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Bayreuther Festspiele 2026

Rienzi, der letzte der Tribunen

Tragische Oper in fünf Akten
Libretto von Richard Wagner nach dem Roman Rienzi, the Last of the Roman Tribunes von Edward Bulwer-Lytton
Musik von Richard Wagner


in deutscher Sprache

Premiere im Festspielhaus Bayreuth am 26. Juli 2026
(rezensierte Aufführung: 3. August 2026)

Aufführungsdauer: ca. 5h 50' (zwei Pausen)


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Die Demokratie schafft sich per Smartphone ab

Von Stefan Schmöe, Fotos: © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Aufstieg und Fall eines Volkshelden - oder doch eines Tyrannen? Der historische Cola di Rienzo (1313 - 1347, die Schreibweise "Rienzi" setzte sich erst im 19. Jahrhundert durch) übernahm 1347 für einige Monate die Macht in Rom. Die Päpste residierten im Exil in Avignon und untereinander zerstrittene Adelsfamilien terrorisierten die Stadt. Aus einfachen Verhältnissen stammend, brachte Rienzo das Volk auf seine Seite und rief die Republik aus - mit ihm selbst als "Tribun" an der Spitze. Bekommen ist ihm diese Macht nicht. Durch Prunksucht und durch massive Steuererhöhungen verscherzte er die Sympathien und musste fliehen. Im 19. Jahrhundert gewann die Figur durch den Roman Rienzi, the Last of the Roman Tribunes von Edward Bulwer-Lytton an Popularität. Auch Richard Wagner fand hier die Vorlage für seine nach französischem Vorbild gestaltete fünfaktige große Oper.

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Hauslandschaft, kubisch: In diesem Ambiente gewinnt der hemdsärmlig auftretende Rienzi (Mitte) die Wahl gegen seine Widersacher Colonna und Orsini

Es hat 150 Jahre gedauert, bis es der Rienzi auf die Bühne des Bayreuther Festspielhauses geschafft hat. Zunächst war es Richard Wagner selbst, der das 1842 in Dresden uraufgeführte Werk nicht in den Kanon der festspielwürdigen Opern aufgenommen hat. Seinen Nachfahren war die Nähe zur französischen Grand opéra suspekt, die Wagner durch seine späteren Musikdramen überwunden hatte (Hans von Bülow soll das Werk boshaft als "Meyerbeers schönste Oper" bezeichnet haben). Dass Hitler ausgerechnet den Rienzi zu seiner Lieblingsoper erklärte und eine Aufführung, die er als 16-Jähriger gesehen hatte, zum Erweckungserlebnis stilisierte, macht die Rezeption nach dem Ende der NS-Zeit nicht einfacher. Insofern ist es in mehrfacher Hinsicht ein Wagnis, zum Festspieljubiläum ausgerechnet den Letzten der Tribunen, so der Titelzusatz, in den Mittelpunkt zu stellen.

Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, die auch für die Ausstattung verantwortlich sind, zeichnen in ihrer Inszenierung Aufstieg und Fall eines populistischen Politikers unserer Zeit nach. Dafür gliedern sie das Werk in drei Teile, unterbrochen von zwei einstündigen Pausen - also das in Bayreuth übliche Format. Im ersten Teil zeigen sie, wie sich der populistische Politiker Rienzi in einer demokratischen Wahl gegen seine Gegner Colonna und Orsini knapp durchsetzt und trotz vorgeblicher Versöhnung ein Attentat auf ihn überlebt. Im zweiten Teil - im Original der dritte Akt - erlebt man Rienzi als Führer einer paramilitärischen Einheit, der seine endgültig besiegten Gegner eigenmächtig mit der Pistole hinrichtet und damit auch der Rechtsstaatlichkeit ein Ende setzt. Dem dritten Teil ist Rienzis Gebet "Allmächt'ger Vater, blick' herab", die populärste Nummer der Oper und eigentlich am Beginn des fünften Akts stehend, als Prolog vorangestellt, wodurch musikdramatisch eine Symmetrie zum ersten Teil entsteht (die Ouvertüre beginnt mit der gleichen Musik). Hier wird Rienzis Untergang geschildert, der aber vielleicht nur eine Vision des zunehmend dem Wahnsinn verfallenden "Helden" im Moment seines Triumphes ist. Nicht nur hier durchbricht die assoziationsreiche Regie eine realistische Erzählweise mit traumartigen oder symbolhaften Sequenzen.


