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Tiroler Festspiele Erl Winter

27.12.2025 - 06.01.2026


Lucia di Lammermoor

Dramma tragico in drei Akten
Libretto von Salvadore Cammarano nach dem Roman The Bride of Lammermoor von Walter Scott
Musik von
Gaetano Donizetti

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 50' (eine Pause)

Premiere im Festspielhaus am 27. Dezember 2025

 

 

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Ein Fiebertraum des Belcanto

Von Thomas Molke / Fotos: © Xiomara Bender (TFE Presse)

Winterzeit ist Belcanto-Zeit bei den Tiroler Festspielen in Erl, und so hat Intendant Jonas Kaufmann in diesem Jahr Gaetano Donizettis Lucia di Lammermoor auf den Spielplan gestellt. Das Werk avancierte nach der Uraufführung am 26. September 1835 schnell zu einer der weltweit beliebtesten Opern des 19. Jahrhunderts und hat sich in der Neuzeit vor allem durch Interpretinnen wie Maria Callas und Edita Gruberova wieder einen Platz im Repertoire erworben. Dabei war der Weg zur Uraufführung alles andere als leicht. In weniger als sechs Wochen hatte Donizetti die Oper für das Teatro San Carlo in Neapel komponiert und instrumentiert, aber dann verhinderte zunächst der Bankrott des Theaters eine Aufführung. Nur durch Intervention des Königs Ferdinand II. war man in der Lage, die finanziellen Probleme mit einigen Umbesetzungen in der Direktion zu überbrücken. Allerdings konnte man sich die ursprünglich für Lucias Wahnsinnsszene im dritten Akt als Begleitung vorgesehene Glasharmonika aus Kostengründen nicht mehr leisten und musste sie durch eine Flöte ersetzen, die sich anschließend im Repertoire etablierte. Erst als in den 1970er Jahren der ursprüngliche Notentext herausgegeben wurde, konnte die von Donizetti für die Uraufführung geplante Fassung mit Glasharmonika rekonstruiert werden und hat sich seit einer Aufführung 1991 in München unter Michel Plasson mittlerweile etabliert, so dass die Glasharmonika auch in Erl zum Einsatz kommt.

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Edgardo (Kang Wang, Mitte) beschuldigt Lucia (Sara Blanch, rechts) der Untreue (hinten: Verena Kronbichler als Alisa und Adolfo Corrado als Raimondo).

Die Geschichte basiert auf dem 1819 veröffentlichten historischen Roman The Bride of Lammermoor von Sir Walter Scott und spielt kurz nach der Glorious Revolution von 1688/1689 in Schottland, bei der König James VII. abgesetzt wurde und William of Orange gemeinsam mit James' Tochter Mary seinen Platz einnahm. Die Ravenswoods haben infolge dieser Ereignisse ihren Besitz an den verfeindeten Clan der Ashtons verloren, die der neuen Regierung ihren Aufstieg zu verdanken haben. Edgardo di Ravenswood ist als letzter Überlebender seiner Familie an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt und hat sich in Lucia, die Tochter der Ashtons verliebt, als er ihr im Wald das Leben gerettet hat. Da die Ashtons wegen der politischen Unruhen allerdings ebenfalls in einer finanziellen Krise stecken, soll Lucia den reichen Lord Arturo Bucklaw heiraten. Als Lucias Bruder Enrico von ihrer heimlichen Beziehung zu dem Erzfeind erfährt, setzt er alles daran, Edgardo in Ungnade fallen zu lassen. Briefe werden abgefangen und gefälscht, und Lucia willigt schließlich unter Zwang in die Ehe mit Arturo ein. Dann taucht Edgardo, der nach Frankreich gereist war, um seine finanziellen Verhältnisse zu regeln, plötzlich bei der Hochzeit auf und beschuldigt Lucia der Untreue. Lucia verfällt dem Wahnsinn und tötet Arturo im Hochzeitsbett. Edgardo und Enrico beschließen, sich zu duellieren. Am vereinbarten Treffpunkt für das Duell erfährt Edgardo jedoch, dass Lucia soeben gestorben ist, und wählt den Freitod.

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Eine Patientin (Sara Blanch) träumt sich in die Rolle der Lucia.

