Wie in den vorherigen Jahren hat die Italienerin
Rosetta Cucchi, künstlerische Leiterin des Wexford Festival Opera
seit 2020, am Vormittag der letzten Hauptpremiere eingeladen, um auf einer
Pressekonferenz die Pläne für das kommende Jahr vorzustellen. Seit Cucchi
die künstlerische Leitung übernommen hat, ist es Usus geworden, die
Veranstaltungen unter ein Motto zu stellen, das Cucchi mit gewohnt
fesselnder Art präsentiert. Nachdem sie in diesem Jahr mit "Theatre within
Theatre" einen bisweilen bitterbösen Blick hinter "die Bretter, die die Welt
bedeuten", geboten hat, wandelt sie im kommenden Jahr unter dem Thema "Myths
& Legends" in wieder ganz anderen Sphären. Neben den drei Hauptproduktionen,
die im nächsten Jahr einen Bogen vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert
spannen, gibt es auch wieder eine Produktion der von Cucchi installierten
"Wexford Factory", zwei "Pocket Operas", das sich immer größerer Beliebtheit
erfreuende Projekt "Community Opera", Konzerte, Recitals, zahlreiche
Pop-Up-Events und vieles mehr. So wird auch 2025 in den 16 Tagen des
Festivals keine Langeweile aufkommen.
Den Anfang macht das Werk eines Komponisten, das man
auf den ersten Blick nicht bei einem Festival erwartet, das sich auf die
Ausgrabung unbekannter Werke spezialisiert hat: Giuseppe Verdis Il
trovatore. Aber in Wexford präsentiert man nicht die allseits bekannte
italienische Fassung, sondern die äußerst selten aufgeführte französische
Version Le Trouvère. Mehrmals hat Verdi Werke für die französische
Oper umgewandelt und den Konventionen der Grand Opéra angepasst. So darf
natürlich auch in Le Trouvère die obligatorische Balletteinlage nicht
fehlen, doch auch ansonsten weist die Partitur zahlreiche Änderungen zu der
italienischen Fassung auf, so dass eine Entdeckung absolut lohnenswert
erscheint. Die musikalische Leitung übernimmt Verdi-Spezialist Marcus Bosch,
der seit mehreren Jahren bei den Opernfestspielen Heidenheim mit
einer Reihe für Aufsehen sorgt, die die frühen Verdi-Opern in
chronologischer Reihenfolge herausbringt. In Wexford hat er 2021 die
konzertante Aufführung von Goldmarks ein Wintermärchen geleitet, und Cucchi
inszenierte im Sommer bei "seinem" Festival Puccinis Madama Butterfly.
Die Regie übernimmt Ben Barnes. Die Partie der Leonore wird die
vielversprechende US-amerikanische Sopranistin Lydia Grindatto
interpretieren. In der Titelpartie ist Arseny Yakovlev zu erleben. Als
weitere Besetzung sind Ludovico Filippo Ravizza als Comte de Lune und
Xseniia Nikolaieva als Azucena zu nennen. Mit Jade Phoenix und Conor
Prendiville kehren auch zwei ehemalige Studenten der Wexford Factory nach
Wexford zurück.
Die zweite Produktion ist eine Kooperation mit den
Internationalen Händel-Festspielen in Göttingen. In der Regie und unter
der musikalischen Leitung des dortigen Festivalleiters George Petrou kommt
Händels letzte Oper Deidamia zur Aufführung. Da die Begeisterung 1741
für die große italienische Opera seria in London vorbei war, widmete sich
Händel anschließend nur noch dem englischsprachigen Oratorium, mit dem er
dann an seine früheren Opernerfolge nahtlos anknüpfen konnte. Deidamia ist
die Tochter des Lycomedes, der auf seiner Insel den als Mädchen verkleideten
Achilles versteckt hält, damit dieser nicht in den Trojanischen Krieg ziehen
muss. Doch Achilles' Verkleidung fliegt natürlich auf, zum einen, weil er
sich in Deidamia verliebt, zum anderen weil Odysseus eine geschickte List
anwendet. In der Titelpartie ist Sophie Junker zu erleben. Die Partie des
Achilles wird von dem Starsopranisten Bruno de Sà interpretiert. Nicolò
Balducci übernimmt die Partie des Odysseus, Sarah Gilford die Partie der
Nerea, einer Vertrauten Deidamias.
Als dritte große Oper steht ein relativ unbekanntes
Werk von Frederick Delius auf dem Programm: The Magic Fountain.
Delius selbst konnte die Ende des 19. Jahrhunderts komponierte Oper über
eine magische Quelle, die ewige Jugend verspricht, nicht mehr auf der Bühne
erleben. Die Uraufführung fand erst posthum statt, konzertant 1977 und
szenisch 1997. Nach A Village Romeo and Juliet 2012 widmet man
sich 15 Jahre später also erneut dem englischen Komponisten. In den
Hauptpartien sind Samuel Sakker als Solano, Axelle Saint Cirel als Watawa
und Jonathan Lemalu als Wapanacki zu erleben. Die musikalische Leitung
übernimmt Francesco Cilluffo. Regie führt Christopher Luscombe.
Als "Pocket Operas / Opera Beag" werden im nächsten
Jahr ein bekanntes und ein relativ unbekanntes Werk präsentiert. Unter dem
Titel La Tragédie de Carmen schuf Peter Brook 1981 eine gekürzte
Fassung von Bizets Opernklassiker, in der er sich auf nur vier Charaktere
konzentriert. Diese Version ist im Jerome Hynes Theatre zu erleben. Weniger
bekannt dürfte Alexander Zemlinskys Operneinakter Der Zwerg sein, der
als zweite Produktion im Jerome Hynes Theatre zu erleben ist.
Der Jahrgang der von Cucchi gegründeten "Wexford
Factory" geht 2025 ins zweite und letzte Jahr. Über einen Zeitraum von
jeweils zwei Jahren werden hier junge Künstlerinnen und Künstler auf ihren
ersten Schritten in eine Musiktheaterkarriere begleitet und erarbeiten neben
kleineren Partien in den anderen Produktionen und Auftritten bei den
Pop-Up-Events auch jeweils eine eigene Oper. Dieses Jahr ist die Wahl auf
ein Stück gefallen, das viele Jahre für unaufführbar galt, mittlerweile aber
nicht nur durch die jährliche Produktion in Pesaro einen regelrechten
Kultstatus genießt: Rossinis Il viaggio a Reims. Aufgrund ihrer
persönlichen Verbundenheit zu Rossinis Geburtstadt lässt es Cucchi sich
nicht nehmen, hierbei selbst Regie zu führen. Außerdem jährt sich die
Uraufführung dieser "Gelegenheitskomposition" 2025 zum 200. Mal, was ein
weiterer Grund für diese Wahl sein dürfte.
Fortgesetzt wird die 2023 als neues Projekt
eingeführte "Community Opera", die Menschen der Gegend die Möglichkeit
bietet, zusammen mit den Theaterleuten ein Stück zu entwickeln. Nach
Puccinis Gianni Schicchi 2023 und einer gekürzten Fassung von
Donizettis L'elisir d'amore 2024 folgt im Grain Store at Stonebridge
im kommenden Jahr The Little Midsummer Night's Dream nach Benjamin
Britten. Die musikalische Leitung übernimmt wie in den Vorjahren Luca
Capoferri. Inszenieren wird Heather Hadrill in Zusammenarbeit mit Elizabeth
Drwal. Als Artist in Residence hat Cucchi die irische Komponistin Ailís Ní
Rían direkt für zwei Jahre verpflichtet. 2025 soll sie das Festival und
seine Struktur näher kennenlernen, um 2026 für die "Community Opera" ein
eigenes Werk zu kreieren.
Ergänzt wird das Programm von den beliebten Lunchtime
Recitals in der St. Iberius Church, einem Gala- und einem Factory-Konzert, der Dr. Tom Walsh Lecture, den "Impossible Interviews", mehreren Late-Night-Veranstaltungen
und zahlreichen Pop-Up-Events.
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