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Isabella und die Drag QueensVon Thomas Molke / Fotos: © Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival)
Ankunft von Isabella (Daniela Barcellona, Mitte)
mit ihren Girls und Taddeo (Misha Kiria, hinten rechts) vor dem Teatro Rossini
Mustafà (Giorgi Manoshvili) ist von Isabella
(Daniela Barcellona) fasziniert.
Denn was zeichnet eine starke Frau wie Isabella, die sich schon damals jenseits
der gängigen Konventionen bewegte, in der heutigen Zeit aus? Nach Cucchi ist es
der Einsatz für Menschen, die in ihrem Lebensstil für eine breitere Akzeptanz in
der Gesellschaft kämpfen müssen. Dass es ihr dabei gelingt, eine reaktionäre
Welt wie die des Mustafà auf den Kopf zu stellen, mag zwar eine Illusion sein,
wird von Cucchi in einer ausgeklügelten Personenregie allerdings äußerst
glaubhaft präsentiert. Denn dieser Mustafà ist zwar auf seine Art ein Macho,
aber langweilt sich mit seiner Frau Elvira, die als zunächst absolut graue Maus
von Mutterfreuden träumt, und den stets zum Liebesdienst willigen Haremsdamen,
die sich ihm bei jeder Gelegenheit anbieten. Er sucht die Herausforderung, die
ihm diese Isabella in jeder Hinsicht bietet. Daniela Barcellona scheint als
Interpretin der Titelpartie für diese Lesart prädestiniert zu sein. Durch ihr
dunkel gefärbtes Timbre hat sie in den vergangenen Jahren nicht nur beim
Festival in Pesaro häufig in Hosenrollen geglänzt und gibt nun die
selbstbewusste Isabella in Lack und Leder mit ausladender Perücke als
Pfundsfrau, die Mustafà so noch nicht begegnet ist und daher für ihn eine
Eroberung wert ist.
Taddeo (Misha Kiria, unten Mitte) wird von
Mustafà (Giorgi Manoshvili, unten rechts) und Haly (Gurgen Baveyan, unten
rechts) zum Kaimakan ernannt.
Tiziano Santi hat einen Bühnenraum in zwei Ebenen geschaffen, der durch eine
Wendeltreppe verbunden ist. In der oberen Ebene befindet sich zunächst das
Schlafzimmer Mustafàs, sein Büro und ein Ankleideraum, was im ersten Akt recht
bieder und konservativ angelegt und nach der Pause von Isabella in der
Ausstattung völlig auf den Kopf gestellt worden ist. Die untere Ebene besteht
aus einem riesigen flexibel gehaltenen Raum, in den bisweilen eine Küche auf der
linken Seite hereingeschoben wird, in der Lindoro als Sklave das Essen
zubereitet oder im zweiten Teil Drinks für das Treffen zwischen Isabella und
Mustafà mixt. Während im unteren Bereich zunächst leicht orientalische Farben
dominieren, hat Isabella im zweiten Teil alles in grelles Pink mit diversen
Fitness-Geräten umgewandelt. Im Hintergrund erhält man durch eine gläserne Front
einen pittoresken Blick auf einen Strand mit sanft fließenden Meereswogen. Wenn im Finale des ersten Aktes alles auf den
Kopf gestellt wird, spielt auch die Videoprojektion von Nicolás Boni verrückt
und lässt die Figuren in der Projektion gewissermaßen auf einem Vulkan tanzen.
Dass die Ouvertüre bei Cucchi mitinszeniert wird, ist eine logische Konsequenz
aus dem Vorspiel vor dem Theater. Während nämlich zunächst noch Ruhe im Serail
bzw. Langeweile im Schlafzimmer des Mustafà herrscht, wird im Hintergrund die
Szene vor dem Theater wieder aufgegriffen. Die Diener des Mustafà sehen den
gestrandeten Bus und den Kampf der Gendarmerie mit den Drag Queens und Isabella.
So findet Haly die Italienerin für den Bey auch nicht gestrandet am Meer,
sondern bereits im Gefängnis, wo sie wie ihre Girls hinter Gitter gebracht
werden soll. Dafür wird aus dem Schnürboden eine Gefängniswand mit zwei
Zellentüren im Vordergrund der Bühne herabgelassen. Nachdem die Drag Queens für
die Gefangenen-Fotos posiert haben, werden sie in dahinter liegenden Zellen
verhört, während Isabella mit Plüschhandschellen an die Gefängnistür gefesselt
auf einer Bank mit großartiger Komik versucht, eine bequeme Sitzposition zu
finden und dabei eine gute Figur zu machen. Das alles wird mit einer absolut
ausgefeilten Personenregie von Cucchi in Szene gesetzt und von den
Darstellerinnen und Darstellern mit großer Spielfreude umgesetzt. Keine Aktion
auf der Bühne wirkt hier ablenkend, wie tags zuvor in Zelmira im
Auditorium Scavolini, sondern ist genau auf den Fortgang der Handlung
konzentriert.