Vergrößerung in neuem Fenster Himmelsleiter: In einer Vision sieht Rienzi seinen verstorbenen Bruder herabsteigen

Das von Wagner eher vage angedeutete inzestuöse Verhältnis zwischen Rienzi und seiner Schwester Irene, die ihm bereitwillig in den Tod folgt, wird von der Regie verstärkt und zusätzlich motiviert. Zur Ouvertüre ist pantomimisch dargestellt, wie der kleine Bruder der beiden an einer Krankheit stirbt (im Libretto wird dagegen später erzählt, wie ein jüngerer Bruder Rienzis von der Colonna-Sippe getötet wurde). Diese Familientragik wird zum verbindenden Element und zu Rienzis Obsession. Ganz schlüssig wird dieser ein wenig konstruierte Ansatz nicht entwickelt, wertet aber die Figur der Irene auf. Die lässt sich auf eine Affäre mit Adriano Colonna ein, dem Sohn von Rienzis Widersacher. Wagner hat diese Figur als Hosenrolle gestaltet mit einem Sopran besetzt. Ob sie in dieser als männlich oder weiblich gelesen werden soll, bleibt offen - beides scheint möglich (und plausibel). Mit einer starken und selbstbewussten Adriana statt eines Adriano jedenfalls würde das Frauenbild dieser - dem Zeittypus entsprechend stark männerlastigen - Oper zurechtgerückt. Die Regie bietet diese Lesart zumindest als Option an. So oder so verdeutlicht sie am Zwiespalt dieser Figur die Notwendigkeit, sich unter moralischen Prämissen zu entscheiden, anstatt blind einer Partei nachzulaufen. Eindeutiger positionieren sich Szemerédy und Parditka in der zeitlichen Festlegung: Wir befinden uns in einer sehr gegenwärtigen Epoche, in der das Smartphone und die sozialen Medien über das Ansehen eines Menschen bestimmen. Aus der gescheiterten Entführung und Vergewaltigung Irenes durch die Adelsfamilien im ersten Akt wird ein medialer Shitstorm, der fragt, ob der verstorbene Bruder nicht doch das gemeinsame Kind Irenes und Rienzis sei. Überhaupt leuchten die Bildschirme der Smartphones immer wieder geheimnisvoll im Halbdunkel auf.

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Aus Verbündeten werden Widersacher: Rienzi (unten) und Adriano

Es sind aber weniger diese mal mehr, mal weniger überzeugenden Verschiebungen innerhalb der Geschichte als vielmehr die effektvolle Gestaltung der großen Tableaus, die Eindruck hinterlassen. Die einfache Herkunft Rienzis wird durch eine unwirklich anmutende Hochhauskulisse verdeutlicht, die durch regelmäßig gestaffelte Kuben entsteht, die alle identisch gestaltet sind (und in allen läuft der Fernseher mit dem identischen Nachrichtenprogramm). Gleichzeitig verweist die geometrische Strenge der Anordnung, die von der Ornamentik des Fußbodens aufgegriffen wird, subtil auf spätmittelalterliche Kunst. Die feierliche Amtseinführung findet in einer amphitheatralischen Anordnung statt, die auf antike Arenen wie auf moderne Fernsehstudios anspielt. Die monochrome Farbgebung in schwarz und weiß mit Grautönen wird nur durch einen roten Läufer durchbrochen. Damit ist die farbliche Ästhetik des Nationalsozialismus präsent, und wenn die Bühne von schräg oben gefilmt und die Bilder auf die Rückwand projiziert werden, lässt sich andeutungsweise ein Hakenkreuz erahnen. Die Stärke der Regie liegt in ihrem Assoziationsreichtum, der sich auch in vielen Details wie den Plakatfetzen (teilweise in lateinischer Sprache) an der Wand zeigt.

Die umfangreiche Ballettmusik, die Wagner im zweiten Akt gemäß den Anforderungen der französischen Oper komponierte, nutzen Szemerédy und Parditka für einen veritablen Theatercoup. Von oben senkt sich ein Prospekt herab, der den Bühnenrahmen des Festspielhauses zitiert. Von einem Mini-Wagner mit Goldüberzug und blinkenden Schuhen dirigiert, erlebt man einen comichaft-ironischen Schnelldurchgang durch das Wagner'sche Gesamtwerk. Später werden sich große Teile des letzten Akts - Irenes Entscheidung für Rienzi, ein Doppelselbstmord und Adrianos Verzweiflung - auf der Rückseite abspielen, im Backstage-Bereich des Staats-Theaters sozusagen. Wobei ein lebendiger Rienzi am Ende die Treppe zum Himmel hinan messianisch emporsteigen wird. Vielleicht ist das alles ein bisschen viel, aber langweilig wird einem bei diesem Spektakel jedenfalls nicht.


Vergrößerung in neuem Fenster Geschwisterliebe backstage: Rienzi und Irene

Was natürlich ganz entscheidend an der grandiosen musikalischen Umsetzung liegt. Andreas Schager in der Titelpartie kann bekanntlich nicht leise singen, aber sein voluminöser, leicht baritonal grundierter, geschmeidiger Heldentenor klingt auch im Fortissimo noch schön. Am wenigsten liegt ihm das schon erwähnte Gebet, eigentlich die Paradenummer, das er mezza voce beginnt, wobei die Stimme unausgeglichen klingt. Viel mehr imponiert er, wenn er in den Masseszenen alles und alle überstrahlt. Den Superstar im Guten wie im Bösen verkörpert er eindrucksvoll und mit souveräner Gestaltung - auch im Forte und Fortissimo sind bei ihm Abstufungen möglich. Großartig ist der glutvoll flammende, die Extreme auslotende, dabei immer klangschöne Adriano von Jennifer Holloway. Und Gabriela Scherer als zupackend jugendlich-dramatische, selbstbewusst auftrumpfende Irene vervollständigt ein absolut festspielreifes Trio.

Luxuriös besetzt sind aber auch die kleineren Partien. Andreas Bauer Kanabas als Colonna und Michael Nagy als Orsini sind szenisch wie vokal kraftvoll-würdevolle politische Gegner Rienzis. Ein Riesenpensum haben die von Thomas Eitler-de Lint einstudierten Chöre zu bewältigen und klingen in den Volksszenen wuchtig, aber immer kultiviert und nuanciert in der Gestaltung. Der Klang könnte hier und da noch variabler, auch geschärfter sein. Weit hinter der Bühne singend entstehen betörend schöne Klangeffekte. Dirigentin Nathalie Stutzmann leitet das Riesenensemble souverän durch den Abend und findet die richtige Balance zwischen einem eleganten "französischen", dem Belcanto angelehnten Ton und der bereits auf die späteren Werke vorausweisenden, spezifischen Tonsprache Wagners.

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Dem Wahnsinn verfallen: Rienzi (auf der Treppe), vorn Adriano und die sterbende Irene

Überhaupt staunt man, wie viel von den kommenden Opern und Musikdramen hier bereits angelegt ist - bis hin zu den Gralsglocken des Parsifal. Schon deshalb ist dieser Rienzi ein erkenntnisreicher Gewinn für die Festspiele. Allerdings wird auch deutlich, wie genial sich der Komponist in der Dramaturgie seiner Werke weiterentwickelt hat. Die vielen ausufernden, mitunter auch lärmenden Tableaus in Rienzi stehen sich irgendwann eben doch selbst im Weg, mit unvermeidlichen Erschöpfungseffekten. Gleichwohl: Ungetrübte Begeisterung im Publikum der hier besprochenen zweiten Aufführung.


FAZIT

Rienzi als Schablone für das Ende der modernen parlamentarischen Demokratie? Nicht jedes Detail im Regiekonzept von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka überzeugt, aber die bildmächtige und assoziationsreiche Inszenierung trägt über die fast vier Stunden mitunter redundanter Musik hinweg. Die wird vor allem sängerisch absolut festspielwürdig präsentiert.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Nathalie Stutzmann

Regie, Bühne, Kostüme
Alexandra Szemerédy
Magdolna Parditka

Licht
Bernd Gallasch

Video
Leonard Koch

Chor
Thomas Eitler-de Lint

Dramaturgie
Markus Kiesel

Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Cola Rienzi, päpstlicher Notar
* Andreas Schager /
Magnus Vigilius

Irene, seine Schwester
Gabriela Scherer

Steffano Colonna, Haupt der Familie Colonna
* Andreas Bauer Kanabas /
Vitalij Kowaljow

Adriano, sein Sohn
Jennifer Holloway

Paolo Orsini, Haupt der Familie Orsini
* Michael Nagy /
Michael Kupfer-Radecky

Kardinal Raimondo, päpstlicher Legat
* Vitalij Kowaljow /
Patrick Zielke

Baroncelli
* Matthias Stier /
Martin Koch

Cecco del Vecchio
* Michael Kupfer-Radecky /
Joachim Goltz

Ein Friedensbote
* Victoria Randem /
Catalina Bertucci


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