Musikalisches Meisterwerk in fragwürdiger Regie
Von Thomas Molke
/ Fotos: © Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival)
Rossinis Zelmira markiert einen Einschnitt im Opernschaffen des Schwans
von Pesaro, da es sich bei diesem Dramma per musica um seine letzte Komposition
für Neapel handelt, die eigentlich schon für die Eröffnung der "Italienischen
Saison" im Wiener Kärntnertortheater gedacht war. Der damalige Impresario aus
Neapel, Domenico Barbaja, hatte die Pacht des Theaters in Wien übernommen und
ließ auch die großen Stars seiner Truppe aus Neapel dorthin kommen. Nach der
Uraufführung im Teatro San Carlo am 16. Februar 1822 heiratete Rossini noch
schnell die Primadonna Isabella Colbran, für die er alle tragischen Hauptrollen
seine Opern in Neapel komponiert hatte. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in
Wien ging es dann nach London, wo die Colbran mit stimmlichen Problemen zu
kämpfen hatte und ihre musikalische Karriere beendete. Als Rossini im gleichen
Jahr in Paris die Leitung des Théâtre Italien übernahm, begann er daher die
Saison nicht wie ursprünglich geplant mit Zelmira, sondern brachte
zunächst La donna del lago und Semiramide mit dem dortigen Star
Giuditta Pasta heraus. Für sie ersetzte er dann das große Rondo der Titelfigur
im zweiten Finale der Zelmira durch eine andere Arie. Nachdem man bei der
letzten Präsentation der Oper in Pesaro 2009 diese neuere Pariser Fassung von
1826 präsentiert hat, kehrt man in diesem Jahr zur ursprünglichen
Neapolitanischen Version zurück.

Zelmira (Anastasia Bartoli) will ihren Vater
Polidoro (Marko Mimica) schützen.
Die Handlung basiert auf der französischen Tragödie Zélmire von Dormont
de Belloy aus dem Jahr 1762 und passt mit der Wiedereinsetzung der königlichen
Familie genau in die politische Zeit Neapels. Hier hatten die österreichischen
Truppen den Aufstand vom Juli 1820 beendet, bei dem die Carbonari dem König
Ferdinand I. eine Verfassung abgenötigt hatten, und den König wieder als
absoluten Monarchen des Königreichs beider Sizilien eingesetzt. In der Oper wird
diese Geschichte in eine graue Vorzeit auf die Insel Lesbos übertragen. Dort
wird Azorre, der König von Mytilene, der die Macht in Lesbos unrechtmäßig an
sich gerissen hat, ermordet aufgefunden. Antenore, der sowohl die Macht in
Mytilene als auch in Lesbos übernehmen möchte, plant gemeinsam mit seinem
Vertrauten Leucippo, Zelmira, die Tochter des ehemaligen Königs Polidoro, des
Mordes an Azorre zu beschuldigen, für den er selbst mit Leucippo verantwortlich
ist. Des Weiteren wirft er ihr vor, den Tod ihres Vaters verschuldet zu haben,
indem sie Azorre sein Versteck preisgab und Azorre diesen Ort niederbrennen
ließ. Allerdings hat sie ihren Vater heimlich in der Gruft der Vorfahren
versteckt, um ihn vor weiteren Anschlägen zu bewahren. Als ihr Gatte Ilo aus
einem Krieg zurückkehrt, gelingt es Antenore und Leucippo nicht nur, ihn glauben
zu lassen, dass Zelmira den Tod ihres Vaters verschuldet haben, sondern ihr auch
noch einen Anschlag auf sein eigenes Leben anzulasten, der ihnen selbst
missglückt. Zelmira wird in den Kerker geworfen. Doch mittlerweile begegnet Ilo
Polidoro, erfährt von ihm die wahren Hintergründe und
beschließt, seine Gattin zu retten. In letzter Minute kann er so verhindern,
dass Polidoro und Zelmira von Antenore und Leucippo getötet werden. Polidoro
wird als rechtmäßiger König über Lesbos wieder eingesetzt.

