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Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
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Reise nach NirgendwoVon Thomas Molke / Fotos: © Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival)
Seit 2001 steht Rossinis letzte italienischsprachige Oper Il
viaggio a Reims jedes Jahr beim Rossini Opera Festival an zwei
Vormittagen in einer Inszenierung von Emilio Sagi auf dem Programm, die beim alljährlichen Festival Giovane mit jungen
Sängerinnen und Sängern der Accademia Rossiniana neu erarbeitet wird,
in diesem Jahr unter der Leitung von Matteo Anselmi. Diese Cantata
scenica, die Rossini als neuer künstlerischer Leiter des Théâtre Italien in
Paris anlässlich der Krönung des französischen Königs Karl X. 1825 zur
Uraufführung brachte, bietet jungen Künstlerinnen und Künstlern, die noch am Anfang ihrer Karriere
stehen, aufgrund der zahlreichen Rollen mit relativ gleichberechtigtem
sängerischem Anspruch die Möglichkeit, einerseits Erfahrungen zu sammeln, die
ihre jungen Stimmen nicht schädigen dürften, andererseits sich für künftige Engagements zu empfehlen. Bei
dieser langjährigen Tradition der Nachwuchsförderung sind hier in Pesaro in den
vergangenen Jahren einige Künstlerinnen und Künstler entdeckt worden, die mittlerweile auch in den
großen Opernproduktionen auf der Bühne stehen. So hat beispielsweise
der Tenor Enea Scala, der hier 2009 als Conte di Libenskof debütierte, seitdem
zahlreiche große Partien in Pesaro gesungen und kehrt in diesem Jahr als
Antenore in Zelmira zurück. Gleiches gilt für den Bass Marko Mimica, der
nach seinem Debüt als Lord Sidney 2014 in diesem Jahr in Zelmira
als Polidoro und in einem Belcanto-Konzert zu erleben ist. Auch die Partie der
Contessa di Folleville eignet sich häufig als Visitenkarte für zukünftige
Engagements. In diesem Jahr kehren gleich zwei Interpretinnen dieser Partie nach
Pesaro zurück, Vittoriana De Amicis (aus dem Jahr 2023) als Elvira in
L'italiana in Algeri und Paola Leoci (aus dem Jahr 2019) als Fanně in La
cambiale di matrimonio. In der Partie des Mustafà in L'italiana in Algeri
ist mit Giorgi Manoshvili ebenfalls ein Sänger zu erleben, der hier 2021 als
Lord Sidney gestartet ist. Wer also eine Gelegenheit sucht, die ersten musikalischen Schritte
der Stars von morgen mitzuerleben, sollte sich bei einem Besuch in Pesaro die
beiden Vormittagsveranstaltungen nicht entgehen lassen, zumal die Partien in der
Regel doppelt besetzt sind.
Die Inszenierung der Oper über eine illustre Reisegruppe, die im Kurhotel "Goldene Lilie" in Plombières abgestiegen ist, um von dort aus zu den Krönungsfeierlichkeiten Karls
X. nach Reims zu reisen, dort aber nie ankommt, da aufgrund der großen Nachfrage
kein Transportmittel zur Verfügung steht, deshalb im Hotel bleibt und dort
ihr eigenes Fest veranstaltet, bleibt dabei in jedem Jahr gleich und wird nur
mit neuen Interpretinnen und Interpreten umgesetzt. Emilio Sagi siedelt die Szene auf einem Schiff
an, das, wie der blaue Hintergrund andeutet, nirgendwo ankommt. Während das
Personal des Kurhotels in der weißen Kleidung mit den Namensschildern eher an
Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger erinnert und die Gäste einheitlich in weißen Bademänteln und
Handtüchern auftreten, wechseln alle Figuren, wenn klar ist, dass die Reise nach
Reims nicht stattfinden kann und folglich im Hotel gefeiert werden soll, die
Kleidung und legen schwarze Abendgarderobe an, in der sie nach der Pause mit
einer großen weißen Girlande über dem Schiff ihre eigene Party feiern.
Am
Ende der Aufführung tritt zum feierlichen Schlussgesang Corinnas König Karl X. als
Kind mit Krone höchstpersönlich auf und schreitet mit mehreren Luftballons als Szepter
Hände schüttelnd durch den Zuschauerraum. Wenn er die Bühne erreicht,
wird er von der feiernden Gesellschaft allerdings gar nicht wahrgenommen. So
lässt er sich schließlich an der Bühnenrampe nieder und beißt genüsslich in sein
Butterbrot und trinkt seinen Softdrink, während die anderen ihn mit Champagner
feiern.
