Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum



Rossini Opera Festival

Pesaro
10.08.2025 - 22.08.2025


Il viaggio a Reims

Dramma giocoso in einem Akt
Libretto von Luigi Balochi
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit italienischen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 55' (eine Pause)

Wiederaufnahme-Premiere im Teatro Rossini in Pesaro am 15. August 2025


Homepage

 

Rossini Opera Festival

Homepage

 

Reise nach Nirgendwo

Von Thomas Molke / Fotos: © Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival)

Seit 2001 steht Rossinis letzte italienischsprachige Oper Il viaggio a Reims jedes Jahr beim Rossini Opera Festival an zwei Vormittagen in einer Inszenierung von Emilio Sagi auf dem Programm, die beim alljährlichen Festival Giovane mit jungen Sängerinnen und Sängern der Accademia Rossiniana neu erarbeitet wird, in diesem Jahr unter der Leitung von Matteo Anselmi. Diese Cantata scenica, die Rossini als neuer künstlerischer Leiter des Théâtre Italien in Paris anlässlich der Krönung des französischen Königs Karl X. 1825 zur Uraufführung brachte, bietet jungen Künstlerinnen und Künstlern, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen, aufgrund der zahlreichen Rollen mit relativ gleichberechtigtem sängerischem Anspruch die Möglichkeit, einerseits Erfahrungen zu sammeln, die ihre jungen Stimmen nicht schädigen dürften, andererseits sich für künftige Engagements zu empfehlen. Bei dieser langjährigen Tradition der Nachwuchsförderung sind hier in Pesaro in den vergangenen Jahren einige Künstlerinnen und Künstler entdeckt worden, die mittlerweile auch in den großen Opernproduktionen auf der Bühne stehen. So hat beispielsweise der Tenor Enea Scala, der hier 2009 als Conte di Libenskof debütierte, seitdem zahlreiche große Partien in Pesaro gesungen und kehrt in diesem Jahr als Antenore in Zelmira zurück. Gleiches gilt für den Bass Marko Mimica, der nach seinem Debüt als Lord Sidney 2014 in diesem Jahr in Zelmira als Polidoro und in einem Belcanto-Konzert zu erleben ist. Auch die Partie der Contessa di Folleville eignet sich häufig als Visitenkarte für zukünftige Engagements. In diesem Jahr kehren gleich zwei Interpretinnen dieser Partie nach Pesaro zurück, Vittoriana De Amicis (aus dem Jahr 2023) als Elvira in L'italiana in Algeri und Paola Leoci (aus dem Jahr 2019) als Fanně in La cambiale di matrimonio. In der Partie des Mustafà in L'italiana in Algeri ist mit Giorgi Manoshvili ebenfalls ein Sänger zu erleben, der hier 2021 als Lord Sidney gestartet ist. Wer also eine Gelegenheit sucht, die ersten musikalischen Schritte der Stars von morgen mitzuerleben, sollte sich bei einem Besuch in Pesaro die beiden Vormittagsveranstaltungen nicht entgehen lassen, zumal die Partien in der Regel doppelt besetzt sind. In diesem Jahr treten die jungen Sängerinnen und Sänger größtenteils in unterschiedlichen Partien in den beiden Vorstellungen auf.

Die Inszenierung der Oper über eine illustre Reisegruppe, die im Kurhotel "Goldene Lilie" in Plombières abgestiegen ist, um von dort aus zu den Krönungsfeierlichkeiten Karls X. nach Reims zu reisen, dort aber nie ankommt, da aufgrund der großen Nachfrage kein Transportmittel zur Verfügung steht, deshalb im Hotel bleibt und dort ihr eigenes Fest veranstaltet, bleibt dabei in jedem Jahr gleich und wird nur mit neuen Interpretinnen und Interpreten umgesetzt. Emilio Sagi siedelt die Szene auf einem Schiff an, das, wie der blaue Hintergrund andeutet, nirgendwo ankommt. Während das Personal des Kurhotels in der weißen Kleidung mit den Namensschildern eher an Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger erinnert und die Gäste einheitlich in weißen Bademänteln und Handtüchern auftreten, wechseln alle Figuren, wenn klar ist, dass die Reise nach Reims nicht stattfinden kann und folglich im Hotel gefeiert werden soll, die Kleidung und legen schwarze Abendgarderobe an, in der sie nach der Pause mit einer großen weißen Girlande über dem Schiff ihre eigene Party feiern. Am Ende der Aufführung tritt zum feierlichen Schlussgesang Corinnas König Karl X. als Kind mit Krone höchstpersönlich auf und schreitet mit mehreren Luftballons als Szepter Hände schüttelnd durch den Zuschauerraum. Wenn er die Bühne erreicht, wird er von der feiernden Gesellschaft allerdings gar nicht wahrgenommen. So lässt er sich schließlich an der Bühnenrampe nieder und beißt genüsslich in sein Butterbrot und trinkt seinen Softdrink, während die anderen ihn mit Champagner feiern.

