem Abend sitzt Matthias Kirschnereit, geboren 1962, am Flügel, der gern in den Nischen des Repertoires unterwegs ist. Für eine CD-Einspielung eines rekonstruierten Klavierkonzerts von Felix Mendelssohn hat er 2009 den Preis "ECHO Klassik" erhalten, hat eine bemerkenswerte Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte Joseph Haydns mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn vorgelegt und zuletzt Klavierwerke von Richard Wagner aufgenommen. Wagner und Bruckner stehen dann auch auf dem Programm seines Recitals, dazu Mendelssohn, den er für unterschätzt hält und in den Konzertprogrammen etablieren möchte. Chopin gibt's auch, und Brahms - der vielbeschäftigte Kirschnereit, auch künstlerischer Leiter des Festivals "Gezeitenkonzerte" in Ostfriesland, ist auch Vorsitzender der Johannes-Brahms-Gesellschaft.

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Matthias Kirschnereit

Dass die Musik Felix Mendelssohns für ihn mehr ist als gefällige Melodik, macht er bereits im Lied ohne Worte B-Dur op. 67/3 mit der differenzierten Begleitung der linken Hand deutlich. Hier geht es nicht darum, das Klavier zum "Singen" zu bringen, sondern um den sorgfältigen Aufbau des kurzen Stückes. In den Variations sérieuses d-Moll op. 54 hebt er die größeren Zusammenhänge innerhalb des Variationszyklus hervor, betont Stimmungs- und Tempowechsel und nähert das Werk damit im Charakter einer mehrsätzigen Sonate an. Längere Zäsuren an den entscheidenden Stellen könnten den Effekt noch unterstreichen. Das setzt sich an anderer Stelle fort: Auch im zweiten Teil des Konzerts mit Brahms' dritter Klaviersonate springt Kirschnereit ein wenig schnell von einem Satz zum nächsten, da dürfte die Musik ruhig noch länger in die Stille nachwirken.

Richard Wagners Klaviersonate As-Dur WWV 85 "für das Album von Frau M. W." hat in Schwelm ein gewisses Lokalkolorit, weil Frau M. W. - Mathilde Wesendocnk, Wagners Muse und Liebe im Züricher Exil - ein paar Kilometer weiter in Elberfeld, heute das Zentrum von Wuppertal, geboren und aufgewachsen ist, worauf Kirschnereit in kurzen einleitenden Worten zu den Werken des Abends im Plauderton hinwies. Ob es sich dabei wirklich um eines der am meisten unterschätzten Klavierwerke, wie ein amerikanisches Magazin befand, handelt, darf man allerdings bezweifeln. Sicher ist das durch und durch romantische, 1853 komponierte Werk mit schlichtem Beginn und großem Aufschwung hörenswert, der Abstand zu Wagners zentralem Opus dieser Jahre, dem epochalen Musikdrama Tristan und Isolde, ist aber doch frappierend. Für das Album der M. W. sollte sich die Musik wohl doch in konventionellen Bahnen und Harmonien bewegen. Kirschnereit siedelt die Sonate geschmackvoll im Umfeld von Schumann und Chopin an und spielt mit Maß. Ein bisschen Operntheatralik darf sein, den Rahmen des bürgerlichen Salons sprengt es nicht. Das gilt noch mehr für Anton Bruckners gefällige Erinnerung, ein melancholisches Charakterstück gefährlich nah an der Sentimentalität, die Kirschnereit immer dann zu streifen droht, wenn er Arpeggien sehr breit und bedeutungsvoll angeht - durchaus im Gegensatz zu seinem ansonsten sehr disziplinierten, sich nie in Träumerei verlierenden Spiel.

Chopin als Abschluss des ersten Teils darf man dann als Zugeständnis an das Publikum nach den vorangegangenen Entdeckungen verstehen, insbesondere das b-Moll-Scherzo, eines der Schlachtrösser des Repertoires. An einem Herausstellen von Virtuosität liegt dem Pianisten gar nichts, fast unwirsch wischt er da über die Tasten hinweg. Vielmehr sucht er nach der kompositorischen Struktur und hier auch nach der Melodik. Die unwirsch im Bass grummelnden Sechzehntel im ersten Takt nimmt er nicht als Beginn des mit großer Geste aufschwingenden Hauptmotivs, sondern als dessen Fortsetzung - was erst ein paar Takte später deutlich wird. Damit steigt er quasi mitten in das Stück hinein, als öffne sich eine Tür, hinter der diese Musik längst begonnen hat. Dieser offene Charakter setzt sich in der Interpretation fort. Das Scherzo wird zur genialen Geste ohne das große Pathos. Die Kontraste zu den lyrischen Passagen bleiben moderat. Einen Pianisten der Extreme hört man hier sicher nicht.

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Matthias Kirschnereit

Das gilt auch für die dritte Klaviersonate von Johannes Brahms. Darin eine prophetische Vorausschau auf sein Leben herauszuhören, wie Kirschnereit vorschlägt, scheint allerdings allzu konstruiert und wenig hilfreich. Dass es um die großen Fragen der Existenz geht, unterschlägt die Interpretation nicht, bleibt aber auch in den Außensätzen kontrolliert. Im Hauptthema des Eingangssatzes hebt Kirschnereit mehr die verbindende Linie als die zerklüftete Gestaltung hervor und macht nachfolgend die strenge motivische Arbeit in der Komposition deutlich. Das Andante verliert sich nicht in zu großer Lyrik. Überraschend frech klingt das Scherzo, das in Kirschnereits forschem Zugriff beinahe zur Groteske wird und auf entsprechende Sätze Gustav Mahlers vorausweist. Mit der strengen Gestaltung des trostlosen Repetitionsmotivs im für eine Sonate untypischen Intermezzo, dem vierten Satz dieser fünfsätzigen Sonate, verweist Kirschnereit ebenso wie mit der fahlen Klangfarbe auf den Trauermarsch aus Beethovens As-Dur-Sonate op. 26, im Finale hält er die Ambivalenzen der vorangegangenen Sätze aufrecht.

Keine leichte Kost also, und Kirschnereits Spiel besitzt auch eine gewisse Sprödigkeit. Die allerdings legte er in den Zugaben ab: Schuberts Ungarische Melodie spielt er mit Eleganz und ohne folkloristische Überzeichnung; das Mouvement aus Debussys Images erklingt als flirrende, virtuos beeindruckende Klangfläche, und Brahms' Walzer op. 39/15 mit dem Beinamen "Abschiedswalzer" wird zum delikaten, unsentimentalen Schlusspunkt.




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Klavier-Festival Ruhr 2026

Schwelm, LEO-Theater im Ibach-Haus
21. Mai 2026


Ausführende

Matthias Kirschnereit, Klavier


Programm

Felix Mendelssohn:
Lied ohne Worte B-Dur op. 67 Nr. 3
Variations sérieuses d-Moll op. 54

Richard Wagner:
Sonate Nr. 3 f-Moll op. 5

Anton Bruckner:
Erinnerung WAB 117

Frédéric Chopin:
Nocturne Nr. 20 cis-Moll op. posth.
Scherzo Nr. 2 b-Moll op. 31

Johannes Brahms:
Sonate Nr. 3 f-Moll op. 5


Zugaben:

Franz Schubert:
Ungarische Melodie D 817

Claude Debussy:
Mouvement aus Images, Band 1

Johannes Brahms:
Walzer As-Dur op. 39/15
"Abschiedswalzer"

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