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Die Bahnstrecke nach Moskau liegt in Trümmern. Sie war offenbar Ziel eines Bombenangriffs. Parallel zur Rampe verlaufen geborstene Betonplatten und verbogene Schienen. Mit dieser Kriegslandschaft mit Eisenbahngleis füllt Bühnenbildner Rufus Didwiszus die schier unendliche Breite der Felsenreitschule beklemmend aus. Diesen Raum mit seinen Abmessungen zu bespielen ist ja eine Kunst für sich, aber das gelingt hier ganz ausgezeichnet. Das Kriegsszenario ist dabei kein reales, vielmehr eine Seelenlandschaft, die mit gängigen Chiffren für die russische Provinz - Eisenbahngleise ins Unendliche - spielt. Natürlich lenkt das Bild natürlich trotzdem die Assoziationen auf den Ukraine-Krieg. Und vielleicht sollte man es als ein Symbol für unsere unmittelbare Gegenwart lesen, für eine Sinnkrise der westeuropäischen Gesellschaft angesichts eines nicht mehr für möglich gehaltenen Kriegs in Europa.
Drei Schwestern in apokalyptischer Landschaft: (von links) Mascha, Olga und Irina. Am Boden liegt eine Figur, das "Mütterchen", die wohl das Altern und Sterben (man beachte das Krankenbett im Hintergrund) vergegenwärtigt.
Die geborstene Bahnlinie hat aber ohnehin nie wirklich nach Moskau, dem vermeintlichen Ziel aller Wünsche der Schwestern Olga, Mascha und Irina, geführt. Am Ende der Schienen steht auf der einen Seite eine Wand (oder was davon übriggeblieben ist). Irina malt irgendwann ein Tunnelportal darauf: Es muss ja irgendwie weitergehen. Dabei ist dieses Moskau nicht real, es steht für Träume wie für Ängste - oder für Zukunft. Regisseur Evgeny Titov sucht große, überzeitliche Bilder. An der russischen Provinz am beginn des 20. Jahrhunderts ist ihm nichts gelegen. Damit entspricht er dem Ansatz des Komponisten Peter Eötvös, in dieser 1998 uraufgeführten Oper die zeittypischen und direkt gesellschaftskritischen Elemente des 1901 uraufgeführten Dramas von Anton Tschechow zu tilgen. Eötvös und sein Co-Librettist Claus H. Henneberg haben Tschechows Text aufgebrochen und verkürzt neu zusammengesetzt. Auf einen Prolog folgen drei "Sequenzen", die das Geschehen jeweils mit Blick auf eine Figur stark verknappt erzählen: Zuerst Irina, dann Bruder Andrej, zuletzt Mascha. Dabei hat Eötvös die Partien der drei Schwestern (und die von Andrejs Ehefrau Natascha gleich dazu) für Countertenöre komponiert (aus theaterpraktischen Gründen weichen vor allem kleinere Theater wie 2023 das Theater Hagen von dieser Praxis ab und besetzen die Rollen mit Frauenstimmen).
Irina trägt den Wegweiser, der vermeintlich die Route nach Moskau anzeigt - aber dieses Moskau ist eine Chimäre
Wie drei Gespenster steigen die drei Schwestern in unwirklich weißen Kleidern während des Prologs den zerstörten Bahndamm entlang, begleitet zunächst vom ätherisch anmutenden Akkordeon. Sie werfen wie einst Wagners Nornen in der Götterdämmerung die großen Fragen auf: "Schon bald erfahren wir, wofür wir leben, wozu wir leiden". Aryeh Nussbaum Cohen als Darsteller der Olga singt mit sattem Alt hier eine Spur zu laut und bringt das Trio ein wenig aus der stimmlichen Balance. Dennis Orellana als entrückt leichte (aber keineswegs leichtgewichtige) Irina, die jüngste der drei Schwestern, und Cameron Shahbazi als schwärmerische Mascha glänzen nicht nur stimmlich, sondern durch nuanciertes Spiel. Kostümbildnerin Emma Ryott bekleidet sie mit Frauenkleidern einschließlich ausgestopfter Brüste, die Köpfe ohne Perücken wirken dagegen eindeutig männlich. Auch das trägt dazu bei, die klassischen Geschlechterrollen, die bei Tschechow eine entscheidende Rolle spielen, aufzuheben. Kangmin Justin Kim gibt der Natascha, Andrejs Gattin, zickige Präsenz und lässt sie wie ein Vogel über die Trümmer hüpfen und beinahe fliegen.
Konversation in der Provinzstadt: (von links) der Doktor, Baron Tusenbach,
Olga, Soljony, Soldat Rodé, Irina, Soldat Fedotik und Amme Anfisa.
Man hat sich eingerichtet in dieser russischen Provinzstadt, die durch den Abzug der Garnison noch viel trister als ohnehin schon zu werden droht. Mangelnden Ehrgeiz und den fehlenden Willen zur Veränderung werfen die drei Schwestern ihrem ambitionslosen Bruder Andrej vor. Der legt, mit Fatsuit zu beachtlicher Körperfülle aufgebauscht, in einer bewegenden Szene während eines langen Monologs die Kleidung einschließlich aller Polster ab und steht mit athletischer Figur schließlich nackt auf der Bühne. Behaglichkeit und Ambitionslosigkeit sind Panzer, die vor Verletzungen schützen. Jacques Imbrailo singt die Figur mit klangschönem, elegantem Bariton. Mit schwärmerischem, geschmeidigem Tenor gibt Mikołaj Trąbka einen von Beginn an todessüchtigen Baron Tusenbach, der sich um Irina bemüht wie auch der schneidige Offizier Soljony (mit schlankem, durchsetzungsfähigem Bass: Anthony Robin Schneider), von dem er im Duell getötet wird, wie man am Ende der Irina-Sequenz erfährt. Der unglücklich verheiratete Werschinin (mit strahlendem Bariton: Ivan Ludlow) dagegen bändelt mit der ihm keineswegs abgeneigten Mascha an, wird aber durch die Nachricht von einem erneuten Suizidversuch seiner Frau ausgebremst. Wo das Glück sein könnte, da sind die Protagonisten nie. Das alles wird musikalisch auf hohem Niveau verhandelt, denn auch die weiteren Rollen sind ausgezeichnet besetzt.
Alle sind unzufrieden mit Andrej, der sich scheinbar mit dem Leben in der Provinz gut arrangiert hat.
Eötvös ordnet jeder Figur ein solistisches Instrument zu, überwiegend Blasinstrumente. Aus diesem Instrumentarium setzt sich das Orchester im Graben zusammen. Hinzu kommt ein größeres Orchester hinter der Bühne. Einmal mehr stellt sich der Eindruck ein, dass dieser Aufwand unverhältnismäßig ist im Vergleich zur Wirkung, die sehr viel stärker vom Kammerorchester im Graben bestimmt wird. Am Pult steht Maxime Pascal, der umsichtig das Klangforum Wien Orchestra leitet, assistiert von Alphonse Cemin, der das Orchester hinter der Bühne dirigiert. Auch in dieser Produktion fasziniert die konzentrierte Klangsprache des 2024 verstorbenen Peter Eötvös, die um tonale Zentren kreist, ohne eine Funktionsharmonik klassischen Stils aufzugreifen, und deren Kreisen um einen Grundton immer wieder das Warten in suggestiver Weise aufgreift. Damit haben es die Drei Schwestern längst ins erweiterte Repertoire geschafft.
FAZIT
Großes Musiktheater: Evgeny Titov findet in dieser musikalisch hochrangigen Aufführung eindringliche Bilder, um die Drei Schwestern aus dem historischen Kontext zu lösen und zum Sinnbild unserer Zeit zu machen.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung / Dirigent im Orchestergraben
Maxime Pascal
Dirigent des Orchesters hinter der Bühne
Alphonse Cemin
Inszenierung
Evgeny Titov
Bühne
Rufus Didwiszus
Kostüme
Emma Ryott
Licht
Urs Schönebaum
Klangregie
Paul Jeukendrup
Dramaturgie
Christian Arseni
Klangforum Wien Orchestra
Solisten
Irina
Dennis Orellana
Mascha
Cameron Shahbazi
Olga
Aryeh Nussbaum Cohen
Natascha
Kangmin Justin Kim
Tusenbach
Mikołaj Trąbka
Werschinin
Ivan Ludlow
Andrej
Jacques Imbrailo
Kulygin
Andrei Valentiy
Anfisa
Aleksander Teliga
Soljony
Anthony Robin Schneider
Doktor
Jörg Schneider
Rodé
Seiyoung Kim
Fedotik
Kristofer Lundin
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