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Getrennte Wegevon Stefan Schmöe / Fotos © Jan Versweyveld / Ruhrtriennale 2025
Ein Mann wird von seiner Frau verlassen. Es gibt keine große Szene, keinen Streit. Sie sagt ganz einfach "Goodbye" - und geht. Über die Gründe erfährt man nichts. Eine unspektakuläre Kleinbürgertragödie. Um diese Situation kreist das Konzeptalbum Watertown, das Frank Sinatra 1969 aufgenommen und 1970 veröffentlicht hat. Ivo Van Hove, Intendant dieser Ruhrtriennale 2024 - 2026, nimmt das Album als Ausgangspunkt seines Musiktheaters I Did It My Way, auch wenn "My Way", der populärste Song Sinatras, gar nicht aus diesem Album stammt (aber trotzdem in dieser Aufführung nicht fehlt). Dargestellt wird dieser Mann von Lars Eidinger, womit die Ruhrtriennale zur Eröffnung der Spielzeit 2025 wieder einen großen Namen präsentiert - so wie im Vorjahr Sandra Hüller in I Want Absolute Beauty.
Dem um die gescheiterte Beziehung trauenden Mann stellt Van Hove mit Songs von Nina Simone (1933 - 2003) eine weibliche Perspektive entgegen. Simone, als "Hohepriesterin des Soul" bezeichnet, hat in ihren Liedern immer wieder Rassismus und Unterdrückung der Schwarzen thematisiert, die sie selbst erfahren hat. Larissa Sirah Herden (auch unter ihrem Künstlernamen "Lary" bekannt), 1986 in Gelsenkirchen geborene Sängerin mit einem Vater britisch-jamaikanischer Herkunft, spielt und singt die namenlose Frau, die dem gemeinsamen Eigenheim entflieht. Sie erinnert im Aussehen durchaus an Simone, zuerst noch vergleichsweise jung und mädchenhaft, später mit entsprechender Perücke als die starke Frau, die in die Musik- wie in die Bürgerrechtsgeschichte eingegangen ist. Mit eindrucksvoller Stimme und souveräner Technik trifft Herden sehr gut den Tonfall und die Stimmung der Songs (die - mit einer Ausnahme - von Simone interpretiert, aber nicht geschrieben wurden, wie auch Sinatra nicht selbst komponierte und textete). Hier wird deutlich, wie sich eine Frau emanzipiert - in der kleinen Geschichte auf der Bühne als Person wie im übertragenen Sinn im Kampf um Bürgerrechte.
Lars Eidinger ist kein Sänger. Er hat sich auch als DJ und Produzent einen Namen gemacht, und seiner Interpretation ist Musikalität und Gestaltungswillen nicht abzusprechen. Aber es fehlen die stimmlichen Möglichkeiten; die Singstimme ist flach und gerade. Das stimmliche Charisma eines Frank Sinatra besitzt er schon gar nicht. Larissa Sirah Herden ist ihm sängerisch meilenweit überlegen. Und schauspielerisch fehlt ihm ganz offensichtlich die Herausforderung. Van Hove verzichtet in diesem Musiktheater vollständig auf gesprochene Texte, sondern reiht ohne Unterbrechung Song an Song. Aber man erfährt nichts von der Figur, die Eidinger darstellt, sie bleibt ein Mann ohne Eigenschaften. Abgründe, in die Eidinger - einst Tatort-Bösewicht vom Dienst - vordringen könnte, gibt es nicht. So schaut er mit dem markanten Lars-Eidinger-Blick herum und wirkt reichlich verloren. Wenn die Regie ihm auch noch zwei Tänzer zur Seite stellt, wenn auch ohne echte Ähnlichkeit, aber wohl doch als Doppelgänger gedacht, dann bewegt sich die Produktion gefährlich nah an der unfreiwilligen Parodie.
Auch Larissa Sirah Herden wird immer wieder von zwei Tänzerinnen begleitet. Die Choreographie (Serge Aimé Coulibaly) wirkt aber auch hier reichlich beliebig. Ausladende Armbewegungen und Verrenkungen auf der einen, weite Sprünge auf der anderen Seite haben offenbar vor allem die Funktion, die Bühne zu füllen und ein paar Showelemente beizusteuern, erlangen aber keine substantielle Bedeutung. Herden hat im Vergleich zu Eidinger den dankbareren Part, denn obwohl auch sie nichts über ihre Figur erzählen kann, steht sie doch für die Geschichte der Unterdrückung der Schwarzen und die Bürgerrechtsbewegung.