Bühnenbild von Calixto Bieito und Barbora
Horáková (auf der linken Seite im Bassin: Gianluca Margheri als Leucippo, auf
dem Stuhl links: Lawrence Brownlee als Ilo, in der hinteren Einbuchtung: Marko
Mimica als Polidoro, Mitte hinten mit Edoardo Maria D'Angelo als Sohn: Anastasia
Bartoli als Zelmira, in der rechten hinteren Einbuchtung: Roberto Adriani als
Azorre, vorne liegend: Marina Viotti als Emma, in der Mitte: das Orchester)
Bei einem derart verworrenen Inhalt, bei dem sich ein Großteil
bereits in der Vorgeschichte abspielt, bevor die eigentliche Opernhandlung beginnt,
hofft man, dass die Inszenierung Licht ins Dunkel bringt und Zusammenhänge klar
macht. Diese Absicht scheint das Regie-Team um Calixto Bieito allerdings nicht
zu verfolgen und setzt bei einer absolut diffusen Personenregie auf weitere
Elemente, die von der eigentlichen Handlung ablenken. Da ist zunächst die stumme
Rolle des zu Beginn der Oper ermordeten Azorre zu nennen, der - als Geist? - zu
einer zentralen Figur der Inszenierung wird. Nachdem er zunächst von dem
scheinbar trauernden Leucippo aus einer im Bühnenboden eingelassenen rechteckigen
mit Erde gefüllten Grube gezogen wird und eine Weile regungslos auf dem
Bühnenboden liegt, erwacht er scheinbar mit der Beschuldigung Zelmiras zu neuem
Leben und lenkt mit ständigen Aktionen, denen man sich kaum entziehen kann, von
der eigentlichen Handlung auf der Bühne ab. So sammelt er beispielsweise während
Ilos großer Arie im ersten Akt, die auf der Bühne zuvor verteilten Kriegshelme
wieder ein und stapelt sie in mehreren Türmen in einem bestimmten Bereich der
Bühne. Dann beschäftigt er sich mit Zelmiras und Ilos kleinem Sohn, ebenfalls
eine stumme Rolle im Stück, und lehrt ihn, wie ein Soldat mit Helm über die Bühne
zu schreiten. Im weiteren Verlauf versucht er Zelmiras Vertraute Emma auf seine
Seite zu ziehen, bevor sie ihn in letzter Sekunde zurück in die Grube mit Erde
stößt, aus der er sich dann aber wieder erhebt und nach einem wilden Tanz an
einem Tisch Platz nimmt, den er vorher in diesen Bereich getragen hat, und
genüsslich das Blut aus Innereien in seinen Mund träufeln lässt. Diese ganzen
Aktionen bringen das Verständnis für die eigentliche Handlung nicht weiter.

Ilo (Lawrence Brownlee) kehrt aus dem Krieg zu
Zelmira (Anastasia Bartoli) zurück.
Aber was ist denn die eigentliche Handlung? Diese Frage stellt man
sich in der Inszenierung von Bieito immer wieder, zumal man noch nicht einmal
Übertitel hat, die einem zumindest beim Verständnis des gesungenen Textes
helfen. Hier kann man lediglich mit einer App auf seinem Handy das Libretto
verfolgen, wobei man vom Einlasspersonal ständig überwacht wird, dass auch ja
keine Ton- oder Bildmitschnitte gemacht werden, was einen dann ebenfalls wieder aus
der Konzentration auf das Stück herausreißt. Für den Bühnenraum wird das
Parkett des Saals benutzt, während das Publikum auf den Tribünen rund um das
Geschehen wie bei einem Fußballspiel sitzt. Die Auftritte erfolgen auch
teilweise von oben aus dem Saal, so dass wenn der Chor auf den Treppen
positioniert ist, einige Zuschauerinnen und Zuschauer, die direkt an den Gängen
sitzen, einen teils sehr eingeschränkten Blick auf das Bühnengeschehen haben
dürften. Die Bühne ist zu einem riesigen rechteckigen Feld zusammengesetzt, das aus Quadraten
besteht, die einzeln von unten beleuchtet werden können. Auf diesem Feld
gibt es
mehrere rechteckige und quadratische Einbuchtungen. In der größten ist das
Orchester untergebracht, das zu Beginn der Aufführung auf schmalen Treppen mit
den Instrumenten in diesen Graben hinabsteigen muss. Neben einigen leeren
Einbuchtungen ist eine mit Wasser gefüllt, in der sich zunächst Ilo erfrischt,
als er erschöpft aus dem Krieg zurückkehrt, später Emma aus unerklärlichen
Gründen ein Bad nimmt und am Ende sich Leucippo ertränkt.

