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Rossini Opera Festival

Pesaro
10.08.2025 - 22.08.2025


Zelmira

Dramma per musica in zwei Akten
Libretto von Andrea Leone Tottola
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit optionalen Übertiteln in der Festival-App

Aufführungsdauer: ca. 3 h 25' (eine Pause)

Premiere im Auditorium Scavolini in Pesaro am 10. August 2025
(rezensierte zweite Aufführung: 13. August 2025)


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Rossini Opera Festival

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Musikalisches Meisterwerk in fragwürdiger Regie

Von Thomas Molke / Fotos: © Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival)

Rossinis Zelmira markiert einen Einschnitt im Opernschaffen des Schwans von Pesaro, da es sich bei diesem Dramma per musica um seine letzte Komposition für Neapel handelt, die eigentlich schon für die Eröffnung der "Italienischen Saison" im Wiener Kärntnertortheater gedacht war. Der damalige Impresario aus Neapel, Domenico Barbaja, hatte die Pacht des Theaters in Wien übernommen und ließ auch die großen Stars seiner Truppe aus Neapel dorthin kommen. Nach der Uraufführung im Teatro San Carlo am 16. Februar 1822 heiratete Rossini noch schnell die Primadonna Isabella Colbran, für die er alle tragischen Hauptrollen seine Opern in Neapel komponiert hatte. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Wien ging es dann nach London, wo die Colbran mit stimmlichen Problemen zu kämpfen hatte und ihre musikalische Karriere beendete. Als Rossini im gleichen Jahr in Paris die Leitung des Théâtre Italien übernahm, begann er daher die Saison nicht wie ursprünglich geplant mit Zelmira, sondern brachte zunächst La donna del lago und Semiramide mit dem dortigen Star Giuditta Pasta heraus. Für sie ersetzte er dann das große Rondo der Titelfigur im zweiten Finale der Zelmira durch eine andere Arie. Nachdem man bei der letzten Präsentation der Oper in Pesaro 2009 diese neuere Pariser Fassung von 1826 präsentiert hat, kehrt man in diesem Jahr zur ursprünglichen Neapolitanischen Version zurück.

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Zelmira (Anastasia Bartoli) will ihren Vater Polidoro (Marko Mimica) schützen.

Die Handlung basiert auf der französischen Tragödie Zélmire von Dormont de Belloy aus dem Jahr 1762 und passt mit der Wiedereinsetzung der königlichen Familie genau in die politische Zeit Neapels. Hier hatten die österreichischen Truppen den Aufstand vom Juli 1820 beendet, bei dem die Carbonari dem König Ferdinand I. eine Verfassung abgenötigt hatten, und den König wieder als absoluten Monarchen des Königreichs beider Sizilien eingesetzt. In der Oper wird diese Geschichte in eine graue Vorzeit auf die Insel Lesbos übertragen. Dort wird Azorre, der König von Mytilene, der die Macht in Lesbos unrechtmäßig an sich gerissen hat, ermordet aufgefunden. Antenore, der sowohl die Macht in Mytilene als auch in Lesbos übernehmen möchte, plant gemeinsam mit seinem Vertrauten Leucippo, Zelmira, die Tochter des ehemaligen Königs Polidoro, des Mordes an Azorre zu beschuldigen, für den er selbst mit Leucippo verantwortlich ist. Des Weiteren wirft er ihr vor, den Tod ihres Vaters verschuldet zu haben, indem sie Azorre sein Versteck preisgab und Azorre diesen Ort niederbrennen ließ. Allerdings hat sie ihren Vater heimlich in der Gruft der Vorfahren versteckt, um ihn vor weiteren Anschlägen zu bewahren. Als ihr Gatte Ilo aus einem Krieg zurückkehrt, gelingt es Antenore und Leucippo nicht nur, ihn glauben zu lassen, dass Zelmira den Tod ihres Vaters verschuldet haben, sondern ihr auch noch einen Anschlag auf sein eigenes Leben anzulasten, der ihnen selbst missglückt. Zelmira wird in den Kerker geworfen. Doch mittlerweile begegnet Ilo Polidoro, erfährt von ihm die wahren Hintergründe und beschließt, seine Gattin zu retten. In letzter Minute kann er so verhindern, dass Polidoro und Zelmira von Antenore und Leucippo getötet werden. Polidoro wird als rechtmäßiger König über Lesbos wieder eingesetzt.