Das Bühnenbild (Jan Versweyveld) besteht aus einer weißen Hausfassade, wie man sie von nordamerikanischen Kleinstädten kennt. Die gut einsehbare Konstruktion dahinter zeigt an, dass es sich hier nicht um Illusionstheater handelt. Es ist auch im übertragenen Sinn eine Fassade und gleichzeitig Projektionsfläche im eigentlichen wie im symbolischen Sinn. In Videosequenzen sieht man zunächst das entfremdete Paar in verschiedenen Innenräumen, später dann Bilder von Martin Luther King und Straßenkämpfen. Die Inszenierung läuft auf eine in ihrer Drastik schwer erträgliche Fotografie vom 7. August 1930 zu, die einen Mob zeigt, der in der Stadt Marion / Indiana zwei vermeintliche (schwarze) Mörder, die 19-jährigen Thomas Shipp und Abraham Smith, gelyncht hat und unter den Körpern der Erhängten steht. Lewis Allan hat darüber den Song Strange Fruit geschrieben, der in der Interpretation von Billie Holiday bekannt wurde. An deren Bitterkeit kommt Larissa Sirah Herden zwar nicht heran, erschütternd bleibt die Szene dennoch.
Aber die Zuspitzung ergibt sich nicht aus dem Kontext, im Gegenteil. Wenn der Mann einige Nummern vorher My Way gesungen hat, wirkt das im Kontrast wie die sentimentale und selbstmitleidige Rechtfertigung eines Midlife-Crisis-geplagten Sitzengelassenen, und das liegt weniger an der Interpretation von Lars Eidinger als an der holprigen, wenig schlüssigen Dramaturgie des Abends. Der Bogen vom Auseinanderleben eines eigentlich doch ganz netten Paares bis zu rassistischer Gewalt wirkt konstruiert. Wenn das Paar am Ende erneut aufeinandertrifft, gibt es My Way als großes Finale noch einmal. Hier wird der Song, die Strophen abwechselnd von ihm und von ihr gesungen, zur Bekräftigung, fortan eigene, getrennte Wege zu gehen. Henry Hey, der die Musik auch arrangiert hat, leitet die gut aufgelegte Band nicht nur hier souverän und garantiert einen abwechslungsreichen, in vielen jazzigen Farben schillernden Sound.
Ein eher enttäuschender Aufrtakt der Spielzeit 2025: Lars Eidinger ist nicht Frank Sinatra und in diesem Stück eine Fehlbesetzung. Aber angesichts der großen Idee, die Ivo Van Hove hier verfolgt, bedürfte es ohnehin einiges mehr an diskursivem Unterbau, um das Konzept des Abend zu legitimieren. So bleibt I Did It My Way eine inhaltlich wenig schlüssige Aneinanderreihung von guten Songs, immerhin von Larissa Sirah Herden eindrucksvoll interpretiert.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Konzeption und Inszenierung
Choreographie
Bühnenbild und Licht Design
Video Design
Kostümbild
Sound Design
Dramaturgische Beratung BandHenry Hey (Piano 1)Volker Kamp (Bass) Tim Dudek (Schlagzeug) Philip Breidenbach (Gitarre) Christian Frentzen (Piano 2 Keyboard) Luzie Micha (Trompete Flügelhorn 2) Christian Mehler (Trompete Flügelhorn 1) Philipp Hayduk (Posaune 1) Maxine Troglauer (Posaune 2) Marc Doffey (Saxophon Flöte) Solisten (Schauspiel / Gesang)Lars EidingerLarissa Sirah Herden Tänzerinnen und TänzerIda FahoSylvie Sanou Marco Labellarte Samuel Planas Zur Setlist auf der Website der Ruhrtriennale weitere Berichte von der Ruhrtriennale 2024 - 2026 Homepage der Ruhrtriennale Die Ruhrtriennale in unserem Archiv |
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