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Fatale DreieckskonstellationVon Thomas Molke / Foto: © Magdalena Kiwior Beim Belcanto Opera Festival Rossini in Wildbad stehen neben den Opern des Schwans von Pesaro auch immer wieder vergessene Werke von Zeitgenossen des Belcanto auf dem Programm. Wieso in diesem Jahr allerdings die Wahl auf eine Grand opéra gefallen ist, die am 9. März 1860 in Paris zur Uraufführung gelangte, bedarf einiger Erklärung. Zwischen dem 1814 geborenen Józef (Giuseppe) Poniatowski und Rossini bestand eine lange und enge Freundschaft. So hatte der Großneffe des letzten polnischen Königs Stanisław II. August Poniatowski, der als viertes Kind des im römischen Exil lebenden Thronfolgers Stanisław Poniatowski und der vor ihrem tyrannischen Ehemann geflohenen Cassandra Luci wie seine älteren Geschwister eine große musikalische Begabung besaß, unter anderem einen triumphalen Erfolg als Otello in einer von Rossini geleiteten Aufführung 1843. Doch auch als Komponist konnte er in den 1840er Jahren in Italien große Erfolge feiern, so dass Rossini ihn in einem Briefwechsel liebevoll seinen "Fürsten-Kollegen" nannte. 1854 erhielt er als mittlerweile enger Vertrauter von Napoleon III. die französische Staatsbürgerschaft und war weiterhin als Komponist tätig. Insgesamt 13 Opern stammen aus seiner Feder. Die Grand opéra Pierre de Médicis wurde ein riesiger Erfolg, dem insgesamt 38 weitere Aufführungen bis zum 25. Februar 1861 folgten. Bis 1862 stand das Stück mit einem geänderten Schluss noch acht weitere Male auf dem Spielplan, bevor es lange Zeit in Vergessenheit geriet und 2011 in Krakau wiederentdeckt wurde. Da das Philharmonische Orchester Krakau in diesem Jahr sein 80-jähriges Jubiläum feiert, hat es sich gewünscht, in Bad Wildbad ein Werk eines "polnischen" Komponisten auf den Spielplan stellen zu können. Ob man bei Poniatowski jedoch aufgrund seiner polnischen Wurzeln von einem "polnischen" Komponisten sprechen kann, ist fraglich. Immerhin ist der Kosmopolit im Laufe seines Lebens wohl niemals in Polen gewesen. Pierre (Patrick Kabongo, links) und Julien (César San Martín, 2. von rechts) lieben beide Laura Salviati (Claudia Pavone) (ganz rechts: Anle Gou als Paolo Monti, am Pult: José-Miguel Pérez-Sierra). Die Oper erzählt eine fiktive Geschichte vom Ende des Piero di Lorenzo de' Medici (Pierre de Médicis), der im realen Leben von 1492 bis 1494 Florenz regierte, politisch scheiterte und ins Exil nach Venedig gehen musste. Bei Poniatowskis Librettisten Saint-Georges und Pacini sieht dieses Ende ein bisschen anders aus. Pierre kommt nach Pisa, um dort die Herrschaft anzutreten, da er sich in die schöne Gräfin Laura Salviati verliebt hat. Diese liebt allerdings seinen jüngeren Bruder Julien. Während Laura darauf vertraut, dass Pierre diese Liebe respektieren werde, misstraut Julien seinem Bruder und versucht, Laura zur gemeinsamen Flucht zu überreden, was sie allerdings zunächst ablehnt. Als Pierre jedoch Unterstützung von Lauras Onkel Fra Antonio, dem Großinquisitor, erhält und Pierre seinem Bruder das Kommando über die Flotte überträgt und seine sofortige Abreise fordert, willigt sie schließlich zur gemeinsamen Flucht ein. Diese wird allerdings von ihrem Onkel vereitelt, der sie vor die Wahl stellt: Ehe mit Pierre oder Kloster. Laura entscheidet sich, ins Kloster zu gehen. Inzwischen kommt es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Pierre und Juliens Anhängern, bei der Pierre tödlich verwundet wird. Pierre bereut sein Verhalten. Er beschließt, Laura vor der Gang ins Kloster zu bewahren und sie seinem Bruder zu überlassen. In der ersten Fassung kommen die beiden Brüder zu spät und Julien bleibt nach dem Tod Pierres verzweifelt