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Bühnenbild von Calixto Bieito und Barbora Horáková (auf der linken Seite im Bassin: Gianluca Margheri als Leucippo, auf dem Stuhl links: Lawrence Brownlee als Ilo, in der hinteren Einbuchtung: Marko Mimica als Polidoro, Mitte hinten mit Edoardo Maria D'Angelo als Sohn: Anastasia Bartoli als Zelmira, in der rechten hinteren Einbuchtung: Roberto Adriani als Azorre, vorne liegend: Marina Viotti als Emma, in der Mitte: das Orchester)

Bei einem derart verworrenen Inhalt, bei dem sich ein Großteil bereits in der Vorgeschichte abspielt, bevor die eigentliche Opernhandlung beginnt, hofft man, dass die Inszenierung Licht ins Dunkel bringt und Zusammenhänge klar macht. Diese Absicht scheint das Regie-Team um Calixto Bieito allerdings nicht zu verfolgen und setzt bei einer absolut diffusen Personenregie auf weitere Elemente, die von der eigentlichen Handlung ablenken. Da ist zunächst die stumme Rolle des zu Beginn der Oper ermordeten Azorre zu nennen, der - als Geist? - zu einer zentralen Figur der Inszenierung wird. Nachdem er zunächst von dem scheinbar trauernden Leucippo aus einer im Bühnenboden eingelassenen rechteckigen mit Erde gefüllten Grube gezogen wird und eine Weile regungslos auf dem Bühnenboden liegt, erwacht er scheinbar mit der Beschuldigung Zelmiras zu neuem Leben und lenkt mit ständigen Aktionen, denen man sich kaum entziehen kann, von der eigentlichen Handlung auf der Bühne ab. So sammelt er beispielsweise während Ilos großer Arie im ersten Akt, die auf der Bühne zuvor verteilten Kriegshelme wieder ein und stapelt sie in mehreren Türmen in einem bestimmten Bereich der Bühne. Dann beschäftigt er sich mit Zelmiras und Ilos kleinem Sohn, ebenfalls eine stumme Rolle im Stück, und lehrt ihn, wie ein Soldat mit Helm über die Bühne zu schreiten. Im weiteren Verlauf versucht er Zelmiras Vertraute Emma auf seine Seite zu ziehen, bevor sie ihn in letzter Sekunde zurück in die Grube mit Erde stößt, aus der er sich dann aber wieder erhebt und nach einem wilden Tanz an einem Tisch Platz nimmt, den er vorher in diesen Bereich getragen hat, und genüsslich das Blut aus Innereien in seinen Mund träufeln lässt. Diese ganzen Aktionen bringen das Verständnis für die eigentliche Handlung nicht weiter.

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Ilo (Lawrence Brownlee) kehrt aus dem Krieg zu Zelmira (Anastasia Bartoli) zurück.

Aber was ist denn die eigentliche Handlung? Diese Frage stellt man sich in der Inszenierung von Bieito immer wieder, zumal man noch nicht einmal Übertitel hat, die einem zumindest beim Verständnis des gesungenen Textes helfen. Hier kann man lediglich mit einer App auf seinem Handy das Libretto verfolgen, wobei man vom Einlasspersonal ständig überwacht wird, dass auch ja keine Ton- oder Bildmitschnitte gemacht werden, was einen dann ebenfalls wieder aus der Konzentration auf das Stück herausreißt. Für den Bühnenraum wird das Parkett des Saals benutzt, während das Publikum auf den Tribünen rund um das Geschehen wie bei einem Fußballspiel sitzt. Die Auftritte erfolgen auch teilweise von oben aus dem Saal, so dass wenn der Chor auf den Treppen positioniert ist, einige Zuschauerinnen und Zuschauer, die direkt an den Gängen sitzen, einen teils sehr eingeschränkten Blick auf das Bühnengeschehen haben dürften. Die Bühne ist zu einem riesigen rechteckigen Feld zusammengesetzt, das aus Quadraten besteht, die einzeln von unten beleuchtet werden können.  Auf diesem Feld gibt es mehrere rechteckige und quadratische Einbuchtungen. In der größten ist das Orchester untergebracht, das zu Beginn der Aufführung auf schmalen Treppen mit den Instrumenten in diesen Graben hinabsteigen muss. Neben einigen leeren Einbuchtungen ist eine mit Wasser gefüllt, in der sich zunächst Ilo erfrischt, als er erschöpft aus dem Krieg zurückkehrt, später Emma aus unerklärlichen Gründen ein Bad nimmt und am Ende sich Leucippo ertränkt.

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Fragwürdige Beziehung zwischen Leucippo (Gianluca Margheri, links) und Antenore (Enea Scala, rechts)

Die Devise der Inszenierung scheint nun dauernde Bewegung zu sein. So laufen die Figuren ständig über die riesige Bühne, ohne dabei wirklich in Interaktion zu treten. Wenn beispielsweise der Anschlag auf Ilo im ersten Akt verübt wird, sind Zelmira, Leucippo und Ilo so weit voneinander entfernt, dass es keineswegs glaubwürdig ist, dass Zelmira für diesen Mordversuch zur Rechenschaft gezogen werden kann. Auch wenn Zelmira am Ende des zweiten Aktes ihren Vater mit einem Dolch vor Leucippo und Antenore beschützt, nutzt sie nicht den Dolch auf der Bühne, sondern schlägt Antenore allein mit ihrer erhobenen Faust in die Flucht. Auch weitere Ideen der Personenregie bleiben völlig unklar. Wieso haben Leucippo und Antenore eine sexuelle Beziehung, die sich zunächst in einem leidenschaftlichen Kuss äußert und die beiden später eng umschlungen kuschelnd auf dem eingenommenen Thron zeigt? Welchen tieferen Sinn hat es, dass der Sänger des Leucippo seinen durchaus gut gebauten Oberkörper entblößen muss, auf dem der abgefangene Brief Zelmiras zu lesen ist? Wäre hier ein Frauenkörper derart zur Schau gestellt worden, hätte man sicherlich von Sexismus gesprochen. Warum muss der Chor im ersten Akt Säulen in unterschiedlicher Größe auf die Bühne tragen und verteilen, um sie dann in der nächsten Szene wieder abzuräumen? Derart fragwürdige Regieeinfälle ließen sich noch weiter fortsetzen.

Unklar bleiben auch die Kostüme. So tritt Zelmira mal in einem ausladenden schwarzen Rock auf, der sie wie eine Herrscherin erscheinen lässt, um darunter eine Art schwarzen Kampfanzug zu tragen, in dem sie wie eine Amazone wirkt. Polidoro ist im Gesicht und in seinem Kostüm weiß meliert eingefärbt, so dass er selbst wie eine Statue in der Gruft erscheint, in der er von seiner Tochter versteckt ist. Ilos Vertrauter Eacide tritt mit riesigen weißen Engelsflügeln auf, die ebenfalls keinen Sinn ergeben. Das größte Mitleid hat man vielleicht mit Shi Zong als Gran Sacerdote, der unter seinem kurzen wehenden Mantel nur eine weiße Windel tragen darf. Es ist also zu hinterfragen, ob man derart mit einem Stück umgehen sollte, das so unbekannt ist, dass man sich nicht mit einer Neudeutung von etwaigen klassischen Inszenierungen abheben muss.

Musikalisch hat die Oper nämlich einiges zu bieten, so dass es das Werk durchaus verdienen würde, ins allgemeine Opernrepertoire aufgenommen zu werden und nicht nur bei Festspielen zu erleben zu sein. Natürlich benötigt man eine herausragende Sopranistin und zwei große Tenöre, mit denen man in Pesaro in dieser Produktion durchaus aufwarten kann. Da ist zunächst Anastasia Bartoli in der Titelpartie zu nennen. Mit strahlenden Höhen und flexiblen Koloraturen gleicht sie stimmlich das aus, was ihr die Personenregie verweigert. Das wird sowohl im großen Terzett im ersten Akt deutlich, in dem ihre Vertraute Emma erfährt, dass der totgeglaubte Polidoro noch lebt, als auch in den folgenden Duetten mit ihrem aus dem Krieg zurückgekehrten Gatten Ilo und ihrer Vertrauten Emma. In der Schlussarie dreht Bartoli mit perlenden Koloraturen und gewaltigen Sprüngen noch einmal richtig auf, auch wenn es schade ist, dass die Personenregie ihr das glückliche Ende ein wenig verweigert. Die herzige Umarmung ihres Sohns am Ende darf sie nämlich nicht erwidern, sondern muss wie erstarrt stehen bleiben.

