Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum



Rossini Opera Festival

Pesaro
10.08.2025 - 22.08.2025


L'italiana in Algeri

Dramma giocoso per musica in zwei Akten
Libretto von Angelo Anelli
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit italienischen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h (eine Pause)

Premiere im Teatro Rossini in Pesaro am 12. August 2025
(rezensierte Aufführung: 14. August 2025)


Homepage

 

Rossini Opera Festival

Homepage

 

Isabella und die Drag Queens

Von Thomas Molke / Fotos: © Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival)

Bild zum Vergrößern

Ankunft von Isabella (Daniela Barcellona, Mitte) mit ihren Girls und Taddeo (Misha Kiria, hinten rechts) vor dem Teatro Rossini

Sie hat es wieder getan. Nachdem Rosetta Cucchi bereits 2018 ihre Inszenierung von Rossinis Farsa Adina beim Rossini Opera Festival in Pesaro vor dem Theater mit einem großen Hochzeitszug begonnen hat, der ins Theater eingezog, lässt sie dieses Mal Rossinis Italienerin Isabella mit einem regenbogenfarbenen Bus vor dem Theater stranden. Auf dem Bus steht in großen Lettern "Lady Isabella & her Girls on tour". Ihre "Girls" sind vier Drag Queens, die vor dem Theater für einen gewaltigen Aufruhr sorgen, so dass aus dem inneren des Hauses die Gendarmerie herbeieilt und die Damen kurzerhand verhaftet. Anschließend wird Lady Isabella ebenfalls ins Theater geführt. Was auf den ersten Blick wie ein unnötiger Gag wirken mag und Teile des Publikums eventuell verstört, entpuppt sich im weiteren Verlauf als konsequente und äußerst unterhaltsame Neudeutung der Oper, die angeblich auf der wahren Geschichte um die Mailänderin Antonietta Frappoli basiert, die 1808 Berühmtheit erlangte, als es ihr aus nicht geklärten Gründen gelang, aus der Gefangenschaft im Harem des Bey von Algier über Venedig in ihre Heimat zurückzukehren.

Bild zum Vergrößern

Mustafà (Giorgi Manoshvili) ist von Isabella (Daniela Barcellona) fasziniert.

Denn was zeichnet eine starke Frau wie Isabella, die sich schon damals jenseits der gängigen Konventionen bewegte, in der heutigen Zeit aus? Nach Cucchi ist es der Einsatz für Menschen, die in ihrem Lebensstil für eine breitere Akzeptanz in der Gesellschaft kämpfen müssen. Dass es ihr dabei gelingt, eine reaktionäre Welt wie die des Mustafà auf den Kopf zu stellen, mag zwar eine Illusion sein, wird von Cucchi in einer ausgeklügelten Personenregie allerdings äußerst glaubhaft präsentiert. Denn dieser Mustafà ist zwar auf seine Art ein Macho, aber langweilt sich mit seiner Frau Elvira, die als zunächst absolut graue Maus von Mutterfreuden träumt, und den stets zum Liebesdienst willigen Haremsdamen, die sich ihm bei jeder Gelegenheit anbieten. Er sucht die Herausforderung, die ihm diese Isabella in jeder Hinsicht bietet. Daniela Barcellona scheint als Interpretin der Titelpartie für diese Lesart prädestiniert zu sein. Durch ihr dunkel gefärbtes Timbre hat sie in den vergangenen Jahren nicht nur beim Festival in Pesaro häufig in Hosenrollen geglänzt und gibt nun die selbstbewusste Isabella in Lack und Leder mit ausladender Perücke als Pfundsfrau, die Mustafà so noch nicht begegnet ist und daher für ihn eine Eroberung wert ist.

Bild zum Vergrößern

Taddeo (Misha Kiria, unten Mitte) wird von Mustafà (Giorgi Manoshvili, unten rechts) und Haly (Gurgen Baveyan, unten rechts) zum Kaimakan ernannt.