zurück. In der zweiten Fassung kann Pierre, bevor er stirbt, das Ritual noch verhindern und sterbend seinen Bruder und Laura zusammenführen. In Bad Wildbad wird die erste Fassung gespielt. Auch auf das für die Grand opéra obligatorische Ballett wird nicht verzichtet, so dass der konzertante Abend ohne jegliche Striche rund vier Stunden dauert, dabei aber großen musikalischen Genuss bietet. José Miguel Pérez-Sierra lotet mit dem Orchester der Szymanowski-Philharmonie Krakau die musikalische Vielschichtigkeit mit viel Liebe zum Detail aus. Da wechseln sich große musikalische Bögen mit rührender Walzerseligkeit, Märschen und Polkaklängen ab, die besonders in den Balletteinlagen an die Strauss-Dynastie erinnern. Aber auch Meyerbeer und Donizetti scheint man in einzelnen Passagen aus den Orchesterpassagen, die in den dramatischen Szenen aus dem Vollen schöpfen, herauszuhören. Dank der Übertitelung der Regie-Anweisungen durch Dr. Reto Müller hat man auch bei der großen Balletteinlage im zweiten Akt den Eindruck, dass dieses Ballett, das in der Uraufführung von niemand Geringerem als Marius Petipa choreographiert worden ist, im Handlungsablauf durchaus eine Bedeutung hat. Unter dem Titel "Les amours de Diane" zeichnet es Lauras Situation nach. Wie Laura wird die Göttin der Jagd darin von zwei Männern begehrt. Der eine ist der Schäfer Endymion, dem sie schließlich, nachdem Amors Pfeil sie verwundet hat, seine Liebe schenkt. Der andere ist der Gott Pan, der mit unlauteren Mitteln versucht, Diane an sich zu reißen, dabei aber letztlich scheitert. Auch der vierte Akt enthält eine weitere kurze Ballettmusik, in der junge Mädchen inmitten zechender Soldaten einen toscanischen Tanz aufführen. Das alles wird vom Orchester unter der Leitung von Pérez-Sierra wunderbar ausgestaltet. Auch die Solistinnen und Solisten des Abends lassen keine Wünsche offen und empfehlen sich für den Erwerb der Aufnahme, die von dieser Produktion erstellt wird. Patrick Kabongo begeistert in der Titelpartie mit strahlendem Tenor, der in den Spitzentönen großen Glanz versprüht. Umso ungewöhnlicher ist es in dieser Oper, dass er zunächst der Bösewicht ist und die Sopranistin nicht den Tenor sondern den Bariton liebt. Mit klaren Höhen, die absolut charmant klingen, erklärt er in seiner Kavatine im ersten Akt, dass er aus Liebe zu Laura Florenz verlassen hat und nach Pisa gekommen ist. Umso kälter zeigt er sich dann, wenn er beschließt, seinen Bruder wegzuloben, um freie Bahn bei Laura zu haben. Im Terzett im dritten Akt lässt er noch einmal seinen ganzen Charme spielen, um das Sopranistinnenherz zu gewinnen. Aber Laura bleibt hart. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als sie dem Kloster zu überlassen. So ganz böse geht es bei einem Tenor dieser Zeit allerdings dann doch nicht. Nachdem er tödlich verwundet ist, bereut er sein Handeln und bekommt eine weitere großartige Arie, in der er beschließt, Laura vor ihrem Schicksal zu bewahren. Für Kabongo wäre es sicherlich schöner gewesen, wenn das zweite Ende gespielt worden wäre, da seiner Rolle da ein wesentlich heldenhafterer Tod mit allgemeiner Vergebung zuteil geworden wäre. Für weitere musikalische Glanzpunkte des Abends sorgt Claudia Pavone in der Partie der Laura. Schon in ihrer Auftrittskavatine im ersten Akt, wenn sie noch nicht durchschaut hat, welche Gefahren ihr bevorstehen, begeistert sie mit kraftvoll ausgesungenen Spitzentönen und reißt das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Innig gestaltet sie das anschließende Duett mit Julien, in der sie allerdings standhaft bleibt und eine gemeinsame Flucht ablehnt. Nachdem sie dann im zweiten Akt erkannt hat, dass die Flucht der einzige gemeinsame Weg für Julien und sie ist, punktet sie mit sanften Höhen im großen Gebet an die Jungfrau Maria, die ihr Vorhaben unterstützen soll. Entsetzt wird sie dabei von ihrem Onkel unterbrochen und präsentiert sich im Terzett mit Pierre und ihrem Onkel mit großem dramatischem Sopran, wenn sie an ihrem Entschluss, lieber ins Kloster zu gehen, festhält. Auch im vierten Akt bleibt sie standhaft, bis sie schließlich unter der Last des Klosters zusammenbricht. César San Martín gestaltet die Partie des Julien mit kraftvollem Bariton, der eine profunde Tiefe besitzt aber auch die Ausbrüche in die Höhen mit voller Stimme meistert. Innig gestaltet er das Duett mit Laura im ersten Akt, wenn er sie zur gemeinsamen Flucht überreden will. Bewegend gelingt ihm auch die große Szene im dritten Akt am Grab seiner Mutter, wenn er um ihren Beistand für eine gemeinsame Zukunft mit Laura bittet. Umso entschlossener und kämpferischer zeigt er sich dann, wenn er erfährt, dass Lauras Onkel gemeinsam mit Pierre die Flucht verhindert hat und Laura sich auf dem Weg ins Kloster befindet. Mit schwarzem Bass stattet Nathanaël Tavernier die Partie des eigentlichen Bösewichts, des Großinquisitors Fra Antonio, aus, der nur seinen eigenen Vorteil sieht und deshalb seine Nichte mit dem Herzog vermählt sehen möchte. Mit gnadenloser Härte zeigt er sich Laura gegenüber und verfügt dabei über eine Tiefe, die den Zuhörenden das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die kleineren Partien sind großartig mit Stipendiaten der Akademie BelCanto besetzt. Anle Gou gestaltet Juliens Freund Paolo Monti mit lyrischem Tenor, der in seiner Barkarole, die das Erkennungszeichen für die Flucht sein soll, mit weich geführten Bögen und sauberen Spitzentönen überzeugt. Paolo Mascari und Carlos Reynoso liefern sich als Soldaten beim Spiel zu Beginn des zweiten Aktes mit sauber geführtem Tenor und kraftvollem Bariton einen wunderbaren Schlagabtausch. Es darf nicht vergessen werden, dass sie parallel zu dieser Produktion auch noch als Bertrando und Ormondo in Rossinis L'inganno felice in recht anspruchsvollen Partien auf der Bühne stehen. Gleiches gilt für Willingerd Giménez und Davide Zaccherini, die in Garcías Salonoper Un avvertimento ai gelosi zentrale Partien übernommen haben. Stimmgewaltig präsentiert sich der Chor der Szymanowski-Philharmonie Krakau, der in zahlreiche Rollen schlüpft und mit kraftvollem homogenem Klang überzeugt. Die Herren des Chors begeistern vor allem als zechende Soldaten, die Pierres Hilfeschreie kaum zur Kenntnis nehmen. Die Damen verleihen den Szenen im Kloster einen sakralen Tonfall. So dauert der Abend schon allein deshalb rund vier Stunden, weil das Publikum den Ablauf durch häufigen begeisterten Zwischenapplaus unterbricht. Doch auch am Ende um halb zwölf zeigt man sich nicht müde und spendet allen Beteiligten frenetischen Beifall.
FAZIT Bei dieser Oper kommen sowohl Fans des Belcanto als auch Freundinnen und Freunde der Grand opéra musikalisch auf ihre Kosten. Die Aufnahme, die von der Aufführung produziert wird, kann jedem, der es nicht erlebt hat oder noch einmal erleben möchte, nur empfohlen werden.
Weitere Rezensionen zu Rossini in
Wildbad 2025 |
ProduktionsteamMusikalische LeitungJosé Miguel Pérez-Sierra
Musikalische
Einstudierung und Assistenz
Licht
Künstlerische Leitung und Einstudierung Chor
Orchester und Chor der Solistinnen und SolistenPierre de Médicis / de' Medici, Herzog Julien de Médicis / de' Medici, sein
Bruder Fra
Antonio, Großinquisitor
Paolo Monti, Patrizier aus Pisa, Freund
Juliens Laura Salviati,
Gräfin, Fra Antonios Nichte Ein Waffenherold 1.
Spieler 2. Spieler
Ein Soldat
Senatsmitglieder, Pagen, Höflinge, Offiziere,
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