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Kollektiver Erinnerungsraum von Welt- und Familiengeschichtenvon Stefan Schmöe / Fotos © Caroline Seidel, Ruhrtriennale 2025
Eine glückliche Generation? Wer in West- oder Mitteleuropa in den 1940er-Jahren geboren wurde, hat den Zweiten Weltkrieg gar nicht oder kaum bewusst erlebt und mit etwas Glück sein Leben in einer Epoche verbracht, in der Kriege weit entfernt geführt wurden. Es ist die Generation der "Lucky Ones", die eine zerstörte Welt neu aufgebaut, wachsenden Wohlstand erfahren und letztendlich die Welt gestaltet haben, wie wir sie heute vorfinden. Im Guten wie im Schlechten. Nina Segal und Ted Huffman haben vor der Erstellung des Librettos von We Are The Lucky Ones etwa 80 Personen dieser Generation in verschiedenen Ländern überwiegend aus West- und Nordeuropa ausführlich interviewt, sie nach prägenden Erlebnissen und Erfahrungen gefragt, nach entscheidenden biographischen Einschnitten und auch nach ihren Prognosen für die Zukunft. Kurze Ausschnitte daraus bilden den Text dieser Oper, kleine Anekdoten, die als Collage ein Panorama dieser Generation ergeben. Man muss, das zeigt das Ergebnis, bei der Übersetzung des Titels vorsichtig sein und zwischen "lucky" und "happy" unterscheiden: "The Lucky Ones" sind diejenigen, die Glück gehabt haben. Zumindest das Glück, von einer unmittelbaren Kriegskatastrophe verschont geblieben zu sein.
Die zum Libretto der Oper verarbeiteten Textpassagen ergeben keine Biographien. Sie bleiben fragmentarische Erinnerungsfetzen, die exemplarisch, man kann auch sagen: leitmotivisch für eine Generation stehen. Daher gibt es auch keine Rollen. Der (englische) Text ist auf acht Sängerinnen und Sänger verteilt, die von eins bis acht durchnummeriert sind. Dabei können Erlebnisse von Frauen auch von Männern wiedergegeben werden und umgekehrt. Durch dieses Verfahren lösen sich die Erinnerungen von der Person und gehen in einen kollektiven Erinnerungsraum über, selbst wenn sie eine extrem ungewöhnliche Perspektive einnehmen. Da gibt es etwa den Bericht einer ostdeutschen Frau, die einen Tag vor dem Fall der Mauer 1989 von ihrem Mann verlassen wurde und für die der Zerfall der DDR erst einmal den Verlust jeder Sicherheit als ab diesem Tag alleinerziehende Mutter bedeutet. An solchen Episoden wird die Komplexität des Erlebens deutlich, die riesige Bandbreite des Erlebens wie die Widersprüchlichkeit, aber eben auch Gemeinsamkeiten wie die Sorge vor einem Super-Crash der Computersysteme beim Jahreswechsel von 1999 nach 2000 - und die gleichzeitige Feierstimmung.
Im Vordergrund stehen die privaten Erlebnisse. Bei aller Verschiedenheit wird ein bestimmtes Schema erkennbar: Oft kriegsbedingte Gewalt- und Verlusterfahrungen in der Kindheit, die erste Liebe, Hochzeit und eigene Kinder, das Erwachsenwerden selbiger und deren Auszug aus dem Elternhaus als Einschnitt, das Aufwachsen der Enkelkinder und am Ende das mitunter von Krankheiten und Beschwerden getrübte Alter, verbunden mit Gedanken an den eigenen Tod. Das hat in der collagierten Erzählstruktur oft etwas Anrührendes, gleitet durch die Distanz zur anonym bleibenden erzählenden Person aber nie ins Sentimentale ab.
Der britische Komponist Philip Venables (*1979), von dem im Vorjahr bei der Ruhrtriennale The Faggots and Their Friends Between Revolutions zu erleben war, hat dazu eine Musik geschrieben, die auf bekannte Formen und Modelle der Musikgeschichte zurückgreift, sich flexibel der Situation anpasst und doch oft überraschend klingt. Venables orientiert sich teilweise an Songs der jeweiligen Dekade und greift deren Stimmung auf, ohne zu zitieren oder allzu offensichtlich deren Stil zu parodieren. Die Musik ist durchkomponiert, aber durch die vom Text vorgegebenen Episoden strukturiert. Dissonante Klangflächen zu Beginn geben den nachhallenden Schrecken des Weltkriegs etwas klangmalerisch Unheimliches und Bedrohliches. Madrigalartige und choralartige mehrstimmige Sätze dagegen kommentieren das Geschehen mit feiner, liebevoller Ironie, verleihen Ereignissen Intimität oder feierliche Bedeutung. Die Musik trägt entscheidend dazu bei, die dokumentarischen Erzählungen in einen abstrakten Kunst-Raum zu stellen, was noch wichtiger ist als ihr emotionaler Gehalt. Bei aller eklektischen Vielschichtigkeit wirkt die Partitur eigenständig und in sich schlüssig.
Ganz ausgezeichnet singen die acht in ihren Partien gleichberechtigten Darstellerinnen und Darsteller Claron McFadden, Sophia Burgos, Nina van Essen, Helena Rasker, Steven van der Linden, Frederick Ballentine, Michael Wilmering und Alex Rosen, die nicht nur stimmlich wie szenisch große Präsenz besitzen, sondern auch ausgesprochen homogen in den Ensembles singen. Mit Eleganz und Selbstbewusstsein verkörpern sie eine Generation im besten Alter. Sie bewegen sich oft tänzerisch auf einem erhöhten viereckigen Laufsteg, der einen Orchestergraben umgibt. Von dort begleiten die Bochumer Symphoniker unter der Leitung von Bassem Akiki mit kammermusikalischer Transparenz und überlassen den Stimmen die Hauptrollen. Immer wieder gibt es Momente, da zieht sich die Musik nachdenklich auf einen Ton zurück wie ein Innehalten und Verweilen zum Nachdenken.
Viel mehr Mittel als die Eloquenz der Akteure benötigt Regisseur Ted Huffman für diese Produktion, die bereits an der Niederländischen Nationaloper in Amsterdam zu sehen war, auch nicht. In Bochum wird die Jahrhunderthalle zum Mitspieler, die als Symbol einer industriellen Vergangenheit auf den Wiederaufbau verweist, mit ihrer kathedralenhaften Größe aber dem Erzählten noch einmal Würde verleiht. Die Akteure bekleben die Fensterfront an der Rückwand mit weißen Blättern, auf die immer wieder wie in einer alten Dia-Show historische Familienbilder und Filme projiziert werden. Diese allerdings sind keineswegs authentisch, sondern mit KI erstellt und haben oft etwas ganz leicht Unwirkliches. Es sind Szenen, wie man sie aus dem eigenen Familienalbum kennt; Geburtstagsfeiern und Urlaube mit fast immer lachenden Gesichtern - von der KI mitunter allzu fratzenhaft konstruiert. Als Grundlage wurde die KI mit Bildern "gefüttert", die aus den Fotoalben und Super-8-Filmen von Menschen stammen, die an der Amsterdamer Oper arbeiten. Auch dieses Verfahren objektiviert die subjektiven individuellen Erinnerungen. Sie transformieren zu einem immer etwas unbestimmten, dadurch die Vielschichtigkeit und auch Unterschiedlichkeit der Erfahrungen berücksichtigenden Erinnerungsraum. Als Zuschauer kommt man nicht umhin, immer wieder auch die eigene Biographie bruchstückhaft einzuordnen.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung und Bühnenbild
Kostümdesign
Lichtdesign
Videodesign
Bewegung
Dramaturgie Solisten
ONE
TWO
THREE
FOUR
FIVE
SIX
SEVEN
EIGHT
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- Fine -