Der Wahnsinn spielt in der Handlung und in der Musik - vor allem in der großartig komponierten Wahnsinnsszene der Lucia - eine zentrale Rolle, so dass das Regie-Team um Louisa Proske ihn in einer Rahmenhandlung weiter unterstreicht. Wenn der Vorhang sich hebt, sieht man im Scheinwerferlicht eine junge Patientin in einer Nervenheilanstalt. Neben ihrem Krankenbett, das mit einem kreisrunden Fadenvorhang vom Rest der Bühne isoliert ist, steht ein Radio, über das sie wohl die Musik der Oper hört. Allerdings geht Proske nicht so weit, den Beginn der Ouvertüre nur über Lautsprecher einzuspielen, sondern setzt durchgehend auf vollen Live-Klang, um den musikalischen Genuss nicht zu schmälern. Immer tiefer taucht die junge Frau im weiteren Verlauf in diese Oper ein, verschmilzt mit der Titelfigur und träumt sich unter anderem in die Rolle einer die Partie interpretierenden Operndiva, die vom Publikum (dem Chor) in einem großen Theater für ihren Auftritt gefeiert wird. Um das Bett herum, das auf einem runden Podest in der hinteren Mitte der Bühne steht, hat Bühnenbildner Darko Petrovic einen Raum entworfen, der in dunklen Farben die Schauerromantik einer düsteren Moorlandschaft bewegend einfängt. Bis zur Pause sieht man an einzelnen Stellen noch moosgrüne Flecken auf dem Boden, die bei der Katastrophe im dritten Akt dann verschwunden sind. Auch die ausgefeilte Lichtregie von Jiyoun Chang unterstreicht das schaurige Ambiente.

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Enrico (Lodovico Filippo Ravizza, vorne links) will seine Schwester mit Arturo (Francesco Domenico Doto, vorne rechts) verheiraten (im Hintergrund von links: Normanno (Aleksandre Khukhushvili), Raimondo (Adolfo Corrado), Alisa (Verena Kronbichler) und der Opernchor, im Bett umgeben von der Statisterie: Lucia (Sara Blanch)).

Auf der linken Bühnenseite befindet sich ein kleiner Teich. Hier hat ein Angehöriger der Ravenswoods, wie Lucia im ersten Akt der Oper erzählt, ein junges Mädchen der Untreue beschuldigt und erstochen. Diese namenlose Frau lässt Proske aus dem Teich auftauchen und wie ein Geist durch die Geschichte wandeln. Wenn Edgardo sich am Ende das Leben nimmt, scheint dieses Mädchen an ihm für ihren eigenen Tod Rache zu nehmen und zieht ihn gewissermaßen mit sich hinab. Proske scheint eine Parallele zwischen dem Mörder des jungen Mädchens und Edgardo zu sehen, weil sie Edgardo in der Personenregie keineswegs als einen romantisch liebenden jungen Mann zeichnet. Schon in der ersten Szene mit Lucia zeigt sie ihn sehr fordernd und alles andere als zärtlich, so dass Lucia eigentlich von allen Seiten von männlicher Gewalt umgeben ist und man sich fragt, wieso sie diesen Mann eigentlich liebt. Was die Kostüme von Kaye Voyce betrifft, ist er der einzige, der in einem Schottenrock den Ort der Handlung erkennen lässt. Der Herrenchor, der zu Beginn als Ashtons Gefolge mit Pelzmützen und Gewehren auftritt, würde genauso wie Enrico in seinem mit zahlreichen Fellen besetzten Mantel auch nach Sibirien passen. Unklar bleibt, wieso Arturo Bucklaw in weißem Anzug mit Cowboy-Hut auftritt. Sollen damit sein Reichtum und Einfluss betont werden, weswegen Enrico ihn unbedingt mit seiner Schwester verheiraten möchte?

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Sextett: von links: Edgardo (Kang Wang), Arturo (Francesco Domenico Doto), Lucia (Sara Blanch), Raimondo (Adolfo Corrado), Alisa (Verena Kronbichler), Normanno (Aleksandre Khukhushvili) und Enrico (Lodovico Filippo Ravizza)

Für die beiden musikalische Schlüsselmomente der Oper findet Proske szenisch sehr passende Umsetzungen. Da ist zunächst das berühmte Sextett im zweiten Akt zu nennen, "Chi mi frena in tal momento", bei dem Edgardo in Lucias Hochzeit mit Arturo platzt und sie der Untreue beschuldigt. Proske stellt die einzelnen Figuren in rechteckige Lichtkegel, die von der Frau (Lucia) in abgehackten Bewegungen, die immer wieder zu Posen erstarren, beobachtet werden. Hier wird deutlich, wie der Wahnsinn von Lucia allmählich Besitz ergreift, da sie die sie umgebende Umwelt nicht mehr real wahrnehmen kann. Gesteigert wird dies noch in der großen Wahnsinnsszene im dritten Akt. Die Bühne ist von zahlreichen Theaterlogen eingerahmt, in denen der Chor der Diva bei ihrer großen Arie lauscht, nachdem sie sie zuvor als Opernpublikum in feiner Garderobe mit Schildern empfangen und gefeiert haben. Ein einsamer Spot fängt Lucia, die sich dabei sehr schnell über die Bühne bewegt, ein und stellt sie als Star heraus, dem zunächst vom Chor weiße Blumen zu Füßen geworfen werden. Mit diesen Blumen tritt sie nach der grandiosen Wahnsinnsszene vor den Vorhang und wird vom "richtigen" Publikum weiter gefeiert, während sie die Blumen großzügig im Orchestergraben verteilt, zunächst an den Musiker an der Glasharmonika, dann an den Dirigenten, anschließend wahllos an weitere Musikerinnen und Musiker. Die Patientin bekommt die Musik nun nicht mehr aus dem Kopf, auch wenn sie das Radio, aus dem sie erklingt, zu zerstören versucht. Die anderen Figuren des Stückes treten als Ärztinnen und Ärzte in der Nervenheilanstalt auf, die die Frau zu sedieren versuchen, mit ihren Spritzen aber alles nur noch schlimmer machen. Der Fadenvorhang, der zwischenzeitlich herabgelassen worden war, rahmt am Ende das Bett wieder ein, auf dem die junge Frau zitternd kauert, während Edgardo der namenlosen Frau in den Tod folgt.

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Lucia (Sara Blanch) bei ihrer großen Wahnsinnsszene (im Hintergrund: Opernchor)

Musikalisch wird der Abend dem "Belcanto" in jeder Hinsicht mehr als gerecht. Neben dem beherzten Spiel des Orchesters der Tiroler Festspiele Erl unter der musikalischen Leitung von Sesto Quatrini, der relativ kurzfristig für den verletzungsbedingt ausfallenden Asher Fisch eingesprungen ist und der mit sicherer Hand die Musikerinnen und Musiker durch die klangschöne Partitur führt, begeistern auch die Solistinnen und Solisten auf ganzer Linie. An erster Stelle ist hier sicherlich Sara Blanch in der Titelpartie zu nennen. Nicht nur darstellerisch zeigt sie als wahnsinnige Patientin ganzen Körpereinsatz und große Fitness, wenn sie blitzschnell über die Bühne rennt und dabei stimmlich nicht ansatzweise außer Atem gerät. Ihr Sopran ist glasklar und besitzt eine jugendliche Frische. Schon in ihrer ersten großen Arie, "Regnava il silenzio", wenn sie Alisa die Geschichte von der erstochenen Frau erzählt, setzt die Spitzentöne mit scheinbarer Leichtigkeit an und wirkt nahezu entrückt, was den fragilen Charakter der Figur unterstreicht. Die Wahnsinnsszene reißt im Zusammenspiel mit der Glasharmonika das Publikum zu regelrechten Begeisterungsstürmen hin. Der hohle Klang, der durch die Vibration des Glases erzeugt wird, wird dabei der Stimmung viel gerechter, als dies durch eine Flöte erreicht werden kann.

Kang Wang, der im Sommer in Erl bereits als Alfredo Germont in Verdis La traviata das Publikum begeisterte, glänzt auch als Lucias Geliebter Edgardo Ravenswood mit dunkel gefärbtem Tenor und sauber ausgesungenen Höhen. Vor allem in seiner Schlussarie "Tu che a Dio spiegasti l'ali" lässt er tenoralen Glanz verströmen. Im großen Liebesduett mit Blanch finden die beiden stimmlich zu einer bewegenden Innigkeit. Auch die Partie des Enrico ist mit Lodovico Filippo Ravizza hochkarätig besetzt. Beim Racheschwur im ersten Akt begeistert Ravizza mit kraftvollem Bariton und profunden Tiefen, und auch das Duett mit Wang, in dem Enrico und Edgardo ein Duell für den nächsten Morgen vereinbaren, darf als musikalischer Glanzpunkt des Abends betrachtet werden. Als weiterer Star des Abends darf Adolfo Corrado als Raimondo betrachtet werden, der die Partie mit markantem Bass ausstattet und in der schaurigen Schilderung des Mordes in der Hochzeitsnacht das Blut in den Adern gefrieren lässt. Francesco Domenico Doto, Verena Kronbichler und Aleksandre Khukhusvili runden als Arturo, Alisa und Normanno das spielfreudige Ensemble auf hohem musikalischem Niveau ab. Auch der von Olga Yanum einstudierte Chor überzeugt als Ashtons Gefolge, Hochzeitsgesellschaft und Pflegerinnen und Pfleger in der Nervenheilanstalt stimmlich auf ganzer Linie, so dass es am Ende verdienten und großen Jubel für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

In Erl erlebt man musikalischen Belcanto im wahrsten Sinne des Wortes in einer packenden Inszenierung von Louisa Proske.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Sesto Quatrini

Regie
Louisa Proske

Bühne
Darko Petrovic

Kostüme
Kaye Voyce

Licht
Jiyoun Chang

Fight Coordinator
Ran Arthur Braun

Chorleitung
Olga Yanum

 

Orchester der Tiroler Festspiele Erl

Chor der Tiroler Festspiele Erl


Solistinnen und Solisten

Lord Enrico Ashton
Lodovico Filippo Ravizza

Miss Lucia
Sara Blanch

Sir Edgardo di Ravenswood
Kang Wang

Lord Arturo Bucklaw
Francesco Domenico Doto

Raimondo Bidebent
Adolfo Corrado

Alisa
Verena Kronbichler

Normanno
Aleksandre Khukhushvili

Ravenswood Girl
Sonja Golubkowa

Statist und Statistin
Aliaksandr Chumakou
Anna Zangerle

 


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