Kosky und Dramaturg Olaf A. Schmitt haben dazu von Hermann Heiser übersetzte Texte von Ovid und Gedichte von Rainer Maria Rilke zur Grundlage für die in zwei Akte aufgeteilten fünf Szenen gemacht. Gesungen wird in Italienisch - verbindend und erklärend gesprochen wird Deutsch. Wobei auch der deutsche Muttersprachler gelegentlich einen Blick auf die englischen Übertitel wirft, weil der sprechende Orpheus von Angela Winkler nicht nur traumwandlerisch in Erscheinung tritt, sondern auch das eine oder andere Wort verschluckt. So wie das große Doppelbett, das Michael Levine ins Zentrum der Hotelsuite der gehobenen Preisklasse platziert hat, immer wieder mal die Helden der Geschichten verschluckt, die wir nacheinander miterleben.
Das bekannte Schicksal von Orpheus (Angela Winkler) und Eurydike (Cecilia Bartoli) bildet die Klammer. Orpheus trauert im Hotel Eurydike nach, die als erste effektvoll in dem Bett Richtung Unterwelt verschwindet. Danach erzählen Orpheus und sozusagen auch "das Hotelzimmer" nacheinander von jenen mythischen Verwandlungen, die dem imaginären Hotel und dem Pasticcio zu ihrem Namen verhelfen.
Cecilia Bartolie als Arachne
In der ersten Episode erschafft sich der Bildhauer Pygmalion eine weibliche Schönheit aus Marmor, in die er sich verliebt. Hier führt die Verwandlung dazu, dass die künstliche Frau zu menschlichem Leben erwacht, was alle in Verzückung geraten lässt. Diese Liebesbeziehung mit Happy End, entgegen jeder Erwartung, entspinnt sich zwischen dem Counter Philippe Jaroussky und der federleicht trällernden Lea Desandre als Statua.
Für die nächste Zimmerbelegung kehrt Bartoli in der Rolle der so begabten wie hochmütigen Weberin Arachne zurück, hier allerdings im schicken Kleid als umtriebige Web-Designerin. Sie fordert Minerva auf eine Weise heraus, die dazu führt, dass Minerva Arachne vor Wut in eine Spinne verwandelt. Das wird zum puren szenischen Vergnügen, weil sich die Arachne Bartoli und die fabelhafte russisch-schweizerische Mezzosopranistin Nadezhda Karyazina als Minerva dabei nicht nur vokal handgreiflich werden, bis man am Ende eine Spinne im Video krabbeln und spinnen sieht.
Die Geister der Unterwelt
Die dritte Episode ist ein weiteres Beispiel dafür, wie mythische Vorlagen auch heutige Psychothriller inspirieren. Myrrah (Lea Desandre, jungmädchenhaft spielend) begehrt ihren eigenen Vater (gespielt von Alessio Marchini) und schafft es mit Hilfe einer Freundin tatsächlich in sein Bett, ohne dass er weiß, mit wem er es zu tun hat. Als die Sache auffliegt, ist Myrrah so verzweifelt, dass sie sich bewusst in einen Baum verwandeln lässt, der sich dann aus der Minibar durchs Zimmer schlängelt.
Der als Pygmalyon vom Bett verschluckte Jaroussky taucht nach der Pause als Narcissus wieder auf. Er selbst sieht sein "Problem" immer von außen - gleich zwei sich aufs Haar gleichende Tänzer verkörpern das Narzissmus-Problem. In die Fänge dieses sich selbst liebenden Schönlings gerät die Nymphe Echo. Lea Desandre umspielt ihn zunächst sehr leichtfüßig, nervt aber Juno so sehr, dass sie von ihr in das Echo verwandelt wird, wie es kennen. Ohne Köper, nur als Stimme kann sie fortan immer nur letzte Worte wiederholen.
So kann Lebensfreude à la Kosky zur Musik von Vivaldi aussehen
Am Ende gibt es sogar noch einen Blick in die Unterwelt. Da schwebt das Hotelzimmer in die Höhe und man sieht, wie Eurydike sich ins Dunkel der Unterwelt entfernt. Orpheus aber fällt den Bacchantinnen in die Hände und verliert im wahrsten Wortsinn seinen Kopf.
In bester Manier des bewährten Gespanns aus Barrie Kosky und seinem Choreographen Otto Pichler schießt immer wieder seine zwölfköpfige fabelhafte Tänzercrew zwischen die Zimmerbelegung. Immer zusammen mit dem von Jacopo Facchini einstudierten Chor Il Canto di Orfeo. Ausgestattet mit den prächtigen Kostümen von Klaus Bruns, dann mal als geheimnisvoll gesichtslose Seelen aus der Unterwelt oder in einer Explosion von purer (man könnte auch sagen: nackter) Lebenslust wie Blumenkinder im Paradies. Dieses Motiv ziert dann auch das werbewirksamen Festspielplakat für diese Oper der besonderen Art. Vor allem in diesen getanzten Nummern gehen Vivaldi-Spezialist Gianluca Capuano und sein Ensemble Le Musiciens du Prince-Monaco in die Vollen und lassen Vivaldis vibrierenden Barock rocken.
FAZIT
Barrie Kosky und Cecilia Bartoli gelingt mit ihrem Pasticcio Hotel Metamorphosis eine opulente Vivaldi-Oper, die es bisher nicht gab. Langweilig ist das in diesen dreieinhalb Stunden nie.
Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief