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Naturerlebnisse in der MusikVon Thomas Molke / Fotos: © Amir Kaufmann / Innsbrucker Festwochen Der Wald hat schon immer auf die Menschen eine besondere Faszination ausgeübt, was vor allem durch zahlreiche Schilderungen in Märchen und Mythen beflügelt wurde. Auch in der Musik kann man sich diesem Phänomen nicht entziehen. Ein bekanntes Beispiel dürfte Carl Maria von Webers Freischütz sein. In der Barockoper hat man ebenfalls in zahlreichen Gleichnisarien immer wieder die Natur als Sinnbild für die eigenen Gefühle herangezogen. Julien Chauvin hat mit dem von ihm 2015 gegründeten auf historische Aufführungspraxis spezialisierten Ensemble Le Concert de la Loge ein Programm unter dem Titel Im Zauberwald zusammengestellt, das im pittoresken Riesensaal der Hofburg in zahlreichen Auszügen aus Barockopern das Publikum auf eine musikalische Reise durch die Natur einlädt. Julien Chauvin mit dem Ensemble Le Concert de la Loge im Riesensaal der Hofburg Den Anfang machen dabei vier Sätze aus La Forêt enchantée von Francesco Geminiani. Diese Pantomime für Tanz und Orchester kreierte Geminiani 1754 gemeinsam mit dem italienischen Maler, Theaterdekorateur und Architekten Giovanni Niccolò Servandoni für eine prunkvolle fünfaktige Aufführung in den Tuilerien in Paris. Das Stück fiel beim Publikum allerdings durch, so dass er es für eine konzertante Aufführung in London 1761 zu einem Concerto grosso in mehreren Sätzen umarbeitete. In dieser Fassung ist das Werk heute noch erhalten. Die vier Sätze, mit denen das Konzert startet, stammen aus dem ersten Teil und entführen mit faszinierendem Klang in eine Welt der undurchschaubaren Natur, die das Ensemble La Concert de la Loge mit Chauvin an der Violine und als musikalischer Leiter lautmalerisch erklingen lässt. Verstärkt wird dieses Erlebnis durch die Akustik des Riesensaals, die mit ihrem Nachhall für derartige Instrumentalwerke prädestiniert ist. Das gilt für die folgenden Arien und Duette nur bedingt. Wenn sich die Sopranistin Ana Vieira Leite und die Mezzosopranistin Eva Zaïcik stimmlich in kraftvollen Höhen bewegen, mischen sich die Stimmen wunderbar mit dem Orchester und punkten zusätzlich durch den Nachhall. In einzelnen leisen Passagen arbeitet die Akustik allerdings ein wenig gegen die Stimmen, die dann Schwierigkeiten haben, sich über das Orchester zu legen. Diese Momente sind allerdings an dem Abend selten. Die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Leite begeistert mit strahlendem Sopran und glasklaren Höhen, während Zaïcik mit einer warmen, satten Mittellage glänzt, die zum Ausbruch in kraftvolle Höhen in der Lage ist. Die beiden Damen präsentieren die einzelnen folgenden Auszüge aus Opern von Georg Friedrich Händel, Nicola Porpora und Antonio Vivaldi in der Regel abwechselnd, wobei auf eine Arie meist ein Duett der beiden Sängerinnen folgt. Ana Vieira Leite mit dem Ensemble Le Concert de la Loge Von Händel werden an diesem Abend sowohl Auszüge aus mehreren Opern als auch aus zwei seiner Oratorien ausgewählt, mit denen er seine Karriere in London nach dem Zusammenbruch seines Opernunternehmens erneut in Fahrt bringen konnte. Während in den ausgewählten Gleichnisarien das Orchester in der Regel ein Naturphänomen lautmalerisch beschreibt, das den Gefühlszustand der jeweiligen Protagonistin oder des jeweiligen Protagonisten reflektiert, lassen sich die Naturschilderungen in den Oratorien häufig als Erlösungsversprechen für eine verfolgte Christenheit deuten. Leite beginnt als Partenope, die in der gleichnamigen