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Rossini in Wildbad
Belcanto Opera Festival
17.07.2025 - 27.07.2025


La Cenerentola ossia La bontà in trionfo
(Aschenputtel oder Der Triumph der Güte)

Dramma giocoso in zwei Akten
Libretto von Jacopo Ferretti
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit italienischen und deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 10' (eine Pause)

Produktion von Passionart und der Filharmonia K. Szymanowskiego Krakowie

Premiere im Königlichen Kurtheater am 18. Juli 2025
(rezensierte Aufführung: 20. Juli 2025)

 

 

 

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Von der Asche zur Prinzessin

Von Thomas Molke / Fotos: © Patrick Pfeiffer

Rossinis Cenerentola hat mittlerweile so große Popularität erlangt, dass diese Oper - wenn man dem vor wenigen Jahren verstorbenen Rossini-Spezialisten Alberto Zedda Glauben schenken darf - den Barbiere di Siviglia in der Publikumsgunst bald sogar übertreffen könnte. Immerhin sind die musikalischen Höhepunkte der Oper gleichmäßiger über beide Akte verteilt, während der Barbiere fast sein ganzes Pulver bereits im ersten Akt verschießt. Dabei war die Uraufführung am 25. Januar 1817 am Teatro Valle in Rom nicht gerade von Erfolg gekrönt. Der anfängliche Missmut des Publikums mag vielleicht unter anderem der Tatsache geschuldet gewesen sein, dass die Uraufführung erst mit einmonatiger Verspätung auf die Bühne kam. Auch die Änderungen, die Rossini und sein Librettist Jacopo Ferretti an der berühmten Märchenvorlage vorgenommen haben, mögen zunächst irritiert haben. Aber das Publikum konnte sich auf Dauer dem Sog dieser perlenden Melodien und der herrlich gezeichneten Figuren nicht entziehen, so dass die Oper sehr schnell einen Siegeszug durch die Theater im In- und Ausland antrat. Seit der Rossini-Renaissance hat das Werk vor allem dank großartiger Interpretinnen wie Teresa Berganza und Cecilia Bartoli enorm an Popularität gewonnen und das spannende Repertoire für Mezzosopranistinnen erweitert. Bei Rossini in Wildbad mag es verwundern, dass man dieses Meisterwerk im kleinen Königlichen Kurtheater präsentiert. Dafür hat man aber fünf Aufführungen angesetzt, um die große Publikumsnachfrage bedienen zu können.

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Angelina (Polina Anikina) verliebt sich in den als Kammerdiener getarnten Prinzen (Patrick Kabongo).

Dass sich Rossini überhaupt für die Vertonung dieses Stoffes entschied, lag vor allem daran, dass die ursprünglich geplante Oper Laurina niemals von der Zensur genehmigt worden wäre. Dabei ist umstritten, ob Rossini oder sein Librettist Jacopo Ferretti auf die Idee gekommen ist, auf ein Stück zurückzugreifen, das Rossinis Kollege Stefano Pavesi 1814 in Mailand zur Uraufführung gebracht hatte: Agatina o La virtù premiata. Beide Opern gehen weniger auf die berühmte Vorlage aus der Märchensammlung von Charles Perrault zurück, sondern halten sich an die 1810 erschienene Opéra-féerie Cendrillon von Nicolas Isouard auf ein Libretto von Charles-Guillaume Étienne. Darin wird die ursprüngliche böse Stiefmutter durch den Stiefvater Don Magnifico ersetzt, was wohl dem Bedürfnis nach einer großen komischen Buffo-Bass-Partie geschuldet war. Außerdem wird der Kammerdiener Dandini eingeführt, der mit dem Prinzen die Rollen tauscht, damit dieser die potentiellen Ehekandidatinnen zunächst inkognito prüfen kann. Auch wird auf dem Ball kein Schuh verloren, sondern ein Armreif überreicht, der ihm als Erkennungsmerkmal dienen soll. Statt einer guten Fee zieht der Philosoph Alidoro die Fäden und lenkt als Erzieher den Weg des Prinzen zum Aschenputtel. Während er bei Isouard und Pavesi aber noch magische Kräfte besitzt, befreien Rossini und Ferretti die Geschichte von jeglichen Zaubereien.

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Dandini (Emmanuel Franco mit dem Männerchor) gefällt sich in der Rolle des Prinzen.

