Merkwürdige Kombination zweier unterschiedlicher Werke
Von Thomas Molke
/ Fotos: © Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival)
Im ersten Jahr der Corona-Pandemie 2020 wurden nahezu alle
Festspiele abgesagt. Wenn trotz allem gespielt wurde - beispielsweise bei der
Neuburger Kammeroper oder dem Mini-Festival Rossini in Wildbad im
September auf der Hängebrücke -, konnten diese Veranstaltungen nur sehr
eingeschränkt mit Publikumsbeteiligung stattfinden, falls sie nicht lediglich
als Online-Stream gezeigt wurden wie beispielsweise in Wexford. Das
Rossini Opera Festival hat in dem Jahr eine Neuproduktion von Rossinis
erster Farsa La cambiale di matrimonio in einer Inszenierung von Laurence
Dale herausgebracht, die fünf Jahre später nun als Wiederaufnahme im Teatro
Rossini unter "normalen" Umständen präsentiert werden kann. Weil das Werk
allerdings für eine komplette Abendveranstaltung ein wenig kurz erscheint,
kombiniert man den Einakter mit Rossinis Soirées musicales, die erst
entstanden, als Rossini seine aktive Karriere als Opernkomponist bereits beendet
hatte. Dabei versucht man nicht, einen Zusammenhang zwischen den beiden Teilen
zu kreieren, was wahrscheinlich auch schwierig bis unmöglich gewesen wäre.
Die 12 Lieder der Soirées musicales entstanden
wahrscheinlich zwischen 1830 und 1835 und wurden 1835 auf Anraten des Pariser
Verlegers Troupenas als Sammlung für vier Stimmen und Pianoforte gleich in
mehreren Städten herausgegeben. Diese acht Sologesänge und vier Duette hatte
Rossini als Salonmusik für die verschiedensten Anlässe in Paris geschaffen, um
die gehobene Gesellschaft häufig mit eigener Klavierbegleitung zu unterhalten.
Die vertonten Texte stammen von Pietro Metastasio und Carlo Pepoli, und stellen
eine lose Sammlung ohne inneren Zusammenhang dar. Fabio Maestri hat die
Klavierbegleitung auf ein Kammermusikorchester erweitert. In dieser Fassung
werden die Lieder nun als erster Teil des Opernabends von der Sopranistin
Vittoriana De Amicis, dem Tenor Paolo Nevi, der Mezzosopranistin Andrea Niño und
dem Bariton Gurgen Baveyan vor einem riesigen Theaterprospekt an der Bühnenrampe
wie in einem regulären Konzert präsentiert. Begleitet werden sie dabei vom
Orchester Filarmonica Gioachino Rossini unter der Leitung von Christopher
Franklin.
Die acht Solo-Gesänge teilen De Amicis und Nevi untereinander auf,
während die ersten beiden Duette von De Amicis und Niño, das dritte Duett von De Amicis und Nevi und
das letzte Duett von den beiden Männern Nevi und Baveyan interpretiert werden.
De Amicis punktet bei dem ersten Lied "La promessa" mit klaren Höhen und
entfacht bei dem fünften Lied, dem Bolero "L'invito", stimmlich flammende
Leidenschaft. Im sechsten Lied "La pastorella delle Alpi" spürt man in der
Melodieführung die pittoreske Natur der Alpen, während sie die relativ bekannte
achte Nummer, die Tarantella "La danza", mit großem Tempo absolut feurig
präsentiert. Nevi präsentiert die Lieder Nr. 2, 3 und 4, "Il rimprovero", "La
partenza" und "L'orgia" mit leicht fließendem Tenor und weich geführten Höhen.
Besonders lautmalerisch gelingt ihm gemeinsam mit dem Orchester das siebte Lied,
"La gita in gondola", bei dem man die Wellenbewegungen des Bootes regelrecht
nachfühlen kann. Sehr unterschiedlich gestaltet sind die beiden Duette für
Sopran und Mezzosopran. Bei "La regata veneziana" sieht man De Amicis und Niño
darstellerisch regelrecht an, wie sie aufgeregt die Regatta ihrer Liebsten
verfolgen. Im zweiten Duett "La pesca" finden die beiden Frauenstimmen zu einer
betörenden Einheit zusammen. Es folgt eine Art Liebeslied, "La serenata", bei
dem De Amicis' Sopran und Nevis Tenor wunderbar miteinander harmonieren. Von
einem ganz anderen Kaliber ist die letzte Nummer "Li marinari", bei der sich
Nevi und Baveyan als zwei Matrosen einem heftigen Sturm auf See ausgesetzt sehen,
der im wilden Klang des Orchesters tobt. Es verwundert nicht, dass Richard
Wagner sich besonders für diese Nummer erwärmen konnte und vielleicht auch ein
wenig Inspiration für seinen Holländer daraus gezogen haben könnte.
