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Tod ohne Verklärungvon Stefan Schmöe / Fotos © Vitali Akimov, Ruhrtriennale 2025
Ein schier endloser stummer Schrei; ein Frauenkörper, der sich immer stärker verkrümmt - Sharon Eyal hat Bilder des Schmerzes an das Ende ihrer Choreographie Delay the Sadness gestellt. Bilder, die umso stärker wirken, weil das Ensemble im Hintergrund Sprünge mit federnder Leichtigkeit und fließender, runder Bewegung absolviert. Das Leben geht weiter. Für die anderen. Ein Leben, aus dem die Frau, die vorn an der Rampe in den Armen eines Mannes leidet, herausgeglitten ist. Sharon Eyal hat das Werk ihrer verstorbenen Mutter gewidmet, und der Tanz liest sich unter diesem Vorzeichen als ein Ausdruck der Auseinandersetzung mit dem Einbruch des Todes in unser Leben.
Vier Tänzerinnen und vier Tänzer sind auf der Bühne, alle mit hautengen und beige-hautfarbenen Trikots bekleidet, die zunächst unnatürlich wie Alabaster scheinen. Später erkennt man rote Linien darauf wie Adern, was Körperlichkeit, aber auch die Verletzlichkeit der Körper andeutet. Man kann Körper in Auflösung erahnen. Die Kostüme sind unabhängig vom Geschlecht gleich, die zum Knoten gebundenen Haare der Damen verleihen ihnen eine androgyne Strenge. Oft wirken die Tanzenden ein wenig unwirklich wie Statuen. Es finden sich immer wieder vier Paare, klassisch Frau-Mann, zusammen. Eyal und ihr Partner Gai Behar (auf dem Besetzungszettel als Co-Creator aufgeführt) greifen auf die (neo-)klassische Ballettsprache zurück, die oft wie eine Schablone oder ein Grundmuster hinter den Bewegungsabläufen wirkt, die sich dann im Detail davon freimachen. Effektvolle Auftritte aus dem Dunkel und skulpturale Anordnungen des Ensembles schaffen faszinierende Überraschungsmomente. Die Choreographie ist von einer kühlen, oft überaus eleganten Ästhetik bestimmt. Die raffinierte Ausleuchtung der leeren Bühne in langsam wechselnden Farben unterstützt die Wirkung. Delay the Sadness ist ein Stück mit betörend schönen Bildwirkungen.
Komponist Josef Laimon baut die für dieses Werk entwickelte elektronische Musik auf simplen rhythmischen Grundmustern auf (zu Beginn ein langer Walzer mit hämmernden Beats, der eine Ballettmusik von Khyaam Hague verarbeitet), über die er variierende Motive und Motivfragmente legt - mal eine kleine Tonleiter, öfter geräuschhafte Klangfetzen. Techno klingt an. Am Ende spielt er Chormusik von John Tavener zu (Funeral Canticle), die er mit eigenen Klängen überlagert. Das Prinzip der beständigen, allmählichen Veränderung spiegelt sich in der Choreographie. Die anfangs streng in die Vertikale aufgerichteten Tänzerinnen und Tänzer, zwar nicht im Spitzenschuh, doch auf den Fußballen hoch aufgerichtet und mit weit ausgebreiteten Armen fast triumphal in der Bewegung, wandeln sich. Die Knie werden nach und nach eingedreht, die Bewegungen werden kleiner und eckiger. Fast unmerklich vollzieht sich ein Prozess, der sehr abstrakt gehalten ist. Eyal erzählt sehr behutsam eine Geschichte, die man mehr erahnt als erkennt. Es ist eher eine absteigende Linie als eine Handlung.
In einer Szene küssen die Männer ihren Partnerinnen zärtlich die Arme und den Körper. Dann wieder schwingt eine latente männliche Gewalt in der Beziehung der Geschlechter mit. Die konventionelle Rollenverteilung des Balletts wird angedeutet. Das sind Momente, in denen die Choreographie sich auf zwischenmenschlicher Ebene konkretisiert. Dann wieder laufen Bewegungen mit fast maschineller, unmenschlicher Präzision ab. Es ist eine rätselhafte Welt, in die man hier hineingeworfen wird. Schließlich kristallisiert sich allmählich das Schmerzenspaar heraus. Der Frauenkörper scheint fast zu zerbrechen unter der unnatürlichen, nach hinten überdehnten Haltung. Schönheit und Hässlichkeit liegen nahe beieinander: Der Schmerz ist nicht edel, der Tod wird nicht verklärt. In dieser Spannung lässt Eyal das Publikum zurück.
Delay the Sadness ist eine ästhetisch faszinierende, inhaltlich berührende Choreographie geworden.
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Produktionsteam
Choreographie
Co-Kreation
Kostümdesign Tänzer*innenDarren DevaneyJuan Gil Alice Godfrey Johnny McMillan Keren Lurie Pardes Nitzan Ressler Héloïse Jocquevile Gregory Lau weitere Berichte von der Ruhrtriennale 2024 - 2026 Homepage der Ruhrtriennale Die Ruhrtriennale in unserem Archiv |
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