Die Contessa di Folleville (Arina Verevkina, mit
Hut in der Mitte) ist glücklich, dass zumindest ihr Hut das Kutschenunglück
unbeschadet überstanden hat (von links: Anna-Helena MacLachlan als Maddalena,
Huigang Liu als Don Prudenzio, Nicola Farnesi als Antonio, Laura Khamzatova als
Modestina, Matteo Torcaso als Barone di Trombonok und Hiroko Kono als Don
Luigino)
Das junge Ensemble, dem bei der Gestaltung der Bühnenfiguren im Rahmen des
Regiekonzeptes großer Freiraum gelassen wird, besteht in diesem Jahr aus 17
Sängerinnen und Sängern, die auch die Chorpartien übernehmen. Anna-Helena
MacLachlan überzeugt als Maddalena darstellerisch mit großer Autorität,
wenn sie mit strengem Regiment das übrige Personal in der Einleitung "Presto,
presto" auffordert, das Schiffsdeck für die Gäste herzurichten.
Vittoria Brugnolo
gestaltet die Madama Cortese mit klaren Höhen und verfügt in den
Parlando-Stellen und den Koloraturen über einen sehr beweglichen Sopran. Immer wieder schön anzusehen ist, wie das Personal mit
Seifenblasen zu "Di vagghi raggi adorno" eine verträumt kitschige
Atmosphäre schafft, während die Hausherrin dafür Sorge tragen will, dass an
diesem wunderschönen Tag alles zur Zufriedenheit der Gäste abläuft. Arina
Verevkina punktet im Anschluss als Contessa di Folleville mit sauber angesetzten
Koloraturen in ihrer großen Arie "Partir, oh ciel! desio", in der sie ihrer Verzweiflung über den Verlust ihrer wertvollen Kleider
durch ein Kutschenunglück freien Lauf lässt. Dabei legt sie die Rolle
wunderbar überzeichnet an und wird von den Angestellten herrlich karikiert. Mit großem Spielwitz
und profunden Tiefen überzeugt Matteo Torcaso als Barone di Trombonok, der sich über
Huigang Lius mangelnde
medizinische Kenntnisse als Don Prudenzio lustig macht.
Marchesa Melibea (Valeria Gorbunova) zwischen dem
Conte di Libenskof (Krzysztof Lachman, rechts) und Don Alvaro (Maurizio Bove,
links)
Einen großartigen Auftritt hat im Anschluss Valeria Gorbunova als Marchesa
Melibea mit Krzysztof Lachman und Maurizio Bove, die als russischer Conte di
Libenskof bzw. heißblütiger Spanier Don Alvaro um die Gunst der schönen Polin
buhlen. Gorbunova setzt auf große Komik, wenn sie immer heimlich nach ihrem
versteckten Flachmann greift, und legt die Partie der Marchesa
mit dunkel gefärbtem, sehr beweglichem Mezzosopran und kraftvollen Tiefen an.
Durch ihren ständigen Flirt mit Bove als Don Alvaro bringt sie ihren Geliebten
Libenskof bewusst zur Weißglut. Lachman verfügt als Libenskof über einen hellen
Tenor, der in den Spitzentönen noch ein wenig zu stark forciert.
Darstellerisch nimmt man ihm den eifersüchtigen Russen in jedem Moment ab. Bove
provoziert den Rivalen bewusst mit virilem Bariton und machohaftem Spiel, das
auf die Marchesa eine faszinierende Anziehungskraft zu haben scheint. Da haben
Torcaso und Jacob Harrison als Don Profondo gemeinsam mit Brugnolo als Madama
Cortese schon einiges zu tun, um die beiden Streithähne an einem Kampf zu
hindern. Das große Sextett avanciert zu einem weiteren musikalischen Höhepunkt
der Aufführung, bis dann die friedvolle Kavatine "Arpa gentil che fida" der
Corinna etwas Ruhe in die aufgeheizte Situation bringt. Greta Doveri legt die
Partie der Corinna aus der der Bühne gegenüber liegenden Loge im ersten Rang zum
Klang der Harfe mit weichem Sopran und klaren Höhen an. Bei derart zarten und
sanften Tönen verwundert es nicht, dass der englische Lord Sidney sich
unsterblich in Corinna verliebt hat. Agshin Khuda Verdiyev bringt als Lord
Sidney mit voluminösem Bass und herrlich samtigen Tiefen in seiner großen Arie "Invan
strappar dal core" seine unerfüllte Liebe zum Ausdruck. Flankiert wird er dabei
von Rosalba Ducato, Anna-Helena MacLachlan, Laura Khamzatova und Vittoria
Brugnolo, die als Chor mit roten ausgeschnittenen Papierherzen und einem Porträt
Corinnas auf einem weiteren großen weißen Herzen im Takt der Musik die Szene
karikieren.
