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Blühende Kultur auf tristem kolonialem Erbevon Stefan Schmöe / Fotos © Valerian Galy
Einmal im Jahr, wenn der Winterregen kommt, blüht im Norden Südafrikas die Wüste auf. Seit 1852 wurde dort in der Gegend um das Dorf Okiep von Europäern und Amerikanern Kupfer abgebaut; die Mine galt zeitweise als die weltweit ergiebigste überhaupt. Heute leben hier laut Wikipedia rund 6000 Menschen, darunter viele Angehörige der indigenen Bevölkerung, die inzwischen Afrikaans spricht, die Sprache der ehemaligen Kolonialmacht. Okiep (in urspünglicher Schreibweise O'okiep) steht damit als Symbol für Kolonialisierung und Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung. Zurückgeblieben in einer dünn besiedelten Gegend mit verfallender Infrastruktur sind vereinzelte Relikte als museale Zeugen von Kolonialzeit und Industriegeschichte. Die größte Sehenswürdigkeit ist allerdings die Frühlingsblüte.
Die südafrikanische Tänzerin und Choreographin Robyn Orlin (*1955) hat sich in verschiedenen Formen multimedialen Tanztheaters mit Gewalt und Unterdrückung in ihrem Heimatland auseinandergesetzt. 2024 entstand für das Festival de Marseille diese etwas mehr als einstündige Choreographie ... how in salts desert is it possible to blossom ..., die bei der Ruhrtriennale im Tanzzentrum PACT in Essen-Zollverein ihre Deutschland-Premiere erlebt. Die fünf Tänzerinnen und Tänzer gehören dem Garage Dance Ensemble an, das 2011 in Okiep gegründet wurde. Dadurch wird die Aufführung nicht nur ein Stück über diese Landschaft, sondern eines, das aus ihr erwächst. In bunten traditionellen Gewändern lassen sich die Darstellerinnen und Darsteller unschwer mit Blumen identifizieren. Das Erblühen der Wüste wird dadurch in ein kulturelles Ereignis umgedeutet. Musik und Tanz sind Ausdruck der Selbstheilungskräfte einer von Kolonialmächten in vieler Hinsicht ausgebeuteten und als Einöde hinterlassenen Gegend, die für einen ganzen Kontinent steht.
Dass in diesem Kontext akademischer Tanz keine Rolle spielt, liegt nahe. Und Pina Bauschs häufig zitiertes Diktum "Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern, was sie bewegt" gilt auch hier - es geht nicht um tänzerische Virtuosität, sondern mehr um Vitalität, Energie und Lebenswillen. Manche von Stampfen oder von bizarren Sprüngen geprägte Elemente rufen Assoziationen an archaische Stammesrituale hervor und deuten damit einen kulturellen Bezugsrahmen an. Die Grundstimmung ist überwiegend von sichtbarer Lebensfreude geprägt. Orlin vermeidet aber eine Verschiebung hin zum folkloristischen Tanz. So gibt es auch Anklänge an nordamerikanische und westeuropäische Kultur. In einer Szene im Zentrum des Stückes liegt eine Tänzerin, die offenbar Gewalt erfahren hat (das wird sehr vage angedeutet), in den Armen einer am Boden sitzenden Frau. Das Bild greift das Motiv der christlichen Pietà auf, das zum universellen Symbol für Trauer ausgedeutet wird.
Die westeuropäische Kultur ist auch in der Musik präsent, für die das Duo uKhoiKhoi verantwortlich ist. Yogin Sullaphen, Komponist und Instrumentalist (Flöte, Akustik-Gitarre, e-Drums, Elektronik) und Vokalkünstlerin Anelisa Stuurman gehören der indigenen Bevölkerung des Landes an (der Name uKhoiKhoi verweist auf den südafrikanischen Stamm). Die in einzelne Nummern unterteilte Musik basiert immer auf einem mehrtaktigen (oft achttaktigen) simplen Grundmodell mit kadenzierender Funktionsharmonik - darüber könnte man auch einen Popsong legen. Dieses Modell wird als Loop beständig wiederholt, wobei immer mehr Klänge als weitere Schichten hinzukommen. Gespielte oder gesungene Elemente werden elektronisch aufgezeichnet und in den weiteren Schleifen zugespielt, sodass die Sängerin eine Mehrstimmigkeit erreicht. Die schlichte, arg gefällige Harmonik, die unsere globalen durch Werbung und Mainstream geprägten Hörgewohnheiten bedient, wirkt in der Endlosschleife allerdings anbiedernd und auch ermüdend. Faszinierend ist hier die Virtuosität von Yogin Sullaphen an den Instrumenten und noch mehr der Einsatz der markanten, fast stählernen, durchdringenden Stimme von Anelisa Stuurman.
Tänzerinnen und Tänzer werden live gefilmt, oft von mehreren Kameras aus verschiedenen Perspektiven gleichzeitig. Die oft mit allerlei Effekten verfremdeten Bilder werden auf die Rückwand der Bühne projiziert. damit entsteht ein bild- und klangmächtiges Gesamtkunstwerk, das in der Fülle der Eindrücke die mitunter ein wenig dünne Substanz überdeckt. Am Ende wird das Publikum zum rhythmischen Mitklatschen und Mitfeiern animiert, was eher pflichtschuldig erfüllt wird.
Die multimediale kulturelle Rückeroberung des von kolonialistischer Ausbeutung verödeten Landes ist ein spannendes Thema, wobei das Konzept selbst den stärkeren Eindruck hinterlässt als die Umsetzung auf der Bühne, bei der vom Tanz selbst eher wenig künstlerische Impulse ausgehen.
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Produktionsteam
Choreographie
Kostüme
Video
Lichtmanagement
Lichtdesign
Technische Leitung Musik-PerformeruKhoiKhoi:Yogin Sullaphen Anelisa Stuurman Tänzer*innenGarage Dance Ensemble:Faroll Coetzee Esmé Marthinus Georgia Julies Byron Klassen Crystal Finck weitere Berichte von der Ruhrtriennale 2024 - 2026 Homepage der Ruhrtriennale Die Ruhrtriennale in unserem Archiv |
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