Tiziano Santi hat einen Bühnenraum in zwei Ebenen geschaffen, der durch eine Wendeltreppe verbunden ist. In der oberen Ebene befindet sich zunächst das Schlafzimmer Mustafàs, sein Büro und ein Ankleideraum, was im ersten Akt recht bieder und konservativ angelegt und nach der Pause von Isabella in der Ausstattung völlig auf den Kopf gestellt worden ist. Die untere Ebene besteht aus einem riesigen flexibel gehaltenen Raum, in den bisweilen eine Küche auf der linken Seite hereingeschoben wird, in der Lindoro als Sklave das Essen zubereitet oder im zweiten Teil Drinks für das Treffen zwischen Isabella und Mustafà mixt. Während im unteren Bereich zunächst leicht orientalische Farben dominieren, hat Isabella im zweiten Teil alles in grelles Pink mit diversen Fitness-Geräten umgewandelt. Im Hintergrund erhält man durch eine gläserne Front einen pittoresken Blick auf einen Strand mit sanft fließenden Meereswogen. Wenn im Finale des ersten Aktes alles auf den Kopf gestellt wird, spielt auch die Videoprojektion von Nicolás Boni verrückt und lässt die Figuren in der Projektion gewissermaßen auf einem Vulkan tanzen.

Dass die Ouvertüre bei Cucchi mitinszeniert wird, ist eine logische Konsequenz aus dem Vorspiel vor dem Theater. Während nämlich zunächst noch Ruhe im Serail bzw. Langeweile im Schlafzimmer des Mustafà herrscht, wird im Hintergrund die Szene vor dem Theater wieder aufgegriffen. Die Diener des Mustafà sehen den gestrandeten Bus und den Kampf der Gendarmerie mit den Drag Queens und Isabella. So findet Haly die Italienerin für den Bey auch nicht gestrandet am Meer, sondern bereits im Gefängnis, wo sie wie ihre Girls hinter Gitter gebracht werden soll. Dafür wird aus dem Schnürboden eine Gefängniswand mit zwei Zellentüren im Vordergrund der Bühne herabgelassen. Nachdem die Drag Queens für die Gefangenen-Fotos posiert haben, werden sie in dahinter liegenden Zellen verhört, während Isabella mit Plüschhandschellen an die Gefängnistür gefesselt auf einer Bank mit großartiger Komik versucht, eine bequeme Sitzposition zu finden und dabei eine gute Figur zu machen. Das alles wird mit einer absolut ausgefeilten Personenregie von Cucchi in Szene gesetzt und von den Darstellerinnen und Darstellern mit großer Spielfreude umgesetzt. Keine Aktion auf der Bühne wirkt hier ablenkend, wie tags zuvor in Zelmira im Auditorium Scavolini, sondern ist genau auf den Fortgang der Handlung konzentriert.

Bild zum Vergrößern

Mustafà (Giorgi Manoshvili, vorne liegend) findet schließlich Gefallen an seiner Gattin Elvira (Vittoriana De Amicis, auf ihm sitzend), während Isabella (Daniela Barcellona, im Hintergrund) mit Taddeo (Misha Kiria, im Hintergrund), Lindoro (Josh Lovell, auf dem Bus) und ihren Girls abreist.

Wichtig ist es Cucchi auch, die Figur des Mustafà keineswegs als dumm zu zeichnen. Von daher glaubt er Lindoro und Taddeo nicht einfach, dass es eine Ehre sei, zum "Pappataci" ernannt zu werden. Stattdessen mixt ihm Lindoro etwas in den Drink, was Mustafàs folgendes Verhalten gewissermaßen unter Drogeneinfluss zeigt. Auch für die Zeremonie hat sich Cucchi einen besonderen Gag einfallen lassen. Im berühmten "Pappataci"-Terzett fragt man sich ja vielleicht, wieso das Wort von Mustafà in großer Bedeutsamkeit mit extrem lauten Tönen zelebriert wird. Cucchi lässt ihm dabei mit einem Wachsstreifen von einer Drag Queen die Brusthaare entfernen, so dass "Pappataci" nahezu wie ein schmerzhafter Aufschrei erklingt. Elvira vollzieht durch Isabella ebenfalls einen Wandel und entwickelt sich nach anfänglichen Schwierigkeiten von der grauen Maus zu einer aufreizenden Lack- und Leder-Lady, die ihrem Mustafà dann am Ende das bieten kann, was er vor dem Auftauchen der Italienerin wohl schmerzlich vermisst hat. Am Ende ist dann der Regenbogenbus wieder fahrtauglich, und so kann Isabella mit ihren Drag Queens weiterreisen. Dabei nimmt sie auch noch einen Großteil der Belegschaft des Mustafà mit, die ebenfalls ihre Begeisterung für ein unkonventionelleres Leben entdeckt hat.

Bild zum Vergrößern

Finale 1. Akt: von links: Haly (Gurgen Baveyan), Isabella (Daniela Barcellona), Mustafà (Giorgi Manoshvili), Lindoro (Josh Lovell), Elvira (Vittoriana De Amicis), Taddeo (Misha Kiria) und Zulma (Andrea Niño)

Die Produktion unterhält nicht nur szenisch auf bestem Niveau, sondern lässt auch musikalisch keine Wünsche offen. Barcellona begeistert mit großer Flexibilität in den Läufen und einer warmen Mittellage, die in ihren beiden großen Arien fließend zu dramatischen Höhen ausbricht. Giorgi Manoshvili punktet als Mustafà durch überbordende Komik und kraftvollen Bass. An den roten Lackstiefeln, in die er am Ende der Oper gesteckt wird, scheint er ebenfalls großes Vergnügen zu haben. Josh Lovell verfügt als Lindoro über einen hellen Tenor, der in den Höhen große Strahlkraft besitzt. Vittoriana De Amicis stattet die Partie der ungeliebten Gattin Elvira mit feinem Sopran aus, der einen deutlichen Kontrast zur Bodenständigkeit Isabellas darstellt. Misha Kiria gestaltet den Taddeo mit profundem Bariton und herrlich komischem Spiel. Andrea Niño und Gurgen Baveyan runden als Zulma und Haly das Ensemble überzeugend ab. Der Herrenchor des Teatro Ventidio Basso unter der Leitung von Pasquale Veleno überzeugt nicht nur stimmlich durch kraftvoll homogenen Klang, sondern scheint auch an der Verkleidung große Freude zu haben. Dmitry Korchak führt das Orchester des Teatro Comunale di Bologna mit sicherer Hand durch die schmissige Partitur und arbeitet die zahlreichen Höhepunkte ebenso wie die großartigen Finale im ersten und zweiten Akt punktgenau heraus, so dass es am Ende großen und verdienten Jubel für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Rosetta Cucchi gelingt es, die Geschichte um die Italienerin in Algier mit aktuellen Bezügen in die Gegenwart zu verlegen und mit einem absolut spielfreudigen Ensemble den Charme der Vorlage dabei zu erhalten.

Weitere Rezensionen zu dem Rossini Opera Festival 2025



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Dmitry Korchak

Regie
Rosetta Cucchi

Bühnenbild
Tiziano Santi

Kostüme
Claudia Pernigotti

Video-Design
Nicolás Boni

Licht
Daniele Naldi

Chorleitung
Pasquale Veleno



Coro del Teatro Ventidio Basso

Orchestra del
Teatro Comunale di Bologna


Solistinnen und Solisten

Mustafà
Giorgi Manoshvili

Elvira
Vittoriana De Amicis

Zulma
Andrea Niño

Haly
Gurgen Baveyan

Lindoro
Josh Lovell

Isabella
Daniela Barcellona

Taddeo
Misha Kiria

Drag Queens
Calypso Fox
Elecktra Bionic
Ivana Vamp
Maruska Starr

Statistinnen und Statisten
Sara Barbieri
Sara Catellani
Nicola Marrapodi
Giulia Mostacchi
Luca Nava
Davide Riminucci

 


Zur Homepage vom
Rossini Opera Festival




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum

© 2025 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -