|
Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
|
|
|
Alle 10 Jahre wiederVon Thomas Molke / Fotos: © Patrick Pfeiffer
Rossinis zweite Farsa L'inganno felice
Tarabotto (Francesco Bossi) versteckt die
verstoßene Herzogin Isabella (Xiangjie Liu) als seine Nichte Nisa.
Die Handlung basiert auf einer ganzen Reihe von Geschichten, in denen eine junge
Frau zu Unrecht der Untreue beschuldigt wird, da sie die unsittlichen Avancen
eines Mannes zurückgewiesen hat, daraufhin verstoßen wird und - in den meisten
Fällen - auf wundersame gerettet und rehabilitiert wird. Bei Rossinis
Librettisten Giuseppe Foppa, der diesen Stoff gleich mehrfach verarbeitet hat,
ist es in L'inganno felice Isabella, die Frau des Herzogs Bertrando, die
von Ormondo, einem Vertrauten des Herzogs, begehrt wird, diesen allerdings
abgewiesen hat. Aus Rache bezichtigt dieser sie der Untreue und überzeugt den
Herzog, sie auf einem Boot auf dem Meer auszusetzen. Anders als erwartet
kentert das Boot aber nicht, sondern strandet an der benachbarten Küste, wo der
Vorarbeiter einer Eisenmine, Tarabotto, die junge Frau rettet und als seine
Nichte "Nisa" aufnimmt. Zehn Jahre später gelangt der Herzog an diese Küste und
trifft auf Isabella, die sich allerdings nicht sofort zu erkennen gibt.
Fatalerweise ist auch Orrmondo im Gefolge des Herzogs. Da er fürchtet, dass sein
Betrug von damals auffliegen könne, befiehlt er seinem Diener Batone, die junge
Frau zu entführen und zu töten. Tarabotto hat allerdings die Szene belauscht und
bittet den Herzog um Schutz für seine Nichte. Der Herzog erkennt auf diesem Weg,
dass er seine Frau zu Unrecht verurteilt hat und will sich verzweifelt das Leben
nehmen. Jetzt gibt sich Nisa als Isabella zu erkennen und verzeiht ihrem Gatten.
Batone wird begnadigt, Ormondo hingegen verdammt.
Tarabotto (Francesco Bossi, 2. von links) begrüßt
den Herzog (Paolo Mascari, links) mit seinem Gefolge (Mitte hinten: Batone (Eugenio
Maria Degiacomi) rechts: Ormondo (hier: Edoardo Di Cecco)).
Wie 2015 begeistert auch die Neueinstudierung von Jochen Schönleber, der die geringen Möglichkeiten, die die kleine Bühne im Königlichen
Kurtheater für das Bühnenbild bietet, geschickt ausnutzt. Graue Stellwände
deuten die Eisenmine an, in der die Handlung spielt. Blickfang sind immer noch
der Jeep, mit dem der Herzog zu seiner Auftrittskavatine auf die Bühne gefahren
wird und der den Teil bis zur eingefügten Pause nach dem Terzett dominiert. Nach
der Pause sieht man dann eine riesige Barke auf der Bühne, die daran erinnert,
dass Isabella einst mit einem Boot auf dem Meer ausgesetzt worden ist. Am Ende
wird darin der überführte Ormondo gefesselt.
Vielleicht wird er nun das Schicksal auf dem Meer erleiden, das er einst für
Isabella vorgesehen hatte. Die Kostüme sind relativ modern gehalten, wobei die
Oberteile grau eingefärbt sind, um den Staub der Eisenmine anzudeuten. Die weiß
geschminkten Gesichter sollen die Figuren vielleicht ein wenig älter erscheinen
lassen, da ja zwischen der Vorgeschichte und der eigentlichen Handlung zehn
Jahre vergangen sind. Isabella, die sich optisch ihrem Retter Tarabotto ein
wenig angepasst hat, tritt am Ende wieder in dem Kleid auf, in dem sie einst auf
dem Meer ausgesetzt worden ist.
Tarabotto (Francesco Bossi, im Hintergrund)
beobachtet das Gespräch zwischen dem Herzog (Paolo Mascari) und der
vermeintlichen Nisa (Xiangjie Liu).
Wie bereits vor zehn Jahren entfachen auch die Solistinnen und Solisten der
Neueinstudierung ein musikalisches Feuerwerk und begeistern darstellerisch mit
punktgenauer Komik. Besucherinnen und Besucher, die die damalige Inszenierung
noch in guter Erinnerung haben oder vielleicht die DVD-Aufnahme kennen, mögen
vielleicht Sorge gehabt haben, ob ein anderer Sängerdarsteller Lorenzo Regazzo,
dem damaligen Tarabotto, das Wasser reichen kann. Aber mit Francesco Bossi, der
vor zwei Jahren in Bad Wildbad "entdeckt" worden ist, hat man einen
Vollblutkomödianten für die Partie gewonnen, der auch ohne komplette eigene Arie
mit enormer Bühnenpräsenz und punktgenauer Komik als Drahtzieher die ganze
Handlung beherrscht. Mit großartiger Mimik avanciert er wie einst Regazzo
zum Publikumsliebling des Abends. Ein musikalischer Höhepunkt ist wieder das
Buffo-Duett mit Batone, in dem Tarabotto und Ormondos Handlanger
versuchen, sich gegenseitig auszuhorchen und die Motive des anderen zu
ergründen, dabei beide allerdings nicht weiterkommen und stattdessen erkennen
müssen, dass ihr Gegenüber genauso gewitzt ist wie sie selbst. Bossi
begeistert dabei mit einem wunderbaren Parlando-Ton und hält mit scheinbar
spielerischer Leichtigkeit das hohe Tempo, das Antonino Fogliani am Pult des
Philharmonischen Orchesters Krakau vorgibt.