Leider werden die Lieder nicht übertitelt, so dass man, wenn man
des Italienischen nicht mächtig ist, den Text ohne das Programmheft nicht
verfolgen kann. Warum hier nicht wie im zweiten Teil des Abends die Gesangstexte
eingeblendet werden, bleibt fraglich. So hat bei aller Schönheit der Musik der
erste Teil des Abends mit seinen rund 50 Minuten einige Längen, die einige
Zuschauerinnen und Zuschauer zum Ärger anderer Besucherinnen und Besucher
verleiten, das Mobiltelefon zu zücken, was auf Bitten des Theaters eigentlich in
der Vorstellung auszustellen ist.
Nach der Pause geht es dann mit Rossinis erster Farsa La
cambiale di matrimonio weiter, die am 3. November 1810 im Teatro San Moisè
in Venedig zur Uraufführung gelangte und den Beginn seiner großen Karriere
einleitete. Dass der junge Komponist hier bereits im zarten Alter von 18 Jahren
seine Karriere starten konnte, war mehreren Zufällen zu verdanken. Das
Sängerehepaar Giovanni und Rosa Morandi, das zur Herbstspielzeit 1810
nach Venedig gegangen war, war mit Rossinis Eltern gut befreundet und hatte
bereits in Bologna das Talent des jungen Rossini kennengelernt. Zu dieser Zeit
konnte er nämlich an zahlreichen kleinen Theatern in der Provinz seine
außerordentliche Begabung als Maestro di Cembalo und Komponist unter Beweis
stellen. Als dann für die Herbstsaison 1810 in Venedig ein Komponist für ein
Auftragswerk ausfiel, benötigte der Impresario Antonio Cera dringend einen
möglichst günstigen Ersatz. Da kam ihm Rosa Morandis Vorschlag, den jungen
Rossini in Venedig debütieren zu lassen, gerade recht, zumal Cera so die Gage
relativ niedrig halten konnte. So kam es gewissermaßen durch einen
"Komponistenwechsel" ("cambiale di compositore") zur gefeierten Uraufführung des
"Heiratswechsels" ("cambiale di matrimonio"), die Cera veranlasste, Rossini
sofort für die kommende Spielzeit erneut zu verpflichten.

Tobia Mill (Pietro Spagnoli, links) will seine
Tochter Fannì (Paolo Leoci) mit dem Kanadier Slook verheiraten. Sie liebt
allerdings Edoardo (Jack Swanson, rechts), den Norton (Ramiro Maturana, Mitte)
als neuen Buchhalter einführt.
Mit "Wechsel" ist in der Oper allerdings ein Schuldschein gemeint,
den der kanadische Kaufmann Slook seinem englischen Kollegen Tobia Mill
ausgestellt hat. Slook will nun nach England kommen, um diesen Wechsel
persönlich einzulösen. Seine Idee ist es, in Kanada ein "Eheunternehmen" zu
gründen. Dafür benötigt er eine Ehefrau. Mill will ihm seine Tochter Fannì
anbieten. Diese ist allerdings bereits in den mittellosen Edoardo verliebt und
will natürlich keinesfalls mit Slook nach Kanada gehen. Gemeinsam mit dem
Buchhalter Norton und der Zofe Clarina überlegen Edoardo und Fannì, wie sie
diese Hochzeit verhindern können. Fannì zeigt sich Slook gegenüber zunächst sehr
kämpferisch und droht, ihm die Augen auszukratzen, wenn er nicht auf die
Einlösung des Wechsels verzichten wolle. Auch Edoardo, den Norton als seinen
Buchhalter-Kollegen ausgegeben hat, fordert Slook auf, ohne Fannì nach Kanada
zurückzukehren. Slook zeigt sich über die Sitten der Europäer sehr verwirrt. Da
warnt ihn Norton, dass Fannì vielleicht mit einer "Hypothek" belegt sein könne.
Als Slook diese Anspielung versteht, ist er bereit, auf Fannì zu verzichten. Das
will aber wiederum Mill nicht akzeptieren und fordert Slook zum Duell heraus.
Edoardo und Fannì bieten dem verzweifelten Slook ihre Hilfe an, so dass Slook
kurzerhand den Wechsel auf Edoardo überschreibt und ihn als seinen Erben
einsetzt. Als Edoardo bei Mill nun die Einlösung des "Heiratswechsels" verlangt,
fühlt dieser sich verraten und will nicht vom bevorstehenden Duell ablassen.
Doch als er erfährt, dass Edoardo ein Ehrenmann ist, der nicht nur einen reichen
Onkel hat, sondern auch Slook beerben wird, lenkt er ein und ist bereit, seine
Tochter Fannì Edoardo zur Ehefrau zu geben.

