Das Rathaus wird zur klingenden Glass-Kuppel
Von Stefan Schmöe
/ Fotos © Helge Krückeberg
Einen Beach gibt es auch, und zwar auf der Rückseite des Neuen Rathauses im Maschpark. Keinen echten Strand, aber immerhin entspannte Clubatmosphäre mit Beach-Flair. Dabei ist der Name der Oper Einstein on the Beach ein bewusst publikumswirksamer Titel, hat aber keine konkreten Bezüge zu dem, was man im Stück erlebt. Weder tritt Einstein auf (wenn in der Uraufführung der Violinist mit Einstein-Perücke spielte, war das vor allem eine popkulturelle Verbeugung vor dem vorherrschenden Klischee des geigenden Albert Einstein), noch spielt irgendein Strand eine Rolle. In Hannover greift man augenzwinkernd diese Diskrepanz zwischen der durch den Titel hervorgerufenen Erwartungshaltung und den tatsächlichen Inhalten auf: Wer sich nicht auf die eng gestellten Hartplastikstühle im Kuppelsaal des Neuen Rathauses, einem repräsentativen Prachtbau im Stil der Neorenaissance vom Beginn des 20. Jahrhunderts, niederlassen will, kann auch bequem auf Liegestühlen auf dem "Beach" Platz nehmen. Die Musik verpasst man nicht, denn die konzertante Aufführung wird bei schönem Frühsommerwetter live nach draußen übertragen. Aber was heißt schon "konzertant" bei einem Werk, das keine Handlung, keine Rollen und keinerlei dramatische Aktion hat?
Der "Beach" am Neuen Rathaus Hannover
Mit Einstein on the Beach wollten Komponist Philip Glass und Robert Wilson, Regisseur der Uraufführung 1976, das klassische Opernformat unterlaufen. Das betrifft den Verzicht auf jegliche Handlung, aber auch die Idee, das in dieser Aufführung dreieinhalb Stunden lange Werk ohne Pause zu spielen (die Uraufführung soll noch zwei Stunden länger gedauert haben) - man kann jederzeit gehen und kommen, man versäumt ja nichts von einer Geschichte. Gesungen werden nur Zahlwörter und die Solmisationssilben (do, re, mi, fa, so la und si). Textpassagen von Lucinda Childs, Christopher Knowles, und Samuel M. Johnson werden über die Musik gesprochen, haben aber auch keinen erzählenden oder dramatischen Charakter. In dieser Produktion übernimmt Songwriterin Suzanne Vega mit viel Charisma und überaus musikalischer Artikulation den Part der Sprecherin. Man muss diese Texte während der Aufführung nicht verstehen - teilweise sind sie bewusst halblaut und introvertiert gesprochen. Sie liegen als zusätzliche Schicht über der Musik.
Der Aufführungsort: Der Kuppelsaal im Neuen Rathaus. Die Musik wird live nach draußen übertragen.
Zur Bühne wird die pompöse Treppe im Kuppelsaal umfunktioniert, auf der die zwölf Sängerinnen und Sänger des Collegium Vocale Gent und die sieben Mitglieder des Ictus Ensembles (Violine, Flöte, Bassklarinette, zwei Saxophone, zwei Keyboards) platziert sind und hin und wieder die Aufstellung ändern. Man trägt individuelle Freizeitkleidung, was offenbar sorgfältig durchgeplant ist, immerhin weist der Besetzungszettel eine Kostümbildnerin (Anne-Catherine Kunz) aus. Suzanne Vega steht unten am Fuß dieser Treppe. Dirigent Tom de Cock hält mit stoischer Ruhe und Zeichengebung von mathematischer Präzision die Musik zusammen, manchmal unterstützt vom Klarinettisten Dirk Descheemaeker, der, neben dem Dirigenten stehend, mit für das Publikum kryptischen großformatigen Gesten Anweisungen gibt. In einer Szene übernimmt Saxophonistin Nele Tiebout das Chordirigat. Die merkwürdigen Regeln für den Ablauf werden zum Teil der Inszenierung, zu der auch gehört, dass sich einer der Keyboarder zwischendurch für eine Viertelstunde auf die Treppe legt und ausruht. Solche Pausen für die Ausführenden hat Philip Glass geschickt einkomponiert.
Suzanne Vega
Formal ist das Werk in vier Akte und 14 Szenen gegliedert. Philip Glass bedient sich der minimal music und setzt blockhaft Abschnitte nebeneinander, die aus entwicklungslosen Motiven in der Endlosschleife zusammengesetzt sind. Umso abrupter wirken die Wechsel, die manchmal mit elementarer Wucht hereinbrechen. Die Musik, verbunden mit dem Fehlen einer Handlung, hebt das Zeitgefühl auf. In der ersten Stunde der Aufführung nutzte das Publikum noch stark die ungewohnten Freiheiten und verließ den Raum - manche wohl auch mit der Feststellung, im falschen Stück gelandet zu sein. Mit abnehmendem Tageslicht (auch das gehört, geplant oder nicht, zur "Inszenierung" an diesem ungewöhnlichen Spielort) wurde es ruhiger und konzentrierter. Mit der konventionellen Bestuhlung hat man in Hannover allerdings die Chance genommen, die klassische Theatersituation noch weiter aufzubrechen, denn wer den Platz verlässt, stört unweigerlich seine Sitznachbarn - da harren viele eben doch aus. Einfachere Möglichkeiten des Herumstreifens, verbunden mit der Wahrnehmung der Musik von verschiedenen Orten aus, aber auch des Ausruhens hätten die Wirkung der beeindruckenden Aufführung noch verstärken können.
Ensemble
Phänomenal singen die Mitglieder des Collegium Vocale Gent. Der glasklare Klang ohne Eintrübungen durch Vibrato und die perfekte Intonationssicherheit geben der Musik den Grad an Abstraktion, den sie braucht. Zudem sind die Stimmen perfekt aufeinander abgestimmt. Auch bei der gefühlt tausendsten Wiederholung lässt die Konzentration nicht nach. Jederzeit ist eine unglaubliche Energie hinter den Tönen zu spüren. Manchmal fangen einzelne Personen an, tänzerische Bewegungen auszuführen - auch daran merkt man, dass minimal music, auf diesem Niveau ausgeführt, unendlich viel mehr ist als die vielfache Repetition von kurzen Tonleiter- oder Dreiklangsfiguren. Fabelhaft spielt das Ictus Ensemble und erzeugt oft flirrende Klangflächen. Der lange Nachhall des Klangs in diesem Raum vermindert natürlich die Transparenz erheblich und schafft andererseits leuchtende Mischklänge. Am Ende einer beeindruckenden Aufführungen verlässt man das Neue Rathaus mit der sonoren Stimme von Suzanne Vega und dem ätherischen Klang der Chorsoprane in strahlenden Höhen.
FAZIT
Der suggestiven Klangwirkung von Einstein on the Beach kann man sich in dieser musikalisch hochrangigen Aufführung nicht entziehen. Eine theatralische Inszenierung fehlt nicht.
Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
|
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Tom de Cock
Sound
Alexandre Fostier
Chorleitung
Maria van Nieukerken
nach einem Szenographiekonzept von
Germaine Kruip
Assistenz Dirigent
Dirk Descheemaeker
Sound Assistenz
Antoine Delagoutt
Produktion, Technische Leitung
Pieter Nys
Kostüm
Anne-Catherine Kunz
Licht
Freek Pieter
Gestaltung Beach Club
Sita Messer
Ictus Ensemble
Collegium Vocale Gent
Solisten
Stimme
Suzanne Vega
Zur Homepage der
KunstFestSpiele Herrenhausen
|