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Musik gegen Krieg und Vertreibung
Von Stefan Schmöe / Foto von Christian Palm ( Klavier-Festival Ruhr)
Les soirs illuminés par l'ardeur du charbon (Abende, die von der Glut der Kohle erleuchtet werden) ist Claude Debussys letzte Komposition. Das knapp zweiminütige Werk entstand im Februar oder März 1917 als Dank (oder, so sieht Pianist Kirill Gerstein die Angelegenheit, als Bezahlung) für eine Lieferung Kohle, komponiert für den Kohlehändler M. Tronquin. Der Titel spielt zwar unmittelbar auf den kalten Kriegswinter 1916/17 an, es handelt sich aber um eine Zeile aus dem Gedicht Le Balcon von Charles Baudelaire (das Debussy 1888 vertont hatte). Debussy, an Krebs erkrankt (woran er ein Jahr später verstarb), brachte in die wehmütig leise Miniatur einige Motive aus früheren Werken ein, und so wurde das Stück sein persönliches Weltabschiedswerk. Die ähnlich knappe Élégie aus dem Jahr 1915 zeugt sowohl von den Kriegszeiten als auch von der Erkrankung - eine Operation war im gleichen Monat ohne Erfolg geblieben. Und auch die beiden anderen Miniaturen des französischen Komponisten, die Gerstein am Beginn dieses Abends präsentiert, haben direkten Bezug zum Ersten Weltkrieg: Eine Berceuse héroïque (also ein "heroisches Wiegenlied") zu Ehren des belgischen Königs Albert, der lange versucht hatte, die belgische Neutralität zu wahren und den Einmarsch deutscher Truppen (und den Durchmarsch nach Frankreich) zu verhindern, und ein Albumblatt für ein Wohltätigkeitskonzert zur Unterstützung der Soldaten. Pathos und Kampfesgeist sucht man in dieser Musik vergebens; die Kompositionen sind introvertiert und überwiegend sehr leise.
Kirill Gerstein
Kirill Gerstein spielt die Stücke dementsprechend verhalten, sehr zart und mit resignativen Zügen. Die extreme Verdichtung weist auf Schönberg und dessen Klavierstücke op. 19 voraus (die man am Abend vorher beim Klavier-Festival Ruhr von Elisabeth Leonskaja hören konnte). Es sind nachdenkliche Werke voller sanfter Trauer, die man schon aufgrund ihrer Kürze selten hört - echte Entdeckungen, die Gerstein in ein Programm einbaut, das sich vollständig um den Weltkrieg und dessen Schrecken dreht.
Der Hauptteil des Konzerts, das Gerstein mit knappen Worten moderierte, ist dem armenischen Komponisten Komitas (mit vollem Namen Komitas Vardapest; der Name Komitas wurde ihm nach seiner Weihe zum Mönch gegeben) gewidmet. Geboren wurde er 1869 als Angehöriger der armenischen Minderheit im Osmanischen Reich und gilt als Begründer der armenischen klassischen Musik. Die hier gespielten sieben armenischen Tänze für Klavier sind seine letzte Komposition. 1915 wurde er im Rahmen der Deportation des armenischen Volkes verhaftet und überlebte zwar den Genozid, war aber psychisch gebrochen. Bis wohin die Tänze traditionelle armenische Volksmusik verarbeiten und wo die Kunstmusik beginnt, bleibt offen. Als klingendes Denkmal für die armenische Kultur vor 1915 sind es Werke, die symbolisch für die Katastrophe stehen und in zeitlicher Nähe zu den vorher gespielten Kompositionen Debussys eine geographisch und kulturell andere Perspektive auf die Kriegsereignisse einnehmen.
Gurdjieff-Ensemble
Gerstein (geboren 1979 in Russland, amerikanischer Staatsbürger, wohnhaft in Berlin) spielt jeweils einen Tanz, der anschließend vom armenischen Gurdjieff-Ensemble in einer Fassung für traditionelle armenische Volksmusikinstrumente wiederholt wird. Levon Eskenian, Leiter des Ensembles, hat die Musik so arrangiert, wie sie als Volksmusik hätte klingen können. Dabei wird das neunköpfige Ensemble selten komplett eingesetzt. Der Orchestersatz ist extrem reduziert. Immer wieder begnügt sich Eskenian mit zwei, drei oder vier Instrumenten, manchmal fast unhörbar als wie aus der Ferne mitklingend eingesetzt. Fast immer verbleibt die Musik im Piano - nur in einem der Tänze, wenn unerwartet das Duduk (eine Art Oboe) einsetzt, wird es unerwartet (sehr) laut.