Ankunft Slook (Mattia Olivieri, Mitte) mit Bär
(Statist) (links: Tobia (Pietro Spagnoli), Mitte hinten: Norton (Ramiro Maturana),
auf der rechten Seite: Edoardo (Jack Swanson) und FannĚ (Paola Leoci))
Mit Tobia Mill und Slook weist diese Farsa eigentlich zwei
komische Buffo-Partien auf, die auf ihre Weise ähnlich skurril sind. Das
Regie-Team um Laurence Dale scheint allerdings mehr auf die Gegensätzlichkeit
der beiden Figuren zu setzen und beraubt auf diese Weise Slook seiner
Buffo-Komik. So ist er im Kostüm von Gary McCann wie ein rauer Cowboy aus dem
Wilden Westen gekleidet, der sich wohl weder von Fannìs Drohungen, ihm die
Augen auskratzen zu wollen, noch von einem bevorstehenden Duell mit Mill
einschüchtern lassen würde. Da nützt es auch nichts, dass er einen wilden
Braunbär aus Kanada mitgebracht hat, der zunächst die feine englische
Gesellschaft erschreckt, sich dann aber als Bäcker der Hochzeitstorte und Koch
im Hause Mills als äußerst domestiziert zeigt. Wenn auch das Kostüm optisch sehr
unterhaltend ist, bringt es die eigentliche Komik des Stückes nicht weiter.
Genauso albern ist es, dass sich Mill und Slook am Ende mit zwei Tabakpfeifen
duellieren.

Duell mit Tabakpfeifen: von links: Tobia (Pietro
Spagnoli), Clarina (Inés Lorans), Norton (Ramiro Maturana), Slook (Mattia
Olivieri) und Fannì (Paolo Leoci)
Während McCann beim Bühnenbild auf eine wunderbare englische
Hausfront in mehreren Etagen setzt, die als Vorhang für das
dahinter in mehreren Ebenen befindliche schicke Interieur des Hauses des
englischen Kaufmanns dient, und die Kostüme des Personals und des Liebespaars
Edoardo und Fannì absolut passend und klassisch gehalten sind, passt Mill mit
seinem weiß geschminkten Gesicht und seinem beinahe orientalisch anmutenden
Turban kaum in dieses Ambiente und wirkt hier wie ein
merkwürdiger Fremdkörper, was ebenfalls nicht zur Komik des eigentlichen Stückes
beiträgt. So werden bei aller Opulenz zahlreiche Möglichkeiten verschenkt, dem
Werk als Farsa wirklich nahe zu kommen. Stattdessen wird auf eine alberne und
recht platte Komik gesetzt.
Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf gutem Niveau. Pietro
Spagnoli legt die Partie des Kaufmanns Tobia Mill mit kraftvollem Buffo-Bariton
und komödiantischem Spiel an. Mattia Olivieri hält als Slook mit virilem Bariton
dagegen, wäre optisch in seiner Erscheinung aber fast die bessere Partie für
Fannì, so dass man sich in der Inszenierung wundert, wieso Fannì sich gegen ihn
entscheiden sollte. Paola Leoci punktet als gewitzte Tochter Fannì mit
strahlenden Höhen und leuchtendem Sopran. Ein Höhepunkt ist ihre große Arie kurz
vor Ende der Oper. Jack Swanson gestaltet die Partie des mittellosen Edoardo,
der in seinem Kostüm gar nicht so arm aussieht, mit hellem Tenor und sauber
ausgesungenen Höhen. Ramiro Maturana und Inés Lorans runden das Dienerpaar
Norton und Clarina überzeugend ab, auch wenn sie im Parlando-Teil der
Introduzione noch leichte Abstimmungsprobleme in den Tempi mit dem Orchester
haben. Christopher Franklin führt auch im zweiten Teil des Abends die
Filarmonica Gioachino Rossini mit leichter Hand durch die beschwingte Partitur,
so dass es am Ende großen Beifall für alle Beteiligten gibt.
FAZIT
Die Aufführung wirft im Grunde zwei Fragen auf: Warum werden zwei
unterschiedliche Werke wie die Soirées musicales und La cambiale di
matrimonio überhaupt kombiniert, und wieso vertraut das Regie-Team nicht auf
die in der Farsa enthaltene Komik und bläht das Stück mit einem Braunbär unnötig
auf?
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Christopher Franklin Filarmonica Gioachino Rossini Soirées
musicales
Solistinnen und Solisten
Vittoriana De Amicis, Sopran Andrea Niño, Mezzosopran Paolo Nevi,
Tenor Gurgen Baveyan, Bariton La cambiale di matrimonio Regie
Laurence Dale Bühnenbild und Kostüme
Gary McCann Licht Ralph Kopp Statisterie
Solistinnen und Solisten
Tobia Mill
Pietro Spagnoli
Fannì
Paola Leoci
Edoardo Milfort
Jack Swanson
Slook
Mattia Olivieri
Norton
Ramiro Maturana
Clarina
Inés Lorans
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