Cavalier Belfiore (Aldo Sartori) umwirbt Corinna
(Greta Doveri)
Es folgt das große Duett zwischen Doveri und Aldo Sartori als Cavalier Belfiore,
der zwar eigentlich mit der Contessa liiert ist, aber trotzdem heftig mit Corinna
flirtet. Sartori setzt den selbsverliebten Cavalier mit
machohaftem Gehabe und wunderbarem Spielwitz in Szene und präsentiert sich dabei
auch bewegungstechnisch in Höchstform. Sein Tenor versprüht in den Höhen einen
wunderbaren Schmelz, der hervorragend zu seinem Balzgehabe passt. Für die gute
Corinna ist das alles ein bisschen zu viel. Sie fühlt sich eher zu dem stets in
sich gekehrten und melancholischen Lord Sidney hingezogen und lässt den
aufdringlichen Cavalier abblitzen. Im Anschluss gestaltet Harrison die große Arie
Don Profondos "Io! Medaglie incomparabili", in der er die Wertgegenstände für
die Reise auflistet und dabei die einzelnen Gäste entsprechend ihrer nationalen
Eigenheiten karikiert. Harrison verfügt über einen beweglichen Buffo-Bass, der
dem hohen Tempo des Parlando-Tons gut gewachsen ist. Auch darstellerisch gelingt
es ihm, mit großem Spielwitz und Wiedererkennungswert die einzelnen Gäste zu
parodieren. Im folgenden großen Finale zu 14 Stimmen, in dem die Gäste nach
ihrem anfänglichen Schock darüber, dass die Reise nicht stattfinden kann, beschließen, im Hotel zu bleiben und am nächsten Tag zur Contessa nach Paris
aufzubrechen, begeistert das komplette Ensemble mit wuchtigem, homogenem Klang.
Auf einen Koloraturen-Schlagabtausch zwischen Corinna und der Contessa, der sich
eigentlich dabei wunderbar anbietet, wird allerdings verzichtet.
Nach der Pause folgt dann noch das große Versöhnungs-Duett zwischen Melibea und
Libenskof, in dem sich nach anfänglichen heftigen Streitereien die beiden
schließlich gegenseitig ihre Liebe gestehen, auch wenn
man Zweifel daran hegen darf, dass diese Harmonie von langer Dauer sein wird.
Denn schon bei den anschließenden Feierlichkeiten flirtet Melibea erneut heftig mit Don
Alvaro, so dass die Gäste Handgreiflichkeiten zwischen Libenskof und dem
Spanier verhindern müssen. Interessant ist für deutsche Ohren immer wieder, dass
Rossini im Rahmen der traditionellen Melodien, die die einzelnen Gäste bei der
Feier am Ende des Stückes auf ihre Heimat anstimmen, mit der Verwendung der
Kaiserhymne, die Haydn Ende des 18. Jahrhundert komponierte, bereits die
Melodie der deutschen Nationalhymne vorweggenommen hat. Torcaso gestaltet als
Trombonok diese kurze "Hymne" mit kräftigem Bariton, wobei die anderen als Chor
in die Wiederholung stimmgewaltig mit einstimmen. Doveri bewegt dann zum Abschluss noch einmal
mit ihrer sauber intonierten Hymne auf Karl X., König von Frankreich. Das
Orchester Sinfonica G. Rossini wird von Alessandro Mazzocchetti mit sicherer
Hand und Liebe zum Detail durch die Partitur geführt, so dass es am Ende großen
und verdienten Beifall für alle Beteiligten gibt.
FAZIT
Weitere Rezensionen zu dem
Rossini Opera Festival 2025 |
ProduktionsteamMusikalische LeitungAlesandro Mazzocchetti Regie und Bühne Einstudierung der Wiederaufnahme Kostüme Licht
Orchestra Sinfonica G. Rossini
Solistinnen und Solisten*Premierenbesetzung
Corinna
Marchesa Melibea
Contessa di Folleville
Madama Cortese
Cavalier Belfiore
Conte di Libenskof
Lord Sidney Don Profondo Barone di Trombonok Don Alvaro Don Prudenzio Don Luigino Delia Maddalena Modestina Zefirino / Gelsomino Antonio Carlo X. (stumme Rolle)
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