Mustafà (Giorgi Manoshvili, vorne liegend) findet
schließlich Gefallen an seiner Gattin Elvira (Vittoriana De Amicis, auf ihm
sitzend), während Isabella (Daniela Barcellona, im Hintergrund) mit Taddeo
(Misha Kiria, im Hintergrund), Lindoro (Josh Lovell, auf dem Bus) und ihren
Girls abreist.
Wichtig ist es Cucchi auch, die Figur des Mustafà keineswegs als dumm zu
zeichnen. Von daher glaubt er Lindoro und Taddeo nicht einfach, dass es eine
Ehre sei,
zum "Pappataci" ernannt zu werden. Stattdessen mixt ihm Lindoro etwas in den
Drink, was Mustafàs folgendes Verhalten gewissermaßen unter Drogeneinfluss zeigt. Auch für die Zeremonie hat sich Cucchi
einen besonderen Gag einfallen lassen. Im berühmten "Pappataci"-Terzett fragt
man sich ja vielleicht, wieso das Wort von Mustafà in großer Bedeutsamkeit mit
extrem lauten Tönen zelebriert wird. Cucchi lässt ihm dabei mit einem
Wachsstreifen von einer Drag Queen die Brusthaare entfernen, so dass "Pappataci" nahezu wie ein
schmerzhafter Aufschrei erklingt. Elvira vollzieht durch Isabella ebenfalls
einen Wandel und entwickelt sich nach anfänglichen Schwierigkeiten von der
grauen Maus zu einer aufreizenden Lack- und Leder-Lady, die ihrem Mustafà dann
am Ende das bieten kann, was er vor dem Auftauchen der Italienerin wohl
schmerzlich vermisst hat. Am Ende ist dann der Regenbogenbus wieder
fahrtauglich, und so kann Isabella mit ihren Drag Queens weiterreisen. Dabei
nimmt sie auch noch einen Großteil der Belegschaft des Mustafà mit, die
ebenfalls ihre Begeisterung für ein unkonventionelleres Leben entdeckt hat.
Finale 1. Akt: von links: Haly (Gurgen Baveyan),
Isabella (Daniela Barcellona), Mustafà (Giorgi Manoshvili), Lindoro (Josh Lovell),
Elvira (Vittoriana De Amicis), Taddeo (Misha Kiria) und Zulma (Andrea Niño)
Die Produktion unterhält nicht nur szenisch auf bestem Niveau, sondern lässt
auch musikalisch keine Wünsche offen. Barcellona begeistert mit großer
Flexibilität in den Läufen und einer warmen Mittellage, die in ihren beiden großen
Arien fließend zu dramatischen Höhen ausbricht. Giorgi Manoshvili punktet als
Mustafà durch überbordende Komik und kraftvollen Bass. An den roten
Lackstiefeln, in die er am Ende der Oper gesteckt wird, scheint er ebenfalls
großes Vergnügen zu haben. Josh Lovell verfügt als Lindoro über einen hellen
Tenor, der in den Höhen große Strahlkraft besitzt. Vittoriana De Amicis stattet
die Partie der ungeliebten Gattin Elvira mit feinem Sopran aus, der einen
deutlichen Kontrast zur Bodenständigkeit Isabellas darstellt. Misha Kiria
gestaltet den Taddeo mit profundem Bariton und herrlich komischem Spiel. Andrea
Niño und Gurgen Baveyan
FAZIT
Rosetta Cucchi gelingt es, die Geschichte um die Italienerin in Algier mit
aktuellen Bezügen in die Gegenwart zu verlegen und mit einem absolut
spielfreudigen Ensemble den Charme der Vorlage dabei zu erhalten.
Weitere Rezensionen zu dem
Rossini Opera Festival 2025 |
ProduktionsteamMusikalische LeitungDmitry Korchak Regie Bühnenbild Kostüme Video-Design Licht Chorleitung
Orchestra del Solistinnen und Solisten
Mustafà
Elvira
Zulma
Haly
Lindoro
Isabella
Taddeo Drag Queens Statistinnen und Statisten
|
- Fine -