Auch die beiden Tenorpartien sind großartig besetzt. Lawrence Brownlee kehrt nach seinem riesigen Erfolg als Don Ramiro in La Cenerentola 2010 nach Pesaro zurück und kann erneut mit sauber angesetzten Spitzentönen in seiner großen Arie im ersten Akt das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Mit Bartoli findet er im Duett zumindest stimmlich zu einer bewegenden Innigkeit, auch wenn dies in der Personenregie nicht zum Ausdruck kommt. Enea Scala legt die Partie des Bösewichts Antenore mit bewusst scharfem Tenor an, der den Charakter der Figur unterstreicht. Schon in der kurzen Kavatine in der Introduzione glänzt er mit sauber angesetzten Spitzentönen, die im Ohr bleiben. Gianluca Margheri verfügt als sein Verbündeter Leucippo über einen kraftvoll virilen Bariton, der offen lässt, wer von den beiden denn eigentlich der größere Bösewicht ist. Marko Mimica hält als Polidoro mit dunklen und wesentlich weicher geführten Tiefen dagegen.

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Marina Viotti als Emma

Zu einem weiteren Publikumsliebling avanciert Marina Viotti als Emma in ihrer großen Arie im zweiten Akt, die Rossini für die Aufführung in Wien für die Sängerin Fanny Eckerlin eingefügt hatte und in der Emma ihre Freude darüber äußert, dass Zelmiras Sohn in Sicherheit gebracht worden ist. Die Arie geht in ihrem Anspruch weit über eine "Sorbetto-Arie" für die Seconda Donna hinaus, und Viotti macht hier mit flexiblem Mezzosopran und großen dramatischen Ausbrüchen nachvollziehbar, wieso sich diese Nummer auch damals so großer Beliebtheit erfreut haben dürfte. Paolo Nevi und Shi Zong runden das Ensemble in den kleineren Partien des Eacide und des Gran Sacerdote überzeugend ab. Der von Pasquale Veleno einstudierte Coro del Ventidio Basso begeistert in den zahlreichen Chorpassagen mit fulminantem Klang, und auch Giacomo Sagripanti erweist sich erneut am Pult des Orchesters del Teatro Communale di Bologna als wahrer Meister des Belcanto, der die Strahlkraft der Musik und die Finessen der Partitur bis ins kleinste Detail aufspürt und somit ein musikalisches Feuerwerk entfacht, das beim Publikum mit einhelligem Jubel belohnt wird. Dass einige Plätze im Auditorium Scavolini bei der zweiten Aufführung frei geblieben sind, ist wohl eher der szenischen als der musikalischen Seite anzulasten. Vielleicht hat man sich für den Kartenverkauf für ein so selten gespieltes Werk keinen Gefallen getan, Bieito nach Pesaro zu holen.

FAZIT

Was hätte das Werk mit einem derart hervorragenden Ensemble für Potenzial, wenn auch die Regie mit der großartigen Musik Hand in Hand ginge.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Giacomo Sagripanti

Regie und Bühnenbild
Calixto Bieito

Bühnenbild
Barbora Horáková

Kostüme
Ingo Krügler

Licht
Michael Bauer

Chorleitung
Pasquale Veleno



Coro del Teatro Ventidio Basso

Orchestra del
Teatro Comunale di Bologna

 

Solistinnen und Solisten

Polidoro
Marko Mimica

Zelmira
Anastasia Bartoli

Ilo
Lawrence Brownlee

Antenore
Enea Scala

Emma
Marina Viotti

Leucippo
Gianluca Margheri

Eacide
Paolo Nevi

Gran Sacerdote
Shi Zong

Azorre (als stumme Rolle)
Roberto Adriani

Zelmiras und Ilos Sohn
Edoardo Maria D'Angelo

 


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