Von der Asche zur Prinzessin
Von Thomas Molke
/ Fotos: © Patrick Pfeiffer
Rossinis
Cenerentola hat mittlerweile so große Popularität erlangt, dass diese Oper -
wenn man dem vor wenigen Jahren verstorbenen Rossini-Spezialisten Alberto Zedda
Glauben schenken darf - den Barbiere di Siviglia in der Publikumsgunst
bald sogar übertreffen könnte. Immerhin sind die musikalischen Höhepunkte der
Oper gleichmäßiger über beide Akte verteilt, während der Barbiere fast
sein ganzes Pulver bereits im ersten Akt verschießt. Dabei war die Uraufführung
am 25. Januar 1817 am Teatro Valle in Rom nicht gerade von Erfolg gekrönt. Der
anfängliche Missmut des Publikums mag vielleicht unter anderem der Tatsache
geschuldet gewesen sein, dass die Uraufführung erst mit einmonatiger Verspätung
auf die Bühne kam. Auch die Änderungen, die Rossini und sein Librettist Jacopo
Ferretti an der berühmten Märchenvorlage vorgenommen haben, mögen zunächst
irritiert haben. Aber das Publikum konnte sich auf Dauer dem Sog dieser
perlenden Melodien und der herrlich gezeichneten Figuren nicht entziehen, so
dass die Oper sehr schnell einen Siegeszug durch die Theater im In- und Ausland
antrat. Seit der Rossini-Renaissance hat das Werk vor allem dank großartiger
Interpretinnen wie Teresa Berganza und Cecilia Bartoli enorm an Popularität
gewonnen und das spannende Repertoire für Mezzosopranistinnen erweitert. Bei
Rossini in Wildbad mag es verwundern, dass man dieses Meisterwerk im kleinen
Königlichen Kurtheater präsentiert. Dafür hat man aber fünf Aufführungen
angesetzt, um die große Publikumsnachfrage bedienen zu können.

Angelina (Polina Anikina) verliebt sich in den
als Kammerdiener getarnten Prinzen (Patrick Kabongo).
Dass sich Rossini überhaupt für die Vertonung dieses Stoffes entschied, lag vor
allem daran, dass die ursprünglich geplante Oper Laurina
niemals von der Zensur genehmigt worden wäre. Dabei ist umstritten, ob Rossini oder sein
Librettist Jacopo Ferretti auf die Idee gekommen ist, auf ein Stück
zurückzugreifen, das Rossinis Kollege Stefano Pavesi 1814 in Mailand zur
Uraufführung gebracht hatte: Agatina o La virtù premiata. Beide Opern
gehen weniger auf die berühmte Vorlage aus der Märchensammlung von Charles Perrault zurück, sondern halten sich an die 1810 erschienene Opéra-féerie
Cendrillon von Nicolas Isouard auf ein Libretto von Charles-Guillaume Étienne.
Darin wird die ursprüngliche böse Stiefmutter durch den Stiefvater Don Magnifico
ersetzt, was wohl dem Bedürfnis nach einer großen komischen Buffo-Bass-Partie
geschuldet war. Außerdem wird der Kammerdiener Dandini eingeführt, der mit dem
Prinzen die Rollen tauscht, damit dieser die potentiellen Ehekandidatinnen
zunächst inkognito prüfen kann. Auch wird auf dem Ball kein Schuh verloren,
sondern ein Armreif überreicht, der ihm als Erkennungsmerkmal dienen soll. Statt
einer guten Fee zieht der Philosoph Alidoro die Fäden und lenkt als Erzieher den
Weg des Prinzen zum Aschenputtel. Während er bei Isouard und Pavesi aber noch
magische Kräfte besitzt, befreien Rossini und Ferretti die Geschichte von
jeglichen Zaubereien.

Dandini (Emmanuel Franco mit dem Männerchor)
gefällt sich in der Rolle des Prinzen.
Jochen Schönleber vertraut der Brillanz der Vorlage und setzt in
einer ausgeklügelten Personenregie ganz auf das Talent seiner Sängerinnen und
Sänger. Das Bühnenbild ist entsprechend den Möglichkeiten im Königlichen
Kurtheater recht einfach gehalten. Als Ofen, an dem Angelina zu Beginn der Oper
kauert, sind mehrere Quader treppenförmig übereinander gestapelt, auf deren
Spitze eine kleine Laterne mit einigen Holzscheiten steht. Durch Drehen dieses
Elements entsteht am Schluss der Thron, zu dem Angelinas Weg auf einem roten Teppich führt. Auf der rechten und linken Seite befinden sich die prall
gefüllten Kleiderschränke der bösen Stiefschwestern. Auch der Palast des Prinzen
ist recht spartanisch ausgestattet, was den Solistinnen und Solisten viel Raum
zum Spiel gibt. Bei den Kostümen der beiden Stiefschwestern kann Claudia Möbius
mit zahlreichen bunten Roben aus dem Vollen schöpfen. Für Cenerentola gestaltet
sie neben ihrer ärmlichen Kleidung am heimischen Herd zwei edle Kleider, die bei
aller Eleganz aber dennoch relativ schlicht gehalten sind. Wenn Don Ramiro in
die Rolle seines Kammerdieners schlüpft trägt er einen grauen unscheinbaren
Hoodie, während Dandini in einem edlen weißen Livree daherkommt, unter dem er
ein graues Unterhemd trägt, dass genau zum Hoodie des Prinzen passt.
Alidoro lässt Schönleber bereits zu Beginn der Ouvertüre als
mittellosen Bettler vor dem Vorhang auftreten, der den Menschen die Zukunft aus
den Karten liest.
Hier erscheint auch Angelina, um sich die Karten legen zu lassen. Von seiner
Prophezeiung ist sie derart entzückt, dass sie es sich nicht nehmen lässt, ihm
eine Münze im aufgestellten Pappbecher zukommen zu lassen. Warum Alidoro
anschließend von Männern des Chors - sollen es zu diesem Zeitpunkt schon die
Diener des Prinzen sein? - malträtiert und beraubt wird, erschließt sich genauso
wenig wie der Einfall, dass während dieser Szene ständig Menschen mit Einkaufstüten hinter dem
mittlerweile zur Hälfte geöffneten Vorhang herumlaufen. Am Ende greift
Schönleber in gewisser Weise das Bild des Anfangs wieder auf, wenn Cenerentola
nun den Bettler auf den Thron setzt und ihm auf der Tafel die edelsten Speisen
präsentiert, die ihm dann von Don Magnifico und den Stiefschwestern geraubt
werden. Beide Szenen sind für die eigentliche Geschichte verzichtbar.

Don Magnifico (Filippo Morace, rechts) will
verhindern, dass Angelina (Polina Anikina) zum Ball des Prinzen (Patrick Kabongo,
links) geht (2. von links: Dandini (Emmanuel Franco)).
Ansonsten entfachen die Solistinnen und Solisten
darstellerisch und musikalisch allerdings ein Feuerwerk, das aus den im Programmheft
angekündigten 2 Stunden und 50 Minuten 3 Stunden und 10 Minuten machen, weil das
Publikum durch häufigen frenetischen Szenenapplaus unterbricht. Glanzpunkte
gibt es an diesem Abend nämlich zuhauf. Wenn Filippo Morace als Don Magnifico zu Beginn
in einem schäbigen Onesie auftritt, bei dem sich alles abzeichnet, um in seiner
Kavatine von seinem Traum zu erzählen, bei dem ihm seine beiden Töchter Clorinda
und Tisbe gestört haben, begeistert er nicht nur musikalisch mit treffsicherem
Parlando-Stil und großer Flexibilität in den Läufen. Er entfacht auch obendrein ein
Komik-Potenzial, das kein Auge trocken lässt. Gleiches gilt für Emmanuel Franco
als Kammerdiener Dandini, der mit dunkler Sonnenbrille als verkleideter Prinz
über die Bühne tänzelt und bei dem Rollentausch richtigen Spaß hat. Ein weiterer
Höhepunkt ist natürlich das große Buffo-Duett im zweiten Akt, "Un segreto
d'importanza", wenn Dandini Don Magnifico gesteht, dass dieser auf das falsche
Pferd gesetzt hat, da er, Dandini, nur der Kammerdiener ist. Hier liefern sich
Franco und Morace einen großartigen Schlagabtausch. Auch Ellada Koller und
Verena Kronbichler sind als gehässige Stiefschwestern kaum zu überbieten und
begeistern durch großartige Mimik. Dabei macht Schönleber in der Personenregie deutlich, dass auch
sie unter ihrem Vater zu leiden haben. Bei der Arie des Don Magnifico zu Beginn
des zweiten Aktes, in der er rätselt, für welche seiner beiden Töchter der Prinz sich
entscheiden wird, setzt er die Mädchen dermaßen auch körperlich unter Druck, dass man schon Mitleid mit
den beiden haben kann.

Sextett "Questo è un noddo avviluppato": von
links: Don Ramiro (Patrick Kabongo), Angelina (Polina Anikina), Tisbe (Verena
Kronbichler), Dandini (Emmanuel Franco), Clorinda (Ellada Koller) und Don
Magnifico (Filippo Morace)
Weitere Glanzpunkte des Abends liefern Patrick Kabongo als Don Ramiro und Polina
Anikina in der Titelpartie. Mit dunklem Mezzosopran träumt sich Anikina zu
Beginn der Oper in die Canzone "Una volta c'era un re", bevor sie von ihren
Stiefschwestern dabei jäh unterbrochen wird. Im Duett, wenn sich der als
Kammerdiener verkleidete Prinz und Angelina erstmals begegnen, finden Anikina
mit zartem Mezzo und Kabongo mit lyrischem Tenor wunderbar zueinander. Genauso
innig gelingt die Szene, in dem sie ihm den Armreif überreicht. Wenn Kabongo als
Prinz dann schwört, diese zauberhafte Frau wiederzufinden, jubiliert er in
strahlenden Höhen mit sauber angesetzten Spitzentönen. Ein weiterer
musikalischer Höhepunkt ist Cenerentolas berühmtes Schluss-Rondo, bei dem
Anikina mit scheinbarer Leichtigkeit die Koloraturen nur so perlen lässt.
Weiterer musikalischer Höhepunkt ist das berühmte Sextett kurz vor Schluss, "Questo è un noddo avviluppato",
bei dem Anikina, Kabongo, Franco, Morace, Kronbichler und Kollada stimmlich und
durch großartiges Spiel glänzen, wenn sie auf einem ausgelegten Spielbrett versuchen,
die von Morace im Kartenspiel gezogene Farbe zu treffen.
Nachdem Dogukan Özkan im vergangenen Jahr in L'italiana in
Algeri als Mustafà vor allem mit seinem komischen Talent glänzen konnte, präsentiert er
die Partie des Alidoro nun mit großer Erhabenheit und profundem Bassbariton, der
auch in den Höhen enorme Kraft besitzt, so dass es selbstverständlich ist, dass
er kurz vor der Pause die wesentlich anspruchsvollere Arie "Là del ciel
nell'arcano profondo" singen darf. Der Männerchor der Szymanowski-Philharmonie
Krakau überzeugt als Höflinge des Prinzen mit homogenem, kraftvollem Klang. Das
Orchester der Szymanowski-Philharmonie Krakau begeistert unter der Leitung von
José Miguel Pérez-Sierra durch ein enormes Tempo. Für die große Gewitterszene
muss dann eine Tür im Saal geöffnet werden, weil nicht alle Instrumente für
diese Sequenz in den relativ kleinen Orchestergraben passen. Dadurch
wird man im Saal von diesem Gewitter regelrecht eingeschlossen. So gibt es für
alle Beteiligten zu Recht frenetischen Applaus.
FAZIT
Die Produktion beweist, wieso Cenerentola mittlerweile mit zu den
beliebtesten Opern Rossinis gehört, vor allem wenn man die Oper in einer so
großartigen Besetzung erleben darf.
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