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before and after nature

Text und Musik von David Lang

Aufführungsdauer: ca. 1h

Deutsche Erstaufführung am 17. September 2025 in der Maschinenhalle Zweckel, Gladbeck

Logo: Ruhrtriennale 2024

Was ist die Natur, wenn der Mensch nicht mehr sein wird?

von Stefan Schmöe / Fotos © Christian Palm

Happy Birthday: Im Jahr 1999 wurde das CHORWERK RUHR, wie man sich selbstbewusst in großen Lettern schreibt, von der damaligen Kultur Ruhr GmbH als kulturelles Leuchtturmprojekt im Zeichen des Strukturwandels gegründet. Ein Jahr später fand das erste Konzert statt, sodass der Chor nun sein 25-jähriges Konzertjubiläum feiert. Die Verbindung zur Ruhrtriennale war seit je eng. Spektakulär waren Aufführungen wie Moses und Aron 2009, Das Mädchen mit den Schwefelhölzern (2013), Carré (2016) oder Das große Abend- und Morgenlob (2023). In der Ruhrregion wirkte das Ensemble an Opernproduktionen wie Einstein on the Beach in Dortmund (2017) oder Innocence in Gelsenkirchen (2024) mit. Gründe genug zum Feiern.

Vergrößerung in neuem Fenster Ensemble

Im Jubiläumsjahr hat das Ensemble für die Ruhrtriennale das Projekt before and after nature produziert. Für Musik und Text ist der amerikanische Komponist David Lang (*1957) verantwortlich. Je drei Chorsätze sind symmetrisch um einen Instrumentalsatz in der Mitte des Werkes gruppiert. Die Texte verweigern sich weitgehend einer romantischen Naturbeschreibung, ja sogar der Möglichkeit, Natur überhaupt wahrzunehmen. "All the things that never were they never were", ( "All die Dinge, die es nie gab, gab es nie") heißt es reichlich kryptisch im zweiten Satz. Nur im dritten Satz, der auf Texte des schottisch-amerikanischen Naturforschers John Muir (1838 - 1914) zurückgreift, kommt der von der Natur überwältigte Mensch ins Spiel, der Gott anruft. Das "Forever" des fünften Satzes erinnert an Gustav Mahlers "Ewig, ewig" im Lied von der Erde. Und kann Natur überhaupt ohne den Menschen gedacht werden? "when we are gone the world will end and then …" (wenn wir nicht mehr sind wird die Welt untergehen und dann …") sind die letzten Worte des Textes.

Vergrößerung in neuem Fenster Percussion: David Kossin

Der Chorsatz kreist meist um ein klar erkennbares tonales Zentrum. Lang stellt für jeden Abschnitt einen Satz von kleinen Motiven zusammen, die übereinandergeschichtet werden. Musikalische Entwicklungen gibt es nicht, sondern es bilden sich statische Klangräume. Dissonanzen werden als Klangfarben eingesetzt. Damit schafft Lang eine sachliche, fast distanziert betrachtende Atmosphäre. Die Instrumentalgruppe, das als "Kult-Band" bezeichnete Ensemble Bang on a Can All-Stars, begleitet nicht, sondern ist mindestens genauso wichtig wie der Chor. Der Instrumentalpart ist oft schroff und setzt perkussive Akzente. Dabei scheint die Aussteuerung der elektronischen Verstärkung nicht ganz glücklich zu sein, denn neben dem alles dominierenden Schlagwerk (beeindruckend: David Cassin) bestimmt vor allem der agile Ken Thomson an Klarinette und Bassklarinette, oft mit verblüffenden Sound-Effekten, das Klangbild. Dagegen bleibt das Klavier (Vicky Chow) allzu sehr im Hintergrund.

Vergrößerung in neuem Fenster Florian Helgath

Die Musik, zu Beginn aufgeregt zerklüftet, beruhigt sich gegen Ende, was dem ausgezeichneten CHORWERK RUHR mehr liegt als der unruhige Beginn, bei dem manche leisen Chorpassagen ein wenig verloren gehen und mehr Struktur vertragen könnten. In der ruhigeren zweiten Hälfte kann sich der glasklare und intonationsreine, durch kein Vibrato getrübte und dadurch geradezu ätherische Chorklang ganz ausgezeichnet entfalten und trägt das Werk, das sich mitunter in den immer etwas pauschalen Sphären der "Weltmusik" zwischen den Genres zu verlieren droht. Florian Helgath, Chefdirigent von CHORWERK RUHR, leitet die Ensembles umsichtig und mit großer Souveränität durch die Partitur.

Vergrößerung in neuem Fenster Ensemble

Videokünstler Tal Rosner (* 1978) hat dazu am Computer Bilder kreiert, die auf der Homepage des CHORWERK RUHR als "Visuals" bezeichnet werden. Das wird ihnen besser gerecht als der irreführende Begriff "Videoprojektionen" auf der Seite der Ruhrtriennale, die gleich noch von "nostalgischen Naturbildern" spricht. Die gibt es nun wirklich nicht zu sehen, sondern oft nur computergenerierte fließende Strukturen, die man nicht konkret zuordnen kann. Bäume oder Baumrinden als realistische Abbildungen von Natur bilden seltene Ausnahmen. Zum instrumentalen Zentrum "sunray" ("Sonnenstrahl"), dem vierten Satz, sieht man so etwas wie Eruptionen der Sonne, ganz eindeutig ist auch das nicht, und Spuren, wie sie Teilchen in einer Nebelkammer, einem physikalischen Beobachtungsinstrument, erzeugen. Erhellend sind diese Bildwelten nicht, und auch nicht meditativ. So bleibt before and after nature inhaltlich sehr vage und unbestimmt - was man gedanklich damit anfängt, bleibt sehr weit dem Rezipienten überlassen. Klanglich ist das rund einstündige Werk abwechslungsreich, mitunter ein wenig banal, dann in seinen kristallin anmutenden Strukturen fesselnd und zuletzt in Wohlklängen entspannt ausschwingend fast kontemplativ.


FAZIT

Die Auseinandersetzung der aktuellen Ruhrtriennale und CHORWERK RUHR mit der Natur, bereits im Vorjahr im Projekt Abendzauber nicht unproblematisch, bleibt kompliziert. Textlich gibt David Langs Werk Rätsel auf, musikalisch hat es durchaus seinen Reiz.




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Produktionsteam

Text und Musik
David Lang

Video und Projektionen
Tal Rosner

Musikalische Leitung
Florian Helgath

Video und Lichttechnik
Eli Garmon


CHORWERK RUHR


Bang on a Can All-Stars:

Vicky Chow (Klavier)
David Cossin (Schlagzeug)
Arlen Hlusko (Cello)
Tristan Kasten-Krause (Bass)
Taylor Levine (Gitarre)
Ken Thomson (Klarinette & Bassklarinette)
Andrew Cotton (Toningenieur)


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