Fragwürdige Beziehung zwischen Leucippo (Gianluca
Margheri, links) und Antenore (Enea Scala, rechts)
Die Devise der Inszenierung scheint nun dauernde Bewegung zu
sein. So laufen die Figuren ständig über die riesige Bühne, ohne dabei wirklich
in Interaktion zu treten. Wenn beispielsweise der Anschlag auf Ilo im ersten Akt
verübt wird, sind Zelmira, Leucippo und Ilo so weit voneinander entfernt, dass
es keineswegs glaubwürdig ist, dass Zelmira für diesen Mordversuch zur
Rechenschaft gezogen werden kann. Auch wenn Zelmira am Ende des zweiten Aktes
ihren Vater mit einem Dolch vor Leucippo und Antenore beschützt, nutzt sie nicht
den Dolch auf der Bühne, sondern schlägt Antenore allein mit ihrer erhobenen
Faust in die Flucht. Auch weitere Ideen der Personenregie bleiben völlig unklar.
Wieso haben Leucippo und Antenore eine sexuelle Beziehung, die sich zunächst in
einem leidenschaftlichen Kuss äußert und die beiden später eng umschlungen
kuschelnd auf
dem eingenommenen Thron zeigt? Welchen tieferen Sinn hat es, dass
der Sänger des Leucippo seinen durchaus gut gebauten Oberkörper entblößen muss,
auf dem der abgefangene Brief Zelmiras zu lesen ist? Wäre hier ein Frauenkörper
derart zur Schau gestellt worden, hätte man sicherlich von Sexismus gesprochen.
Warum muss der Chor im ersten Akt Säulen in unterschiedlicher Größe auf die
Bühne tragen und verteilen, um sie dann in der nächsten Szene wieder abzuräumen?
Derart fragwürdige Regieeinfälle ließen sich noch weiter fortsetzen.
Unklar bleiben auch die Kostüme. So tritt Zelmira mal in einem
ausladenden schwarzen Rock auf, der sie wie eine Herrscherin erscheinen lässt,
um darunter eine Art schwarzen Kampfanzug zu tragen, in dem sie wie eine
Amazone wirkt. Polidoro ist im Gesicht und in seinem Kostüm weiß
meliert eingefärbt, so dass er selbst wie eine Statue in der Gruft erscheint, in
der er von seiner Tochter versteckt ist. Ilos Vertrauter Eacide tritt mit
riesigen weißen Engelsflügeln auf, die ebenfalls keinen Sinn ergeben. Das größte
Mitleid hat man vielleicht mit Shi Zong als Gran Sacerdote, der unter seinem kurzen
wehenden Mantel nur eine weiße Windel tragen darf. Es ist also zu hinterfragen,
ob man derart mit einem Stück umgehen sollte, das so unbekannt ist, dass man
sich nicht mit einer Neudeutung von etwaigen klassischen Inszenierungen abheben
muss.
