Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum



Klavier-Festival Ruhr 2025

Wuppertal, Historische Stadthalle
8. Juli 2025


Igor Levit



Homepage
Klavier-Festival Ruhr

Facetten der Romantik

Von Stefan Schmöe / Fotos von Peter Wieler

Ein Weltabschiedswerk? Franz Schubert hat seine 21. und letzte Klaviersonate knapp zwei Monate vor seinem Tod komponiert, und eine Ahnung vom baldigen Lebensende dürfte er angesichts sich verschlimmernder Krankheitszeichen gehabt haben. Andererseits liegt die Konzeption des Werkes wohl weiter zurück. Wie viel Todesfurcht hört man nun also in dieser Musik? Igor Levit nimmt das Pianissimo am Beginn des Kopfsatzes sehr ernst. Er spielt das Hauptthema introvertiert, dazu mit viel Pedal, sodass es mehr wie eine Ahnung klingt und weniger nach dem zentralen Thema eines großen Sonatensatzes. Die Musik scheint wie von einem Schleier bedeckt, unscharf und wenig greifbar. Das Tempo ist langsam und stockt bald. Es dauert eine ganze Zeit, bis sich überhaupt ein stabiles Tempo verfestigt, als wäre Levit lange unschlüssig. Die Durchführung spielt er zerklüftet, als wolle sie die Abgründe Liszts vorwegnehmen. Überirdisch schön dann, wie er in der Reprise das zweite Thema aufleuchten lässt. Den zweiten Satz interpretiert er bei aller Zurückhaltung im Tempo gesanglich, die Melodielinie hat Vorrang vor den Begleitfiguren, mit denen manche Pianisten dem Satz einen zerrissenen Charakter geben. Das tut Levit nicht. Ein transzendentales Element entsteht durch die klangliche Gestaltung: Die Achtelnoten in der linken Hand (die hohe Note auf der dritten Zählzeit jeden Taktes ist extrem leise) wirken wie Zeichen aus einer sehr weit entfernten Welt.

Foto

Igor Levit

Levit rückt den Gestus dieser beiden Sätze wolkenverhangen in die Nähe der ein Jahr zuvor entstandenen Winterreise. Man hat den Eindruck, hier wird in sehr subjektiver Weise eine existenzielle Geschichte erzählt - auch auf Kosten der großen Form. Umso stärker ist der Bruch zu den letzten beiden Sätzen. Das Scherzo, das Levit in sehr forschem Tempo angeht (mehr Presto statt Allegro vivace) wirkt wie die Einleitung zum ebenfalls sehr flott gespielten Finalsatz (Allegro ma non troppo). Die Unschärfe der ersten beiden Sätze behält Levit bei, rauscht mit lässiger Brillanz über die kleinen Noten hinweg - das wird auch im zweiten Teil des Konzerts bei Chopin wiederkehren. Die Musik könnte, gerade in der ohnehin recht halligen Akustik der Wuppertaler Stadthalle, größere Klarheit vertragen.

Robert Schumanns vier kurze Nachtstücke op. 23 aus dem Jahr 1839, inspiriert von Erzählungen E. T. A. Hoffmanns, bilden das Bindeglied zwischen den Sonaten Schuberts und Chopins. Die ersten beiden Werke zeichnet Levit mit hintergründigem Witz und viel Schwärze - die hier musikalisch gestaltete Nacht schafft so manches Ungeheuer. Nachdem sich die Stimmung im dritten Stück aufhellt, beschließt Levit den kleinen Zyklus in großer Schlichtheit. Die Arpeggien, die Schumann im vierten und letzten Nachtstück fast jedem Akkord vorgeschrieben hat, deutet Levit mehr an, als dass er sie tatsächlich ausspielt, und so bekommt die Musik eine liedhafte Einfachheit und gerade dadurch große Intensität.

Foto

Igor Levit

Die Auseinandersetzung mit Chopin hat Igor Levit bisher in seinen Konzerten vermieden. Jetzt setzt er dessen dritte Sonate h-Moll, komponiert 1844, auf's Programm. Im Detail ist vieles wunderschön gestaltet, der Abschlag ist delikat, die Phrasierungen souverän. Die gesangliche Ausgestaltung des zweiten Themas des Kopfsatzes gelingt berückend. Die Tücken stecken wie so oft bei Chopin im Detail. Die herabstürzenden Sechzehntelnoten, mit denen das Hauptthema beginnt, spielt er allzu beiläufig, als handele es sich um eine Verzierung. Dadurch fehlt das Motiv als konstituierendes Element. Der schnelle Teil des kurzen Scherzos huscht in ein wenig zu glattem Legato hinweg. Der langsame Satz danach erklingt als verträumtes Nocturne. Im Finalsatz sind es dann wieder die schnellen Noten, die virtuosen Passagen, die Levit mit Bravour bewältigt, die er aber wie rauschendes Beiwerk am Rande nebensächlich abtut und denen es dadurch an Kontur, auch an Einbindung in den musikalischen Kontext fehlt. Ganz ausgewogen scheint die Balance zwischen musikalischer Form und pianistischer Virtuosität nicht.

Auf mehr als eine kurze Zugabe wollte sich Levit trotz stehender Ovationen des ziemlich viel hustenden, die Werke immer wieder zwischen den Sätzen durch Applaus unterbrechenden Publikums nicht einlassen: Schuberts Ges-Dur-Impromptu op. 90 Nr. 3 (D 899). Levit hebt die liedhaft schlichte Melodie über rauschenden Akkordbrechungen hervor und schlägt einen Bogen zum Beginn des Konzerts.

Hinweis: In einer früheren Version dieser Rezension war als Zugabe Chopins As-Dur-Etüde angegeben. Dies entsprach der Mitteilung des Klavier-Festivals, das zunächst Chopins Etüde auch auf der Homepage als Zugabe angegeben hatte. Unser Rezensent glaubte, Schubert erkannt zu haben, folgte dann aber den Angaben des Festivals. So erklärt sich immerhin die ursprüngliche, jetzt gestrichene Textpassage, Igor Levit habe das vermeintliche Chopin-Werk "schubertisch" gespielt: Was nach Schubert klang, war tatsächlich Schubert.




Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)
Klavier-Festival Ruhr 2025

Wuppertal, Historische Stadthalle
8. Juli 2025


Ausführende

Igor Levit, Klavier


Programm

Franz Schubert:
Sonate Nr. 21 B-Dur D 960

Robert Schumann:
Nachtstücke op. 23

Frédéric Chopin:
Sonate Nr. 3 h-Moll op. 58


Zugabe:

Franz Schubert:
Impromptu Ges-Dur op. 90 Nr. 3 (D 899)




Klavierfestival Ruhr 2025 -
unsere Rezensionen im Überblick



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Klavier-Festival Ruhr
(Homepage)








Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum
© 2025 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: konzerte@omm.de

- Fine -