Gurdjieff-Ensemble
Lebhafte, lebensbejahende Volkstänze, wie man sie vielleicht erwarten würde, bekommt man nicht zu hören. Auch hier ist die Musik fast immer introvertiert, melancholisch, wie mit Trauerrand umgeben. Gerstein spielt traumverloren mit delikatem Klang. Er entlockt dem Steinway-Flügel überraschende Klangfarben, vor allem in der hohen Lage - da kann das Instrument plötzlich fremdartig perkussiv klingen wie ein Xylophon. Dabei wirkt der Flügel keineswegs als Annäherung an die Bearbeitung für Instrumente, die ein völlig anderes Klangbild zeigt. Einfach zu hören ist die Musik, die sich den Hörgewohnheiten entzieht, dabei nicht, weder in der einen noch in der anderen Fassung.
Maurice Ravel hat La Valse 1919 als Ballettmusik für Sergei Djagilew komponiert und ein Jahr später aus der Partitur für Orchester eine Klavierfassung erstellt. Die Apotheose des Wiener Walzers endet hier in der Katastrophe. Gerstein spitzt in seiner aberwitzig scharfen Interpretation diese dystopische Sicht noch einmal zu. Von Walzerseligkeit keine Spur; er betont das Erratische und Fragmentarische. Fratzenhaft hört man Bruchstücke einer endgültig vergangenen Zeit. Pianistische Bravour wird zur Raserei in den Untergang. In Gersteins Interpretation reflektiert Ravel kurz nach dem Krieg die Katastrophe des armenischen Volks wie des alten Europas auf bestürzende Weise. Einen vorsichtig optimistischen Abschluss des Konzerts liefert eine Volkliedbearbeitung von Komitas Vardapet, die hier für Klavier und das Ensemble Gurdjieff arrangiert ist.
Kinder der "Elefantenklasse" der Grundschule Duisburg-Marxloh
Begonnen hatte das Konzert mit zwei Tänzen, die im Rahmen des Education-Programms des Klavier-Festivals von einer Klasse der Grundschule Duisburg-Marxloh aufgeführt wurden. Gerstein begleitete am Klavier mit Musik von Debussy und Komitas Vardapet. Man hätte gern mehr über das Projekt erfahren (und auch über ein Projekt von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Essen-Werden, das wenig beachtet im Foyer präsentiert wurde). Und eine Würdigung der Ausführenden wie der Personen, die das Projekt geleitet haben (von der Choreographin bis zu den Lehrkräften) auf offener Bühne durch die Festival-Leitung wäre vielleicht auch angemessen gewesen. So liefen die Präsentationen dieser Education-Projekte leider allzu weit am Rande ab.
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Klavier-Festival Ruhr 2025 Essen, Neue Aula der Folkwang Universität der Künste 4. Juni 2025 AusführendeKirill Gerstein, KlavierGurdjieff-Ensemble Levon Eskenian – Arrangeur und Künstlerischer Leiter Vladimir Papikyan – Santur, Gesang Norayr Gapoyan – Duduk, Pku, Zurna Gagik Hakobyan – Duduk, Bass Duduk Armen Ayvazyan – Kamancha Avag Margaryan – blul, Zurna Aram Nikoghosyan – Oud Meri Vardanyan – Kanon Davit Avagyan – Tar Mesrop Khalatyan – Dap, Tmbuk ProgrammClaude Debussy:Page d’album pour piano pour l’œuvre du Vêtement du blessé Berceuse héroïque „pour rendre hommage à S.M. le roi Albert Ier de Belgique et à ses soldats“ Élégie aus Pages inédites sur la Femme et la Guerre Les soirs illuminés par l’ardeur du charbon Komitas Vardapet: Armenische Tänze (Gegenüberstellung der Fassung für Klavier solo von 1916 und Arrangements für traditionelle Armenische Instrumente von Levon Eskenian) Manushaki of Vagharshapat Yerangi of Yerevan Unabi of Shushi Marali of Shushi Shushiki of Vagharshapat Het u Aradj of Karin Shoror of Karin Msho Shoror (Arr. Levon Eskenian) Maurice Ravel: La Valse Komitas Vardapet: Garoun a – “It’s Spring but Snowing” (arrangiert für Klavier und Volksmusikensemble von Levon Eskanian) Klavierfestival Ruhr 2025 - unsere Rezensionen im Überblick
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