Jochen Schönleber vertraut der Brillanz der Vorlage und setzt in einer ausgeklügelten Personenregie ganz auf das Talent seiner Sängerinnen und Sänger. Das Bühnenbild ist entsprechend den Möglichkeiten im Königlichen Kurtheater recht einfach gehalten. Als Ofen, an dem Angelina zu Beginn der Oper kauert, sind mehrere Quader treppenförmig übereinander gestapelt, auf deren Spitze eine kleine Laterne mit einigen Holzscheiten steht. Durch Drehen dieses Elements entsteht am Schluss der Thron, zu dem Angelinas Weg auf einem roten Teppich führt. Auf der rechten und linken Seite befinden sich die prall gefüllten Kleiderschränke der bösen Stiefschwestern. Auch der Palast des Prinzen ist recht spartanisch ausgestattet, was den Solistinnen und Solisten viel Raum zum Spiel gibt. Bei den Kostümen der beiden Stiefschwestern kann Claudia Möbius mit zahlreichen bunten Roben aus dem Vollen schöpfen. Für Cenerentola gestaltet sie neben ihrer ärmlichen Kleidung am heimischen Herd zwei edle Kleider, die bei aller Eleganz aber dennoch relativ schlicht gehalten sind. Wenn Don Ramiro in die Rolle seines Kammerdieners schlüpft trägt er einen grauen unscheinbaren Hoodie, während Dandini in einem edlen weißen Livree daherkommt, unter dem er ein graues Unterhemd trägt, dass genau zum Hoodie des Prinzen passt.

Alidoro lässt Schönleber bereits zu Beginn der Ouvertüre als mittellosen Bettler vor dem Vorhang auftreten, der den Menschen die Zukunft aus den Karten liest. Hier erscheint auch Angelina, um sich die Karten legen zu lassen. Von seiner Prophezeiung ist sie derart entzückt, dass sie es sich nicht nehmen lässt, ihm eine Münze im aufgestellten Pappbecher zukommen zu lassen. Warum Alidoro anschließend von Männern des Chors - sollen es zu diesem Zeitpunkt schon die Diener des Prinzen sein? - malträtiert und beraubt wird, erschließt sich genauso wenig wie der Einfall, dass während dieser Szene ständig Menschen mit Einkaufstüten hinter dem mittlerweile zur Hälfte geöffneten Vorhang herumlaufen. Am Ende greift Schönleber in gewisser Weise das Bild des Anfangs wieder auf, wenn Cenerentola nun den Bettler auf den Thron setzt und ihm auf der Tafel die edelsten Speisen präsentiert, die ihm dann von Don Magnifico und den Stiefschwestern geraubt werden. Beide Szenen sind für die eigentliche Geschichte verzichtbar.

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Don Magnifico (Filippo Morace, rechts) will verhindern, dass Angelina (Polina Anikina) zum Ball des Prinzen (Patrick Kabongo, links) geht (2. von links: Dandini (Emmanuel Franco)).

Ansonsten entfachen die Solistinnen und Solisten darstellerisch und musikalisch allerdings ein Feuerwerk, das aus den im Programmheft angekündigten 2 Stunden und 50 Minuten 3 Stunden und 10 Minuten machen, weil das Publikum durch häufigen frenetischen Szenenapplaus unterbricht. Glanzpunkte gibt es an diesem Abend nämlich zuhauf. Wenn Filippo Morace als Don Magnifico zu Beginn in einem schäbigen Onesie auftritt, bei dem sich alles abzeichnet, um in seiner Kavatine von seinem Traum zu erzählen, bei dem ihm seine beiden Töchter Clorinda und Tisbe gestört haben, begeistert er nicht nur musikalisch mit treffsicherem Parlando-Stil und großer Flexibilität in den Läufen. Er entfacht auch obendrein ein Komik-Potenzial, das kein Auge trocken lässt. Gleiches gilt für Emmanuel Franco als Kammerdiener Dandini, der mit dunkler Sonnenbrille als verkleideter Prinz über die Bühne tänzelt und bei dem Rollentausch richtigen Spaß hat. Ein weiterer Höhepunkt ist natürlich das große Buffo-Duett im zweiten Akt, "Un segreto d'importanza", wenn Dandini Don Magnifico gesteht, dass dieser auf das falsche Pferd gesetzt hat, da er, Dandini, nur der Kammerdiener ist. Hier liefern sich Franco und Morace einen großartigen Schlagabtausch. Auch Ellada Koller und Verena Kronbichler sind als gehässige Stiefschwestern kaum zu überbieten und begeistern durch großartige Mimik. Dabei macht Schönleber in der Personenregie deutlich, dass auch sie unter ihrem Vater zu leiden haben. Bei der Arie des Don Magnifico zu Beginn des zweiten Aktes, in der er rätselt, für welche seiner beiden Töchter der Prinz sich entscheiden wird, setzt er die Mädchen dermaßen auch körperlich unter Druck, dass man schon Mitleid mit den beiden haben kann.

