Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum



Rossini in Wildbad
Belcanto Opera Festival
17.07.2025 - 27.07.2025


Otello ossia Il moro di Venezia
(Othello oder Der Mohr von Venedig)

Dramma per musica in drei Akten
Text von Francesco Berio di Salsa
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit italienischen und deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 30' (eine Pause)

Eine Produktion von Passionart und der Filharmonia K. Szymanowskiego Krakowie

Konzertante Aufführung in der Trinkhalle am 26. Juli 2025

 

 

 

Homepage

Otello mit Happy End

Von Thomas Molke / Fotos: © Magdalena Kiwior

Im Bereich des Musiktheaters verbindet man Shakespeares Tragödie Othello heutzutage meistens mit Giuseppe Verdis 1887 an der Mailänder Scala uraufgeführten Oper. Dabei hat sich rund 70 Jahre vor Verdi auch Gioachino Rossini mit diesem Stoff beschäftigt und am 4. Dezember 1816 in Neapel eine Vertonung zur Uraufführung gebracht, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als musikalische Sensation galt und sich großer Beliebtheit erfreute. Seit der Rossini-Renaissance - nicht zuletzt durch die Festivals in Pesaro und Bad Wildbad - steht auch diese Oper in den vergangenen Jahren wieder häufiger auf den Spielplänen. Am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen hat man in der Spielzeit 2021/2022 darauf hingewiesen, dass Rossini für die Karnevalsaison 1820 in Rom auch eine Fassung mit Happy End komponiert hat, da im Kirchenstaat ein Mord und anschließender Selbstmord auf der Bühne zur damaligen Zeit undenkbar gewesen wäre. In der Produktion in Gelsenkirchen hat man folglich dem Publikum in einer Abstimmung nach der Pause die Wahl gelassen, ob das tragische oder glückliche Ende gespielt werden sollte (siehe auch unsere Rezension). Dabei ging man wohl davon aus, dass Rossini für die Rom-Fassung lediglich den Schluss ausgetauscht und das tödlich verlaufende Duett durch eine Nummer aus seiner Oper Armida ersetzt habe. Dass die Oper jedoch für die Aufführung in Rom komplett überarbeitet worden ist, hat selbst die kritische Edition in Pesaro vernachlässigt und stattdessen das glückliche Ende als "zynisch" für die Opernhandlung abgetan. In Bad Wildbad ist nun erstmals die Fassung rekonstruiert worden, die am 26. Dezember 1819 in Rom uraufgeführt wurde. Die Änderungen, die hier erstmals zu erleben sind, machen das glückliche Ende in gewisser Weise sogar logisch.

Bild zum Vergrößern

Schlussapplaus: von links: Emilia (Verena Kronbichler), Elmiro (Nathanaël Tavernier), Nicola Pascoli, Otello (Francesco Meli), Desdemona (Diana Haller), Rodrigo (Juan de Dios Mateos), Iago (Anle Gou) und der Doge (Samuele Di Leo)

Dass Rossini dafür nur Musik aus früheren Werken übernommen hat, liegt vor allem daran, dass er zu der Zeit mit zahlreichen anderen Kompositionsaufträgen beschäftigt war, die es ihm nicht ermöglichten, auch für die Neufassung des Otello in Rom weitere Stücke zu komponieren. Für Desdemona, die in Rossinis Fassung im Zentrum der Handlung steht, fügt er eine große Auftrittskavatine aus Elisabetta d'Inghilterra ein, die in der Gesangslinie stark an Rosinas "Una voce poco fa" aus Il barbiere di Siviglia erinnert. In der tragischen Fassung steht an dieser Stelle ein kleines Duett mit Desdemonas Vertrauter Emilia, das bereits Desdemonas Todesahnungen andeutet, die aber für einen glücklichen Ausgang keinen Sinn machen. Da der Sänger des Rodrigo, der große Tenor Giovanni David, für die Fassung in Rom die Titelpartie übernommen hat, entfällt die große Arie des Rodrigo, so dass die Figur eigentlich zu einem Nebencharakter degradiert wird. Stattdessen erhält Desdemonas Vertraute Emilia eine Arie, die Rossini aus Tancredi einfügt. Der größte musikalische Eingriff dürfte eine neue Kavatine des Otello im zweiten Akt sein, die Rossini aus Cimarosas 1794 in Neapel uraufgeführten Oper Penelope bearbeitet hat und in der eigentlich Ulisse an der Treue seiner Gattin zweifelt. Mit diesen Änderungen wirkt der glückliche Schluss, in dem Desdemona ihren Gatten vor dem Mord von ihrer Treue überzeugen kann und Iago stattdessen seiner gerechten Strafe zugeführt wird, glaubhaft und wesentlich plausibler, so dass selbst Desdemonas Vater Elmiro und Rodrigo bereit sind, die Verbindung zwischen Desdemona und Otello zu akzeptieren. Ein fröhliches Finale aus Ricciardo e Zoraide besiegelt das Happy End.

