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Ein Fiebertraum des BelcantoVon Thomas Molke / Fotos: © Xiomara Bender (TFE Presse) Winterzeit ist Belcanto-Zeit bei den Tiroler Festspielen in Erl, und so hat Intendant Jonas Kaufmann in diesem Jahr Gaetano Donizettis Lucia di Lammermoor auf den Spielplan gestellt. Das Werk avancierte nach der Uraufführung am 26. September 1835 schnell zu einer der weltweit beliebtesten Opern des 19. Jahrhunderts und hat sich in der Neuzeit vor allem durch Interpretinnen wie Maria Callas und Edita Gruberova wieder einen Platz im Repertoire erworben. Dabei war der Weg zur Uraufführung alles andere als leicht. In weniger als sechs Wochen hatte Donizetti die Oper für das Teatro San Carlo in Neapel komponiert und instrumentiert, aber dann verhinderte zunächst der Bankrott des Theaters eine Aufführung. Nur durch Intervention des Königs Ferdinand II. war man in der Lage, die finanziellen Probleme mit einigen Umbesetzungen in der Direktion zu überbrücken. Allerdings konnte man sich die ursprünglich für Lucias Wahnsinnsszene im dritten Akt als Begleitung vorgesehene Glasharmonika aus Kostengründen nicht mehr leisten und musste sie durch eine Flöte ersetzen, die sich anschließend im Repertoire etablierte. Erst als in den 1970er Jahren der ursprüngliche Notentext herausgegeben wurde, konnte die von Donizetti für die Uraufführung geplante Fassung mit Glasharmonika rekonstruiert werden und hat sich seit einer Aufführung 1991 in München unter Michel Plasson mittlerweile etabliert, so dass die Glasharmonika auch in Erl zum Einsatz kommt. Edgardo (Kang Wang, Mitte) beschuldigt Lucia (Sara Blanch, rechts) der Untreue (hinten: Verena Kronbichler als Alisa und Adolfo Corrado als Raimondo). Die Geschichte basiert auf dem 1819 veröffentlichten historischen Roman The Bride of Lammermoor von Sir Walter Scott und spielt kurz nach der Glorious Revolution von 1688/1689 in Schottland, bei der König James VII. abgesetzt wurde und William of Orange gemeinsam mit James' Tochter Mary seinen Platz einnahm. Die Ravenswoods haben infolge dieser Ereignisse ihren Besitz an den verfeindeten Clan der Ashtons verloren, die der neuen Regierung ihren Aufstieg zu verdanken haben. Edgardo di Ravenswood ist als letzter Überlebender seiner Familie an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt und hat sich in Lucia, die Tochter der Ashtons verliebt, als er ihr im Wald das Leben gerettet hat. Da die Ashtons wegen der politischen Unruhen allerdings ebenfalls in einer finanziellen Krise stecken, soll Lucia den reichen Lord Arturo Bucklaw heiraten. Als Lucias Bruder Enrico von ihrer heimlichen Beziehung zu dem Erzfeind erfährt, setzt er alles daran, Edgardo in Ungnade fallen zu lassen. Briefe werden abgefangen und gefälscht, und Lucia willigt schließlich unter Zwang in die Ehe mit Arturo ein. Dann taucht Edgardo, der nach Frankreich gereist war, um seine finanziellen Verhältnisse zu regeln, plötzlich bei der Hochzeit auf und beschuldigt Lucia der Untreue. Lucia verfällt dem Wahnsinn und tötet Arturo im Hochzeitsbett. Edgardo und Enrico beschließen, sich zu duellieren. Am vereinbarten Treffpunkt für das Duell erfährt Edgardo jedoch, dass Lucia soeben gestorben ist, und wählt den Freitod. Eine Patientin (Sara Blanch) träumt sich in die Rolle der Lucia.
Der Wahnsinn spielt in der Handlung und in der Musik - vor allem in
der großartig komponierten Wahnsinnsszene der Lucia - eine zentrale Rolle
Enrico (Lodovico Filippo Ravizza, vorne links)
will seine Schwester mit Arturo (Francesco Domenico Doto, vorne rechts)
verheiraten (im Hintergrund von links: Normanno (Aleksandre Khukhushvili),
Raimondo (Adolfo Corrado), Alisa (Verena Kronbichler) und der Opernchor, im Bett
umgeben von der Statisterie: Lucia (Sara Blanch)).
Sextett: von links: Edgardo (Kang Wang), Arturo
(Francesco Domenico Doto), Lucia (Sara Blanch), Raimondo (Adolfo Corrado), Alisa
(Verena Kronbichler), Normanno (Aleksandre Khukhushvili) und Enrico (Lodovico
Filippo Ravizza)
Lucia (Sara Blanch) bei ihrer großen
Wahnsinnsszene (im Hintergrund: Opernchor)
Kang Wang, der im Sommer in Erl bereits als Alfredo Germont in Verdis La
traviata das Publikum begeisterte, glänzt auch als Lucias Geliebter Edgardo
Ravenswood mit dunkel gefärbtem Tenor und sauber ausgesungenen Höhen. Vor allem
in seiner Schlussarie "Tu che a Dio spiegasti l'ali" lässt er tenoralen Glanz
verströmen. Im großen Liebesduett mit Blanch finden die beiden stimmlich zu
einer bewegenden Innigkeit. Auch die Partie des Enrico ist mit Lodovico Filippo
Ravizza hochkarätig besetzt. Beim Racheschwur im ersten Akt begeistert Ravizza
mit kraftvollem Bariton und profunden Tiefen, und auch das Duett mit Wang, in
dem Enrico und Edgardo ein Duell für den nächsten Morgen vereinbaren, darf als
musikalischer Glanzpunkt des Abends betrachtet werden. Als weiterer Star des
Abends darf Adolfo Corrado als Raimondo betrachtet werden, der die Partie mit
markantem Bass ausstattet und in der schaurigen Schilderung des Mordes in der
Hochzeitsnacht das Blut in den Adern gefrieren lässt. Francesco Domenico Doto,
Verena Kronbichler und Aleksandre Khukhusvili runden als Arturo, Alisa und
Normanno das spielfreudige Ensemble auf hohem musikalischem Niveau ab. Auch der
von Olga Yanum einstudierte Chor überzeugt als Ashtons Gefolge,
Hochzeitsgesellschaft und Pflegerinnen und Pfleger in der Nervenheilanstalt
stimmlich auf ganzer Linie, so dass es am Ende verdienten und großen Jubel für alle
Beteiligten gibt.
FAZIT
In Erl erlebt man musikalischen Belcanto im wahrsten Sinne des Wortes in einer
packenden Inszenierung von Louisa Proske.
Weitere Rezensionen zu den Tiroler
Festspielen Spielzeit 2025/2026 |
ProduktionsteamMusikalische LeitungSesto Quatrini Regie Bühne Kostüme Licht Fight Coordinator Chorleitung
Orchester der Tiroler Festspiele Erl Chor der Tiroler Festspiele Erl
Solistinnen und SolistenLord Enrico Ashton
Miss Lucia
Sir
Edgardo di Ravenswood
Lord Arturo Bucklaw Raimondo
Bidebent Alisa
Normanno
Ravenswood Girl
Statist und Statistin
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- Fine -