Musikalisch hat die Oper nämlich einiges zu bieten, so dass es das
Werk durchaus verdienen würde, ins allgemeine Opernrepertoire aufgenommen zu
werden und nicht nur bei Festspielen zu erleben zu sein. Natürlich benötigt man
eine herausragende Sopranistin und zwei große Tenöre, mit denen man in Pesaro in
dieser Produktion durchaus aufwarten kann. Da ist zunächst Anastasia Bartoli in
der Titelpartie zu nennen. Mit strahlenden Höhen und flexiblen Koloraturen
gleicht sie stimmlich das aus, was ihr die Personenregie verweigert. Das wird
sowohl im großen Terzett im ersten Akt deutlich, in dem ihre Vertraute Emma
erfährt, dass der totgeglaubte Polidoro noch lebt, als auch in den folgenden
Duetten mit ihrem aus dem Krieg zurückgekehrten Gatten Ilo und ihrer Vertrauten
Emma. In der Schlussarie dreht Bartoli mit perlenden Koloraturen und gewaltigen
Sprüngen noch einmal richtig auf, auch wenn es schade ist, dass die
Personenregie ihr das glückliche Ende ein wenig verweigert. Die herzige Umarmung
ihres Sohns am Ende darf sie nämlich nicht erwidern, sondern muss wie erstarrt
stehen bleiben.
Auch die beiden Tenorpartien sind großartig besetzt. Lawrence
Brownlee kehrt nach seinem riesigen Erfolg als Don Ramiro in La Cenerentola
2010 nach Pesaro zurück und kann erneut mit sauber angesetzten Spitzentönen
in seiner großen Arie im ersten Akt das Publikum zu Begeisterungsstürmen
hinreißen. Mit Bartoli findet er im Duett zumindest stimmlich zu einer
bewegenden Innigkeit, auch wenn dies in der Personenregie nicht zum Ausdruck
kommt. Enea Scala legt die Partie des Bösewichts Antenore mit bewusst scharfem
Tenor an, der den Charakter der Figur unterstreicht. Schon in der kurzen
Kavatine in der Introduzione glänzt er mit sauber angesetzten Spitzentönen, die
im Ohr bleiben. Gianluca Margheri verfügt als sein Verbündeter Leucippo über
einen kraftvoll virilen Bariton, der offen lässt, wer von den beiden denn
eigentlich der größere Bösewicht ist. Marko Mimica hält als Polidoro mit dunklen
und wesentlich weicher geführten Tiefen dagegen.

Marina Viotti als Emma
Zu einem weiteren Publikumsliebling avanciert Marina Viotti als
Emma in ihrer großen Arie im zweiten Akt, die Rossini für die Aufführung in Wien
für die Sängerin Fanny Eckerlin eingefügt hatte und in der Emma ihre Freude
darüber äußert, dass Zelmiras Sohn in Sicherheit gebracht worden ist. Die Arie
geht in ihrem Anspruch weit über eine "Sorbetto-Arie" für die Seconda Donna
hinaus, und Viotti macht hier mit flexiblem Mezzosopran und großen dramatischen
Ausbrüchen nachvollziehbar, wieso sich diese Nummer auch damals so großer
Beliebtheit erfreut haben dürfte. Paolo Nevi und Shi Zong runden das Ensemble in
den kleineren Partien des Eacide und des Gran Sacerdote überzeugend ab. Der von
Pasquale Veleno einstudierte Coro del Ventidio Basso begeistert in den
zahlreichen Chorpassagen mit fulminantem Klang, und auch Giacomo Sagripanti
erweist sich erneut am Pult des Orchesters del Teatro Communale di Bologna als
wahrer Meister des Belcanto, der die Strahlkraft der Musik und die Finessen der
Partitur bis ins kleinste Detail aufspürt und somit ein musikalisches Feuerwerk
entfacht, das beim Publikum mit einhelligem Jubel belohnt wird. Dass einige
Plätze im Auditorium Scavolini bei der zweiten Aufführung frei geblieben sind,
ist wohl eher der szenischen als der musikalischen Seite anzulasten. Vielleicht
hat man sich für den Kartenverkauf für ein so selten gespieltes Werk keinen
Gefallen getan, Bieito nach Pesaro zu holen.
FAZIT
Was hätte das Werk mit einem derart hervorragenden Ensemble für Potenzial, wenn
auch die Regie mit der großartigen Musik Hand in Hand ginge.
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