Oper einen Falter beschreibt, der um das nächtliche Licht flattert und dabei Gefahr läuft, seine Flügel zu verbrennen, was von unruhigen Violinfiguren und Leites beweglichen Koloraturen eindringlich dargestellt wird. In der später folgenden Arie der Angelica aus Orlando sind es vor allem die Flöten, die einen Kontrast zu Angelicas dramatischer Situation schaffen. Einen weiteren musikalischen Höhepunkt liefert Zaïcik mit der Bravourarie "Sorge nell'alma mia" des Tirinto aus der Oper Imeneo. Hier entfacht das Orchester einen mitreißenden Sturm, den Zaïcik mit halsbrecherischen Koloraturen aufnimmt und dabei mit großer Präzision und Dramatik einen Jubel im Publikum entfacht. Eva Zaïcik Auch die ausgewählten Stücke von Antonio Vivaldi begeistern auf ganzer Linie. Zu erwähnen ist hier vor allem eine Arie für Sopran aus der Ariensammlung Foà 28, die Vivaldi später mit leicht verändertem Text in Ercole sul Termodonte wiederverwendete. Zaïcik beschwört darin die Natur, ihre Liebessehnsucht zu lindern, wobei die Natur in zauberhaften Echos darauf antwortet. Mal ist es Leite als zweite Stimme, die Zaïciks Worte wieder aufgreift und wunderbar leuchtend durch den Raum erschallt. Dann sind es die Flöten oder einzelne Violinen, die im Saal verteilt stehen und so wie aus weiter Entfernung als Bach, Wind oder Vogel zu antworten scheinen. Von Händels "Rivalen" Nicola Porpora wird eine Arie aus L'Agrippina ausgewählt, die er 1708 für Neapel geschaffen hat. Während man den Namen der Titelfigur mit der intriganten Mutter des Kaisers Nero verbindet, handelt es sich bei Porpora allerdings um deren Mutter mit dem gleichen Namen, die in wesentlich sanfteren Tönen einen leise murmelnden Bach beschreibt, der von Zaïcik mit warmem Mezzosopran besungen wird. In den Duetten, die aus Händels Oper Poro, re dell' Indie, seiner Kantate Aminta e Fillide und aus zwei Oratorien stammen, finden Leites Sopran und Zaïciks Mezzosopran zu einer bewegenden Innigkeit zusammen. Das Ensemble Le Concert de la Loge erweist sich dabei nicht nur als großartige Begleitung, sondern kann auch in den weiteren Instrumentalstücken, die aus dem 2. Teil von Geminianis La Forêt enchantée und Vivaldis berühmtem Concerto E-Dur für Violine, Streicher und Basso continuo stammen, das auch unter dem Titel "Die vier Jahreszeiten" bekannt ist, begeistern, so dass es nach den einzelnen Stücken und am Ende des Konzertes großen Beifall für alle Beteiligten gibt. Als Zugabe präsentieren dann Leite und Zaïcik noch einmal das Duett der Theodora und des Didymus "Thither let our hearts aspire" aus Händels Oratorium Theodora, bei dem Leites Sopran als Theodora und Zaïciks Mezzosopran als Didymus noch einmal wunderbar harmonieren und das Publikum beschwingt in die Innsbrucker Nacht entlassen. FAZIT
Julien Chauvin hat ein wunderbares Barockprogramm zusammengestellt, das
unterschiedliche Naturphänomene in Arien, Duetten und Instrumentalstücken
mit einem großartigen Ensemble und zwei hervorragenden Interpretinnen in Musik
übersetzt.
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Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2025 |
AusführendeMusikalische Leitung und ViolineJulien Chauvin Sopran Mezzosopran Le Concert de la Loge WerkeFrancesco Geminiani Georg Friedrich Händel Theodora, HWV 68 Nicola Porpora Georg Friedrich Händel Francesco Geminiani Georg Friedrich Händel Occasional Oratorio, HVW 62 Imeneo, HVW 41 Antonio Vivaldi Arsilda, regina di Ponto, RV 700 Concerto E-Dur, RV 269 Georg Friedrich Händel Aminta e Fillide, HWV 83
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