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Salzburger Festspiele 2025

Macbeth

Melodramma in vier Akten (1847, revidierte Fassung 1865)
Libretto von Francesco Maria Piave mit Ergänzungen von Andrea Maffei nach der Tragödie Macbeth von William Shakespeare
Musik von Giuseppe Verdi

in italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)


Premiere am 29. Juli 2023 im Großen Fetspielhaus
Wiederaufnahme am 9. August 2025
(rezensierte Aufführung: 14. August 2025)

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Salzburger Festspiele
(Homepage)

Dem Spruch des Orakels entkommt niemand

Von Stefan Schmöe / Fotos © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Das Ehepaar Macbeth hat sich entfremdet. Zum Orchestervorspiel sieht man sie auf einer schier endlos langen Bank sitzen - an verschiedenen Enden. Sie erfährt gleich von ihrem Gynäkologen, das ist eine zentrale Idee der Regie von Krzysztof Warlikowski, dass sie kinderlos bleiben wird. Ihm wird in der ersten Szene der Oper zwar die Königskrone vorhergesagt, aber sein Begleiter Banco - und eben nicht Macbeth - wird gemäß dieser Prophezeiung Vater von Königen sein. Fehlende Nachkommen sind fortan ein Beziehungs- wie ein dynastisches Problem im Hause Macbeth.

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Die Kinderlosigkeit trennt, der Wille zur Macht verbindet Macbeth und Lady Macbeth

Warlikowski spielt in seiner in der Bildwirkung oft grandiosen, allerdings auch mitunter überladenen Inszenierung, die bereits 2023 zu sehen war (siehe unsere Rezension), an etlichen Stellen mit dem Motiv der Kinderlosigkeit. Immer wieder treten Kinderstatisten in unterschiedlichsten Funktionen auf. In der Bankettszene des zweiten Akts, in der Macbeth den von ihm ermordeten König Duncan zu sehen glaubt, wird statt eines Bratens eine Kinderpuppe serviert. Warlikowskis Regie ist aber von zwei weiteren Leitideen geprägt. Da ist zum einen das Motiv des Orakels. Als Archetypus dafür dient zwar König Ödipus, der hier aber nur als Subtext dafür steht, dass Macbeth den Prophezeiungen auch durch seine Mordserie nicht entkommen kann. Interessanter ist der Verweis auf die Gottesmutter Maria, die auf eine Prophezeiung hin mit ihrem Kind vor dem Kindermord von Bethlehem flieht. Warlikowski blendet im vierten Akt in der großen Chorszene "Patria opressa!" (der Chor singt quasi konzertant von den Seiten) entsprechende Szenen aus Pier Paolo Pasolinis Spielfilm Il Vangelo secondo Matteo von 1964 ein. Auf der Bühne werden gleichzeitig Kinder in großer Zahl vergiftet, mit Limonade und beinahe zärtlich - von Lady Macduff, die eigentlich gar nicht auftritt, deren Gatte Macduff aber den Tod seiner Familie besingen wird. Wer Oliver Hirschbiegels Film Der Untergang (2004) gesehen hat, wird (darauf hat schon unser Rezensent 2023 hingewiesen) kaum umhinkommen, an die dort gezeigte Tötung der Kinder von Magda und Joseph Goebbels durch die eigene Mutter zu denken. Womit die Assoziationskette bei einem anderen monströsen Paar angekommen ist.

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Irgendwo zwischen Revue und Madonna im Strahlenkranz: Lady Macbeth beim Trinklied

Am wenigsten käme man wohl ohne Hilfe des Programmhefts auf die Idee, dass der riesige, die komplette überdimensionierte Bühne des Festspielhauses ausfüllende Raum auf den Saal des "Jeu de Paume" verweist, in dem der dritte Stand vor Ausbruch der Französischen Revolution tagte (Bühne und Kostüme: Małgorzata Szczęśniak). Hier kam es zum legendären "Ballhausschwur" (französisch: "serment du Jeu de paume"). Damit betont Warlikowski das Macht- und Staatsdrama, was am wenigsten überzeugt. Es geht im Macbeth ja keineswegs um Revolution, sondern um Tyrannei. Wichtiger scheint der Regie der skeptische Blick auf die Geschichte zu sein. Zwar frisst hier nicht die Revolution ihre Kinder, aber auf den Tyrannen Macbeth folgt wohl ein ähnlich düsteres Kapitel der Geschichte. Das allerdings sieht man in den allermeisten Inszenierungen so oder ähnlich.


Vergrößerung in neuem Fenster Macduff (hier: Charles Castronovo) hat seine Familie verloren - die Regie macht daraus einen mehr als zwanzigfachen Kindermord

Verdi hat sich bekanntlich für die Lady Macbeth eine "raue, erstickte, dumpfe Stimme" gewünscht. Die liefert Asmik Grigorian nicht. Ihr leicht dunkel schillernder, dadurch faszinierend timbrierter Sopran gibt der Figur eine geheimnisvolle Statur, die bei aller mühelos gestalteten vokalen Attacke eine gewisse Zerbrechlichkeit zeigt. In ihrer Wahnsinnsarie am Ende der Oper wird der Klang fahler, verdeutlicht die Entwicklung der Figur, die sie ohnehin stimmlich in keinem Moment als Heroine anlegt. Zudem ist Asmik Grigorian eine ausgezeichnete Schauspielerin, die von der undurchschaubaren Hitchcock-Diva über die elegante Königin zur Alkoholikerin den Auf- und Abstieg der Lady überzeugend darstellt. Vladislav Sulimsky ist ein sonorer Macbeth ohne allzu große Schwärze, dafür einer metallischen Beimischung in der tiefen und mittleren Lage, die der Figur Profil gibt, und mit einer schwelgerisch strömenden Höhe. Dadurch schwingt ein lyrisch-kantables Moment mit. Dieser Macbeth ist eher ein von der Aussicht auf Macht Verführter als ein geborener Tyrann und Mörder. Tareq Nazmi gibt einen szenisch wie vokal eleganten Banco, Joshua Guerrero einen stimmlich schlanken, schwärmerischen Macduff.

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Ob Sir und Lady Macbeth überleben, bleibt am Ende offen - bis zum Schlussakkord hat Macduff (rechts) jedenfalls nicht geschossen.

Mit großer Klangentfaltung, dabei nie massig und ebenso nuanciert wie agil in der Gestaltung singt die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor in gewaltig großer Besetzung (Einstudierung: Alan Woodbridge). Unter der Leitung von Philippe Jordan spielen die Wiener Philharmoniker mit Opulenz wie mit Energie. Man kann die Partitur sicher düsterer, schroffer interpretieren - die "Wiener" zeigen einmal mehr den "schönen Klang", der wie eine spezifische Aura dieses Orchester umgibt. Jordan lässt viele Details sorgfältig ausmusizieren, und auch das Ende einer Phrase ist noch genau durchgestaltet. Plötzliche Stimmungsumschwünge der Musik, wie sie den jungen Verdi und eben auch den Macbeth kennzeichnen, kostet er aus, ohne sie zuzuspitzen. Das ergibt einen insgesamt edlen, großformatigen Macbeth, wie er durchaus zu den Salzburger Festspielen passt.


FAZIT

Auch bei der Wiederaufnahme weiß man mitunter gar nicht, wohin man in Krzysztof Warlikowskis überaus ambitionierter, vielschichtiger Deutung des Macbeth schauen soll, so viel passiert szenisch wie gedanklich gleichzeitig. Aufregend und oft visuell überwältigend ist das in jedem Fall. Mit einem beeindruckenden Ensemble und viel orchestralem Glanz zeigt sich die musikalische Seite festspielwürdig.






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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Philippe Jordan

Inszenierung
Krzysztof Warlikowski

Bühne und Kostüme
Małgorzata Szczęśniak

Video
Kamil Polak
Denis Guéguin

Licht
Felice Ross

Chor
Alan Woodbridge

Choreographie
Claude Bardouil

Dramaturgie
Christian Longchamp



Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor

Angelika Prokopp Sommerakademie
der Wiener Philharmoniker

Wiener Philharmoniker


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Macbeth
Vladislav Sulimsky

Banco
Tareq Nazmi

Lady Macbeth
Asmik Grigorian

Kammerfrau der Lady Macbeth
Natalia Gavrilan

Macduff
Charles Castronovo /
* Joshua Guerrero

Malcom
Davide Tuscano

Arzt
* Ilia Kazakov
Aleksei Kulagin

Diener Macbeths
Trevor Haumschilt-Rocha

erste Erscheinung
Brett Pruunsild

Mörder / Herold
Jonas Jud

Hekate
Frolieb Tomits

Hexen
Anna Yasiutina
Anastasia Kolochenko

Erscheinungen
Niklas Plasse
Annalena Fidelis
Matthias Schorn-Roubin
Anna Schachner


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