Bild zum Vergrößern

Die Contessa di Folleville (Arina Verevkina, mit Hut in der Mitte) ist glücklich, dass zumindest ihr Hut das Kutschenunglück unbeschadet überstanden hat (von links: Anna-Helena MacLachlan als Maddalena, Huigang Liu als Don Prudenzio, Nicola Farnesi als Antonio, Laura Khamzatova als Modestina, Matteo Torcaso als Barone di Trombonok und Hiroko Kono als Don Luigino)

Das junge Ensemble, dem bei der Gestaltung der Bühnenfiguren im Rahmen des Regiekonzeptes großer Freiraum gelassen wird, besteht in diesem Jahr aus 17 Sängerinnen und Sängern, die auch die Chorpartien übernehmen. Anna-Helena MacLachlan überzeugt als Maddalena darstellerisch mit großer Autorität, wenn sie mit strengem Regiment das übrige Personal in der Einleitung "Presto, presto" auffordert, das Schiffsdeck für die Gäste herzurichten. Vittoria Brugnolo gestaltet die Madama Cortese mit klaren Höhen und verfügt in den Parlando-Stellen und den Koloraturen über einen sehr beweglichen Sopran. Immer wieder schön anzusehen ist, wie das Personal mit Seifenblasen zu "Di vagghi raggi adorno" eine verträumt kitschige Atmosphäre schafft, während die Hausherrin dafür Sorge tragen will, dass an diesem wunderschönen Tag alles zur Zufriedenheit der Gäste abläuft. Arina Verevkina punktet im Anschluss als Contessa di Folleville mit sauber angesetzten Koloraturen in ihrer großen Arie "Partir, oh ciel! desio", in der sie ihrer Verzweiflung über den Verlust ihrer wertvollen Kleider durch ein Kutschenunglück freien Lauf lässt. Dabei legt sie die Rolle wunderbar überzeichnet an und wird von den Angestellten herrlich karikiert. Mit großem Spielwitz und profunden Tiefen überzeugt Matteo Torcaso als Barone di Trombonok, der sich über Huigang Lius mangelnde medizinische Kenntnisse als Don Prudenzio lustig macht.

Bild zum Vergrößern

Marchesa Melibea (Valeria Gorbunova) zwischen dem Conte di Libenskof (Krzysztof Lachman, rechts) und Don Alvaro (Maurizio Bove, links)

Einen großartigen Auftritt hat im Anschluss Valeria Gorbunova als Marchesa Melibea mit Krzysztof Lachman und Maurizio Bove, die als russischer Conte di Libenskof bzw. heißblütiger Spanier Don Alvaro um die Gunst der schönen Polin buhlen. Gorbunova setzt auf große Komik, wenn sie immer heimlich nach ihrem versteckten Flachmann greift, und legt die Partie der Marchesa mit dunkel gefärbtem, sehr beweglichem Mezzosopran und kraftvollen Tiefen an. Durch ihren ständigen Flirt mit Bove als Don Alvaro bringt sie ihren Geliebten Libenskof bewusst zur Weißglut. Lachman verfügt als Libenskof über einen hellen Tenor, der in den Spitzentönen noch ein wenig zu stark forciert. Darstellerisch nimmt man ihm den eifersüchtigen Russen in jedem Moment ab. Bove provoziert den Rivalen bewusst mit virilem Bariton und machohaftem Spiel, das auf die Marchesa eine faszinierende Anziehungskraft zu haben scheint. Da haben Torcaso und Jacob Harrison als Don Profondo gemeinsam mit Brugnolo als Madama Cortese schon einiges zu tun, um die beiden Streithähne an einem Kampf zu hindern. Das große Sextett avanciert zu einem weiteren musikalischen Höhepunkt der Aufführung, bis dann die friedvolle Kavatine "Arpa gentil che fida" der Corinna etwas Ruhe in die aufgeheizte Situation bringt. Greta Doveri legt die Partie der Corinna aus der der Bühne gegenüber liegenden Loge im ersten Rang zum Klang der Harfe mit weichem Sopran und klaren Höhen an. Bei derart zarten und sanften Tönen verwundert es nicht, dass der englische Lord Sidney sich unsterblich in Corinna verliebt hat. Agshin Khuda Verdiyev bringt als Lord Sidney mit voluminösem Bass und herrlich samtigen Tiefen in seiner großen Arie "Invan strappar dal core" seine unerfüllte Liebe zum Ausdruck. Flankiert wird er dabei von Rosalba Ducato, Anna-Helena MacLachlan, Laura Khamzatova und Vittoria Brugnolo, die als Chor mit roten ausgeschnittenen Papierherzen und einem Porträt Corinnas auf einem weiteren großen weißen Herzen im Takt der Musik die Szene karikieren.

Bild zum Vergrößern

Cavalier Belfiore (Aldo Sartori) umwirbt Corinna (Greta Doveri)

Es folgt das große Duett zwischen Doveri und Aldo Sartori als Cavalier Belfiore, der zwar eigentlich mit der Contessa liiert ist, aber trotzdem heftig mit Corinna flirtet. Sartori setzt den selbsverliebten Cavalier mit machohaftem Gehabe und wunderbarem Spielwitz in Szene und präsentiert sich dabei auch bewegungstechnisch in Höchstform. Sein Tenor versprüht in den Höhen einen wunderbaren Schmelz, der hervorragend zu seinem Balzgehabe passt. Für die gute Corinna ist das alles ein bisschen zu viel. Sie fühlt sich eher zu dem stets in sich gekehrten und melancholischen Lord Sidney hingezogen und lässt den aufdringlichen Cavalier abblitzen. Im Anschluss gestaltet Harrison die große Arie Don Profondos "Io! Medaglie incomparabili", in der er die Wertgegenstände für die Reise auflistet und dabei die einzelnen Gäste entsprechend ihrer nationalen Eigenheiten karikiert. Harrison verfügt über einen beweglichen Buffo-Bass, der dem hohen Tempo des Parlando-Tons gut gewachsen ist. Auch darstellerisch gelingt es ihm, mit großem Spielwitz und Wiedererkennungswert die einzelnen Gäste zu parodieren. Im folgenden großen Finale zu 14 Stimmen, in dem die Gäste nach ihrem anfänglichen Schock darüber, dass die Reise nicht stattfinden kann, beschließen, im Hotel zu bleiben und am nächsten Tag zur Contessa nach Paris aufzubrechen, begeistert das komplette Ensemble mit wuchtigem, homogenem Klang. Auf einen Koloraturen-Schlagabtausch zwischen Corinna und der Contessa, der sich eigentlich dabei wunderbar anbietet, wird allerdings verzichtet.

Nach der Pause folgt dann noch das große Versöhnungs-Duett zwischen Melibea und Libenskof, in dem sich nach anfänglichen heftigen Streitereien die beiden schließlich gegenseitig ihre Liebe gestehen, auch wenn man Zweifel daran hegen darf, dass diese Harmonie von langer Dauer sein wird. Denn schon bei den anschließenden Feierlichkeiten flirtet Melibea erneut heftig mit Don Alvaro, so dass die Gäste Handgreiflichkeiten zwischen Libenskof und dem Spanier verhindern müssen. Interessant ist für deutsche Ohren immer wieder, dass Rossini im Rahmen der traditionellen Melodien, die die einzelnen Gäste bei der Feier am Ende des Stückes auf ihre Heimat anstimmen, mit der Verwendung der Kaiserhymne, die Haydn Ende des 18. Jahrhundert komponierte, bereits die Melodie der deutschen Nationalhymne vorweggenommen hat. Torcaso gestaltet als Trombonok diese kurze "Hymne" mit kräftigem Bariton, wobei die anderen als Chor in die Wiederholung stimmgewaltig mit einstimmen. Doveri bewegt dann zum Abschluss noch einmal mit ihrer sauber intonierten Hymne auf Karl X., König von Frankreich. Das Orchester Sinfonica G. Rossini wird von Alessandro Mazzocchetti mit sicherer Hand und Liebe zum Detail durch die Partitur geführt, so dass es am Ende großen und verdienten Beifall für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Auch wenn diese Inszenierung jedes Jahr gleich ist, machen die ständig wechselnden Nachwuchskünstlerinnen und Nachwuchskünstler diese Veranstaltung immer wieder zu einem neuen sehens- und hörenswerten Erlebnis.

Weitere Rezensionen zu dem Rossini Opera Festival 2025



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alesandro Mazzocchetti

Regie und Bühne
Emilio Sagi

Einstudierung der Wiederaufnahme
Matteo Anselmi

Kostüme
Pepe Ojangureni

Licht
Fabio Rossi

 

Orchestra Sinfonica G. Rossini


Solistinnen und Solisten

*Premierenbesetzung

Corinna
*Greta Doveri /
Antonella Granata

Marchesa Melibea
*Valeria Gorbunova /
Anna-Helena MacLachlan

Contessa di Folleville
*Arina Verevkina /
Laura Khamzatova

Madama Cortese
*Vittoria Brugnolo /
Rosalba Ducato

Cavalier Belfiore
*Aldo Sartori /
Abel Zamora

Conte di Libenskof
*Krzysztof Lachman /
Hiroki Kono

Lord Sidney
*Agshin Khuda Verdiyev /
Huigang Liu

Don Profondo
*Jacob Harrison /
Nicola Farnesi

Barone di Trombonok
*Matteo Torcaso /
Maurizio Bove

Don Alvaro
*Maurizio Bove /
Jiazhou Wang

Don Prudenzio
*Huigang Liu /
Jacob Harrison

Don Luigino
*Hiroko Kono /
Aldo Sartori

Delia
*Rosalba Ducato /
Vittoria Brugnolo

Maddalena
*Anna-Helena MacLachlan /
Valeria Gorbunova

Modestina
*Laura Khamzatova /
Arina Verevkina

Zefirino / Gelsomino
*Abel Zamora /
Krzysztof Lachman

Antonio
*Nicola Farnesi /
Matteo Torcaso

Carlo X. (stumme Rolle)
Gianluca Fraternale

 


Zur Homepage vom
Rossini Opera Festival




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum

© 2025 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -