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Musikfestspiele
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Salzburger Festspiele 2025

Giulio Cesare in Egitto

Opera seria in drei Akten
Libretto von Nicola Francesco Haym
nach Giacomo Francesco Bussanis Libretto zur Oper Giulio Cesare in Egitto von Antonio Sartorio
Musik von Georg Friedrich Händel

in italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4h (eine Pause)


Premiere am 26. Juli 2025 im Haus für Mozart
(rezensierte Aufführung: 11. August 2025)

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Salzburger Festspiele
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Geschlossene Gesellschaft

Von Stefan Schmöe / Fotos © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Gerade noch ist man nach einer gewaltigen Detonation erschrocken zusammengefahren, da öffnet sich der Bühnenhimmel, und über dem Bunker, der das Einheitsbühnenbild liefert, erscheint ein Bühnenorchester. Und begleitet die allerschönste Musik, nämlich Cleopatras "V'adoro pupille, was so gar nicht zum düsteren Szenario passen will. Olga Kulchynska singt mit großem, dabei im Charakter mädchenhaftem Sopran, betörend leuchtend, die Spitzentöne kokett zurücknehmend, mit Leichtigkeit und Energie, gleichzeitig aber auch mit einem Hauch Zerbrechlichkeit. Hier steht keine mondäne oder gar triumphierende Herrscherin, sondern ein vielschichtiger, nicht greifbarer, selbstbewusster und doch fragiler Charakter. Die Stimme gibt der Figur etwas Tastendes, Suchendes. Und natürlich ein erotisches Moment. Man glaubt sofort, dass diese Begegnung für Cesare, wie Julius Caesar im Italienischen heißt, überwältigend sein muss. Den gestaltet Christophe Dumaux mit geschmeidigem, weichem, dabei agilem Countertenor, dessen Farbe er flexibel der Szene anpassen kann. Und wie auch Kulchynska glänzt er mit sauber und unangestrengt ausgesungenen Koloraturen, wenn Händel dies verlangt.

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Menschen im Bunker: (von links) Cesare, Sesto, Cornelia, Achille und Cleopatra (mit pinkfarbener Perücke)

Viel vokales Glück also in einer durch und durch düsteren Situation. Regisseur Dmitri Tcherniakov, der auch das Bühnenbild entworfen hat, verlegt die Handlung in einen Bunker und in unsere Zeit. Bei dem Krieg, der bedrohlich nahe ist, handelt es sich aber wohl nicht um eine Umdeutung von Caesars Feldzug nach Ägypten, der den Hintergrund der Handlung bildet. Vielmehr sind hier alle Akteure Betroffene und Opfer eines Krieges unserer Tage. Man sieht ganz verschiedene Menschen, die in dieser Extremsituation auf engem Raum (immerhin dreigeteilt, wodurch verschiedenen Orte der Handlung angedeutet werden können) einander ausgeliefert sind. Traumatisierte, die einander quälen. Man kann die Inszenierung lesen als ein Experiment: Was macht der Krieg aus den Menschen, die ihn erleiden? Die Hölle sind hier (auch) die anderen, aber weniger im Sartre'schen gesellschaftsanalytischen Sinn als unter dem Druck der Situation.

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Widersacher: Cesare (Mitte links) und Tolomeo

Den Text darf man dafür natürlich, vorsichtig gesagt, nicht allzu wörtlich nehmen, was im Falle des Giulio Cesare andere Regieteams natürlich auch nicht tun. Tcherniakov muss allerdings rund dreieinhalb Stunden Spiel, während der es im Geist der Barockzeit ziemlich wild hin und her geht, mit diesem Konzept füllen. Das funktioniert dann doch eher schlecht und wenig glaubwürdig. Natürlich findet ein permanenter Machtkampf statt, auch das Aggressionspotenzial wirkt noch leidlich plausibel. Aber warum lässt Caesar sich zum Schein erschießen und springt, sobald Cleopatra an seinen Tod glaubt und abgegangen ist, quietschfidel in den Orchestergraben, um bei seinem nächsten Auftritt dann offenbar schwerer verletzt zu sein? Tcherniakov überträgt ja gern Opernhandlungen fast filmisch genau in neue Geschichten (etwa den fliegenden Holländer bei den Bayreuther Festspielen), aber das geht hier gerade der vermeintlichen Präzision wegen nicht gut auf. Die Handlungselemente wirken beliebig und austauschbar. Man könnte auch ein ganz anderes Werk in diesem Setting spielen, ohne dass sich große Konsequenzen ergäben.


Vergrößerung in neuem Fenster Aggressionen: (von links) Curio, Cesare und Sesto; Cornelia (rechts) wendet sich ab.

Gelegentlich deuten sich ein paar schöne Momente an. Es scheint eine an sich unmögliche Beziehung, die sich da zwischen dem smarten, gleichzeitig athletisch durchtrainierten Geschäftsmann Cesare und der zunächst mit scheußlicher pinkfarbener Perücke (die sie, ein Glück für alle, irgendwann ablegen darf) ausgestatteten Cleopatra vom anderen Ende des sozialen Spektrums entwickelt (Kostüme: Elena Zaytseva). Ein ganz klein wenig Hoffnung keimt auf, wenn die beiden am Ende wie zwei Kinder mit einer Pappkrone an der Rampe sitzen. Dabei ist Kulchynskas Cleopatra die wandlungsfähigere und ungleich interessantere Figur. Ihr machthungriger Bruder Tolomeo wird von Yuriy Mynenko mit warmem, geschmeidigem Countertenor mit vorsichtig femininen Zügen ausgestattet, bleibt dabei mehr schmieriger Intrigant als machtbewusster Akteur. Aufgewertet wird sein Helfer Achilla, den Andrey Zhilikhovsky mit elegantem, in schönem Legato geführtem Bariton ausstattet und der hier nicht als bösartiger Haudrauf, sondern als ernst zu nehmender Akteur erscheint. Cornelia, deren Gatten Pompeio er vor Einsetzen der Handlung ermordet hat, erscheint als eine zwanghaft um Frisur und Make-up besorgte Dame aus besseren Kreisen. Die kraftvolle tiefe Lage von Lucile Richardot, die zwischen erhabener Trauer und Affektiertheit mitunter bis an den Rand des Ordinären vokal ein schillerndes Portrait dieser Frau zeichnet, gibt der Figur eine ganz eigene Aura. Dass sie, Traumata hin und her, ihren eigenen Sohn Sesto zum Geschlechtsverkehr mit ihr nötigen möchte, gehört zu den ärgerlichen Elementen der Regie. Sopranist Federico Fiorio singt diesen Sesto mit knabenhaft leichter, sanfter, trotzdem energiegeladener Stimme. Auch hier ist die musikalische Zeichnung der Figur glaubwürdiger und vielschichtiger als das aktionistische Herumgeturne, das er auf der Bühne zeigen muss.

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Liebesglück: Cleopatra und Cesare

Fabelhaft spielt das Ensemble Le Concert d'Astrée mit exquisiten Holzbläsern und vier traumhaft schönen Hörnern (brillant das mit stupender Leichtigkeit agierende Solo-Horn bei Cesares Arie "a tacito e nascosto") unter der Leitung von Emmanuelle Haïm, die auch am Cembalo sitzt. Sie verzichtet weitgehend auf Zäsuren nach den Arien, sondern betont den Fortgang der Handlung. Die Streicher, die hier und da noch konturierter sein dürften, haben einen warmen Klang. Statt barocker Straffheit wählt Haïm einen schon auf die Frühklassik hindeutenden, emotionalen und "weichen" Zugang. Ein wenig mehr von diesem Staunen über die Schönheit dieser Musik hätte auch der Inszenierung gutgetan, die (zu) oft banale Alltagshandlungen als Kontrast zur Musik setzt.


FAZIT

Musikalisch eine überwältigend schöne Aufführung, die nachwirkt. Tcherniakov findet über die lange Spieldauer hinweg für sein Regiekonzept zu wenig schlüssige Bilder, um Glaubwürdigkeit zu erlangen.






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Produktionsteam

Musikalische Leitung und Cembalo
Emmanuelle Haïm

Inszenierung und Bühne
Dmitri Tcherniakov

Kostüme
Elena Zaytseva

Licht
Gleb Filshtinsky

Kampfchoreographie
Ran Arthur Braun

Chor
Michael Schneider

Dramaturgie
Tatiana Werestchagina



Bachchor Salzburg

Le Concert d'Astrée


Solisten

Giulio Cesare
Christophe Dumaux

Cleopatra
Olga Kulchynska

Cornelia
Lucile Richardot

Sesto
Federico Fiorio

Tolomeo
Yuriy Mynenko

Achilla
Andrey Zhilikhovsky

Nireno
Jake Ingbar

Curio
Robert Raso


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