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Klavier-Festival Ruhr 2025

Essen, Philharmonie
5. Juli 2025


Jan Lisiecki



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Klavier-Festival Ruhr

Die große Kunst der kleinen Form

Von Stefan Schmöe

Préludes, nichts als Préludes: Jan Lisiecki bestreitet sein Rezital ausschließlich mit Werken dieser einen Gattung. Er beginnt gleich mit einem der populärsten Vertreter, nämlich Chopins op. 28 Nr. 15 in Des-Dur, dem Regentropfen-Prélude. Im sanften Pianissimo beginnend, baut er das Stück behutsam auf. Die Steigerungen sind durchdacht, der Klangraum wird groß, aber Lisiecki sprengt den Rahmen der kleinen Form nicht. Das wird auch die Interpretation der anderen Préludes Chopins (As-Dur, op. Posth, cis-Moll op. 45, vor allem aber den vollständigen Zyklus der 24 Préludes op. 28 nach der Pause) kennzeichnen: Das überaus souveräne Gespür für das richtige Maß und die Proportionen. Der Grundton bleibt introvertiert, Lisiecki spielt eher für den kleinen Salon als für den großen Konzertsaal. Dadurch bewahren die Werke ihren im Grundsatz intimen Charakter, selbst da, wo der Pianist ein donnerndes Fortissimo spielt. Lisiecki bleibt im Tempo recht streng. Rubati und Accelerandi sind wohldosiert, Zäsuren zurückhaltend und überaus kunstvoll eingesetzt. Lisieckis Chopin verliert sich nicht in Poesie oder gar Melancholie und ist doch traumwandlerisch schön gespielt.

Aber zunächst folgt auf den Auftakt mit Chopin (neben den Regentropfen noch das As-Dur-Prélude op. posth.) das wohl allerallerpopulärste Werk der Gattung, das freilich noch auf gut Deutsch "Präludium" heißt und von Johann Sebastian Bach stammt: Das Präludium in C-Dur, das mit seinen Dreiklangsbrechungen das Wohltemperierte Klavier eröffnet. Lisiecki wählt ein sehr flottes Tempo, bei dem niemand Gounods nachträglich einkomponiertes Ave Maria mitsummen kann, und auch hier besticht die rhythmische Strenge, die jedem Anflug von Sentimentalität eine Absage erteilt. Die Präzision, mit der er drei Kompositionen von Rachmaninow spielt, widerlegen einmal mehr das hartnäckige Vorurteil vom "Salonkomponisten". In den Préludes op. 1 Nr. 1 - 3 von Karol Szymanowski öffnen sich lichte Klangwelten von schillernder Farbigkeit. Die ersten drei der frühen Prélude pour piano Olivier Messiaens zeigen impressionistische Farbigkeit. Wie Lisiecki mit überragender Anschlagskultur etwa in den Oktavparallelen frappierende Klangwirkungen erzielt, das allein macht dieses Konzert zu einem ganz besonderem. (Nur schade, dass er die weiteren fünf Nummern dieses Zyklus' nicht spielt). Eine Entdeckung sind die beiden Werke von Henrik Górecki (Nr. 1 und 4 aus den Four Préludes op. 1).

Lisiecki lässt im ersten Teil des Konzerts die Werke ohne jede Pause, ja sogar ohne ein kurzes Innehalten ineinander übergehen. Das ist dann auch der Einwand gegen diese Programmgestaltung: Nicht zuletzt weil ein Stück bei Lisiecki schöner klingt als das andere, findet man sich in einer pausenlosen Dauerberieselungsschleife wie bei einschlägigen Klassikradiosendern wieder. Die rot-violette Beleuchtung in der Essener Philharmonie an der Rückwand des Podiums, die farblich das Logo das Klavier-Festivals aufgreift, steuert ein gewisses Maß an Kitsch bei. Der Dramaturgie des Konzertes hätte eine stärker enzyklopädisch gedachte Herangehensweise mit einer Trennung der Werke, geordnet nach Komponisten, gutgetan.

Chopins Préludes op. 28, die Lisiecki nach der Pause spielt, sind dagegen ohnehin als Zyklus gedacht. Mit dem ersten Teil des Konzerts im Ohr wird deutlich, wie sehr Lisiecki die Stücke vom Klang aus denkt und aufbaut. Technische Brillanz steht im Dienst der Komposition, die virtuosen Passagen werden zu speziellen Klangfarben. Mit einer überwältigenden Anschlagskultur vom zärtlichsten Pianissimo bis zum kraftvollen, nie dröhnenden Fortissimo bringt er den Flügel zum Leuchten, was aber nie zum Selbstzweck oder zur Feier des schönen Moments wird, sondern im Dienst der musikalischen Entwicklung steht. Das macht den Kanadier polnischer Abstammung zu einem der herausragenden Chopin-Interpreten unserer Zeit. Unwillig zeigte er sich bei den Zugaben, die er auf ein kurzes Stück (kein Prélude, sondern eine Romanze von Schumann) beschränkte. Das Publikum hätte gern noch viel länger zugehört.




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Klavier-Festival Ruhr 2025

Essen, Philharmonie
5. Juli 2025


Ausführende

Jan Lisiecki, Klavier


Programm

Frédéric Chopin:
Préludes Des-Dur Op. 28/15 "Regentropfen"
Préludes As-Dur Op. posth

Johann Sebastian Bach:
aus dem Wohltemperierten Klavier, Buch 1:
Präludium Nr.1 C-Dur BWV 846

Sergej Rachmaninoff:
Prélude Nr. 3 d-Moll Op. 23

Karol Szymanowski:
Préludes Nr. 1-3, Op. 1

Olivier Messiaen:
Préludes pour piano Nr. 1-3

Frédéric Chopin:
Préludes cis-Moll Op. 45

Sergej Rachmaninoff:
Prelude cis-Moll op. 3 Nr. 2

Henryk Mikolaj Górecki:
aus Four Preludes Nr. 1 & 4, Op. 1

Johann Sebastian Bach:
aus dem Wohltemperierten Klavier, Buch 1:
Präludium Nr.2 c-Moll BWV 847

Sergej Rachmaninoff:
Prelude Nr. 5 g-Moll Op. 23

Frédéric Chopin:
24 Préludes Op. 28



Zugabe:

Robert Schumann:
Romanze Op. 28 Nr. 2
:





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