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Herr Buchbinder hat es eilig
Von Stefan Schmöe / Fotos von Taro Kataoka
80 Jahre alt wird Rudolf Buchbinder in diesem Jahr - und der Konzertkalender ist prall gefüllt. Neben Solo-Recitals wie diesem stehen Auftritte mit Koryphäen wie Zubin Mehta und Christian Thielemann an. Umso erstaunlicher ist es, dass an diesem Abend in der Wuppertaler Stadthalle viele Plätze leer bleiben. Allein an geringem Interesse in der Stadt kann das kaum liegen, denn oft genug nimmt das Publikum des Klavier-Festivals Ruhr, zieht man die KFZ-Kennzeichen als Indikator heran, längere Wege in Kauf, um die Stars der Szene zu hören. Zudem der wilhelminische Prunkbau oberhalb der Wupper ästhetisch einiges hergibt und von vielen seiner Akustik wegen gerühmt wird. Der verhältnismäßig lange Nachhall führt allerdings dazu, dass Buchbinders Spiel bei den schnellen Tempi, die er durchgehend wählt, einiges an Transparenz verloren geht.
Rudolf Buchbinder
Das betrifft gleich zu Beginn des Konzerts Mozarts Variationen über das französiche Volkslied "Ah, vous dirai-je Maman!", an denen sich Generationen von Klavierschülerinnen und -schülern abgearbeitet haben. Kein typisches Konzertstück für einen Groß- und Altmeister; andererseits: Wer sonst darf solche Musik aufs Programm setzen? Indem Buchbinder ein schnelles Tempo anschlägt, nimmt er der Melodie viel von deren Naivität (im deutschen Sprachraum singt man "Morgen kommt der Weihnachtsmann" darauf). Die schnellen Passagen werden im Nachhall unscharf, zumal dann, wenn Buchbinder das Pedal einsetzt. Und in der lässigen Virtuosität schwingt eine "Ich-kann-das"-Attitüde mit (natürlich kann Buchbinder das). Andererseits besticht die Eleganz von Buchbinders Spiel ebenso wie die Souveränität, mit der er die Musik zwischen "nicht zu leichtgewichtig" und "nicht zu bedeutsam" ausbalanciert. Die Delikatesse, mit der er der Sekundreibung auf dem Spitzenton der langsamen vorletzten Variation ganz leisen Schmerz beimischt, muss ihm erst einmal jemand nachmachen.
Rudolf Buchbinder
Eine Verbindungslinie führt von diesem kurzen Variationszyklus zum Mittelsatz von Beethovens f-Moll-Sonate op. 57, einem Variationssatz. Auch wenn das Werk den Beinamen Apassionata erst nach Beethovens Tod von einem geschäftstüchtigen Verleger erhielt, gilt es vielen - auch Buchbinder bekennt sich im Programmheftchen dazu - als die womöglich größte Klaviersonate des Komponisten. Bei allen apokalyptischen Dimensionen des zerklüfteten Werks hält Buchbinder Maß und spielt durch und durch kultiviert. Exzesse und die musikalischen Extreme sind seine Sache nicht. Die Anfangstakte mit dem Hauptmotiv spielt er im schnellen, dabei auch sehr freien Tempo, beinahe wie eine Fortentwicklung der aus improvisatorischem Geist entstehenden Sturm-Sonate op. 30/2 (deren Finalsatz er später als erste Zugabe spielt). Die Dramatik des musikalischen Geschehens nimmt er ein Stück weit zurück, nicht im Sinne einer Versachlichung, sondern als wolle er sagen: Die Musik spricht schon deutlich genug, da muss der Interpret nicht noch durch eine Überinterpretation nachhelfen. Das bei anderen Interpreten mitunter erdrückende Pathos weicht einem abgeklärten Spiel. Die mit dem schnellen Tempo verbundenen Unschärfen bleiben.
Mit Ruhepunkten, wie sie bereits den Mozart-Variationen gutgetan hätten, geizt Buchbinder. Immer wieder stehen dadurch unterschiedliche Entwicklungen blockhaft nebeneinander. Buchbinder formuliert einen musikalischen Gedanken mit superber Anschlagskultur aus (der Steinway leuchtet unter seinem Spiel in hellen Farben, klingt aber nie scharf) und wechselt dann abrupt zum nächsten. Er hält sich nicht groß mit Kleinteiligkeit auf, betont aber auch die große Architektur nicht allzu sehr. Die Presto-Coda des Finalsatzes wird nicht zum Schlusspunkt des Seelendramas, sondern behält bei aller Wucht eine volkstümliche Leichtigkeit: Buchbinder tanzt kraftvollen Schrittes aus dem Werk heraus.
Rudolf Buchbinder
Schuberts 21. und letzte Klaviersonate konnte man in den vergangenen Jahren beim Klavier-Festival Ruhr oft hören. Buchbinders Variante ist rekordverdächtig kurz. Wiederholungen wie die der Exposition des Kopfsatzes lässt er kurzerhand weg (das spart schon mal ein paar Minuten ein), Generalpausen werden auf ein Minimum verkürzt, und die Tempi sind auch hier schnell. Im zweiten Satz kann man bei dieser Interpretation den der Tempobezeichnung Andante beigefügten Zusatz sostenuto (in etwa "getragen") getrost streichen - hier schreitet jemand ziemlich flott. Es gibt viele schöne Momente, aber insgesamt klingt Schuberts Werk doch allzu leichtgewichtig, beinahe wie eine Ansammlung von Impromptus.
Den Zugaben wird man so etwas naturgemäß nicht vorwerfen, auch wenn der Schlusssatz der Sturm-Sonate hier um sein Geheimnis gebracht wird. Aber auch (oder gerade) Alfred Grünfelds Konzertparaphrase Soirée de Vienne über Walzerthemen von Johann Strauß könnte mehr Momente des Innehaltens gebrauchen, um die eigentümliche Morbidität einzufangen, die im Wiener Walzer oft mitschwingt. Der Tod, das muss ein Wiener sein, wissen wir schließlich von Georg Kreisler. Buchbinder ignoriert das und bringt routiniert ein deutlich unter zwei Stunden kurzes Recital zum Ende.
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Klavier-Festival Ruhr 2026 Wuppertal, Historische Stadthalle am Johannisberg, Großer Saal 3. Juni 2026 AusführendeRudolf Buchbinder, KlavierProgrammWolfgang A. Mozart:Variationen über Ah, vous dirai-je Maman! KV 265 Ludwig van Beethoven: Sonate Nr. 23 f-Moll op. 57 Apassionata Franz Schubert: Sonate Nr. 21 B-Dur D 960 Zugaben: Ludwig van Beethoven: 3. Satz Allegretto aus der Sonate Nr. 17 d-Moll op.30/2 Der Sturm Alfred Grünberg: Konzert-Paraphrase Op. 56 "Soiree de Vienne" über Walzer-Motive von Johann Strauß Klavierfestival Ruhr 2026 - unsere Rezensionen im Überblick
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