Die Produktion, von der er auch ein Mitschnitt für eine CD-Aufnahme gemacht wird, steht konzertant in der Trinkhalle auf dem Programm. Für die musikalische Leitung des Orchesters der Szymanowski-Philharmonie Krakau ist kurzfristig Nicola Pascoli für den erkrankten Antonino Fogliani eingesprungen. Pascoli, der in Bad Wildbad unter anderem im vergangenen Jahr die konzertanten Aufführungen von Michele Carafas Masaniello geleitet hat, führt das Orchester mit sicherer Hand durch die Partitur, arbeitet die unheimliche Stimmung des Sturms in der Oper mit Liebe zum Detail heraus und erweist sich mit dem Orchester auch ansonsten als kongenialer Begleiter der Solistinnen und Solisten. Anders als im Programmheft ausgewiesen handelt es sich bei dem Chor um einen reinen Herrenchor. Auch für die damalige Aufführung in Rom musste auf einen gemischten Chor verzichtet werden. Der Chor der Szymanowski-Philharmonie Krakau punktet mit homogenem Klang als Senatoren, Gefolge Otellos und Volk.

Bild zum Vergrößern

Francesco Meli als Otello

Für die Titelpartie hat man Francesco Meli engagiert, der nach Gregory Kunde als zweiter Tenor der heutigen Zeit sowohl Verdis als auch mit Rossinis Otello im Repertoire hat. Anders allerdings als Kunde, der mit Rossinis Otello begonnen und sich zu einem Verdi-Tenor weiterentwickelt hat, geht Meli den umgekehrten Weg. Nachdem er im vergangenen Jahr am Teatro La Fenice in Venedig als Verdis Otello debütierte, präsentiert er nun in Bad Wildbad Rossinis Otello. Melis Tenor besitzt große Strahlkraft in den Höhen, hat allerdings in der kraftvollen Ausgestaltung fast veristische Züge, die für das Belcanto-Fach stellenweise etwas zu laut klingen. Das fällt besonders in den Duetten mit Iago bzw. Rodrigo auf. Natürlich darf Otello als Hauptpartie in diesen beiden Szenen stimmlich über die beiden Nebenfiguren brillieren. Man hätte sich die Figuren musikalisch aber doch ein bisschen mehr auf Augenhöhe gewünscht. In der eingefügten Arie von Cimarosa im zweiten Akt wird besonders deutlich, dass Melis kraftvolle Stimme für die beweglichen Läufe fast ein bisschen zu schwer ist. Keine Wünsche lässt er offen im großen Duett des dritten Aktes mit Desdemona, wenn Otello seinen Irrtum erkennt und sich mit seiner Geliebten versöhnt. Hier punktet Meli mit sauber angesetzten Spitzentönen.

Bild zum Vergrößern

Desdemona (Diana Haller, rechts) mit (von links) Rodrigo (Juan di Dios Mateos), Elmiro (Nathanaël Tavernier) und Emilia (Verena Kronbichler)

Als Desdemona kehrt Diana Haller an die Stätte zurück, an der ihre große Karriere vor einigen Jahren ihren Anfang genommen hat. Während sie hier zuletzt vor allem in großen Mezzopartien als Tancredi und als Isolière im Comte Ory das Publikum begeisterte, scheint sie nun Cecilia Bartoli nachzueifern, die ebenfalls vor ein paar Jahren in Salzburg die Partie der Desdemona einstudiert hat, und vollzieht einen Wechsel ins Sopranfach. Hallers Stimme hat sich über die Jahre so entwickelt, dass sie in der Mittellage ein volles Volumen besitzt und in den Höhen über eine enorme Strahlkraft verfügt. Das wird direkt in ihrer großen Auftrittskavatine im ersten Akt deutlich, in der sie mit beweglichen Koloraturen das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Im Anschluss glänzt sie mit großer Dramatik im ersten Finale, wenn sie sich dem Wunsch ihres Vaters, Rodrigo zu heiraten, widersetzt. Auch im zweiten Akt durchlebt sie stimmlich ein Wechselbad der Gefühle, wenn sie das Duell zwischen Rodrigo und Otello verhindern will und im Anschluss von allen außer Emilia im Stich gelassen wird. Sehr zarte Töne findet sie dann im berühmten Weidenlied, das von der Harfe mit viel Gefühl begleitet wird und schließlich in einem ergreifenden Gebet mündet. Mit Meli liefert sie sich stimmlich im folgenden Duett einen großartigen Schlagabtausch, der in der Versöhnung und im gemeinsamen Jubel endet.

Nathanaël Tavernier begeistert als Desdemonas Vater Elmiro mit profundem Bass, der die Härte seiner Tochter gegenüber unterstreicht. Zunächst ist er nicht bereit, irgendwelche Zugeständnisse zu machen, und zeigt sich Otello gegenüber mit Vorurteilen behaftet und feindlich gesinnt. Gnadenlos lässt er seine Tochter am Ende des zweiten Aktes fallen, falls sie sich nicht auf seine Bedingungen, Rodrigo zu heiraten, einlässt. Umso überraschender erfolgt dann der Wandel im dritten Akt, wenn er im großen Finale bereit ist, Otello als Schwiegersohn zu akzeptieren. Juan de Dios Mateos stattet die Partie des Rodrigo mit hellem Tenor aus, der in den Höhen zu glänzen weiß. Vielleicht bezieht man sich in Bad Wildbad auf ein Bonmot Rossinis über den Tenor Giovanni David, der in Neapel die Partie des Rodrigo gesungen hat ("Der arme Kerl musste doch etwas zu singen haben."). Jedenfalls wird die Arie des Rodrigo in Bad Wildbad nicht gestrichen, sondern folgt im ersten Akt kurz vor dem Finale. Darin klagt er sein Leid, dass Desdemona seine Liebe zurückweist. De Dios Mateos punktet hier mit strahlenden Spitzentönen.

Auch die Stipendiaten der Akademie BelCanto, die die restlichen Partien interpretieren, lassen aufhorchen. Anle Gou, der bereits zwei Tage zuvor als Paolo Monti in Poniatowskis Pierre de Médicis mit lyrischen und sauber ausgesungenen Höhen begeistert hat, legt auch den Bösewicht Iago mit strahlendem Tenor an, der auf den ersten Blick absolut freundlich und vertrauenswürdig wirkt, dabei allerdings ein böses Spiel treibt. Wunderbar gibt er im Duett mit Otello im zweiten Akt Otellos Eifersucht Nahrung, wenn er ihm zunächst Desdemonas Brief und anschließend die Haarlocke präsentiert, die sie angeblich Rodrigo geschickt haben soll. Auch Verena Kronbichler lässt als Emilia mit sattem Mezzosopran aufhorchen und punktet in ihrer Arie im zweiten Akt, in der sie tiefes Mitgefühl für ihre Herrin empfindet. Samuele Di Leo rundet in der kleinen Partie des Dogen das Ensemble überzeugend ab, so dass es großen und verdienten Applaus für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

In der präsentierten Fassung kann man auch einem Otello mit einem glücklichen Ende einen dramaturgisch logischen Aufbau nicht absprechen. Die musikalische Gestaltung bewegt sich auf hohem Niveau und macht die erfolgende CD-Aufnahme absolut empfehlenswert.

Weitere Rezensionen zu Rossini in Wildbad 2025



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Nicola Pascoli

Licht
Marcel Hahn

Künstlerische Leitung und Einstudierung Chor
Piotr Piwko

 

Orchester der
Szymanowski-Philharmonie Krakau
(Leitung: Alexander Humala)

Herrenchor  der
Szymanowski-Philharmonie Krakau


Solistinnen und Solisten

Otello, Afrikaner im Dienste Venedigs
Francesco Meli

Desdemona, seine Geliebte und heimliche Verlobte
Diana Haller

Elmiro, Senator, Desdemonas Vater
Nathanaël Tavernier

Rodrigo, verschmähter Liebhaber Desdemonas,
Sohn des Dogen

Juan de Dios Mateos

Iago, heimlicher Feind Otellos
Anle Gou

Emilia, Vertraute Desdemonas
Verena Kronbichler

Doge
Samuele Di Leo

Sentoren, Gefolge Otellos, Volk
Herrenchor

 


Zur Homepage vom
Rossini in Wildbad




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum

© 2025 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -