Versteckspiel im Schrank
Von Thomas Molke
/ Fotos: © Rossini in Wildbad
Manuel del Pópulo Vicente García zählte zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht nur
zu den berühmtesten Tenören seiner Zeit und sang 1816 in der Uraufführung von Rossinis
Il barbiere di Siviglia in Rom die Partie des Conte Almaviva mit so riesigem
Erfolg, dass er sogar durchsetzen konnte, dass das Stück zunächst unter dem
Titel Almaviva o sia L'inutile precauzione lief. Er ging auch als
bedeutender spanischer Komponist in die Musikgeschichte ein, auch wenn sein Ruhm
durch die Übermacht Rossinis schnell verblasste und in Vergessenheit geriet.
Dabei soll Rossini Garcías kompositorische Fähigkeiten höher eingeschätzt haben
als seine eigenen. Für den Barbiere übernahm er sogar für den Auftritt
der Soldaten in Bartolos Haus eine Melodie, die aus Garcías wohl bedeutendster
Opera buffa Il Califfo di Bagdad stammt, die drei Jahre zuvor in Neapel
ihre Uraufführung erlebt hatte. Als Garcías Sänger-Karriere sich dem Ende
neigte, betätigte er sich überwiegend als Gesangspädagoge in Paris. In diesem Rahmen
entstanden mehrere Salonopern, die als Übung für seine Gesangsschülerinnen
und Gesangsschüler gedacht
waren und in privatem Rahmen aufgeführt wurden. Da diese Salonopern nur von einem Klavier begleitet werden, scheinen sie für das
kleine Königliche Kurtheater in Bad Wildbad prädestiniert. So kamen
hier im Rahmen des Festivals bereits Le cinesi und I tre gobbi zur
Aufführung. Als im Sommer 2020 wegen der Corona-Pandemie im Bereich der Oper
fast gar nichts lief, konnte man auf der Wildline auf dem Sommerberg in einem
Mini-Festival immerhin seine Salonoper L'isola disabitata erleben.

Sandrina (Martina Saviano) ist von ihrem
eifersüchtigen Gatten Berto (Willingerd Giménez) genervt.
In Genua hat der Tenor Francesco Meli mit Sängerinnen und Sängern
des Opernstudios des Teatro Carlo Felice eine weitere Klavieroper einstudiert,
die nun als Gastspiel zum diesjährigen Festival nach Bad Wildbad kommt: Un
avvertimento ai gelosi, nicht zu verwechseln mit der Salonoper I gelosi
von Giuseppe Balducci, die hier 2006 auf dem Programm stand. Ob García Un
avvertimento ai gelosi tatsächlich zu einer öffentlichen Aufführung gebracht
hat, ist leider nicht überliefert. Auch weiß man nicht, für welche
Gesangsschülerinnen und Gesangsschüler er dieses Werk komponiert hat. Belegt ist
lediglich, dass das Werk 1831 entstand. Das Libretto von Giuseppe Foppa war erstmals 1803 von Stefano Pavesi als Farsa giocoso vertont worden.
Eine weitere Bearbeitung stammt von dem irischen Sänger und Komponisten Michael Balfe, den man heutzutage vielleicht noch vom irischen Wexford Festival Opera
kennt.

Berto (Willingerd Giménez, links) und Menico
(Davide Zaccherini, rechts) jagen Fabio (Ernesto de Nittis, Mitte) vom Hof.
Erzählt wird eine recht verworrene Geschichte um Liebe und
Eifersucht. Der Bauer Berto ist mit der wesentlich jüngeren und hübschen
Sandrina verheiratet und wird von ständiger Eifersucht geplagt, obwohl seine
Frau ihm treu ist. Sandrina will ihm allerdings einen Denkzettel verpassen und
ihn von seiner Eifersucht kurieren. Als der Conte di Ripaverde als Grundbesitzer
des Hofes mit seinem Schreiber auftaucht und beide Sandrina recht eindeutige
Avancen machen, lässt Sandrina sich zum Schein auf den Grafen ein. Insgeheim
plant sie aber, ihn bei Nacht mit seiner Verlobten Ernesta, die ihm nachgereist
ist, wieder zusammenzuführen und damit gleichzeitig ihrem Gatten ihre Treue
zu beweisen. Dieser hat sich nämlich heimlich in einem Schrank (?) im Garten
versteckt, um seine Frau mit dem Grafen auf frischer Tat zu ertappen. Er ahnt
natürlich nicht, dass Sandrina alle Lichter löschen lässt, damit Ernesta im
Dunkeln Sandrinas Rolle an der Seite des Grafen einnehmen wird. Auf diese Weise kann sie sich
als holde Unschuld präsentieren, wenn Berto Leute und Lichter herbeiruft und
erkennen muss, dass der Graf seiner Verlobten ewige Treue geschworen hat und Sandrina ganz unbeteiligt im Anschluss auftaucht. So finden die richtigen Paare
wieder zusammen, und Berto ist - zumindest für den Moment - von seiner Eifersucht geheilt.

Berto (Willingerd Giménez, rechts) belauscht im
Schrank den Grafen (Samuele Di Leo, links).
Jochen Schönleber bettet die Geschichte in seiner Inszenierung in
eine Theatersituation ein. Menico, der als Gärtner im eigentlichen Stück
nur eine kleine unbedeutende Rolle hat, wird zum Regisseur, der das
ganze Stück arrangiert. Diese Lesart wird aber nicht durchgängig gehalten. Am
Anfang sieht man die Schatten der Figuren vor einer grauen Rückwand im
Hintergrund wie Scherenschnitte. Auf der Bühne stehen jede Menge Umzugskartons,
deren Bedeutung sich nicht erschließt. Sie dienen nur zu einer
Auseinandersetzung des Klavierspielers (Mattia Torriglia) mit dem "Regisseur",
bei der Torriglia deutlich macht, dass er mit den Kartons vor dem Klavier die
Ouvertüre nicht spielen könne. Nach einem heftigen Disput schleppt Menico die
Kartons beiseite, und Torriglia beginnt mit der Ouvertüre, während sich die
Figuren aus dem Hintergrund aus ihrer Erstarrung lösen und untereinander
agieren. Sandrina und Berto streiten unentwegt, während der Graf und Ernesta ein
Herz und eine Seele sind und sich verliebt zum Takt der Musik wiegen. Nachdem
die Ouvertüre zu Ende ist, wird von Menico noch einmal unterbrochen, um das
Klavier an die Seite zu schieben und die Bühne für die eigentliche Handlung
freizumachen. Dann wird im weiteren Verlauf noch eine Musiknummer von ihm
unterbrochen. Ansonsten läuft das Stück aber ohne Bezug zum "Theater im Theater"
durch, so dass man auf diese Ergänzung auch hätte verzichten können.

Glückliches Ende? von links: Menico (Davide
Zaccherini), Ernesta (Eleonora Marras), Il conte (Samuele Di Leo), Berto (Willingerd
Giménez), Sandrina (Martina Saviano) und Fabio (Ernesto de Nittis)
Fragen wirft auch die Personenregie bei Berto und dem Grafen auf. Willingerd Giménez ist als Berto nicht ansatzweise als alter Mann zurechtgemacht
und wirkt wie ein jugendlicher Liebhaber, der bei seinem Aussehen die Konkurrenz
eigentlich nicht zu fürchten braucht. Wieso er also Martina Saviano als Sandrina
ständig Vorhaltungen macht, bleibt unklar. Stattdessen wird der Graf mit
einem dicken Bauch ausstaffiert, um - so wird es im Programmheft beschrieben -
ihn als lächerliche Figur darzustellen. Völlig unbegründet wirkt dadurch
allerdings die Eifersucht Bertos. Sieht man von diesen Ungereimtheiten ab, wird
die Geschichte allerdings mit großem Spielwitz umgesetzt. Interessant ist der
Ansatz, einen Flirt zwischen Ernesta und dem Gärtner Menico einzubauen.
Schließlich wird ja nicht ganz nachvollziehbar, wieso sie dem Grafen eigentlich
hinterherläuft, wenn es nicht wegen des Geldes ist. Für die zärtlichen Stunden
scheint ihr der Gärtner wesentlich geeigneter zu sein. Was der Schrank
eigentlich im Garten soll, müsste man wohl den Librettisten und Komponisten
fragen, wenn das noch möglich wäre. Schönleber nutzt ihn jedenfalls, um wie bei
einer Slapstickkomödie Personen auftreten und verschwinden zu lassen. Besonders
amüsant ist die Szene, in der der Schrank zu einem Bett umfunktioniert wird, während Berto sich
darin versteckt.
Musikalisch wird deutlich, dass diese Salonoper als Übungsstück
für junge Sängerinnen und Sänger gedacht ist. García fordert die jungen Stimmen
mit schnellen Läufen und flexiblen Koloraturen, die an einigen Stellen von
Rossinis Stil beeinflusst zu sein scheinen, schießt aber kompositorisch nicht
über das Ziel hinaus. Die jungen Sängerinnen und Sänger überzeugen durch große
Spielfreude und Komik. Martina Saviano hält als Sandrina mit leuchtendem Sopran
die Fäden in der Hand und weiß genau, wie sie mit den Männern umzugehen hat, um
ihren Willen durchzusetzen. So spielt sie mit dem balzenden Grafen, weist den
skurrilen Schreiber Fabio in seine Schranken und zeigt ihrem Gatten, wer im Haus
die Hosen anhat. In ihrer großen Arie vor dem Finale punktet sie mit strahlenden
Koloraturen. Mit Willingerd Giménez als Berto liefert sie sich im Duett am
Anfang einen herrlichen Schlagabtausch. Giménez legt die Partie mit kraftvollem
Bariton an. Ernesto de Nittis zeichnet den Schreiber mit dunklem Bariton als absolut
komische Rolle. Er lebt in seiner eigenen literarischen Welt und kann von
keinem ernst genommen werden. Sandrina geht im Duett mit ihm allerdings recht
schonend um. Samuele Di Leo verfügt als Conte über einen herrlich weichen Tenor,
der der Figur einen gewissen Charme verleiht, die er durch seine herrlich
dargestellte Aufdringlichkeit natürlich wieder verspielt. Eleonora Marras
stattet seine Verlobte Ernesta mit sattem Mezzosopran aus. Ob die beiden am Ende
wirklich glücklich zusammenfinden, lässt Schönleber in seiner Inszenierung
offen. Davide Zaccherini rundet das Ensemble als Menico mit einem frischen Tenor
überzeugend ab. Mattia Torriglia liefert am Klavier die passende Klangkulisse.
Der Schluss des Finales wird dann schon für den Applaus genutzt, da sich die
Sängerinnen und Sänger dabei bereits verbeugen.
FAZIT
Das Königliche Kurtheater zeigt sich erneut als prädestinierter Spielort für
eine weitere Salonoper, die es erfreulicher Weise auch immer wieder beim Festival
in Bad Wildbad zu entdecken gibt.
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Produktionsteam
Klavier
Carolina Benedettini /
*Mattia Torriglia
Regie, Bühnenbild und Licht
Jochen Schönleber
Regieassistenz Genua
Eleonora Calabrò
Romeo Gasparini
Kostüme
Olesja Maurer
Solistinnen und Solisten
Sandrina, Bäuerin
Martina Saviano
Berto, Sandrinas Ehemann
Willingerd Giménez
Il conte di Ripaverde, Grundbesitzer
Samuele Di Leo
Don Fabio, Vertrauter Schreiber des Grafen
Ernesto de Nittis
Ernesta, Verlobte des Grafen
Eleonora Marras
Menico, Gärtner des Grafen
Davide Zaccherini
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