Happy End für den Herzog (Paolo Mascari, links)
und die Herzogin (Xiangjie Liu) (rechts: Tarabotto (Francesco Bossi), links am
Boot: Batone (Eugenio Maria Degiacomi), im Boot: Ormondo (hier: Edoardo Di Cecco))
Eugenio Maria Degiacomi bewegt sich als Batone im großen Buffo-Duett nicht nur
absolut auf Augenhöhe mit Bossi. Er besitzt auch die gleiche Spielfreude und
Komik, so dass man ihm, obwohl er ja einst die Herzogin den Fluten des Meeres
überlassen hat, eigentlich nicht böse sein kann. Stimmlich begeistert Degiacomi
mit beweglichem Bassbariton und markanten Tiefen. Im Gegensatz zu Tarabotto ist
Batone eine eigene Arie vergönnt, wenn er auf Nisa trifft und rätselt, ob eventuell die tot
geglaubte Herzogin vor ihm steht. Rossini hatte diese Arie damals für den großen
Bassbariton Filippo Galli komponiert, und auch Degiacomi legt sie mit großer
Flexibilität an, so dass man nachvollziehen kann, dass unter anderem auch diese
Nummer ein Grund für den damaligen großen Erfolg der Oper gewesen ist. Von
diesem Moment an wird Batone von derart großen Schuldgefühlen übermannt, dass
er, wenn auch nicht ganz freiwillig, schließlich die Entführung Nisas durch
Ormondo verhindert. Carlos Reynoso gibt den Bösewicht nicht
nur mit diabolischer Schwärze in der Stimme, sondern besitzt dazu auch noch eine
Mimik, die einen das Fürchten lehren kann. Selbst bei seiner Verurteilung zeigt
er nicht einen Moment der Reue und bleibt eiskalt.
Tarabotto (Francesco Bossi) will Isabella (Xiangjie
Liu) helfen, ihren Gatten zurückzugewinnen.
Xiangjie Liu punktet als verstoßene Herzogin Isabella mit großer Dramatik in den
Höhen und changiert mit ihrem flexiblem Sopran zwischen zarten ängstlich
anmutenden Tönen und einer gewissen Entschlossenheit, mit der sie am Ende ihren
Feinden entgegentritt. Ihre große Arie vor dem Finale gestaltet sie mit
glasklaren Koloraturen und enormer Beweglichkeit in den Läufen. Für die
Auftrittskavatine des Herzogs lässt Schönleber erneut einen Flötisten aus dem
Orchester im Jeep mit
auf die Bühne fahren. Aleksander Olszewski leitet die Kavatine mit klarem,
sauberem Spiel ein. Paolo Mascari legt die Partie des Herzogs mit einem sehr
hellen Tenor an, der in den Höhen ein wenig näselnd klingt, setzt aber auch die
hohen Töne sauber an. Dass die eigentlichen Helden der Geschichte Tarabotto und
Isabella sind, ist aber weniger Mascari als vielmehr dem Libretto anzulasten.
Antonino Fogliani führt das Philharmonische Orchester Krakau mit sicherer Hand
und großer Liebe zum Detail durch die Partitur, so dass es für alle Beteiligten
verdienten Beifall gibt.
FAZIT
Jochen Schönlebers Inszenierung hat auch in der Neueinstudierung nach zehn
Jahren nichts von ihrem Charme eingebüßt und macht mit einer großartigen
Besetzung nachvollziehbar, wieso diese Farsa damals Rossinis Durchbruch als
Komponist bedeutet hat. Bitte spätestens in zehn Jahren wieder!
Weitere Rezensionen zu Rossini in
Wildbad 2025 |
ProduktionsteamMusikalische Leitung*Antonino Fogliani / Claudia Patanè
Regie und Bühne nach Robert Schrag
Regieassistenz Kostüme Licht
Philharmonisches Orchester Krakau
Musikalische Assistenz und Tafelklavier
Solistinnen und Solisten*Premierenbesetzung Bertrando, Herzog
Isabella, seine Gattin
Ormondo, Vertrauter des Herzogs
Batone, Vertrauter Ormondos
Tarabotto, Anführer der Bergarbeiter
Bergarbeiter und Soldaten (stumme Rollen)
Flötensolo
|
- Fine -