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Sextett "Questo è un noddo avviluppato": von links: Don Ramiro (Patrick Kabongo), Angelina (Polina Anikina), Tisbe (Verena Kronbichler), Dandini (Emmanuel Franco), Clorinda (Ellada Koller) und Don Magnifico (Filippo Morace)

Weitere Glanzpunkte des Abends liefern Patrick Kabongo als Don Ramiro und Polina Anikina in der Titelpartie. Mit dunklem Mezzosopran träumt sich Anikina zu Beginn der Oper in die Canzone "Una volta c'era un re", bevor sie von ihren Stiefschwestern dabei jäh unterbrochen wird. Im Duett, wenn sich der als Kammerdiener verkleidete Prinz und Angelina erstmals begegnen, finden Anikina mit zartem Mezzo und Kabongo mit lyrischem Tenor wunderbar zueinander. Genauso innig gelingt die Szene, in dem sie ihm den Armreif überreicht. Wenn Kabongo als Prinz dann schwört, diese zauberhafte Frau wiederzufinden, jubiliert er in strahlenden Höhen mit sauber angesetzten Spitzentönen. Ein weiterer musikalischer Höhepunkt ist Cenerentolas berühmtes Schluss-Rondo, bei dem Anikina mit scheinbarer Leichtigkeit die Koloraturen nur so perlen lässt. Weiterer musikalischer Höhepunkt ist das berühmte Sextett kurz vor Schluss, "Questo è un noddo avviluppato", bei dem Anikina, Kabongo, Franco, Morace, Kronbichler und Kollada stimmlich und durch großartiges Spiel glänzen, wenn sie auf einem ausgelegten Spielbrett versuchen, die von Morace im Kartenspiel gezogene Farbe zu treffen.

Nachdem Dogukan Özkan im vergangenen Jahr in L'italiana in Algeri als Mustafà vor allem mit seinem komischen Talent glänzen konnte, präsentiert er die Partie des Alidoro nun mit großer Erhabenheit und profundem Bassbariton, der auch in den Höhen enorme Kraft besitzt, so dass es selbstverständlich ist, dass er kurz vor der Pause die wesentlich anspruchsvollere Arie "Là del ciel nell'arcano profondo" singen darf. Der Männerchor der Szymanowski-Philharmonie Krakau überzeugt als Höflinge des Prinzen mit homogenem, kraftvollem Klang. Das Orchester der Szymanowski-Philharmonie Krakau begeistert unter der Leitung von José Miguel Pérez-Sierra durch ein enormes Tempo. Für die große Gewitterszene muss dann eine Tür im Saal geöffnet werden, weil nicht alle Instrumente für diese Sequenz in den relativ kleinen Orchestergraben passen. Dadurch wird man im Saal von diesem Gewitter regelrecht eingeschlossen. So gibt es für alle Beteiligten zu Recht frenetischen Applaus.

FAZIT

Die Produktion beweist, wieso Cenerentola mittlerweile mit zu den beliebtesten Opern Rossinis gehört, vor allem wenn man die Oper in einer so großartigen Besetzung erleben darf.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
José Miguel Pérez-Sierra

Regie und Bühnenbild
Jochen Schönleber

Regieassistenz
Eleonora Calabrò

Kostüme
Claudia Möbius

Licht
Mareike Neumann

 

Orchester der
Szymanowski-Philharmonie Krakau
(Leitung: Alexander Humala)

Musikalische Assistenz und Tafelklavier
Gianluca Ascheri

Chor der
Szymanowski-Philharmonie Krakau
(Leitung: Piotr Piwko)


Solistinnen und Solisten

Don Ramiro, Prinz von Salerno
Patrick Kabongo

Dandini, sein Diener
Emmanuel Franco

Don Magnifico, Baron von Monte Fiascone
Filippo Morace

Clorinda, seine Tochter
Ellada Koller

Tisbe, seine Tochter
Verena Kronbichler

Angelina, genannt Cenerentola, seine Stieftochter
Polina Anikina

Alidoro, Philosoph, Lehrer Don Ramiros
Dogukan Özkan

Höflinge des Prinzen
Männerchor

 


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